2014 02 FSF: Das Boese auf unserer Pizza

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Quelle: tv diskurs | Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (Hrsg.), Heft 2/2014, Seiten 58 bis 61

Das Böse auf unserer Pizza

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VON: CAMILLA GRAUBNER und TORSTEN KÖRNER


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Mark Benecke wurde 1970 geboren und ist in Köln aufgewachsen. Er ist Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie. Als Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher ist er zudem häufig Gast in den Medien, wo er spektakuläre Fälle präsentiert. Gerade tourt er mit einer Vortragsreihe durch Deutschland. tv diskurs traf ihn dabei in Berlin. Im Interview spricht er über die Natur des Bösen, das man nüchtern und sachlich betrachten müsse, um ihm auf die Spur zu kommen. Mark Benecke verrät uns, wie er als Medienkind aufwuchs, was er von Medienpädagogik hält und wer für ihn abgrundtief böse ist. Als Interviewpartner ist der viel tätowierte, mit einem schweren schwarzen Mantel gekleidete Benecke äußerst liebenswürdig, geduldig und sehr geerdet.


Herr Benecke, wie weit ist denn die Ausdifferenzierung des forensischen Berufsbildes vorangeschritten? Gibt es einen Blutspritzeranalysten wie in Dexter tatsächlich?
MB: Dexter habe ich noch nicht gesehen. Aber Blutspuren kann man auf jeden Fall analysieren, das geht sehr gut. So ein Raum wie dieser hier eignet sich ziemlich gut. Der hat ein paar glatte Oberflächen, ein paar schräge Flächen, wo was hinspritzen kann. Man hat verschiedene Oberflächen, die die Geschichte erzählen. Blutspurenrekonstruktion ist eine der sichersten Methoden, die wir haben.


Ihre Arbeit als Forensiker ist vermutlich ein zeitintensives Geschäft und nicht so ein rasantes Aufklärungsgeschäft, wie uns das die CSI-Formate glauben lassen wollen?
MB: Ja, richtig. Von CSI habe ich vor Ewigkeiten mal eine Folge gesehen, weil eine Zeitschrift eine Rezension wollte. In der Realität ist die Aufklärung natürlich extrem langsam und sehr arbeitsteilig. Wir hatten heute Nachmittag z. B. folgende Situation: Da soll Sperma im Mund eines Kindes gefunden worden sein. Das wurde durch einen chemischen Test bestätigt. Die Familie des Täters zweifelte das aber an.
Da frage ich dann: Wer zweifelt warum, woraufhin mir das Urteil zugeschickt wird, in dem steht, dass es ein Kollege festgestellt hat, den ich gut kenne und der weiß, was er tut. Dann frage ich die Auftraggeber, die darauf hoffen, den Täter entlasten zu können, wieso sie denn an diesem Test zweifeln – und bekomme die Antwort, weil das Professor Sowieso gesagt hat. So muss man sich am Anfang erst einmal durchwühlen, um ganz klare Aussagen zu bekommen. Das ist oft sehr zeitintensiv. Es ist schwierig zu trennen, wer will was warum herausfinden.


Würden Sie das Böse ganz und gar naturwissenschaftlich erklären oder haben Sie einen übergeordneten Resonanzraum? Also gibt es das Böse jenseits des Menschen?
MB: Jenseits des Menschen gibt es das Böse nicht. Es ist in den Menschen drin. Worauf es zusammenschmilzt, wenn wir es biblisch betrachten, ist Gier und Faulheit. Nehmen wir das Beispiel Steuerhinterzieher. Ich behaupte mal ins Blaue, die Hälfte meines Publikums hinterzieht Steuern. Bei meinen Lesungen sage ich immer, die Leute brauchen gar nicht über den Hoeneß abrappen. Die sind auch nicht besser. Da ist Ruhe im Raum.


Gut sind demnach Menschen, die empathisch sind und Mitgefühl haben?
MB: Auch nicht immer. Empathie kann auch missbraucht werden. Manche Menschen sind sehr empathisch, um viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Nein, ich würde es wirklich an Handlungen festmachen. Wer handelt sozial? Und da reicht es nicht, für Greenpeace Geld zu spenden, das allein ist noch nicht sozial.


Sie haben gerade die Bibel ins Spiel gebracht. Gibt es einen Gott, der über die bösen oder guten Menschen wacht?
MB: Nein. Das Böse ist einprogrammiert ins genetische Material. Das ist ausreichend gut geklärt aus meiner Sicht. Natürlich kann man einen Gott annehmen. Wer das möchte, kann aber auch an das Spaghettimonster glauben. Das stört ja keinen. Ich muss bei meinen Untersuchungen aber alles wegschneiden, was überflüssig ist. Auf der Sachebene führt mich also die moralische Betrachtung des Bösen keinen Millimeter weiter.


Gibt es in Ihrer Kindheit oder Jugend mediale Erfahrungen, die Sie bis heute verfolgen? Angstbilder?
MB: Meine Eltern haben sich immer dazugesetzt und dann wurde eher Wetten, dass ..? geschaut. Aktenzeichen XY ... ungelöst habe ich bis heute nicht gesehen. Diese Sendung war für mich komplett verboten. Die Begründung meiner Eltern war, dass sie mich nicht die nachgestellten Verbrechensszenen schauen lassen wollten.


xAlso sind Sie als behütetes Medienkind aufgewachsen?xx
MB: Ja, auf jeden Fall. Ich würde sagen, meine Eltern haben meinen Fernsehkonsum organisiert, strukturiert und verantwortet. Die haben auch die „Bravo“ zensiert. Die haben immer die ganzen Sex-Seiten rausgerissen. Sie wollten einfach verhindern, dass die Einflüsse zur falschen Zeit auf uns einströmen.


Es waren also nicht die Medien, die Ihnen bestimmte Angstbilder geliefert haben?
MB: Nein, was ich da im Fernsehen wahrgenommen habe, hat mich alles nicht so konkret geschreckt. Mich haben vielmehr alle möglichen Verhaltensweisen in meinem näheren Umfeld dazu gebracht, mich Dingen statt Gefühlen zuzuwenden. Ich habe mich mit Insekten oder Gräsern beschäftigt, sie katalogisiert, geprüft, mit einem Etikett versehen. Ich verstehe nicht, warum Menschen sich so emotional verhalten, weil ich nicht so emotional bin. Diese Ebene ist für mich sehr kompliziert, weshalb ich mich gern auf das zurückziehe, was man messen kann.


Das klingt so, als ob Sie aus Ihrer Kindheit einen kühlen, sezierenden Blick mitgebracht hätten, weil außen herum zu viel an unverständlichem Ärger und Emotionalität war.
MB: Ja, auf jeden Fall. Das geht aber sehr vielen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern so.


Mensch, der sich ein Berufsfeld gesucht hat, das ihm gestattet, auf sehr böse Dinge einen kühlen Blick zu werfen?
MB: Könnte sein, ich weiß aber nicht genau, ob man sich das nicht auch wegtrainieren kann, weil es echt lästig ist. Man kann es ja ein bisschen daran merken, bei welchen Fällen es einen erwischt. Mich packt es fast nie. Die Angehörigen tun mir manchmal leid, wenn sie ihre Lebenszeit opfern – für jemanden, der wirklich ein böser Mensch ist. Trotzdem wollen sie ihn retten. Da möchte ich ihnen am liebsten sagen: „Jeder Mensch ist es wert, gerettet zu werden, aber Ihr Leben ist es nicht wert, sich für ihn zu zerstören!“


Sie sind in Deutschland der einzige bestellte und vereidigte Sachverständige für die Untersuchung kriminalbiologischer Spuren und können in dieser Eigenschaft auch von privaten Personen zu einem Fall gerufen werden. Werden Sie öfter von Täterfamilien oder von Opferfamilien zurate gezogen?
MB: Von Täterfamilien. Die Opferfamilien fragen: Ist die Tat so abgelaufen? Die Täterfamilien versuchen eher, eine Spur zu finden, die beweist, dass die Tat gar nicht passiert ist, dass das, was rechtlich wirksam ist, z. B. Heimtücke, nicht stattgefunden hat.


Ist Ihr Vortrag heute Abend jugendfrei?
MB: Früher sind noch öfter Eltern mit Kindern gekommen, aber mittlerweile hat sich das verändert. Vielleicht auch durch die Forensik-Bücher für Kinder, in denen typische Kinderfragen gesondert beantwortet werden. Der Vortrag heute Abend ist sehr blutig, für Kinder nicht geeignet. Aber die Frage, was ein Kind verträgt, kann man nicht am Alter festmachen. Es hängt davon ab, wie man es macht, ob man vernünftig aufklärt oder ob man nur Aufklärung spielt und den coolen Dad raushängen lässt.


