Facharbeit Herbig 2010

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Facharbeit von Celina Herbig
Clara-Schumann-Gymnasium Bonn
Stufe 12 ( Jetzt 13)
Betreuender Lehrer: Dr. Rafael Körner

Der biochemische Abbau des menschlichen Leichnams unter den Aspekten der Verwesung,

der Autolyse und der Fäulnis sowie unter Berücksichtigung natürlicher Störungen

der Leichenzersetzung und deren Einschränkung

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Vorwort

Der Tod - ein Tabuthema in der heutigen Gesellschaft. Er wird verdrängt, meist aus Angst vor zu viel Wissen über das, was nach dem Ableben geschieht; ebenso wie die Vorgänge der Verwesung und des Zerfalls, die nach dem Absterben in allem Organischen vor sich gehen. Ich dagegen bin schon seit längerem an eben diesem Wissen interessiert, ich erlebte viele Tode von Familienangehörigen und konnte nie von der Überlegung lassen, was wohl nach dem Tod mit ihren Körpern passiert; die und nun gegebene Chance, die Anfertigung einer Facharbeit ebenso Anstöße durch Simon Becketts Romane „Die Chemie des Todes“ und „Kalte Asche“ - in denen ein fiktiver forensischer Anthropologe mit seinem Wissen über Verwesung und deren Merkmale verschiedene Mordfälle aufklärt - gaben mir die Möglichkeit, mehr über den Tod zu erfahren und mein Wissen nun teilen zu können.


Das Ende und der Abbau des menschlichen Körpers sind gebunden an den fortwährenden Gesamtkreislauf der Natur. Aasfresser und Mikroorganismen nutzen den Leichnam als Nahrungsquellen; sie nehmen zelleigene Stoffe für ihren eigenen Stoffwechsel auf.


Je mehr Klarheit über biologische und chemische Verwesungsvorgänge und deren Dauer sowie Beeinflussung durch die Umwelt besteht, desto besser lassen sich Todeszeitpunkte auf 12 Stunden genau bestimmen4. Die Forensik wird aufgrund von Erkenntnissen über diese Prozesse enorm erleichtert. Im Folgenden werden die Zersetzungsprozesse der Verwesung und der Fäulnis, ebenso wie Umwelteinflüsse auf den Leichenabbau erläutert, desweiteren wird auf Zersetzungsstörungen und Maßnahmen zur Vermeidung eingegangen, worauf hierbei der Schwerpunkt liegen soll.


Definition

Der Prozess des Leichenabbaus lässt sich in die Phasen der Fäulnis und der Verwesung einteilen. In der Verwesung ist der längere Abbauprozess enthalten, der bis zur Skelettierung führen soll. Zu berücksichtigen sind die Faktoren Zeit, die der Atmosphärischen Verhältnisse wie das Sauerstoffangebot, die Temperatur, Feuchtigkeit und Luftdruck, Gase, Mikroorganismenpopulation, Grabtiefe und pHWert. Unterschiede der Verstorbenen hinsichtlich der Konstitution, des Gewichts und der körperlichen Verfassung sind ebenfalls zu beachten.


Früher verstand man unter „verwesen“ verfallen oder vergehen. Nach späteren Erkenntnissen wurde die Verwesung als Folge bakteriellen Wachstums erkannt, die mit dem Abbau organischer Substanzen bakteriell bedingt ist. Man versteht darunter bakteriologische Stoffwechselaktivitäten - mit und ohne Freisetzung von geruchsintensiven Stoffwechselkomponenten - die zum Abbau des toten Organismus führen. Dieser Begriff wird im tierischen sowie im pflanzlichen Bereich verwendet, bei Lebensmitteln spricht man von verderben. Während der Verwesung werden die den Körper ausmachenden Substanzen wieder in ihre Grundbausteine zerlegt; das Gewebe von Bakterien zersetzt und nach und nach verflüssigt.


Den mikrobiellen Abbau der organischen Substanzen zu anorganischen Grundbausteinen nennt man auch Mineralisation. Bei höheren Temperaturen, wie bei der Einäscherung zum Beispiel, kann der Leichnam unter Zutritt von Sauerstoff durch Verbrennung mineralisiert werden. Der mineralische Knochenanteil verwest nicht, jedoch gehen bei niedrigem pH-Wert auch die Anteile der Knochen in Lösung und es bleiben keine Reste mehr übrig.


Kleinere verwesende Stellen durch absterbende Zellen am lebenden Körper wiederrum fasst man unter dem Begriff einer Nekrose(Siehe Abb. links) zusammen. Zum Zelltod führen - auch zum programmierten, der u.a. auch bei Pflanzen zu beobachten ist - können zum Beispiel schädliche Einflüsse wie Gifte, Bakterien, Sauerstoff- und Nährstoffmangel und Radioaktivität.


Historie über den Umgang mit Leichnamen

Der erste Umgang mit Toten und die ersten Sektionen fanden im alexandrinischen Ägypten 300 v. Chr. statt, man vivisezierte2 hingerichtete Verbrecher sogar. Die Tradition, Leichen von Verbrechern als Sezierungsobjekt zu nutzen, setzte sich bis ins 18.und 19. Jahrhundert fort und erreichte zu dieser Zeit in Großbritannien ihren Höhepunkt. 1752 galt es als offizielle Strafe für Mörder. Es entwickelten sich private Anatomieschulen, die jedoch mit einem Mangel an Leichen zu kämpfen hatten. Die Menschen spendeten keine Leichname, aus Angst nicht in den Himmel zu kommen. Es wurde massiv Leichenraub betrieben, und Angehörige der Oberschicht ließen ihre Särge mit Eisenkäfigen schützen. Es wurden sogar Aufträge zum Mord an bereits Erkrankten erteilt, was weniger Arbeit als Exhumierungen bedeutete1. Heute ist es möglich, die Spende seines Körpers in seinem Testament festzuhalten. Dieser kann dann zur Sektion und Anschauung an Anatomie - und Chirurgieschulen für Studenten verwendet werden.


Der menschliche Körper - Chemische Zusammensetzung

Die Zusammensetzung des Körpers wirkt sich stark auf seine Zersetzbarkeit aus, desweiteren interessiert sie, um Anhaltspunkte über die entstehenden Abbauprodukte zu erhalten. Der Körper besteht zu ungefähr 50% aus Wasser, die also quantitativ wichtigste Substanz, deren Menge jedoch durch altersbedingte und von dem Ernährungszustand abhängige Verteilung von Muskulatur und Fett variabel ist. Der Gewichtsanteil der Knochen beträgt 15%, die übrigen 35% bestehen aus polymeren organischen Substanzen wie Eiweißen, Fetten und Polysacchariden. Proteine bilden mit den Fetten die wichtigste organische Stoffklasse, der durchschnittliche Gehalt an Muskelmasse beträgt gut 40%, der Anteil der Fette im Körper ist jedoch meist nicht geringer, bei beleibteren Körpern sogar höher.


Desweiteren werden die Substanzen des Körpers im wesentlichen aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff gebildet; außerdem aus Schwefel, Stickstoff, und Phosphaten, sowie aus Mineralien und Spurenstoffen wie Calcium, Kalium, Magnesium, Natrium, Chlor, Eisen, und Kupfer. Bei Betrachtung den anorganischen Substanzen fällt zunächst der hohe Calciumanteil auf. Calcium stellt einen wichtigen Bestandteil des Knochenmaterials dar; es bleibt nach dem Tod relativ lange im Skelett gebunden, wodurch bei Untersuchungen der Bodenlösung unterhalb von Leichen die Konzentration von Kalium die größte ist, vor Natrium, Calcium und Magnesium.


Äußere Anzeichen und Bestimmen des Todeszeitpunkts

Einige Stunden nach Eintritt des Hirntods fällt der Körper in die Totenstarre, auch rigor mortalis genannt. Grund dafür ist das an das Actin gebundene Myosin, das sich durch fehlendes ATP - da dieses nach dem Tod nicht mehr hergestellt wird - nicht mehr aus der innermolekularen Umlagerung und der Bindung lösen kann; die Muskeln bleiben kontrahiert. Die Totenstarre setzt normalerweise zuerst in Kopf und Hals ein, dann in tieferliegenden Körperteilen und hat nach ca. zehn bis achtundvierzig Stunden den ganzen Körper eingenommen. Nach einiger Zeit folgt die Rückbildung; die Proteine werden aufgespalten und zerfallen nach und nach. Gleichzeitig sammelt sich das Blut zu Totenflecken; es wird ein spezifischer Geruch abgegeben, beschrieben als „dichter, [süßlicher,] anwidernder Geruch, […] eine Mischung aus verrottendem Obst und faulendem Fleisch.“


Der Ort des Todes kann durch Nachprüfen der für die Verwesung typischen flüchtigen Fettsäuren und der bei der Zersetzung entstehenden Verbindungen im Boden bestimmt werden. In den ersten vierundzwanzig Stunden ist es außerdem möglich, den Todeszeitpunkt durch die Bestimmung des Kaliumgehaltes der Glaskörpergallerte des Auges korrekt zu ermitteln.


