2017 02 Hanix: Fuck Postfaktizismus

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Quelle: HANIX - Das Magazin aus Heilbronn, Ausgabe Nr. 47 vom 7. Februar 2017 (online)

Fuck Postfaktizismus!

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VON ROBERT MUCHA | FOTOS: MELI DIKTA


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Ein bekannter Radiosender aus Berlin kündigt ihn folgendermaßen an: »Er ist Vorsitzender der Deutschen Dracula-Gesellschaft. Er ist Mitglied des Komitees des Nobelpreises für kuriose wissenschaftliche Forschungen. Er ist der bekannteste Kriminalbiologe der Welt. Er ist DR. MARK BENECKE.« Wir sprachen mit dem Kölner über langweilige Journalistenfragen, das Wattestäbchen-Phantom von Heilbronn, den immer noch ungeklärten Tod von Uwe Barschel, sein Verhältnis zu Gunther von Hagens und seinen bevorstehenden Vortrag »Dr. Mark Benecke trifft Körperwelten« in Stuttgart.


HANIX: Mark, du batest im Vorfeld nur mit neuen, dir noch nicht gestellten Fragen zum Interview zu erscheinen, damit wir uns beide nicht langweilen. Auf welche Frage von einem Journalisten wartest du sehnsüchtig?

MB: Auf keine. Das ist ja wie im Job, ich weiß nicht, was kommt und freue mich einfach, wenn es spannend ist.


HANIX: Schreiben die meisten Journalisten, die dich interviewen wollen, ihre Fragen von Kollegen ab, dass du explizit um neue Fragen bittest, oder langweilst du dich generell schneller als andere Leute?

MB: Das hat eigentlich weniger mit Journalisten zu tun. Ich beantworte auch viele Fragen von Schülern, die an meinem Beruf interessiert sind oder aus dem Publikum. Da sammeln sich natürlich die gleichen Fragen und so hat man schnell eine Liste mit den 20 häufigsten, die einen dann wirklich langweilen. Aber das ist ganz normal und wird auch immer so sein. Und ja: Ich langweile mich schneller als andere Leute. Das braucht man allerdings auch für meinen Job. Für jedes Problem benötigt man einen anderen Lösungsweg, so bleibt der Kopf gelüftet.


HANIX: Kannst du Langeweile auch mal genießen und ertragen? Oder hast du ständig Hummeln im Hintern?

MB: Hummeln im Hintern sind es weniger, ich liege auch mal gerne in der Badewanne oder schlafe. Es soll eben etwas Neues passieren. Passiert nichts, schlafe ich ein.


HANIX: Was langweilt dich an deinem Job am meisten? Die siebzigste Brandleiche reißt einen bestimmt nicht mehr vom Hocker.

MB: Am Job langweilt mich tatsächlich gar nichts, weil wir gestalten können, was wir machen. Mein Team und ich meiden allerdings Fälle, bei denen man merkt, dass es den Leuten auf einem niedrigen Niveau darum geht, Recht zu haben. Ein aktuelles Beispiel: Ein Jugendlicher ist mit Turnschuhen über ein Auto gelaufen, es gab keinerlei Schäden, er wurde aber beobachtet. Das Amtsgericht wollte uns daraufhin ein Schuhabdruck-Gutachten aufs Auge drücken.


HANIX: Leicht verdientes Geld, oder?

MB: Geld spielt hierbei für mich eine sehr untergeordnete Rolle. Es gibt einfach Fälle, die mir wichtiger sind als der eben beschriebene. Beispielsweise wenn Kinder betroffen sind oder alle Angehörigen eines gestorbenen Jugendlichen denken, es handle sich um Suizid, obwohl es offensichtlich keiner war.


HANIX: Kommt es vor, dass du als öffentlich vereidigter Sachverständiger einen Job annehmen musst, der dir eigentlich zu langweilig ist?

MB: Eigentlich muss ich jeden Auftrag annehmen, das musste ich sogar schwören. Allerdings gäbe es eine simple Ausrede: Ich könnte sagen, ich habe keine Zeit. Das habe ich jedoch noch nie gemacht und das werde ich auch nicht tun. Es wäre bescheuert, wenn wir die Menschen, die mit ernsten Fällen zu uns kommen, abblitzen lassen würden.


HANIX: Wäre der Fall um den Polizistenmord in Heilbronn aus kriminalbiologischer Sicht spannend oder eher langweilig?

MB: Auf den ersten Blick scheint klar, wie es geschehen ist: Kopfschuss aus nächster Nähe. Jeder Fall ist, wie er ist. Nehmen wir jetzt mal die »emotionalen« Kategorien wie Polizisten, Schüsse und Blut raus und benutzen einen »klassischen«, typischen Fall, übrigens einen echten: Typ in mittlerem Alter, 45–55, verwest, zu Hause, Nachbarn haben nichts mitbekommen. Die Schwester des Verstorbenen, die Schuldgefühle hat, weil sie seit zehn Jahren nicht mit ihrem Bruder geredet hat, sagt dann plötzlich: Da sind Blutspritzer. Dann sagen wir: Klar sind da Blutspritzer, der Bruder hat seit zehn Jahren Heroin genommen, gesoffen und alle anderen Mieter tyrannisiert und ist gegen die Kante der Marmorfensterbank gefallen. Das steht so im Polizeibericht. Bis die Schwester uns dann mitteilt, dass die Blutspritzer auch woanders sind, als es im Polizeibericht steht, nämlich im Keller. Dann schauen wir uns den Keller mal an und vergessen alles andere drumherum. Soll heißen: Polizist oder nicht, Schuss oder nicht – egal.


