2017 10 Tatort Herr Benecke Wer sind Sie

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Quelle: Tatort - Das Magazin für Polizei und Bürger, 1/2017, Seiten 15 bis 18

Interview mit Mark Benecke

Herr Benecke, wer sind Sie?

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VON CAROLINE HÄCKI

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Sachverständiger für biologische Spuren, also meist Blut, Haare, Insekten, Sperma, Urin, Kot und so was. Manchmal auch für Knochen, Spinnen, Schnecken oder Pflanzen, aber das mache ich dann mit Kolleg*innen zusammen, die sich damit viel besser auskennen.


Wie würden Sie sich selbst als Mensch beschreiben?

Ich sortiere gerne und mir wird schnell langweilig. Deshalb versuche ich, möglichst viele Dinge möglichst tief anzuschauen.


Aus welchem Grund haben Sie sich diese Sparte der Biologie zum Beruf gemacht?

Die Biolog*innen hatten die besten Partys. Kein Witz, ich war schon fest eingeschrieben für Psychologie, Film-, Fernseh- und Theaterwissenschaften, aber da war's überall öde. In der alten Hutablage (wo die Menschen früher ihre Hüte vor der Vorlesung abgelegt haben), war die Biolog*innen-Kennenlernparty für Erstsemester und so kam das.

Biologie fand ich spannend, weil erstens Peter Parker (Spider-Man) Biochemie studiert und mich zweitens die Frage von Philip K. Dick, dem Autorvon «Blade Runner», gefesselt hat, was einen Menschen ausmacht beziehungsweise von Androiden und künstlichen Intelligenzen unterscheidet, ausserdem, wie genetische Programme angelegt sind.

Hat sich gelohnt: Beide Fragen verstehen wir heute viel besser, und ich darf immer noch mittendrin zuschauen und berichten.


Über welche Eigenschaften muss man in Ihrem Beruf zwingend verfügen?

Liebe zum Detail. Hans Asperger hat gesagt: «Es scheint, dass für Erfolg in der Wissenschaft oder in der Kunst ein Schuss Autismus erforderlich ist.» Er musste es wissen, denn er hat es erforscht, und er hat, auch aus meiner nun 20-jährigen Zusammenarbeit mit Nerds, Spezialist*innen und Kauzen, wirklich recht gehabt.

Dazu ein Beispiel: Um an die Quelle dieses Zitates, dieses einen Satzes, zu fahren, musste ich nach London in die Autismus-Bibliothek fahren, wo das letzte Heft mit dem Original-Artikel liegt. Das wussten wir vorher aber nicht.

Es ist wie polizeiliche Spurenkunde: Jedes kleine Details kann spannend sein oder werden. Die etwas zwanghafte Energie, sich mit Kleinkram bis zum Ende und manchmal sehr lange zu beschäftigen, auch wenn er oft genug eben keine Information enthält und andere daher enttäuschen würde, haben nicht viele Menschen.

Es gibt auch Künstler*innen, Jurist*innen, Verwaltungsmenschen, Sprachforscher*innen und viele andere, die so ticken und alles ganz präzise und detailliert anschauen und ausarbeiten.


Wie denken Sie über den Beruf der Polizisten?

Wohl der einzige Beruf, den die meisten, die dann auch Polizist*innen werden, sich als einzigen Beruf überhaupt vorstellen konnten. Das ist faszinierend.

Leider entstehen dadurch leichter Enttäuschungen, wenn etwa politische Wendungen immer und immer wieder stattfinden, die den Beruf verändern oder komische Einsätze erfordern. Ich liebe gute Polizist*innen, also solche, die wissen, was sie tun, den Stand der Dinge kennen, zu sich selbst und anderen ehrlich sind und nicht bloss die eigene Herde beschützen anstatt den Rest der Menschen, also diejenigen, die grundsätzlich menschenfreundlich sind.

Es gibt wie in jedem Beruf auch bei der Polizei weniger gute Leute. Das ist aber ein Behördenproblem weltweit und hat wenig mit der Polizei zu tun. In demokratischen Ländern ist auch der mögliche Machtmissbrauch, manchmal gekoppelt an Paranoia, ein viel geringeres Problem als in den meisten anderen Ländern, in denen ich arbeite.

Was zumindest in Deutschland von jüngeren «Bürgern», also normalen Menschen, oft verwechselt wird, ist bei der Schutzpolizei deren Einsatzbefehl mit dem, was die einzelnen Polizist*innen persönlich über den Einsatz denken.

Die Kripo hat, auch hier spreche ich nur für Deutschland, öfters Probleme mit viel zu langen Wegen, wenn es um neue Verbrechensarten geht. Als Sohn eines Ingenieurs habe ich Spass an technischen Lösungen vom Festplattenauslesen bis zu DNA auf Autoreifen, aber es geht halt immer nur das, was politisch gewollt und bezahlbar ist.

Kurz gesagt, Polizist*innen sollten, um nicht frustriert zu werden, manchmal weniger an Beförderungen, Gerechtigkeit und das Gute und Schöne glauben, sondern an die Wahrheit;)


Gibt es den perfekten Mord?

Ich mag keine Morde. Ich finde Gewalt immer unperfekt.


Was sind die interessantesten Tatorte?

Weil ich es am längsten mache, auch mit den Studierenden in den Trainings: Blutspuren und komplizierte DNA-Tatorte.

Ein Beispiel: Ich habe auch schon doofe Fehler gemacht (und behoben), aber auch viele vermieden, beispielsweise die in Deutschland teils verbreiteten, verunreinigten Wattestäbchen für Abriebe.