Es gibt in der populären Kultur einen Topos, der besagt, wenn der Kriminalist der Leiche begegnet, dann liegt auf dem Antlitz der Ausdruck des absoluten Schreckens. Edgar Allan Poe beschreibt das z. B. Gibt es sprechende Physiognomien, in denen der Kriminalist lesen kann?
MB: Nein, überhaupt nicht. Das zeige ich auch immer in meinen Vorträgen. Ich erkläre das sehr genau. Dass beispielsweise die Augen auf oder zu sein können, dass es manchmal aussieht, als ob sie schreckgeweitet wären, warum es manchmal so aussieht, als ob die Person schreit oder grinst. Das erklärt sich z. B. durch Mumifizierung oder Fäulnis.


Das ist also nur ein populärer Mythos?
MB: Ja. Bei Poe soll das wahrscheinlich den viktorianischen Schrecken noch ein wenig überspitzen. Aber solche Vermutungen höre ich oft. Das sagen sogar mitunter die Täter. Wenn z. B. der Mund runterklappt, dann denken die, ihr Opfer wollte vielleicht noch etwas sagen. Es ist prinzipiell so, dass Leichengesichter überhaupt keinen Ausdruck haben.


Einerseits gehen die schweren Gewaltverbrechen zurück und andererseits gibt es vermehrt ein Interesse an dem Bösen. Ist das Lust am Schauer, Grusel?
MB: Das war schon immer so. Thea Dorn hat ja früher immer diese supergrausamen Männermorde geschildert. Die ganzen Jack-the-Ripper-Geschichten sind auch Klassiker. Mördergeschichten gibt es an jedem Kiosk zu kaufen. In meinem Publikum sitzen entweder Leute, die etwas Schlimmes erlebt haben, oder Leute, die erklärt haben wollen, was sonst künstlich ausgespart wird.


Sie meinen also, es gibt eine anthropologische Konstante der Lust am Bösen?
MB: Nee, ich glaube nicht, dass sich die Leute immer für das Böse interessieren. Das ist wie eine Gaußkurve. In der Mitte hat man normales Leben: Ich möchte ein Dach über dem Kopf haben, ich möchte etwas zu essen haben, ich möchte eine Familie haben, ich brauche seelische Ansprache usw. An den Rändern findet sich einerseits Mord und Totschlag und andererseits extreme Langeweile, totaler Frieden. Mit diesen Rändern beschäftigt sich der Mensch nur zu ganz kleinen Teilen, zeitlich wohldosiert. Man sieht sich abends einen Horrorfilm an. Die Neugier ist da, aber sie ist zeitlich begrenzt. Man will nichts ausklammern, was zum Menschen gehört. Das ist alles von Interesse. Gewalt ist ja nicht immer nur Schlimmes oder Böses. Psychopathische Menschen trifft man überall im Alltag – nur sind das bloß nicht immer Serienmörder.


ich jeden Abend im Fernsehen einen Blick, einen privilegierten Blick, z. B. Ihren Blick bekomme, der normalerweise gar nicht zum Leben der Menschen gehört? Das Fernsehen macht ja nichts anderes, als Ihre Position einzunehmen. Ich gehe als Zuschauer an Ihrer Seite zu allen Tatorten und kann alle Gelände begehen. Im normalen Leben kann ich das nicht.
MB: Ja, das stimmt ... Warum die Leute sich das im Fernsehen anschauen, kann ich nicht verstehen, und das ist todernst gemeint. Ich verstehe aber auch nicht, warum sich irgendjemand die Tagesschau ansieht. Deren Blick auf die Welt ist, mal abgesehen von der Gewalt, die man da sieht, sehr ausgewählt. Das sehe ich als problematisch an. Wir können heute unsere Informationen selbst auswählen, wir sind nicht mehr darauf angewiesen, dass man sie uns präsentiert. Ich kann nicht begreifen, warum Menschen ihre Freiheit da nicht wahrnehmen und stattdessen diese beschränkte Auswahl konsumieren. Das finde ich im Vergleich zu Fiction-Formaten, die mit Monstern und Mördern aufwarten, die Aggression und Angst symbolisieren, viel verrückter!