Eine weitere Möglichkeit der Eingrenzung des Todeszeitpunkts ist die Abweichung der Körpertemperatur. Bei gemäßigten Temperaturen kühlt eine Leiche um 0,8 Grad Celsius ab, bis sie die Umgebungstemperatur erreicht hat. Ist der Leichnam älter als drei Tage, wird versucht, durch entomologische Hilfe Rückschlüsse aus dem Verwesungsstadium zu ziehen. Jedoch wird dies unter anderem durch die Umgebung und die Lage beeinflusst.


Autokatalytischer Abbau

Das Merkmal der ersten Phase des Abbaus der Leiche ist die Autolyse, die Selbstverdauung, die bereits nach kurzer Zeit einsetzt.


Mit dem Tod kommen nicht sofort alle Prozesse im Körper zum Erliegen. Dieser erste Vorgang besteht aus enzymatischen Prozessen, die ohne Mikroorganismen ablaufen können. Körpereigene Enzyme sind über den Tod hinaus aktiv und katalysieren weiterhin chemische Umsetzungen wie Glykolyse, Ring- und Eiweißspaltung und Lactonbildung. Relativ schnell nach dem Tod setzt eine Säuerung im Gewebe, in den Organen und in den Körperflüssigkeiten ein. Der pH-Wert sinkt - unter anderem durch glykolytische Milchsäurebildung - von ca. 7,4 bis unter 6.


Einen wichtigen Anteil am autokatalytischen Abbau besitzen die Lysosomen, Verdauungsorgane der Zellen, die insbesondere eiweißspaltende Proteasen sowie fettspaltende Lipasen enthalten und zu Lebzeiten die Zellen von Fremdkörpern und überflüssig gewordenen Zellbestandteilen reinigen und diese zu Aminosäuren, Fettsäuren und Glucose abbauen. Nach Eintritt des Todes sind die Lysosommembranen durchlässig geworden, die enthaltenen Enzyme werden in die Zelle entleert. Diese Proteasen spalten nun komplex aufgebaute polymere Substanzen und auch die Moleküle der Zellen unkontrolliert immer weiter auf, durchdringen Zellstrukturen und bewirken ihre Selbstauflösung, bis sie durchlässig werden und das flüssige Innere austritt. Zellinhaltstoffe und intrazellulare Substanzen diffundieren; Strukturauflösungen und eine allgemeine Verflüssigung des Weichgewebes treten auf. Auch die Wände der Hohlorgane und das Bindegewebe werden weicher und dünner.


Die Polypeptide verlieren ihre dreidimensionale Struktur, teilweise werden Oligopeptide und einzelne Aminosäuren abgespalten. Es tritt allerdings noch keine Spaltung der Peptidbindungen auf. Dieser Prozess der Autolyse betrifft zunächst Zellplasma und Ganglienzellen sowie fibrilläre Elemente des Bindegewebes; Knochen und knorpelige Strukturen sind zunächst resistent. Die Haut bleibt weitgehend intakt, die Zellen der Epidermis werden schnell zerstört, jedoch sind Kollagenfasern der Dermis und das Speicherfettgewebe der Subcutis11 der Autolyse gegenüber relativ stabil. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses lässt sich durch die Temperatur stark beeinflussen. Da das Aktivitätsoptimum der Enzyme zwischen 34 und 40° Celsius liegt, lassen sich die Abbauprozesse durch Kühlung hinauszögern, ebenso mit dem Enzymgift Cyanid. Der typische süßliche Leichengeruch beginnt mit dieser Phase. Für den Gesamtabbau ist der wenige Tage andauernde Prozess jedoch ohne große Bedeutung, der entstandene Abbau kann ebenso durch mikrobielle Stoffwechselaktivitäten und Verdauungsprozesse wie auch durch Aasfresser erfolgen.