Das kommt daher, dass wir im Team alles, auch einen 20 Aktenordner umfassenden Bericht, auf das Wesentliche, das Klare, die grundsätzlichen und darstellbaren Spuren einschmelzen. Dieses «Hinwegschneiden», Zusammenschmelzen, Eindampfen, das liebe ich, auch am Tatort.

Da Blut beispielsweise manchmal als selbstverständlich vorhanden gilt (<<kein Wunder bei der Verletzung») und Erbsubstanz auch an den verrücktesten Stellen abgelagert werden kann (Alltagsgegenstände), liebe ich die sozusagen übersehenen, aber eigentlich mitten im Bild steckenden Spuren, sozusagen den Fehler im Erwarteten, die Besonderheit im scheinbar Normalen.

Bei Blutspuren kann das Blut des Täters sein, das mitten im Blutspurenfeld der Opfer ist - doch wie erkenne ich das? Manchmal nur an der Form der Tropfen oder Spritzer. Bei Erbsubstanz ist es beispielsweise die Unterseite des Tisches, weil der verschoben worden sein muss - und irgendwer muss an diese hölzerne Kante (oder die Duschabtrennung, den Glasperlenvorhang ... ) gefasst und damit Spuren hinterlassen haben.

Meine Kolleg*innen, die mit Fasern und Fingerabdrücken arbeiten, bewundere ich auch. Ich hatte mal einen Fall, der nicht polizeilich bearbeitet werden durfte, bei dem wir 25 Jahre alte Hautlinien in einem alten Bibliotheksbuch gefunden haben, das ein Terrorist damals angefasst hatte und das nun die einzige Vergleichsspur zu seiner Identifizierung war. So was macht Spass.


Sie sehen viele verweste Körper und sicher auch unschöne Tatorte. Wurde es Ihnen bei der Arbeit auch schon einmal übel?

Nö. Da ist nix giftig (Schnitzel und Wurst sind auch Leichengewebe) und die Gerüche sind dieselben, die wir aus anderen Zusammenhängen auch im Alltag kennen, vor allem von Käse, Kot, Ammoniak, Blüten und so weiter. Alles gut.


Was geht in Ihnen vor, wenn Sie das Schicksal oder die Tragik hinter einem Todesfall sehen bzw. erkennen?

Einfach hinnehmen. Die Welt ist, wie sie ist, vor allem kein Glücksbärchenparadies.


Was war Ihr schwierigster Fall?

«Schwierig» ist ein seltsames Wort. Ich nehme alle Fälle gleich ernst, daher sind es eher die organisatorisch aufwendigen Fälle, die halt etwas mehr Arbeit sind.

Der Aufwand lohnt sich aber immer, auch zu schrägen Fundorten zu fahren. Im Tessin hatten wir beispielsweise mal einen angeblichen Suizid. Als wir es uns vor Ort angesehen haben, stellten wir fest, dass der angebliche Suizident dann wohl in pechschwarzer Nacht barfuss einen ihm unbekannten gewundenen, steinigen Weg gegangen sein musste, vorher einen fetten Deal mit der russischen OK hatte platzen lassen und wenige Stunden später auf einmal suizidal geworden war. Wir hätten den faktischen Unsinn der Annahme nicht erkannt, wenn wir nicht einfach vor Ort alles angeschaut hätten. Kurz gesagt, ich mag «schwierige» oder aufwendige Fälle.


Welchen Fall konnten Sie bis heute nicht lösen?

Unbekannt. Für uns gibt es nur Spuren, keine Lösungen. Wann ist ein Fall gelöst? Wenn die Spurenlegerin/der Spurenleger im Knast ist? Was ist mit den sozialen und politischen und kulturellen Problemen des Falles? Wie geht es den Angehörigen? Was ändert sich in einem Dorf, einer Stadt, einem Land nach einem «gelösten» Fall?


Sie haben die Bluttränen aus dem katholischen Glauben als Lüge aufgedeckt. Was möchten Sie gerne auch noch überprüfen, ob es tatsächlich stimmt?

Ich nehme, was kommt. Ziele setze ich mir nicht. Derzeit arbeite ich an einem angeblichen Leichen- oder Wunder-Öl, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, das aber unter Christ*innen in Umlauf ist. Mich interessiert, was andere interessiert, andernfalls lese ich einfach spannende Fachbücher über Mumien oder Magie. Ein paar besonders sonderbare, spannende Beispiele, die alle sozusagen zu mir gekommen sind, finden Sie in meinem Buch «Die Mumien von Palermo», das diesmal sogar sehr schöne Farbfotos drin hat, was sonst nicht der Fall ist.


Welche Technik wird in Zukunft in der Aufklärung von Verbrechen je länger je mehr an Bedeutung gewinnen?

Massendaten-Auswertung: Welches Gerät war wann wo? Und hoffentlich auch psychologisch-psychiatrische Verfahren, wie sie im Voigt-Kampff-Test bei «Blade Runner» schon vorweggenommen wurden. Ich finde, dass diese Empathie- und Erinnerungstests das Gespräch sehr entspannen. Wir haben dann sichere Daten, die es uns erlauben, mit den Täter*innen viel ehrlicher zu sprechen, nämlich über erstens die Spuren und zweitens mögliche Vorbeugungs- und Heilungsmöglichkeiten.


Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Hahaha, wie soll das Leben nach dem Tod funktionieren? Verstehe ich nicht.


Herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Ich danke für Ihre interessanten Fragen!


Lesetipps



Impressum / Imprint: Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. :: Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum