2015 10 Tages - Anzeiger Zuerich: Nachricht aus Transsilvanien

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Quelle: Tages-Anzeiger Zürich, 31. Oktober 2015, Seite 58

Nachricht aus Transsilvanien

Treffen mit Mark Benecke, Kriminalbiologe und Vampirforscher

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VON MATTHIAS MEILI

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Mordfälle sind sein Business und Vampire seine Leidenschaft. Der Kriminalbiologe Mark Benecke webt aus diesen blutrünstigen Themen spannende Forschungsgeschichten.


Der alte Postbahnhof beim Ostbahnhof in Berlin ist ein imposanter Backsteinbau aus dem frühen 20. Jahrhundert mit dunkler Vergangenheit. Hier zogen zu DDR-Zeiten mächtige Dampfloks die Postzüge zu den Bahnsteigen, und in den oberen Etagen kontrollierten die Apparatschiks die Briefe der Bürgerinnen und Bürger.


Beim Betreten des Geländes beschleicht einen ein mulmiges Gefühl, obwohl der Bau heute ein beliebter Veranstaltungsort ist. Doch an diesem Nachmittag ist keine Menschenseele zugegen. Ein Treffen mit dem deutschen Kriminalbiologen und Vampirforscher Mark Benecke ist geplant. «Der mutige Journalist kann einfach in den Postbahnhof kommen», hatte er Wochen zuvor geschrieben. Das Wort «mutig» taucht plötzlich wieder aus der Erinnerung auf, mit bedrohlicher Bedeutung.


Da tritt ein gänzlich schwarz gekleideter Mann aus einem Seiteneingang in die gleissende Berliner Herbstsonne, an seinem Gürtel rasselt eine schwere Kette, eine metallene Thermoskanne klappert bei jedem Schritt. Er ist von den Fingerknöchelchen bis zum Halsansatz tätowiert. «Hi, ich bin Mark», ruft der Mann fröhlich.


Mark Benecke ist der bekannteste Kriminalbiologe Europas. Seine Bücher mit Titeln wie «Aus der Dunkelkammer des Bösen», «Mordspuren» oder «Dem Täter auf der Spur» sind alle Bestseller. Der «Herr der Maden», wie er auch genannt wird, ist ein Star in Funk und Fernsehen. In seiner Haupttätigkeit untersucht er im Auftrag von Behörden oder Privaten ungelöste Kriminalfälle. Insekten, die ihre Eier auf verwesende Leichen legen, oder das Muster von Blutspritzern helfen ihm dabei. Mark Benecke ist die deutsche Antwort auf die «CSI»-Welle aus Amerika. Seine Erfahrungen vermittelt er in öffentlichen Vorlesungen einem zahlenden Publikum, er nennt sie Shows. An diesem Abend zum Beispiel spricht er im Postbahnhof Berlin über «spontane Selbstentzündungen von Menschen». Und nächste Woche tourt er durch die Schweiz, dann mit einer Show über Mythos und Realität der Vampire.


Die Vampirszene erforscht Benecke seit fast zwanzig Jahren. Er ist Präsident der Transylvanian Society of Dracula, «eine reine Forschungsgesellschaft», wie der 45-jährige Naturwissenschaftler betont. Menschen mit vampirischer Identität – sie bezeichnen sich übrigens als Vampyre mit «y» – halten ihre Neigung meist versteckt. Trotzdem soll es im deutschsprachigen Raum einige Hundert, weltweit Tausende Menschen geben, die sich so fühlen.


Sie meiden das Licht und lieben eine dunkle Ästhetik. Und sie trinken Blut und fühlen sich ohne Genuss des Lebenssafts schwach und antriebsarm. Mark Benecke hat in einer wissenschaftlichen Umfrage bei 100 Vampyren, die er zusammen mit seiner Partnerin Ines Fischer durchgeführt hat, herausgefunden, dass schon 87 Prozent der Befragten Menschenblut getrunken haben. Meistens spenden sie sich das Blut gegenseitig.


Doch Benecke ist mehr als nur Erforscher der vampirischen Subkultur, er sieht sich als teilnehmenden Beobachter. Um den Hals trägt er selber einen Tropfen Blut seiner Freundin dunklen Ampulle und sie das seine. Kultige Blutsverwandtschaft. Dann zeigt er einen Ring an der linken Hand, der einen schwarzen Stein enthält und in der Vampirkultur ein Symbol für Frieden darstellt. «Damit kann ich mich sehr gut identifizieren», sagt Benecke. Für ihn stellt die «gelegentlich als obskur wahrgenommene» Subkultur nur eine von vielen möglichen Identitäten dar, die Menschen einnehmen können – und nicht die schlechteste. «Da sehe ich viele überangepasste Identitäten, die ich weit schlimmer finde», sagt Benecke.


In seinen Vampirshows vermittelt er das gesammelte Wissen über die Vampirkultur, von den Ursprüngen in Transsilvanien bis zu den heutigen Vampyren. Doch er entlarvt auch die damit verbundenen Mythen, auch diejenigen, welche die Anhänger des Vampirismus selber hochhalten. Als typisches Vampirzeichen gilt zum Beispiel, dass bei exhumierten Leichen flüssiges Blut über die Mundwinkel läuft. «Das ist nichts Rätselhaftes», hält Benecke dagegen. «Das Blut in verwesenden Leichen ist immer flüssig, weil die Gerinnungsfaktoren nach dem Tod sofort zersetzt werden, solange das Blut in der Leiche bleibt.»


«Vampirismus ist für mich auch einfach ein Superthema, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen», sagt Benecke. Denn der brillante Rhetoriker will in seinen Vorlesungen noch eine tiefere Botschaft vermitteln, die auch seinen Erfolg im Beruf auszeichnet: Eine wissenschaftliche, vorurteilsfreie Bewertung von Fakten, die sich nicht von weltanschaulichen Grundannahmen trüben und auch nicht von Äusserlichkeiten irritieren lässt.


«Mich unterscheidet nichts von einem normalen Wissenschaftler», sagt der Wahl-Kölner Mark Benecke, der eine Dissertation über das genetische Fingerprinting in der Rechtsmedizin geschrieben hat und so zur Polizeiarbeit kam. Er ist bekennen- der Skeptiker und Mitglied des Wissenschaftsrats der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Doch daneben ist er auch im Verein der Kölner Donald-Duck-Forscher, hat in mehreren Punkbands mitgespielt und kandidierte diesen Herbst für das Kölner Oberbürgermeisteramt. Dabei erreichte er immerhin den dritten Platz hinter der parteilosen Siegerin Henriette Reker und dem SPD-Kandidaten.


Unterscheidet ihn wirklich nichts von anderen Forschern? Benecke denkt kurz nach und lächelt. «Vielleicht, dass ich die wissenschaftlichen Fakten so erzähle, dass sie alle verstehen.» In seinen Vorlesungen gibt es zum Beispiel nichts zu lesen, nur Bilder. Er selber ärgert sich immer, wenn Forscher glauben, ihre Arbeit nicht ohne komplizierte Sätze und hochgestochene Fremdwörter erklären zu können. «Schauen Sie die Sozial- und Kulturwissenschaftler an. Die machen keinen Satz ohne das Wort Diskurs. Aber wer redet schon von Diskurs, das ist kein Wort des normalen Sprachgebrauchs.»


Abends vor der Show im Postbahnhof füllt sich der Saal. Im Hintergrund läuft ein trashiger Film, untermalt von punkiger Musik. Im Publikum sind viele junge Menschen und auffallend viele Frauen. Sie eilen ans Rednerpult, lassen sich von Mark Benecke Bücher signieren und lachen mit ihm auf Selfies. Er gibt sich fröhlich, offen, aufgestellt. Dann legt Benecke los. Mit detektivischem Blick auf die Details seziert er die Umstände, Voraussetzungen und Faktoren «spontaner Selbstentzündungen von Menschen». Am Schluss fällt es allen wie Schuppen von den Augen. Nichts mit dunklen Energien, kein Hokuspokus, keine verborgenen Kräfte – nur stringente Experimente und reine Logik. Und wohl selten war pure Naturwissenschaft so hip.


Mit herzlichem Dank an Matthias Meili und die Redaktion für die Erlaubnis zum Abdruck.


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