2013 05 Zillo: Ein Schluckauf des Universums

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Quelle: Zillo, Mai 2013, Seiten 78 bis 81

"Ein Schluckauf des Universums"

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VON LEA SOMMERHÄUSER

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Steckbrief

  • Name: Dr. Mark Benecke
  • Alter: fühlt sich an wie 5.000 Jahre (Vampire Boy...)
  • Wohnort: Schienennetz der DB
  • Beruf(-ung): Sortieren, Quatsch ausmisten, am Rand des Randes herumrennen
  • Equipment: Taschenlampe, kindliches Denken
  • Forensik ist…: fun.
  • Inspirationsquellen: Comics, Big Lebowski, "Life Itself"
  • Lieblingskünstler: JHWE, die Natur, der Scheitan oder wie sie alle heißen…
  • Website: www.benecke.com, www.facebook.com/markbenecke


Er studierte Biologie, Zoologie sowie Psychologie in Köln, machte seinen Doktor in Medizinwissenschaften und ließ sich extra in den Vereinigten Staaten an der FBI-Academy ausbilden. Mittlerweile arbeitet Dr. Mark Benecke seit über 20 Jahren als Kriminalbiologe und gilt als gefragter Experte u.a. in der forensischen Entomologie – kennt sich also bestens mit Maden, Fliegen & Co. aus. Darüber hinaus hält er zahlreiche Vorträge an Unis weltweit, schreibt Bücher über seine Arbeit und lässt kein WGT in Leipzig aus. Nicht zu vergessen sind sein Vorsitz bei der Transylvanian Society Of Dracula und seine Mitgliedschaft beim Komitee des Nobelpreises für kuriose wissenschaftliche Forschungen. Im Interview verriet uns der vielbeschäftigte Forensiker, was ihn am Spurenlesen so fasziniert, warum das Leichenwaschen gar nicht gut ist und was den Kölner Melaten-Friedhof so gruselig macht.


Zillo: Mark, wie würdest du dich und deine Berufung jemandem vorstellen, der dich nicht kennt?

Dr. Mark Benecke: Ich gucke mir die Welt neugierig an, ohne viel nachzudenken.


Zillo: Und warum bist du Kriminalbiologe geworden?

Dr. Mark Benecke: Das hat sich durch Zufall ergeben. Als ich klein war, wollte ich Koch werden. Nach der Schule schrieb ich mich an der Uni einfach in alle Fächer ein, die ich lustig fand. Die Biologen waren dann die Nettesten und schmissen als erstes eine Party. Darum bin ich geblieben. Ein Schlüsselerlebnis war der Film "Blade Runner": Darin kommen Nexus-6-Androiden aus menschlichem Gewebe vor, die von Menschen nicht zu unterscheiden sind. Dann wurde der genetische Fingerabdruck entwickelt und "Blade Runner" war überholt. Mit 22 wusste ich, dass ich mehr über diese Technik lernen will. Das konnte ich nur in der Rechtsmedizin – und so kam eins zum anderen.


Zillo: Was fasziniert dich am Spurenlesen?

Dr. Mark Benecke: Menschen strengen mich oft an. Ich gucke mir daher lieber Dinge an, weil sie so klar, schön und friedlich sind.


Zillo: Wer greift heute auf dein Können und Wissen zurück?

Dr. Mark Benecke: Ich bin per Eid zur Unabhängigkeit verpflichtet, daher arbeite ich für jeden, der fragt. Zum Beispiel für Gefängnisinsassen: Manche engagieren mich, um unberücksichtigte Spuren untersuchen zu lassen, andere, weil sie ihre Taten nicht glauben können und sie von mir bestätigt haben wollen.


Zillo: Wie sieht ein regulärer Tag im Leben des Dr. Mark Benecke aus? Wann klingelt morgens der Wecker, welchen Aufgaben gehst du den lieben langen Tag nach und wann machst du abends das Licht aus?

Dr. Mark Benecke: Ich arbeite meist bis zirka Mitternacht, so dass ich versuche, acht Stunden Schlaf zu kriegen. Einen Wecker besitze ich nicht, weil ich das Ticken von Uhren hasse wie die Pest und es mir daher früher abgewöhnt habe, obwohl es jetzt natürlich auch das iPhone machen würde... Tagsüber wurschtel ich herum und erledige das, was gerade anliegt: Bücher schreiben, zu Veranstaltungen fahren, Kram organisieren, Urteile lesen, in den Knast düsen, Studierende peitschen, Interviews geben, Labor- und Tourtechnik verbessern – ich liebe Gadgets, die stabil und nützlich sind –, Mumien angucken, Staubsaugen usw. Dann koche ich oder gehe – sofern ich unterwegs bin – etwas essen, anschließend schlafe ich und dann geht es wieder von vorne los.


Zillo: Wie schaut dein Arbeitsplatz aus und wer unterstützt dich bei deiner Arbeit?