Wenn ich Sie richtig verstehe, ist die Welt insgesamt in ihren Strukturen viel böser als die ganzen Filme, die wir uns da anschauen. Dass wir also erkennen müssten, dass die Realität viel schlimmer ist, wenn wir uns die Informationen über die Welt selbst beschaffen würden.
MB: Nein, so nicht. Ich vergleiche das mit einer Pizza. Du hast den Teig der Pizza – das ist das Normale: normale Arbeit, normales Einkommen, normales Essen, normale Emotionen. Und dann wählt man seinen eigenen Belag. Geschmäcker werden im Mutterleib und kurz danach geprägt. Das heißt, man sucht sich einen Belag aus, von dem man sich gar nicht klar ist, warum man den mag. Viele wissen nicht, dass die Geschmacksprägung so früh stattfindet. Viele Menschen nehmen an, sie hätten sich aus freiem Willen für die Anchovispizza mit Zwiebeln entschieden. Das ist nicht so.
Der Geschmack und damit auch das Interesse am Bösen ist eine kulturelle, soziale, zeitliche Prägung. Und diese Prägung bedient man durch die Filme und den privilegierten Blick, wie Sie es vorhin genannt haben. Man holt es wieder rein, weil viele den Eindruck haben, dass es ausgegrenzt wird. Und was auch wichtig ist: Viele Menschen wollen unbedingt den Unterschied zwischen Fiktionalem und Realem überprüft wissen. Das kann man in den Medien eben gut umsetzen. Böse oder antisoziale Verhaltensweisen werden den Monstern zugeschrieben. Das ist leicht zu verstehen.


Kommen wir noch einmal auf die Kinder zurück. Würden Sie ihre Kinder vor bestimmten Inhalten schützen?
MB: Ich würde die Inhalte eher kommentieren. Seit ein paar Jahren ist Kontrolle doch hoffnungslos geworden. In dem Moment, in dem die Kids ein Handy haben, hat man kaum noch realistische Möglichkeiten, sie vor allem zu bewahren. Da ist dann die beste Prävention, mit ihnen im Gespräch zu bleiben und Erklärungen anzubieten. Dass Kinder und Jugendliche Gewalt sehen wollen, ist nicht mein Problem. Mir geht es eher darum, wie man mit all diesen Bildern geschickt präventiv umgeht. Das Böse ist eben ein Bestandteil unserer Pizza. Wir können es nicht einfach nur konsumieren, es wegdrücken, verneinen, verleugnen, wegbeten. Das bringt alles nichts. Wir müssen reden, es thematisieren, uns davor schützen durch Schulung.


Sie haben das Label „Der Herr der Maden“ verliehen bekommen. Müsste ich Sie nach Ihrem Verständnis als Wissenschaftler und Vegetarier nicht den „Diener der Maden“ nennen?
MB: Ja, klar ...


Ist Massentierhaltung böse?
MB: Nach der Definition, die wir vorhin hatten: Ja! Massentierhaltung ist Gier und Faulheit in Reinform. Man will mit riesiger Effizienz Tiere züchten und einen sinnlos hohen Profit daraus schlagen. In diesen Kreisen habe ich viele böse Menschen kennengelernt. Unsozial durch und durch. Gierig und faul dazu! In meiner Kindheit haben mich keine Bilder erschreckt und verfolgt, aber die Begegnung mit diesen Menschen hat mich erschreckt und ihre Bilder verfolgen mich.


Zum guten Schluss haben wir drei Sätze vorbereitet, die wir Sie bitten möchten, zu vervollständigen: Das Böseste was ich sah, war ...
MB: (Langes Schweigen) Ich sehe es jeden Tag.


Wenn ich sterbe, möchte ich ...
MB: ... am liebsten in Ruhe verwesen und mich in den Kreislauf der Natur zurückgeben.


Würde ich als Insekt wiedergeboren, dann wäre ich gern ein ...
MB: Als Insekt bekommt man nichts mit, also lieber nicht als Insekt. Ich hätte lieber gern ein Bewusstsein.


Mit herzlichem Dank an Camilla Graubner, Torsten Körner und die Redaktion von tv diskurs für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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