Fäulnis und Verwesung

Die Fäulnis, die ungefähr drei bis neun Monate währt und dann in die eigentliche Verwesungsphase übergeht, ist eine anaerobe Gewebszersetzung durch bakterielle Enzyme, die organische Substanzen entweder direkt oder nach ausreichender Spaltung aufnehmen, um daraus zelleigene Substanzen wie Eiweiße, Polysaccharide und Poly-ß-Hydroxisäuren für den eigenen Stoffwechsel zu gewinnen. Es entstehen Methan, Wasserstoff, Stickstoff und Kohlenstoffdioxid sowie als typische Fäulnisgase Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Die Zersetzung setzt von den Körperhöhlen und der Hautoberfläche ausgehend ein, die größte Menge der Fäulniserreger herrschen im Dickdarm vor, wo sie in einer Gesamtkeimzahl von zwischen 10 g und 10 g pro Stuhl vorliegen. Bakterien wie die Darmbakterien Escherichia coli verdauen nun den Körper selbst. Die Muskulatur, innere Organe und das Gehirn sind beim Tod frei von Bakterien und Fäulniserregern, die Organismen wandern über die Haut oder aus dem Darm und den Atemwegen entlang der Blutgefäße ein, sodass dort nach einiger Verzögerung auch der Abbau erfolgen kann. Die durch Autolyse bedingt Durchlässigkeit von Membranen und Wänden erlaubt ebenso eine rasche postmortale Ausbreitung der Mikroorganismen, vom Bauchraum ausgehend.


Die in der Folgezeit tätigen Hauptzersetzer werden Saprophyten genannt, z.B. kommen in der Mundflora die Streptokokken, in der Darmflora die oben genannten Kolibakterien (siehe Abb. links) und auf Haut und Schleimhäuten Staphylokokken (siehe Abb. Unten) vor, außerdem Hefe - und Schimmelpilze. Durch die Bakterientätigkeit verändert sich das Milieu im Körper und eine Alkalisierung tritt ein, wobei der pH-Wert jedoch meist unter 10 bleibt. Der Fäulnisprozess führt außerdem zu einem Wiederanstieg der Körpertemperatur - was die Enzymaktivität erheblich steigert - außerdem werden Fäulnisgase wie Schwefelwasserstoff gebildet, was die Bauchdecke grünlich färbt. Lunge und Darm werden mit Gasen durchsetzt, das Fettgewebe ist weitgehend resistent. Das Reaktionsspektrum ist bei der Fäulnis wesentlich breiter als bei der Autolyse, was in erster Linie daran liegt, dass neben den zelleigenen auch bakterielle Enzyme am Abbau beteiligt sind. Nun können auch die freigesetzten Aminosäuren abgebaut werden. Meist werden als Abbauprodukte Putrescin, Cadaverin, Tyramin, Ornithin, -Aminobuttersäure und Taurin sowie Ammoniak und Harnstoff gefunden, je nach pH-Wert. Als Abbauprodukte der Fette lassen sich am Ende der Fäulnisphase hingegen meist Capron- und Buttersäure sowie Essigsäure finden. Auf den Erhalt der Fettsäuren unter ungünstigen Verwesungsbedingungen wird im Folgenden noch ausführlich eingegangen.


Die Verflüssigung des Weichgewebes wird während der Fäulnis zunächst fortgeführt und intensiviert, darauffolgend wird die Leiche zunehmend entwässert, wonach der Zerfall der verbleibenden Gewebsreste eintreten und somit der Endabbau der Leichenzersetzung beginnen kann. Zunächst sammeln sich überall im Körper Flüssigkeiten an, besonders in der Brust- und Bauchhöhle sowie in Fäulnisblasen unter der Haut. Die Fäulnisflüssigkeiten enthalten Proteine und deren Abbauprodukte, Fette, Fettsäuren und weitere Bestandteile des Körpers. Dann werden die angesammelten Fäulnisflüssigkeiten durch starke Gasentwicklung vor allem von Methan, Ammoniak, Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid und durch dadurch im Körper entstehende Binnendrücke aus dem Körper herausgetrieben, denn Darm, Magen und Bauchhöhle werden ausgepresst. Ebenfalls komprimiert werden Blutgefäße, das Blut gelangt zum Herzen und von dort in die Lunge, wo es zusammen mit Lungenflüssigkeit wegen nicht mehr vorhandenen Membranfunktionen der Blutgefäßen und Lungenbläschen durch die Lungenoberfläche gepresst oder durch Mund - und Nasenöffnung aus dem Körper gelangt. Bei steigendem Gasdruck werden ebenfalls Darm, Magen und Blase sowie bei bereits erweiterten Geburtswegen auch die Gebärmutter19 entleert8. Nach der Entwässerung steigt die Zahl der aeroben Abbauprozesse, die Fäulnis wird von der eigentlichen Verwesung abgelöst.


In Abhängigkeit von der Temperatur

Mikroorganismen können unter Temperaturen von 0° bis rund 70° Celsius wachsen. Das Optimum liegt zwischen 30° und 40°C. Unter 5°C ist das Wachstum stark verlangsamt; bei Temperaturen von 6°- 15°C in einer Tiefe von 1 bis 2 Metern ist ein mikrobielles Wachstum jederzeit möglich.


In Abhängigkeit von der (Luft-)Feuchtigkeit

Das Überleben von Mikroorganismen ist nur bei genügend Wasser möglich. Wenn kein Wasser vorhanden ist, vermehren sie sich nicht weiter und die Verwesung stoppt. Bei dem Todeseintritt reicht der Wassergehalt des Körpers normalerweise aus, um mikrobielles Wachstum zu ermöglichen. Durch den Abbau, das heißt durch den Stoffwechsel der Bakterien entsteht zwar Wasser als Abbauprodukt, trotzdem geht, wie in dem Teil „Fäulnis und Verwesung“ erläutert, viel Feuchtigkeit verloren, woraus Mumifikation folgen kann, welche im Weiteren noch erläutert wird. Doch der mikrobielle Abbauvorgang erfolgt trotz des Wasserbedarfs nicht in wässriger Lösung oder dergleichen, sondern es ist ein Abbau fester Substanzen mit Hilfe einer von Wasser benetzten Oberflächen, der Haut. Entscheidend ist die Temperaturdifferenz zwischen der Luft und dem Material. In Grüften oder Grabkammern kommt es nicht zu Temperaturschwankungen und Flüssigkeitsfilmbildung, das heißt es bildet sich auch keine Mikroorganismenpopulation, somit kommt es nicht zur Verwesung.


In Abhängigkeit von dem Sauerstoffangebot

Auch wenn Mikroorganismen während der Fäulnis z.B. unter anaeroben Bedingungen wachsen können, ist Sauerstoff bei der Zersetzung von entscheidender Bedeutung. Der noch im Körper vorhandene Sauerstoff wird rasch aufgebraucht. Die Verwesung beginnt zwar unter anaeroben Bedingungen in Darm und Atemwegen, doch wenn genügend Sauerstoff in der umgebenden Luft vorhanden ist, kann auf der Haut von Beginn an ein aerober Abbau stattfinden.


Bei dem Aufbau zelleigener Substanzen werden z.B. Fett oder Eiweiße aus dem Körper abgebaut, für die Energiegewinnung müssen Elektronen von Donatoren auf Akzeptoren übertragen werden. Als Donator treten wieder die organischen Substanzen wie Eiweiße und Fette auf, als Akzeptor dient meist Sauerstoff. Ist dieser nicht vorhanden, sind weder Energiegewinnung noch daraus resultierendes mikrobielles Wachstum möglich.


Aasfresser

Im westeuropäischen Kulturkreis sind die Erd-, Verbrennungs- oder Seebestattungen die gängigsten Formen der Beisetzung. Vorsätzliche Aussetzungen des Leichnams an Aasfresser sind zwar eine große Ausnahme, jedoch in anderen Land- und Kulturkreisen zu beobachten. Der Leichnam wird in zum Beispiel Indien oder im Iran in sogenannten „Schweigenden Türmen“ ausgelegt ². In unserer und vielen anderen Kulturen wird durch die Anlegung des Erdgrabes der Abbau der Leiche durch aasfressende Groß- und Kleintiere und Insekten eher verhindert als gefördert, da die meisten nicht soweit in die Tiefe vordringen, in der der Sarg beigesetzt wurde; auf den Nährstoffkreislauf der Natur bezogen entstehen dadurch jedoch keine Auswirkungen, da der menschliche Körper im Vergleich zum Nährstoffumsatz eines hiesigen Ökosystem aus zu wenig organischer Substanz besteht8. Durch oberirdische Lagerung oder geringe Erdabdeckung kann die Leiche durch kleine Aasfresser, wie zum Beispiel Ratten sehr schnell skelettiert werden. Ebenso können Insekten, entweder direkt oder durch die Eiablage und das darauf resultierende rasche Schlüpfen und Heranwachsen der Larven, einen Hauptanteil an der Weichteilzerstörung tragen. Sie werden größtenteils durch zu Beginn der Verwesung entweichende Gerüche angelockt. Fliegen zum Beispiel legen ihre Eier in die Körperöffnungen ab, an Lidspalten, Augenwinkeln, Nasenlöchern, Mundwinkel und Genitalien sowie an offenen Wunden. Die unter guten Bedingungen nach zehn bis vierundzwanzig Stunden geschlüpften Maden fressen sich durch die Haut und dort subkutanes Fett.


Ein Versuch auf einem Untersuchungsgelände der Universität Tennessee zeigt, dass Insektenlarven den Leichnam auch im Boden besiedeln können. Es wurden sechs Leichen zu unterschiedlichen Jahreszeiten und in unterschiedlicher Tiefe bestattet, um die größten Faktoren zur Insektenaktivität nachzuweisen.


Leichen 1 und 2 begrub man in knapp 1 Meter Tiefe, es konnten keine Insekten festgestellt werden, im Gegensatz zu Leichen 3 bis 6, die in einer Tiefe von nur 0,3 Metern begraben wurden. Leiche 3 - im August bestattet - wies eine höhere Insektenaktivität auf als die im Winter beigesetzten Leichen 4 bis 6, womit die Abhängigkeit der Insektenaktivität von der Ausgangs- und Außentemperatur verifiziert wäre. Im Vergleich der Leiche 2 und 3 fällt der Aspekt der Bestattungstiefe besonders auf, Leiche 3 war nach drei Monaten bereits stark abgebaut, während Leiche 2 erst nach sechs Monaten einige Anzeichen von Zersetzung zeigt. Der Körper wird nicht nur von Bakterien und Insekten verzehrt, sondern auch von vielen Nagetieren und anderen Säugern, ebenfalls von fleischfressenden Käfern, die sich bevorzugt neben Muskeln auch die Haut einverleiben.


Verwesungsstörungen

Im Vorangegangenen wird größtenteils von Idealbedingungen ausgegangen, um den Zersetzungsprozess deutlich machen zu können. Sind diese Bedingungen von idealen Temperaturen über ausreichenden Wasser- und Luftaustausch nicht erfüllt, kommt es zu zersetzungshemmenden oder -stoppenden Störungen. Solche Verwesungsstörungen sind auch auf deutschen Friedhöfen bekannt. In sehr wenigen Fällen können toxische Stoffe wie Schwermetalle aus erzhaltigem Gestein die Verwesung hemmen. 1670 verschwand ein Bergarbeiter in einer Kupfermine in Falun, Schweden, seine Leiche wurde 1719, unversehrt in kupferhaltigem Wasser gefunden.


Auch Antibiotikabehandlungen vor dem Tod können aufgrund ihrer bakteriziden Wirkungsweise postmortem die Leichenflora hemmen und somit den Zersetzungsprozess beeinträchtigen, allerdings sind sie bereits sechs bis acht Tage nach dem Tod nicht mehr nachweisbar, stellen also keine große Verzögerung dar. Die bekannteste Art ist die sogenannte Fettwachsleichenbildung, auf die neben der in Westeuropa eher seltenen Mumifikation im Folgenden besonderen eingegangen wird.


Wachsleichenbildung

Die ersten Berichte über Wachsleichen sind aus dem Jahre 1786 über den Friedhof der unschuldigen Märtyrer von Thouret bekannt: „An den Leichen, deren mehrere in eine gemeinschaftliche Grube geworfen worden waren, war kein Fasergewebe mehr wahrzunehmen, sondern alle weiche Theile zu einem meistens sehr festen mehr oder weniger weißen Mark geworden, das sich [...] fett anfühlte, an trockener Luft hart, und zuweilen glänzend, beynahe wie Metall, wurde an feuchter Luft wieder aufgeweicht, stank, schimmelte und mit den lebhaftesten und mannigfaltigsten Farben anlief. “


In erster Linie ist Fett ein Reserve- und Speicherstoff für Energie. Chemisch eng verbunden mit Fetten sind die Poly-ß-Hydroxifettsäuren, typische Speicherstoffe von Mikroorganismen. Ob es zur normalen Verwesung oder zur Wachsleichenbildung, auch Fettsäurekonservierung oder Adipocirebildung genannt kommt, wird während des Fäulnisprozesses entschieden. Durch eine sehr intensive Fäulnis können die gesättigten Fettsäuren abgebaut werden und der Zerfall wird fortgeführt, doch die Intensität und somit auch die Störungsanfälligkeit stehen mit der Temperatur in Verbindung.