Dr. Mark Benecke: Ich besitze eine geile Bibliothek mit der vermutlich größten privaten Sammlung an Kriminalfällen – und einer stattlichen Sammlung zu Tattoos, Body Modification, Henkern, Gangstern und Freaks. Nach 25 Jahren kaufte ich mir sogar endlich ein schönes Regal. Im Labor haben wir es seit diesem Jahr etwa mit Schiebeschränken richtig schön funktional, so dass immer zwischen Kursraum und Labor "umgeschaltet" werden kann. Außerdem besitze ich jede Menge Vergrößerungsgeräte, Tatortkoffer usw. – alles transportabel. In der Küche habe ich alles so gebaut, dass es für Kurse gut nutzbar ist, im Keller steht Zeugs für Kindershows und meine Kollegin Tina arbeitet in einem eigenen Raum, damit sie nicht immer meinen Aggrotech, Hellectro oder neuerdings auch Doom Metal hören muss.


Zillo: Wie gehst du bei der Untersuchung eines Tatorts vor?

Dr. Mark Benecke: Zuerst muss alles fotografiert werden, also ja nichts anfassen! Außerdem müssen sich die Spezialisten vor Ort absprechen. Sonst wischen vielleicht die DNA-Spezialisten andere Spuren ab, wenn sie Körpersekrete einsammeln. Besonders schlimm ist das Leichenwaschen in der Rechtsmedizin, weil dadurch Fliegenmaden weggespült werden. Am besten ist es, wenn alle Fachleute untereinander verstehen, was der andere will, und offen und ehrlich miteinander reden.


Zillo: Welche konkreten Methoden setzt du bei deinen Untersuchungen ein? Inwiefern bist du hier kreativ und erfinderisch?

Dr. Mark Benecke: Es ist eine Mischung aus Erfahrung – ich habe früher als Biologe an der Uni Köln in der Rechtsmedizin und der Zoologie und in Manhattan in der Rechtsmedizin gearbeitet –, Gefummel und Mut. Neulich hatte ich einen möglichen van Gogh hier, aus dem ich ein Haar aus der steinharten Farbe herausgeprokelt habe. Da wurde mir etwas mulmig – fünfzig Millionen Euro, aber eine falsche Bewegung und das Teil ist sehr deutlich sichtbar am Arsch. Dasselbe gilt bei uralten Objektträgern mit Spuren von einem Sexualdelikt: Manchmal sind da nur noch ein paar Spermien drauf – also besser aufpassen und alles ganz langsam machen! Methoden erfinden, macht uns auch Spaß. Wir haben schon mit FIT-Spüli aus der DDR und Silikon für Fingerspuren herumgetüftelt, das rockt.


Zillo: Was macht einen spannenden Fall aus? Wann ist er eher langweilig?

Dr. Mark Benecke: Alle Fälle sind gleich spannend. Wer Fälle langweilig findet, hat eine Meise und sieht nicht die Brüche und Kanten, die absolut jeder Fall hat.


Zillo: Ist jedes Verbrechen einzigartig?

Dr. Mark Benecke: Aus meiner Sicht sind alle Taten völlig einzigartig. Manche Dinge sind aber trotzdem statistisch auswertbar. Beispielsweise sind Blutspuren bei jeder Tat einmalig; sie folgen aber trotzdem einem bestimmten Prinzip. Man kann anhand von Experimenten, die eine allgemeine Regel in sich bergen, ausrechnen, wie sie sich in diesem Spezialfall verteilt haben – ob sie von schräg oben gekommen sind oder welche Menge das war. Trotzdem ist der Fall einzigartig. Es gibt viele Leute, die der Meinung sind, sie könnten die Charakteristika eines Falles sehr schnell durch Erfahrung oder durch den Vergleich mit anderen Fällen klären, aber das finde ich eigentlich Quatsch. Ich glaube nicht, dass das so einfach ist.


Zillo: Wie lange bist du in der Regel mit einem Fall beschäftigt und wie viele Aufträge bearbeitest du parallel?

Dr. Mark Benecke: Das kann ich nicht sagen. Der Fall des Heiligen Severin, an dem ich am Rande mitgearbeitet habe, dauerte glaube ich zehn Jahre. Es gibt auch Sachen, die ich in einem Monat abarbeiten kann. Da ich nur saukompliziertes Zeugs kriege, dauert es meist sehr lang, oft mehrere Jahre. Parallel bearbeiten wir immer so grob geschätzt zehn Fälle.


Zillo: Wie gehst du mit Fehlern um, die du bei deiner Arbeit machst?

Dr. Mark Benecke: Offen zugeben. Offen diskutieren. Allen Bescheid sagen.


Zillo: Warum interessiert es dich nicht, wie ein Fall letztlich ausgeht?

Dr. Mark Benecke: Warum sollte es? Gerechtigkeit gibt es eh nicht, also was soll's? Mich interessiert nur die Wahrheit. Die hat mit der Rechtsprechung aber nichts zu tun, ist also für mich undurchschaubar und daher nicht mein Geschmack. Ich mag Klarheit und Wahrheit wie Prof. Abronzius in "Tanz der Vampire".


Zillo: Weiß man denn als geübter Kriminalbiologe beim Sonntags-"Tatort" immer sogleich, wer der Mörder ist?

Dr. Mark Benecke: Ich habe noch nie im Leben einen "Tatort" gesehen.


Zillo: Du selbst schreibst Bücher. Was macht für dich den Reiz daran aus und woher nimmst du Zeit?

Dr. Mark Benecke: Zeitmanagement habe ich einfach im Laufe der Jahre gelernt. Es ist eine Mischung aus Disziplin, Arbeitsabläufe mit anderen absprechen und vor allem aufhören, wenn es Zeit fürs Bettchen und mit dem Stoffpony "Butterblume" kuscheln ist. Sobald man diese Balance raus hat, geht das. Außerdem lehne ich Fernsehgucken, "Wochenende" und ähnlichen Scheißdreck ab, der nur lähmt und Zeit verschwendet. Der letzte Trick ist von Gunter von Hagens, bei dem ich auch mal gearbeitet habe: einfach statt acht Stunden 16 Stunden pro Tag arbeiten, dann schafft man doppelt so viel.


Zillo: Woher kommt deiner Meinung nach das große Interesse der breiten Masse an populärwissenschaftlich aufbereiteter Forensik?

Dr. Mark Benecke: Wahrscheinlich, weil die meisten Menschen gerne Rätsel lösen. Die Menschen wollen wissen, was am Rande der Gesellschaft los ist. Und über die modernen Methoden finden sie einen Draht zu den ansonsten verpönten Naturwissenschaften. Es ist zwar cool, in der Schule Mathe, Bio und Chemie bescheuert zu finden. Aber neuerdings ist die Forensik eine Möglichkeit, sich den Naturwissenschaften wieder zu nähern, von denen eigentlich sowieso jeder weiß, dass sie unser postmodernes Leben erst ermöglichen.


Zillo: Wie schaffst du es, die Menschen mit Leichen, Blut und Maden so gut zu unterhalten, wie beispielsweise auf dem letzten Amphi-Festival, dass du im Nachhinein noch Autogramme geben musst?

Dr. Mark Benecke: Keinen Schimmer, ich mache das ja schon seit Jahren auf dem Amphi, und auf dem WGT sogar die letzten Jahre täglich im Schauspielhaus (Centraltheater), und ich frage einfach immer, was die ZuschauerInnen interessiert und beantworte das. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich die Zuhörerschaft ernst nehme und nicht mich oder die Welt oder irgendwelche Anliegen habe.


Zillo: Warum fühlst du dich gerade in der Schwarzen Szene heimisch?

Dr. Mark Benecke: Weil ich dieselben Eigenschaften wie die viele Grufties habe: ADHS, irgendwelche Traumatisierungen, Spaß am Randständigen und weil ich die tausendfach verfluchte Sonne hasse. Außerdem, weil ich mich in der Szene normal anziehen, normale Musik hören, normales Essen essen und normale Leute treffen kann.


Zillo: Was hälst du als "Teil der Schwarzen Szene" vom Kölner Karneval? Bist du trotz deiner Berufung und musikalischen Gesinnung eine rheinische Frohnatur oder hängst du lieber auf dem Melaten-Friedhof herum?

Dr. Mark Benecke: Der Melaten ist geil, mir aber oft zu gruselig, denn ich habe Angst vor dem Sensenmann dort. Nachdem der letzte Besitzer, ein Steinmetz, den Sensenmann gekauft hatte – man kann dort Patenschaften für alte Gräber übernehmen und diese dann nutzen –, starb sein Kind. So flüsterten es mir zumindest die Leute vom Friedhof. Da ich im absoluten Herz des Kölner Karnevals lebe und damit aufgewachsen bin und auch dutzende Lieder auswendig kann, machte ich es wie Wolfgang Niedecken, der exakt dasselbe Problem hat: Ich habe mich mit meinem "Stamm" arrangiert. In meinem Fall heißt das, dass ich Karneval einfach hinnehme oder meide, aber das Verkleiden und Quatschmachen als Teil meiner selbst akzeptiere – allerdings eben zu anderen Gelegenheiten als Karneval.


Zillo: Wie dürfen wir uns die Wohnung eines Kriminalbiologen vorstellen? Ein Horrorkabinett des Todes?

Dr. Mark Benecke: Nee, wie gesagt lebe ich im Labor. Allerdings habe ich beispielsweise ein Skelett, eine künstliche Faulleiche und Fauchschaben als Haustiere.


Zillo: Was geschieht deiner Meinung nach mit der menschlichen Seele nach dem Tod?

Dr. Mark Benecke: Die Seele besteht aus den eigenen Nervenverschaltungen, die einfach verfaulen, und dem, woran sich die anderen – die Lebenden – erinnern. Letzteres kann noch eine Zeit lang fortbestehen, es sind die Taten und die Erinnerungen daran. Unterm Strich sind wir ein Schluckauf des Universums.


Zillo: Welche Pläne hast du noch für das Jahr 2013 geschmiedet?

Dr. Mark Benecke: Ich möchte jeden Tag möglichst friedlich und liebevoll über die Bühne bringen.


Mit herzlichem Dank an Lea Sommerhäuser und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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