2014 07 Junge Welt Sie vertuschen vernebeln und luegen uns die Hucke voll

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Quelle: Staat und Gewalt, Beilage der jungen Welt (jW), 2. Juli 2014

»Sie vertuschen, vernebeln und lügen uns die Hucke voll«

Die Führung der Bundespolizei findet überfallartige Durchsuchungen völlig in Ordnung.

Ein Gespräch mit Mark Benecke

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INTERVIEW: PETER WOLTER


Dr. Mark Benecke ist Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie. Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der »PARTEI«


Sie haben zahlreiche Bundespolizisten in Ihrem Fachgebiet Forensik ausgebildet, jetzt mußten Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit dieser Truppe machen. Was ist Ihnen zugestoßen?

MB: Es ist jetzt das dritte Mal, daß ich Opfer von »Präventivdurchsuchungen« der Bundespolizei geworden bin. Ich bin jedes Mal komplett auseinander genommen worden. In München wurde ich in einem abgetrennten, leeren, komplett gekachelten Raum im Hauptbahnhof isoliert, in Cottbus ohne Vorwarnung plötzlich von Polizisten angesprungen und auf den Boden geworfen: Gesicht auf den Asphalt; Handschellen; Gebrüll, ob ich deutsch spreche. Ein Grund für solche Einsätze wird nie genannt – hintenherum bekam ich aber heraus, daß ich am Berliner Bahnhof Zoo eisenbahntechnische Anlagen fotografiert haben soll. Erstens frage ich mich, warum das verboten sein sollte, und zweitens bin ich an diesem Tag dort keine Sekunde gewesen. Es war frei erfunden.

Vor gut drei Wochen wurde ich in einem von der niederländischen Stadt Arnheim abgefahrenen Nachtzug auf deutscher Seite wieder einmal hopsgenommen: Nach der Kontrolle meines Ausweises führte mich die Bundespolizei in ein leeres Abteil, wo ich mich bis auf die Unterhose auszog, da ich überall am Körper Taschen trage und diese nur ablegen kann, wenn ich mich entkleide. Dann wurde mein Koffer durchwühlt, der Inhalt im Abteil verstreut. Sie durchsuchten auch meine sonstigen Taschen, die ich bei mir hatte, darunter auch mein Einsatzdings. Zum Abschied wurde mir der Ausweis vor die Füße geknallt.


Was ist das für ein »Dings«?

MB: Das ist eine Tasche mit Sachen, die ich beruflich brauche: Pinzetten, Taschenlampe, Plastikbeutel, etc. Am Gürtel trage ich auch noch Karabinerhaken, an denen eine Taschenlampe, das Mobiltelefon oder ein Schlüsselbund hängen – harmlose Sachen also. Ich führe immer alles mit mir, was ich für den Job brauche).


Haben Sie den Beamten bei dieser Gelegenheit erklären können, wozu Sie dieses Einsatzdings brauchen und wer Sie sind?

MB: Ich diskutiere nicht rum, ich sage auch nicht: Ich bin aber der und der. Allerdings hat auch keiner der Beamten irgend etwas zu meiner Ausrüstung oder meiner Person gefragt. Daß mich die Polizei immer wieder herauspickt, kann ich mir nur so erklären, daß sie mich für verdächtig hält, weil ich tätowiert bin und schwarze Klamotten trage. In allen Fällen waren die durchsuchenden Polizisten schlecht ausgebildet und sehr unbeholfen, was sie offenbar durch ihren aggressiven Auftritt kompensieren wollten.


»Selfies« von Mark Benecke nach seiner Begegnung mit der Bundespolizei im ICN: Gepäck gefilzt, Ausweis vor die Füße geknallt, keine Entschuldigung
Haben sich die Beamten entschuldigt? Es tut ja nicht weh zu sagen: »Tut uns leid, schöne Fahrt noch!« .

MB: Beim ersten Mal, das war in München, fand der durchsuchende Beamte bei mir, diesem für ihn wohl etwas schrägen Typen, ein metallenes Brillenetui von der Bundeswehr. Darauf wurde er umgänglicher und fragte mich: »Haben Sie gedient?« Er hat sich dennoch nicht entschuldigt.

Nachdem ich zum zweiten Mal durchsucht worden war und das Fernsehen darüber berichtet hatte, wurde mir von der Polizeiführung angeboten, bei einer Tasse Kaffee über dieses Vorkommnis zu reden. Das habe ich mit der Begründung abgelehnt, sie sollten vorher erst einmal klären, wieso ich überfallartig auf den Boden geworfen wurde. In den offiziellen Stellungnahmen wurde behauptet, die Beamten hätten sich ausgewiesen und mich vergeblich aufgefordert, stehen zu bleiben. Mindestens hundert Zeugen auf dem Bahnsteig hätten aber bezeugen können, daß das gelogen war.


Daß Sie immer wieder herausgegriffen werden, liegt also Ihrer Meinung nach an Ihrer äußeren Erscheinung?

MB: Wie gesagt, Einsatzgründe werden grundsätzlich nicht mitgeteilt, aber einer der Beamten hat mich ja zuletzt vor allen drei Kollegen offen wegen meines Aussehens beleidigt. Ich bin Träger der Ehren-Kriminalmarke des Bundes Deutscher Kriminalbeamter – selbst das führt nicht dazu, daß mal ein offizielles, kollegiales Gespräch mit der Bundespolizei zu diesen Überfällen stattfindet.


Haben Sie von ähnlichen Fällen gehört? Der deutschen Polizei wird ja immer wieder »RacialProfiling« vorgeworfen, das heißt: Dunkelhäutige sind von vornherein verdächtig.

MB: Eine Freundin betreut eine Facebookseite, auf der sie veröffentlichte, was mir zugestoßen ist. Wegen der Emmerich-Geschichte, über die auch die Bild berichtete, haben wir 15000 neue Fans bekommen.

Unfaßbar, das hat erschreckenderweise wohl einen Nerv getroffen. Es wurden auf dieser Seite auch zahlreiche Beiträge von Leuten gepostet, denen Ähnliches zugestoßen ist – keine Radikalinskis, sondern eher Menschen mit einer humanistisch-liberalen Weltanschauung. In allen Fällen wurde berichtet, daß sie wegen irgendwelcher Äußerlichkeiten hopsgenommen wurden. Glauben die Polizisten etwa, daß z.B. ein Drogen- oder Waffenschmuggler mit Dreitagebart, Lederhose und Totenkopf-Ring durch die Gegend läuft?


Wie haben Sie Bundespolizisten in der Ausbildung erlebt?

MB: Sie waren extrem freundlich zu mir, sie hatten bei meinen Vorträgen in ihrer Fachschule meist ein positiv kindlich-naives Interesse an meinem Fachgebiet der Spurensuche. Ich habe fast alle als zuvorkommend und umgänglich erlebt. Die anderen Ausbilder waren begeistert von meinen Vorträgen.


Haben Sie eine Erklärung dafür, warum solche Leute plötzlich zu Rambos mutieren, wie Sie sie erlebt haben?

MB: »Rambos« würde ich gar nicht mal sagen, sie strahlten keinen Haß aus – aber eine nervöse Unsicherheit quoll ihnen deutlich aus allen Poren.


Werden sie vielleicht von ihrer Führung heißgemacht?

MB: Das kann natürlich sein, darüber habe ich aber auch »hintenherum« nichts erfahren. Ich habe mal ein Buchkapitel über Krimalbiologie im »Dritten Reich« geschrieben, da ging es in erster Linie über Rassenkunde. Da ist mir aufgefallen, wie sich eine solche Haltung entwickeln kann: Da wurden z. B. erst Listen von Roma angelegt, dann von Schwulen, dann von Priestern – so eine Liste allein tut ja keinem weh. Dann kam jemand auf die Idee zu gucken, wo die alle wohnen usw. Für sich genommen sind das alles winzige Schritte – aber wo und wie das alles endete, wissen wir heute ("Dem Täter auf der Spur").

Das kann heute ähnlich sein. Da wird dann am Polizeistammtisch gewitzelt: »Wer geht uns auf den Keks? Immer die Leute mit den schwarzen Haaren, ha ha... Macht ja nix, beim Bier kann man doch Witze machen, tut ja keinem weh.« Über solche Haltungen wird nicht diskutiert, es müßte aber klar gesagt werden: »Nein, Leute, das ist nicht sachdienlich und gesellschaftlich nicht wünschenswert. Und es ist auch nicht menschlich.«


Ist Ihnen nicht die Lust vergangen, Bundespolizisten auszubilden?

MB: Die Frage habe ich mir auf meiner Facebookseite auch gestellt. Mittlerweile habe ich aber viele Mails von Bundespolizisten bekommen, die mir sinngemäß zu verstehen gaben: »Wenn Leute wie du gehen, dann ändert sich überhaupt nichts bei uns.« Von seiten der Bundespolizei gibt es – bis auf ein kurzes Statement der Bild gegenüber – keinerlei offizielle Stellungnahme. Ich habe den zuständigen Pressesprechern der Bundespolizei in Düsseldorf und Berlin einen sehr netten Brief geschrieben, völlig aggressionsfrei. Im Antwortschreiben stand, daß alles »rechtmäßig« gelaufen sei und daß die Beamten angehalten seien, »nicht nach Äußerlichkeiten zu gehen«. Von daher müsse meine Mitteilung zurückgewiesen werden.

Beim Bundeskriminalamt geht es anders zu. Dort wird offen über derartige Themen diskutiert, die Behörde will nach ihrem Eigenverständnis frei von Vorurteilen und Rassismus sein. Daß daran noch gearbeitet werden muß, weiß die Amtsführung selber.

Ich war beim letzten »Tag der offenen Tür« dort selbst Redner. Bevor ich dran war, diskutierte der Chef des BKA mit Polizisten mit Migrationshintergrund in absolut offener Weise und ohne Blabla über Vorurteile. Sehr eindrucksvoll, so geht das!

Das wäre auch ein Weg für die Bundespolizei. Die Verantwortlichen kneifen dort aber bisher die Arschbacken zusammen, vertuschen, vernebeln und lügen uns die Hucke voll. Oder sie bringen juristische Stellungnahmen, die sich eindrucksvoll lesen, aber mit dem aktuellen Vorwurf gar nichts zu tun haben. Wenn diese Leute jetzt sagen würden: »Okay, wir machen mal eine Veranstaltung, bei der wir ganz offen über dieses Thema reden können«, dann würde ich vielleicht noch mal zur Verfügung stehen. Früher hatte ich ein eher fröhliches Verhältnis zur Bundespolizei, das ist jetzt nach dem dritten Übergriff so gut wie erloschen.


Mit herzlichem Dank an Peter Wolter und die junge Welt-Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🌏 Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page