In den ersten Tagen nach dem Tod zerlegen Lipasen Triglyceride, also Fette in ihre Bestandteile Glycerin und langkettige Fettsäuren. Die Enzyme der Bakterien des Fäulnisprozesses begünstigen die Hydrolyse der Körperfette und die damit verbundene Freisetzung von Fettsäuren, die teilweise in das Muskelgewebe und in innere Organe diffundieren. Es folgt eine ebenfalls durch bakterielle Enzyme katalysierte Transformation von ungesättigten in gesättigte Fettsäuren, was den Wegfall der Doppelbindung bezeichnet und zu einer Fetthärtung führt. Diese beginnt im subkutanen Fettgewebe und blockiert den Fäulnisprozess, der von Körperinneren ausgeht. Ein regelrechter Lipidpanzer, auch Adipocire genannt, entsteht, der nun die äußere Form der Leiche stark konserviert und unter Durchdringung von Muskeln und inneren Organen durch flüssige Fettsäuren auch diese in den Vorgang mit einbeziehen und somit erhalten kann.


Mumifikation

Unter mumifizieren, oder auch saponifizieren versteht man das Vertrocknen, mehr oder weniger unter Bewahrung und Struktur des Leichnams. Das Wort „Mumie“ wird wahrscheinlich abgeleitet von dem arabischen Wort موميا (Mumia), das zwar erst seit dem 13. Jahrhundert nach den Kreuzzügen die Bezeichnung für einen einbalsamierten Leichnam ist, jedoch ursprünglich eine durch Erdpech, bitumen, oder auch mineralisches Pech, Pissaphalton genannt, einbalsamierte Leiche bedeutete.


Es gibt wenige Aufzeichnungen über natürlich entstandene Mumien, da ihnen in Deutschland nie große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Grob zusammengefasst zeigen sie, wie Toussaint es beschreibt, folgenden Charakter: „Ihre Haut ist trocken, lederartig-elastisch[....], die Haare [...] meistenteils wohl erhalten. [...] Das Unterhautbindegewebe ist geschrumpft und fest an die Knochen geleimt [...], das Gehirn fand sich zu einem braunen Pulver vertrocknet[…], die Brusthöhle fand sich fast leer und [...] [die Organe] zusammengeschrumpft. Knorpel [und Knochen] zeigten ihre normale Struktur.“ Die von ihm untersuchte Mumie war 560 Jahre alt. Das Alter dieser natürlichen Mumien ist weit geringer als das der künstlichen, es beläuft sich nicht über 1000 Jahre.


Zunächst setzt auch bei der ungewollten, aber natürlichen Mumifikation nach Todeseintritt der oben abgehandelte Zersetzungsprozess ein. Das Wasser im Körper reicht zunächst für das Wachstum der Mikroorganismen aus, durch den Feuchtigkeitsentzug, meist durch z.B. heißen Sandboden aber auch durch die Luft in großer Höhe verdorrt der Körper jedoch regelrecht. Kommt er wieder mit Wasser in Berührung, wird der Abbau fortgesetzt.


Zusammengefasst behalten mumifizierte Leichname unter Entzug all ihrer Flüssigkeiten ihre anatomische Struktur, durch Austrocknung des Weichgewebes wird die Zersetzung gestoppt. Einen großen Faktor stellt demnach die Umgebung dar, die Bodenbeschaffenheit und das Vorhandensein beweglicher Luft. Doch auch hier gibt es verschiedenen Einflüsse und Bedingungen, unter denen die Mumifizierung variabel erscheint. Krankheiten, die Todesursache oder wenigstens beteiligt waren, gehören zu solchen. Jene, bei denen ein „anhaltender Säfteverlust“ vorliegt, lassen den Körper eher der Mumifikation zum Opfer fallen als „die Blutmasse schnell zersetzende Krankheiten“. Die Körper von Menschen, die durch Gifte sowie an schwerwiegenden Verletzungen ohne oder mit wenig Blutverlust verstorben sind, sind nach Toussaint eher für die Fäulnis und Vermoderung anfällig, da genügend Flüssigkeit vorhanden ist. Natürlich mumifizierte Leichen sind in diesen Breiten höchst selten und treten wenn überhaupt in Grüften oder Gewölben auf.