HANIX: Hast du den Fall aus der Ferne mitverfolgt, dich damit beschäftigt oder wurdest du gar bei der Jagd nach dem »Phantom von Heilbronn« miteinbezogen?

MB: Ich wurde auch zu dem Fall von Die Zeit befragt und hatte genau die gleiche Situation ein paar Jahre zuvor in meinem Labor gehabt, als wir verunreinigte Wattestäbchen aus China mitgebracht hatten. Das haben wir aber sehr schnell herausgefunden, denn eine solche Verunreinigung ist total einfach festzustellen, indem man aus jeder Packung eine Probe nimmt. Das wurde im Fall des »Phantoms von Heilbronn« nicht oft genug gemacht.


HANIX: Wieso ist es niemandem aufgefallen, dass die Wattestäbchen mit der weiblichen DNA möglicherweise schon vorher kontaminiert waren?

MB: Mir ist das absolut rätselhaft. Wenn wir Spuren am Tatort abreiben, kommt das Stäbchen sofort zurück in die Hülle oder die Probe wird getrocknet. Dann nehmen wir grundsätzlich und ohne jede Ausnahme ein zweites unbenutztes und verpacktes Wattestäbchen und machen auch davon einen genetischen Fingerabdruck zum Vergleich mit der abgeriebenen Probe. Ich habe es noch nie erlebt, dass diese Blindprobe nicht gemacht wird. Das ist das Erste, was man im Labor lernt. Und spätestens da muss auffallen, dass etwas nicht stimmt. Wenn so was nicht auffällt, hängt es vielleicht mit politischem Druck und mangelndem Geld zusammen. Den Sachverständigen hat man möglicherweise so sehr ins Gewissen geredet, dass viele eine selektive Wahrnehmung entwickelt haben. Immer wenn sie wieder die gleichen Spuren gesehen haben, ist ihnen das Phantom in den Kopf gestiegen. Das wäre natürlich ein kriminalistischer Fehler.


HANIX: Du hattest nicht den Drang in Heilbronn anzurufen und vorzuschlagen, mal beim Wattestäbchenproduzenten nachzuschauen?

MB: So etwas mache ich niemals. Die Leute machen ihren Job und brauchen niemanden, der sie anruft. Auf politischer Ebene kannst du nur sachlich und ruhig bleiben und dann den Politikern und Politikerinnen überlassen, was sie damit machen. So ist es auch bei Polizei, Presse, Staatsanwälten, Richtern, Leuten, die im Knast sitzen usw. Das sage ich jetzt nicht, weil ich das gut finde, sondern aus meiner 25-jährigen Erfahrung. Wenn es brennt, kommen die Leute schon.


HANIX: Übrigens kommt aus Heilbronn auch der Ehrenvorsitzende deiner Partei DIE PARTEI – Oliver Maria Schmitt. Kennt ihr euch als PARTEI-Genossen?

MB: Ja klar, bei den großen Veranstaltungen hält er ja gerne gute Reden.


HANIX: Ist Oliver ein politisches Vorbild für dich? Immerhin hattest du es ihm im letzten Jahr nachgemacht und dich zur OB Wahl in deiner Wahlheimat Köln aufstellen lassen. Schmitt hatte es zuvor in Heilbronn und Frankfurt versucht, war sogar Kanzlerkandidat.

MB: Meine Kandidatur in Köln hatte eher mit anderen verrückten Aktionen, die vorher stattfanden, zu tun. Ich bin ja viel unterwegs und besuche so öfter die einzelnen Ortsverbände oder die kommen zu meinen Veranstaltungen. Dadurch bin ich vermutlich auch der Einzige, der die Diversität vor Ort sieht, weil ich die kleinsten und schrottigsten Verbände kennenlerne. Mein echtes Vorbild war jemand aus Baden-Württemberg, der in zwei benachbarten Dörfern kandidiert hatte. Richtig klassisch im Hinterzimmer einer Wirtschaft: Er hatte sich überlegt, an den beiden Veranstaltungen jeweils das exakte Gegenteil zu erzählen. Das hat er durchgezogen und durchgehend positive Presse bekommen, weil das niemandem aufgefallen ist. Das fand ich sehr lustig, und da die beiden anderen Kandidaten von FDP und SPD bei den Kölnern auch nicht so gut ankamen, haben wir uns gedacht, dass wir da ganz gut dazwischenpassen könnten.


HANIX: Serdar Somuncu ist der aktuelle Kanzlerkandidat der DIE PARTEI. Was kann er besser als Schmitt? Was erhofft ihr euch von ihm?

MB: Wir erhoffen uns gar nix von ihm, er soll machen, was er will. Da er sich in einigen Talkshows ziemlich gut geschlagen hat, er der einzige war, der überhaupt irgendetwas von Substanz gesagt hat, habe ich aus den oberen Reihen der PARTEI schon solche Sachen wie »zu viel Inhalt« vernommen. Dann aber hat er in Köln eine Rede gehalten und gesagt: »Köln ist die verlogenste Stadt Deutschlands«, was den Kölner Lokalpatrioten natürlich überhaupt nicht geschmeckt hat. Am nächsten Tag gab es einen Shitstorm im Stadtanzeiger. Da hat Serdar natürlich gleich nachgelegt und angekündigt, von Köln nach Berlin zu ziehen, was noch sehr viel schlimmer aufgenommen wurde. Das hat uns gefallen.


HANIX: Wird die PARTEI den populistischsten Wahlkampf ihrer Geschichte führen? Somuncu ist diesbezüglich ja prädestiniert.

MB: Ja. Schließlich machen wir immer Populismus. Und wir haben die jungen Leute, die dafür empfänglich sind. Die sind ohnehin schon unsere Fans, ganz ohne Manipulation. DIE PARTEI könnte auch am rechten Rand fischen, denn kaum ein zweiter Deutscher dürfte so zitiersicher wie Serdar sein, wenn es um »Mein Kampf« geht. Ich bin diesbezüglich auch relativ zitiersicher, da mein Opa das Buch in seinem Wohnzimmer stehen hatte. Diese Ausgabe habe ich geerbt und sie gründlich für mein Kriminalbiologie-Buch durchgearbeitet. Aber was Serdar angeht: Er ist natürlich Künstler und was seine Hasspredigten angeht, ist das ein abgeschlossener Zyklus für ihn. Die Rechten sind ja sehr divers, da gibt es die Verzweifelten, die Hater, die sich mal vereinzelt Punkte von uns herausnehmen, aber eigentlich landen die nicht bei uns. Ein Mini-Ortsverband hatte sich mal rechts geäußert, aber das war vermutlich so eine Agent-Provocateur-Sache und ist versandet. Die merken recht schnell, dass das nichts für sie ist bei uns. Die jüngeren Rechten, die wir sehen, sind aber meist gar nicht rechts, die wissen einfach nix. Früher waren jene die Protestwähler. Wenn die dann merken, dass es bei uns lustig ist, ist deren Gesinnung wie weggeweht.


HANIX: In deinem Beruf und bei deiner Arbeit bist du nur der Wahrheit verpflichtet. In der Politik treten wir mit Trumps Wahl ins post-faktische Zeitalter ein, wie der Deutschlandfunk feststellte. Dass die Wahrheit in der Politik nicht mehr so wichtig zu sein scheint, muss dich als politisch engagiertem Naturwissenschaftler doch wahnsinnig machen? Oder eröffnet das ganz neue Möglichkeiten?

MB: Ich war ja schon öfter bei Hintergrundgesprächen von Parteien dabei, in denen es darum geht, politische Positionen festzulegen. Dort wird ganz normale, extrem sachliche und gute Arbeit abgeliefert, zumindest wenn die Türe zu ist. Ansonsten wird eben kalkuliert, was man sich so erlauben kann, um noch gut vor dem Wähler dazustehen. Für mich ist das gar nichts Besonderes, ich bin mit diesem Schizo-Shit sozusagen aufgewachsen. Vor ein paar Jahren habe ich erlebt, wie mir eine Landtagsabgeordnete nach einer Diskussion hinter verschlossenen Türen sagte, dass sie meine Meinung voll und ganz teile, sie jetzt aber nach draußen gehen müsse und genau das Gegenteil erzählen werde, da das die Linie der Partei sei. Seitdem ist mir das also ziemlich egal und ich bleibe stur bei den Tatsachen.



ZUR PERSON:

Bekannt ist Dr. Mark Benecke aus True Crime-Serien wie »Autopsie« und »Medical Detectives«, wo er als Kriminalbiologe die unterschiedlichsten Verbrechen beurteilt. Hauptberuflich ist er als Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren tätig. So hat er beispielsweise in Moskau Adolf Hitlers Schädel untersucht und wird zu den verschiedensten Tatorten deutschlandweit gerufen. An der Universität zu Köln studierte er Biologie, Zoologie und Psychologie. Dort promovierte er über genetische Fingerabdrücke, bevor er verschiedene ermittlungstechnische Ausbildungen der Kriminalbiologie in den Vereinigten Staaten, darunter an der FBI Academy, durchlief. Er wird als Sachverständiger hinzugezogen, um bei vermuteten Gewaltverbrechen mit Todesfolgen biologische Spuren auszuwerten. Er ist darüber hinaus international Ausbilder an Polizeischulen sowie Gastdozent zu kriminalbiologischen Themen, Autor, Interviewpartner und Talkshowgast.

Mit herzlichem Dank an Johannes Dorenkamp und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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