2017-02 20min: Herr Benecke, kann man wirklich Blut weinen

From Mark Benecke Forensic Wiki
Jump to: navigation, search
20min logo.jpg

Quelle: 20 minuten, 9. Februar 2017


Herr Benecke, kann man wirklich Blut weinen?

[Weitere Artikel von MB] [Artikel über MB]


VON FEE RIEBLING

Mark Benecke ist einer der berühmtesten Kriminalbiologen der Welt. Er ermittelt nicht nur im Auftrag, sondern auch auf eigene Faust.

Mit Abgründen kennt sich Mark Benecke aus. Das bringt sein Job als Kriminalbiologe mit sich. Als solcher hat er schon den Schädel von Adolf Hitler untersucht, genauso wie den Fall des kolumbianischen Serienmörders Luis Alfredo Garavito Cubillos, der zwischen 1992 und 1999 bis zu 300 Jungen folterte, vergewaltigte und tötete (siehe Box 1).



BOX 1: Benecke und der kolumbianische Serienmörder

Mark Benecke arbeitete in der Rechtsmedizin Bogotá, als Luis Alfredo Garavito Cubillos, der bis zu 300 Jungen gefoltert, vergewaltigt und getötet hatte, im Gefängnis erkannt wurde. Er hatte dort unter falschem Namen gesessen. Die örtlichen Kollegen waren schwer mitgenommen und weigerten sich, mit dem Täter zu sprechen, noch nicht einmal Blut wollten sie ihm abnehmen. Benecke beschloss daher, die Sache auf eigene Faust zu verfolgen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine Arbeitsbeziehung zwischen Garavito, seiner Schwester, der örtlichen Polizei und Benecke, so dass einige Tatsachen erkannt wurden, die nun zur Vorbeugung eingesetzt werden können.



Doch Benecke schenkt auch Fällen Aufmerksamkeit, in denen niemand zu Schaden gekommen ist. So wie dem Blutwunder um Therese von Konnersreuth, das sich Benecke freiwillig vorgeknöpft hat. Berühmt wurde die Deutsche unter anderem, weil sie angeblich Blut weinen konnte (siehe Box 2).



BOX 2: Heilige oder Schwindlerin?

Therese von Konnersreuth, eigentlich Therese Neumann, wurde 1898 als ältestes von neun Kindern im bayrischen Konnersreuth geboren. Sie arbeitete als Magd, bis sie 1918 nach einem Unfall angeblich gelähmt und blind war. Erst 1923, am Tag der Seligsprechung von Therese von Lisieux, konnte sie wieder sehen. 1925, am Tag von deren Heiligsprechung, verschwand auch die Lähmung. Berühmt wurde Therese von Konnersreuth jedoch erst durch ihre blutenden Wundmale, durch ihre Visionen und durch das Phänomen, dass sie von 1926 bis zu ihrem Tod 1962 weder flüssige noch feste Nahrung zu sich genommen haben soll – mit Ausnahme einer geweihten Hostie, die sie bei der täglichen Kommunion zu sich nahm. Obwohl sie bereits zu Lebzeiten beobachtet und untersucht wurde, konnte viele Jahre nicht geklärt werden, ob sie tatsächlich über besondere Fähigkeiten verfügte oder eine Schwindlerin war. Ihre Anhänger störte das nicht: Sie pilgerten in Scharen in die kleine Stadt, um sie zu sehen. Auch heute noch ist ihr Grab das Ziel von Pilgern und Touristen aus aller Welt.



Herr Benecke, warum haben Sie das Blutwunder untersucht?

MB: Das war kindliche Neugier. Mir macht es Spass, Dinge zu ergründen. Ganz so wie ein kleines Kind, das einen Kieselstein entdeckt, und dadurch, dass es ihn anguckt, anfasst und in den Mund steckt, versucht, mehr über ihn zu erfahren. Alle Menschen lösen gerne Rätsel. Der eine macht halt Sudokus, der andere löst Kreuzworträtsel, und ich mache eben so etwas. Bei mir hat das Ganze dann noch eine praktische Anwendung.


Wie kamen Sie auf Therese von Konnersreuth?

MB: Im Jahr 2003 - und damit gut 40 Jahre nach Thereses Tod - haben sich Münchner Rechtsmediziner des Falls angenommen. Mithilfe von DNA-Analysen konnten sie nachweisen, dass es sich bei dem Blut auf den von damals erhaltenen Textilien tatsächlich um ihr Blut handelte. Darüber habe ich dann einen Artikel geschrieben. Danach passierte erst mal gar nichts - bis ich mich fragte, ob damit jetzt ein wissenschaftliches Wunder bewiesen sei.


Und: War es so?

MB: Ich hatte natürlich meine Zweifel, schliesslich wusste ich aus Überlieferungen, dass Thereses Augen unverletzt waren. Ganz im Gegensatz zu ihren Händen, die gemäss Aufnahmen und Berichten von damals Wunden aufwiesen. Sie hätte darüber also problemlos Blut gewinnen können. Aber: Ich will nichts glauben, nichts denken, nichts meinen. Ich will nachweisen und belegen - und zwar experimentell, nicht nur in Gedanken.


Wie sind Sie vorgegangen?

MB: Mir war wichtig zu zeigen, dass es noch andere Blickwinkel gibt, aus denen man den Fall betrachten kann. Zum Beispiel der rein spurenkundliche. Für diesen spielt es keine Rolle, ob das Blut echt gewesen ist. Da zählt nur, ob die Spuren stimmen. Und das habe ich dann mithilfe eines Experiments untersucht (siehe Video).


Mit welchem Ergebnis?

MB: Therese von Konnersreuth glaubte vielleicht wirklich an ihre Version, denn anders als auf den Abbildungen von ihrem Gesicht lief das Blut im Experiment nicht in Sturzbächen die Wangen hinab, sondern in Form von mehreren Rinnsalen. Hinzu kommt, dass diese in unseren Experimenten ungefähr gleich breit blieben und nicht spitz zulaufen wie auf den Aufnahmen von damals. Damit ist der Fall auf der naturwissenschaftlichen Ebene grundsätzlich widerlegt.


Welchen Fehler hat Therese von Konnersreuth gemacht?

MB: Sie hat an ihren Trick geglaubt, ihn aber nicht geprüft. Würde man nämlich statt Blut Wasser nehmen, würde ein bisschen verdunsten, ein bisschen kleben bleiben, und dann würde es beim Abrinnen tatsächlich nach unten hin weniger werden. Blut aber hat andere Klebeeigenschaften. Das wusste Therese nicht. Deshalb hat sie die blutigen Tränen wohl so aufgemalt, wie es logisch und lebensnah wäre.


Dass man besser alles genau checken sollte, passt zu Ihrem Mantra «Glauben Sie nichts, prüfen Sie alles»!

MB: Absolut. Das klingt zwar immer nach mehr Arbeit, aber am Ende des Tages macht es vieles leichter. Dabei sollte man immer sachlich vorgehen und schauen, ob man etwas be- oder widerlegen kann.


Gibt es denn Situationen, in denen selbst Sie sagen: «Das liegt eigentlich auf der Hand.»?

MB: Ich habe noch nie erlebt, dass etwas wirklich auf der Hand lag. Wenn etwas mal den Anschein gemacht hat, auf der Hand zu liegen, dann war es garantiert nicht so. Auch das findet man nur durch Überprüfen heraus.


Lesetipps




Impressum / Imprint: Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. :: Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum