2015 10 Zimmer Eins: Ekel und Angst

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Quelle: Zimmer Eins - Das Patientenmagazin, Herausgeber: Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Ausgabe 2/2015, Oktober 2015


"Kennen Sie eigentlich Ekel und Angst, Dr. Mark Benecke?"

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Eines vorweg: Angst und Ekel haben für mich so viel miteinander zu tun wie Pfeffer und Vorhänge. Näm­ lich genau nichts. Ich hatte lange Zeit große Angst vor Spinnen. Sie sind eine der wenigen Tierarten, mit denen Menschen überhaupt nicht interagieren kön­nen, ganz im Gegensatz zu Kakerlaken oder Stuben iegen. Mit ihrer Körperarchitektur und genetischen Software sind sie einfach seltsam und fremd. Sogar mir.

Ich ekle mich hingegen vor Kalk ecken. Wir haben in Köln sehr hartes Wasser, sodass ich immer Kalkecken wegmachen muss. Und ich ekle mich vor Haaren, die man aus der Dusche herausholen muss. Das hindert mich aber nicht daran, mich beidem zu nähern. Der Ekel schreckt mich nicht ab. Im Gegen­teil: Ich nde viele Sachen interessant, ob­ wohl sie eklig sind, vor allem für andere.

Vielleicht liegt das an meiner politischen Einstellung. Eine Studie hat nämlich ergeben, dass man die politische Einstellung – ob liberal oder konservativ – mit absoluter Sicherheit bestimmen kann, wenn man Menschen Bilder zeigt, die man eklig finden könnte. Die Reaktionen wurden im MRT gemessen und haben ergeben, dass die Probanden mit Ekel poli­ tisch konservativ sind. Und die Leute, die sich weniger ekeln, sind politisch liberal.

Das würde auch erklären, warum ich einen Tatort überhaupt nicht als eklig emp­finde. Dort herrscht für mich der absolute, tiefe Frieden. Wenn ich an einen Tatort komme, auf einem Koffer sitze und überlege, in welcher Reihenfolge Blutspuren entstanden sein können, nachdem man sie vermessen hat, dann bin ich total ruhig und konzentriert und alles ist schön. Also von Ekel keine Spur. Auch nicht von Angst.

Ich nehme an, dass dies mit meiner man­gelnden Emotionalität zu tun hat. Ich bin sehr rational. Ekel basiert ja auf der krummen Vorstellung von etwas, was einem fremd ist. Dieses Fremde verbindet man mit der Vor­stellung von etwas Irrationalem. Dabei wer­ den schnell Dinge in einen Topf geworfen, die wirklich nichts miteinander zu tun haben, wie „In Thailand ist es schmutzig, da bin ich im Urlaub Kakerlaken begegnet. Die sind echt eklig.“

Abgesehen vom Unsinn dieser Aussage — weder “ist” Thailand schmutzig, noch “sind" Kakerlaken eklig. Immer­hin arbeite ich mit ihnen und meinen an­deren Kollegen, den Maden, eng zusammen. Wenn ich an einem Tatort den Todeszeitpunkt einer Leiche bestimme, komme ich meist ohne sie nicht aus. Mein Impuls ist dabei immer: genau hinschauen, alles genau überprüfen, um etwas ganz genau zu verstehen.

So habe ich es auch geschafft, meine Angst vor Spinnen besser zu kontrollieren. Die ging mir wirklich auf den Wecker. Auch, dass „der Benecke“ immer seine Mitarbeite­rin holen musste, wenn eine Spinne im Labor saß. Das hat sich natürlich blitzschnell 'rum­gesprochen. Dass ich Spinnen heute mag, würde ich jedoch so nicht behaupten. Sagen wir lieber: Ich habe ihnen eine Freund­ schaftsanfrage geschickt.


Mit herzlichem Dank an die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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