2016 04 Zimmer Eins: Leben ohne Naehe

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Quelle: Zimmer Eins - Das Patientenmagazin, Herausgeber: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Ausgabe 1/2016, April 2016


"Kann man ohne Nähe leben, Dr. Mark Benecke?"

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VON JOHANNES DORENKAMP


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Dr. Mark Benecke: Seit mehr als 20 Jahren ist der „Herr der Maden“ als wissenschaftlicher Forensiker unter anderem im Bereich der Insektenkunde aktiv. Er ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren und untersuchte unter anderem Adolf Hitlers Schädel. Er veröffentlicht Artikel, Sach- und Kinderbücher sowie Experimentierkästen und geht auf seiner Tournee gemeinsam mit dem Publikum auf Spurensuche.


Natürlich nicht! Aber man braucht das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz. Denn auch ohne Distanz kann kein Mensch leben. Mich berühren die Angehörigen sehr, denen ich durch meinen Beruf als Kriminalbiologe begegne, die einen menschlichen Verlust erlitten haben. Allerdings ist diese Nähe berufich.


Persönlich muss ich in der Lage sein, eine klare Linie zu ziehen und zu sagen: Deren Probleme sind nicht meine Probleme. Auch wenn das hart klingt: Ihre Situation darf mich nur insofern interessieren, wie ich Erkenntnisse für meine Arbeit daraus ziehen kann. Ansonsten würde ich meinen Job nicht machen können.


Das gilt übrigens auch für alle anderen Beteiligten an einem Fall, von denen ich Informationen benötige. Ob Richter, Staatsanwalt, Polizist, Zeuge – oder auch Angeklagter: Ob sie nett sind oder nicht, das ist mir völlig egal. Das Entscheidende ist: Kooperieren sie oder kooperieren sie nicht? Ob sie unsympathisch sind oder einen arroganten Eindruck machen, betrifft meinen Arbeitsbereich nicht. Deshalb muss die persönliche Ebene au?en vor bleiben.


Ich erlebe aber immer wider, dass andere Beteiligte vor gericht weniger professionelle Distanz zum Auftreten insbesondere von Angeklagten haben. Manchmal scheint der persönliche Eindruck sogar eine größere Rolle zu spielen als die Fakten. Wenn ein Staatsanwalt oder auch ein Richter die Kleidung oder die Art befremdlich findet, dann hat er innerhalb von Sekunden eine schlechte Meinung über den Angeklagten. Deswegen raten Strafverteidiger ihren Klienten, besonders den jüngeren, oft vor einer Verhandlung: „Sie können die Krawatte ja später aufmachen oder lockern, aber ziehen sie sie erstmal an.“ Das erzeugt einen Unterschied wie Tag und Nacht, zum Beispiel gegenüber jemandem, der ein T-Shirt seiner Lieblingsband trägt oder offen seine Tätowierungen zeigt.


Apropos Tätowierung: Viele sehen in ihnen ein Statement für oder gegen etwas. Da ich selbst tätowiert bin, geht mir das sozusagen doppelt unter die Haut. Denn ich möchte mit meinen Tätowierungen nicht mehr ausdrücken als mit meinen Schuhen oder meiner Frisur: nämlich gar nichts. Sicher, eine Tätowierung kann ich nicht einfach ausziehen oder wie Haare wachsen lassen oder abschneiden. Aber genau weil die Entscheidung für ein Tattoo langfristig ist, finde ich, dass Menschen, die sich tätowieren lassen, offenbar wissen, was sie wirklich wollen.


Das ist wie bei Nähe und Distanz: Man muss sich entscheiden, was man will.

Mit herzlichem Dank an Johannes Dorenkamp und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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