Moorleichen

Moorleichen können mehrere Jahrtausende alt sein. Sie werden wegen des Sauerstoffmangels gut vor mikrobiellem Wachstum geschützt. Die im Torf bestehenden Huminsäuren lösen die Knochen vollständig auf, die Leichen sind außerdem aufgrund des auf ihnen lastenden Gewichts stark komprimiert.


Verwesungsdauer und (Mindest-)Ruhefrist

Die Angaben über die Verwesungsdauer von menschlichen Leichnamen variieren. Zu beachten sind dabei Begleitumstände der Wasserverhältnisse und der Bodenbeschaffenheit. Fundierte Kenntnisse über die Dauer und den Fortschritt des Abbaus der Leiche wären nur durch Exhumierungen zu erlangen, doch dies ginge nicht einher mit der Wahrung der Totenruhe und ist des weiteren aus Pietätsgründen ausgeschlossen. Unter Berücksichtigung des Bodens gibt es also nur sehr wenige Untersuchungen über die Verwesung der Leiche. Ein weiterer Punkt zur Differenzierung besteht in dem Alter der Leiche. Kinderleichen sind nach kürzester Zeit verwest. In mehreren Quellen wird bei idealen Bedingungen ein Zeitraum von 10 Jahren angegeben, bis nur noch Großknochen zu finden sind. Bei schlechten Verwesungsbedingungen besteht ein „kürzester Zeitraum“ von bis zu 50 Jahren. In Kommun- oder Massengräbern treten bei gleicher Zeitdauer meist Verwesungsstörungen wie speziell Wachsleichenbildung auf. (Siehe Anhang A, Tabelle 3).


Maßnahmen und Nachwort

Zusammenfassend ist die Verwesung an sich nur ein geringer Teil des eigentlichen Zersetzungsprozesses. Es muss der Autolyse, der Arbeit der Mikroorganismen während der Fäulnis und den Bakterien Beachtung geschenkt werden. Des Weiteren sollten zum optimalen Leichenabbau verschiedene Faktoren beachtet werden. Die Bestattungstiefe darf nicht zu tief sein, um negative Auswirkungen auf den Zersetzungsvorgang zu vermeiden. In geringerer Tiefe sind Störungen oder Beeinträchtigungen durch den Geruch und mögliche Schändungen durch Tiere noch nicht zu befürchten. Sargholz und Kleidung sollten gut abbaubar sein, das Holz möglichst unbehandelt und die Kleidung aus leichter Baumwolle; Synthetik sollte vermieden werden. Im Boden unterhalb des Sarges sollten „keine Verwässerungserscheinungen auftreten oder durch kleine Einlagerungsprozesse und Bodenverdichtungen bewirkt werden können“.


Außerdem muss ein Sicherheitsabstand zum höchsten Stand des Grundwasserspiegels eingehalten werden.


Mumifizierung kann durch genug Feuchtigkeitszuführung von außen und Verhindern der Feuchtigkeitsabgabe an die Umgebung ausgeschlossen werden. Ist Letzteres jedoch nicht gewährleistet, ist eine Wachsleichenbildung zu befürchten. Um diese zu verhindern, muss genügend Sauerstoff vorhanden sein - der nur durch Luft in ausreichender Menge antransportiert werden kann - damit Mikroorganismen wachsen können.


Aus den Maßnahmen, mit denen Wachleichenbildung verhindert werden soll, z.B. durch die Beisetzung in Grabkammern, folgt also Mumifikation, so wie umgekehrt aus denen zur Vermeidung von Mumifikation, wie das Ableiten des Sicherwassers, Wachsleichenbildung folgen kann. So sieht es aus, als müsse ein Mittelweg gefunden werden, um es weder durch zu viel Feuchtigkeitsverluste zu Mumifikation kommen zu lassen, noch durch Sauerstoffmangel zu Wachsleichenbildung.


Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Dr. med. Dirk Schoenen, Professor am Universitätsklinikum Bonn und Dr. Michael C. Albrecht für die Freistellung und Vergabe von Literatur und Bildmaterial.


Lesetipps



Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🌏 Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page