2008-07 P.M.: Wer hier liegt, hilft dem FBI

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Quelle: P.M. Magazin, 07/2008, Seiten 62 bis 67

Wer hier liegt, hilft dem FBI

Mark Benecke ist einer der bekanntesten Kriminalbiologen Deutschlands. Er untersucht den Insektenbefall von Mordopfern und zieht daraus Rückschlüsse auf die Todesumstände. Exklusiv in P.M. berichtet er über seine Aufenthalte auf der »Body Farm«, wo er selbst unterrichtet

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VON MARK BENECKE


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(Nicht gepixelte Fotos im Beitrag: Mark Benecke)


Zu einer makabren Schatzsuche finden sich Spezial-Agenten des FBI alljährlich in Knoxville/Tennessee ein. In einem Crashkurs lernen die Ermittler des Federal Bureau of Investigation, wie man vergrabene Verbrechensspuren korrekt freilegt, ohne sie zu verwischen oder zu beschädigen. Mit Gummihandschuhen oder bloßen Händen durchkämmen die Agenten die Erde auf der Suche nach verräterischen Zigarettenkippen, Stoffresten oder auch mal nach ein paar Leichenteilen. Mit kleinen Plastikschaufeln befördern sie verdächtiges Erdreich auf ein Sieb. Erste Regel dabei: niemals mit der Schaufel in den Boden stechen, immer nur flach und von der Seite her abtragen! Wird auch nur eines der in der Erde versteckten Beweisstücke übersehen, geht die Suche wieder von vorn los. Am Ende so eines Grabungstages ist kein Stäubchen auf dem anderen geblieben. Am Gesichtsausdruck mancher Teilnehmer erkennt man, wer den Kurs zum ersten Mal belegt hat.


Die Weiterbildung von FBI-Agenten ist nur ein Beispiel dafür, wie auf der sogenannten »Body Farm«, einer Unterabteilung der Anthropological Research Facility (ARF) der University of Tennessee, Forschung und kriminalistische Praxis verknüpft werden. Das Hauptarbeitsgebiet der Anthropologen von Knoxville sind eigentlich Ausgrabungen in früheren Indianer-Siedlungen und Knochenmessungen – beispielsweise um die Größe der heutigen Amerikaner mit der Größe früherer Einwanderer aus Europa zu vergleichen. Doch Weltruhm erreichten sie mit ihrer Forschung für die Forensik.


Einer der bekanntesten Wissenschaftler des ARF war William Rodriguez, der heute im Auftrag der Vereinten Nationen Kriegsverbrechen untersucht. Er leitete die Öffnung von Massengräbern im ehemaligen Jugoslawien. Dort ging es darum, die Opfer so weit wie möglich zu identifizieren und die Überreste dann den Angehörigen zu übergeben.


Forscher wie Rodriguez heißen in den USA »Forensic Anthropologists«. In Deutschland kennt man diese Berufsbezeichnung nur aus amerikanischen Filmen oder Krimis. Forensische Anthropologen sind weder Rechtsmediziner noch Pathologen. Sie obduzieren keine Leichen, sondern studieren Knochen, manche auch Verwesungsprozesse. Aus ihren Erkenntnissen lassen sich unter anderem Rückschlüsse auf Todesort und Todeszeitpunkt eines Menschen ziehen, was für die Aufklärung von Verbrechen von großer Bedeutung sein kann.


»Jedes Mal, wenn ich einen Fall bearbeite, fragt mich die Polizei zuerst, wie lange die Leiche gelegen hat«, sagte mir William Bass, der heute 73-jährige Gründer der »Body Farm«, während meines Studienaufenthalts in Knoxville. Die Frage, wer das Opfer sei, tauche erst viel später auf. Knochenspezialist Bass wurde Mitte der 1970er Jahre immer unzufriedener mit der Situation an der Universität, wo es in seiner Abteilung üblich war, nur Knochen zu untersuchen und von ihrem Zustand auf das fehlende Gewebe zu schließen. Bass wollte die verschiedenen Stadien der Verwesung eines Menschen in der freien Natur erforschen, um präzisere Berechnungen über die Liegezeit einer Leiche an einem bestimmten Ort anstellen zu können. Deshalb forderte er jahrelang »einen Platz auf dem Uni-Gelände, wo ich Leichen auslegen kann« – und bekam ihn schließlich, trotz heftiger Widerstände.


Im Frühjahr 1981 schlug auf einer stillgelegten Müllkippe die Geburtsstunde der ersten »Body Farm«. Durch den 1994 erschienenen Krimi gleichen Namens von Patricia Cornwell wurde das etwa einen Hektar große Areal von Knoxville bekannt.


Damals wie heute liegen auf dem Berghang hinter der Uni im Schnitt 40 Leichen in unterschiedlichen Verwesungsstadien. Es handelt sich dabei um Menschen, die ihren Körper freiwillig der Medizin zu Forschungszwecken vermacht haben. Sie haben sich das Gelände vorher angesehen. Es gibt weder Geld noch Namensschilder für die Spender. Ein zwei Meter fünfzig hoher Zaun mit Stacheldrahtkrone umgibt das Gelände. Er hindert die Tiere aus dem nahen Wald daran, die Forschungsobjekte anzuknabbern – und Kinder, die Schädel zu klauen.


Verwesungsgeruch oder Insektenschwärme hält der Zaun aber nicht davon ab, Autofahrer auf einem nahe gelegenen Parkplatz zu belästigen. Sie protestierten an offizieller Stelle. Inzwischen hat sich die Lage jedoch entspannt. In einer Stadt wie Knoxville, die sonst nichts zu bieten hat, sind die Menschen sogar ein bisschen stolz auf ihre besondere Attraktion.


Die Mitarbeiter der »Body Farm« stellen Fundortsituationen von Leichen nach, die entweder schon einmal beobachtet wurden oder realistisch erscheinen. Dazu graben sie die Toten ein oder lagern sie an unterschiedlichen Orten, zum Beispiel unter Blättern oder im Wasser.


Es überrascht mich immer wieder, wie stark schon vergleichsweise kleine Änderungen der Umgebung die Zersetzung beeinflussen. So habe ich bei einem Experiment in Kanada beobachtet, dass ein totes Schwein auf einem Weg bereits nach zwei Wochen skelettiert war, während ein nur wenige Meter entfernter Kadaver im Gebüsch zu diesem Zeitpunkt noch sehr gut erhalten war.


Bei meinen Besuchen in Knoxville war es immer sehr heiß, sodass die meisten Leichen in den Schatten gebracht oder mit Plastik abgedeckt wurden, um das Austrocknen und damit die Mumifizierung zu verhindern. Mumifizierte Leichen zersetzen sich nämlich anders. Einige Körper lagen in Erdgräbern oder unter Betonplatten, was es den Wissenschaftlern ermöglicht, die Veränderungsprozesse umgebungsabhängig zu vergleichen. Manchmal wird auch nur ein Teil einer Leiche abgedeckt, damit Unterschiede an ein und demselben Objekt untersucht werden können. Auf meine Frage, warum die meisten Körper auf dem Bauch liegen, antwortete man mir: »Weil sie dann schneller verwesen.« Meiner Ansicht nach ist das ein Anthropologen-Märchen, aus meiner eigenen Erfahrung als Kriminalbiologe kann ich es nicht bestätigen.


Darüber, in welchem Stadium der Verwesung sich das Gewebe befindet, gibt vor allem der Insekten- und Madenbefall Aufschluss. William Rodriguez, der Mann, der inzwischen die Überreste von Kriegsopfern untersucht, war in Knoxville für seine Insektenversuche berühmt und berüchtigt. Dafür legte er die Leichen im Freien in schützende Drahtkäfige, denn damals war die Einzäunung des Areals noch nicht optimal. Die Käfige standen erhöht auf Pflöcken, damit die Insekten unter ihnen abgesammelt werden konnten. Das Ergebnis der Arbeit von Rodriguez bestätigte mit moderneren Methoden einmal mehr, was zum ersten Mal vor 160 Jahren festgestellt wurde: Menschliche Überreste werden von den gleichen Lebewesen heimgesucht wie Tierkadaver, zum Beispiel von Speckkäfern und Goldfliegen. Mit seinen Ergebnissen traten Rodriguez und sein Kollege Lee Goff eine neue Forschungswelle los.


Auch ich habe während meines Aufenthalts auf der »Body Farm« viele Stunden damit verbracht, diese »stillen Assistenten« meiner Zunft zu jagen. Eine Überraschung erlebte ich, als ich einmal die leichte Abdeckung von einer Leiche auf dem Gelände zog: Weil sich ein beachtlicher Fliegenschwarm von ihr erhob, rechnete ich mit fortgeschrittener Verwesung. Stattdessen sah ich eine wächsern wirkende, völlig intakte Leiche vor mir. Es handelte sich um einen einbalsamierten, das heißt, mit Konservierungsmitteln gefüllten Körper, der nur sehr langsam verwest. Hier scheiterte selbst der Klassiker der Fäulnisprüfung: Die Haare der Toten ließen sich nicht ausziehen. Bei fortgeschrittener Verwesung ist das sonst immer möglich.


Im schwülwarmen Tennessee gehört die Einbalsamierung zum normalen Beerdigungsritual. Für die Forscher auf der »Body Farm« sind präparierte Leichen aber wertlos, da sie nicht normal verwesen. Sie gelangen nur hierher, wenn entweder die Knochen der verstorbenen Person anthropologische Besonderheiten versprechen oder wenn ein Bestatter in vorauseilendem Gehorsam die Leiche für den Transport konserviert hat.


Unter der Leitung von Murray Marx ist die Uni in Tennessee heute die erste Adresse für die Ausbildung forensischer Anthropologen in den USA, ein Studiengang, den überraschenderweise fast ausschließlich Frauen wählen. Sie entnehmen den Leichen während des Verwesungsprozesses regelmäßig Gewebeproben und untersuchen diese im Labor. Was sich die Forscher wünschen, wäre ein Gerät zur Erkennung von Fäulnis, um verscharrte und versteckte Leichen zu orten.


Bei der alljährlichen »Clean Up Party« überführen die Studentinnen das, was von den Leichen der »Body Farm« am Ende übrig bleibt, in den Knochenfundus der anthropologischen Fakultät. Damit die Überreste der Körperspender nicht sang- und klanglos in den Schachteln verschwinden, zelebrieren sie für die Toten sogar hin und wieder kleine Gedenkfeiern.


Abgeschirmt von der Öffentlichkeit arbeiten die Frauen in unauffälligen Kellerräumen unter dem Baseball-Stadion der Universität. Wenn am Wochenende die Fans ihren Mannschaften zujubeln, ahnen die wenigsten, dass unter ihnen an jedem Werktag der Weg alles Irdischen entschlüsselt wird.


Mit herzlichem Dank an die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🗺 Dr. Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Text SMS in criminalistic emergencies (never call me): +49.171.177.1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). · Rufen Sie niemals an. · If it is not an actual emergency, send an e-mail. · If it is an actual emergency, send a text message (SMS) · Never call. · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Instagram Fan Page · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page · Kein Kontakt über soziale Netzwerke. · Never contact me via social networks since I never read messages & comments there.