2014 06 Interview mit dem Kriminalbiologen Dr Mark Benecke german

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Quelle: Online-Interview, Juni 2014

Uni-Projekt im Fach "APE-Accompagnement du projet de l'étudiant"

Interview mit dem Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke

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INTERVIEW: SONJA FIXEMER


Ich, Sonja Fixemer, Biologiestudentin an der "Université de Strasbourg", bedanke mich bei Dr. Mark Benecke, der sich die Zeit genommen hat mir ein paar Fragen bezüglich seines Berufes als Kriminalbiologe zu beantworten. Ich habe dieses Interview für ein Uni-Projekt im Fach "APE-Accompagnement du projet de l'étudiant" organisiert, denn ich schreibe ein Dossier bei dem man die wissenschaftliche Methode der Recherche anwendet, um Informationen über den gewählten Beruf zu sammeln und auszuwerten. Dies soll uns ermöglichen genauere Einblicke in unseren Berufswunsch zu erhalten und uns somit helfen unsere schulischen Wege besser vorbereiten und anpassen zu können.


1a. Was genau bedeutet Ihr Titel "Dipl.-Biol. Dr. rer. medic., Certified Forensic Biologist & Sworn In Expert for Biological Stains, International Forensic Research & Consulting"?
MB: Dass ich (a) öffentlich bestellt und vereidigt bin (als Sachverständiger für biologische Tatortspuren), dass ich (b) ein Diplom in Biologie habe und dass (c) in den USA mein biomedizinischer Doktortitel aus Deutschland anerkannt wurde und ich jetzt zum Doktor aus Deutschland auch noch einen Ph.D. habe -- "Ph.D." ("philosophical doctor", ein steinzeitlicher Begriff) ist der U.S.-Doktortitel für Naturwissenschaftler.


1b. Welchen Universitätsabschluss und welche zusätzliche Ausbildung haben Sie?
MB: Ich habe Biologie, Zoologie sowie Psychologie in Köln studiert, habe meinen Doktor in Medizinwissenschaften gemacht und habe mich in den Vereinigten Staaten an der FBI-Academy und an vielen anderen Orten der Welt ausbilden lassen.


2. Was genau ist der Unterschied zwischen einem Kriminalbiologen und einem Kriminaltechniker der Polizei?
MB: Bei der Polizei arbeiten nur noch Beamte...ich bin Freiberufler und bearbeite die Fälle so, wie ich will, nicht wie es nach Regelungen vorgesehen ist.

Verantwortlich bin ich nur dem Stand der Forschung, ich muss mich also informieren, auf Kongresse fahren und so (mach ich eh gerne, ist immer spannend) und ich darf keine Scheiße bauen (fahrlässig arbeiten) -- das mach ich bei meinen Zwängen aber eh nicht...ich sortiere sogar meine Blurays immer schön nach Alphabet....


3. Seit wann arbeiten Sie schon als Kriminalbiologe?
MB: Mittlerweile arbeite ich seit über 20 Jahren als Kriminalbiologe und bin Sachverständiger u.a. in der forensischen Entomologie.


4. Wie sind Sie zu diesem Beruf bekommen?
MB: Angefangen hat alles mit einem Praktikum in der Rechtsmedizin. Weiter ging es dann während meines Bio-Studiums, wo ich entdeckt habe, wie großartig wirbellose Tiere wie Tintenfische und Insekten sind, und dass sie an viel mehr Lebensräume angepasst sind als Wirbeltiere. Käfer, Würmer, Ameisen, Krebse, Schnecken... eben die ganzen Wirbellosen sind viel wichtiger als der Rest.


5. Wie stehen die Chancen eine Arbeitsstelle als Kriminalbiologe zu finden?
MB: Hängt davon ab, wie gut du bist, ob du dich wirklich selbst (!) vorher (!) eingearbeitet hast oder nur C.S.I. spielen willst und wie gute Kontakte du hast, da viele Stellen in Behörden vermutlich verklüngelt werden. Oder ob Du die Eier hast, Dich selbstständig zu machen und sehr, sehr hart zu arbeiten.


6. Welche Eigenschaften sollte ein angehender Kriminalbiologe haben?
MB: Man muss Naturwissenschaften gut finden und Spaß am Sortieren und Ordnen haben, weil man superordentlich sein und alles schön auseinanderpuzzeln muss. Man muss Details mögen, Sachen wichtiger finden als Gefühle und man muss vor allem wirklich offen sein!


7. Was genau macht ein „Kriminalbiologe“?

MB: Als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger herangezogen werden, um biologische Spuren bei vermuteten Gewaltverbrechen mit Todesfolgen auszuwerten. Fliegen und Maden -- ich bin Spezialist für Forensische Entomologie bei der unter anderem aufgrund der Leichenbesiedlung durch Insekten Hinweise auf die Leichenliegezeit, Todesursache und Todesumstände gesammelt werden.

Aus dem Alter vorgefundener Maden kann ich errechnen, wie lange ein (meist toter) Körper schon da gelegen haben muss. Die Leiche ist sozusagen die Totenuhr, und die Larven darin sind so ähnlich wie Stunden- und Minutenzeiger. Die verschiedenen Arten geben je nach dem Zustand der Leiche die Stunden an, und die Größe der Larven steht für die Minuten.

Oder ich stelle fest, dass die Leiche zunächst nicht an der Stelle gelegen hat, wo sie gefunden wurde.

Auch bei lebendigen Lebewesen, Lebensmitteln und Gebäuden können Insekten Rückschlüsse zu bestimmten Umständen bieten.

Wenn es aber um den Bereich der Tatortrekonstruktion geht, hole ich mir wie ein Ermittler alle Infos. Ich notiere, fotografiere, katalogisiere. Dabei glaube ich aber erst mal nichts – nicht mal mir selbst.


8. Analysieren Sie auch Totenflecke, Mageninhalte, Haare, Schmauchspuren, Fuß- und Fingerabdrücke, Bakterien, Algen, Pollen?
MB: Wir beziehen das manchmal in die Untersuchungen ein. Bei Totenflecken, Pollen und Schmauch frage ich grundsätzlich immer sachverständige KollegInnen. Bei Algen, wenn es nur um einfach Übertragungen von beispielweise Holz auf Kleidung geht, kann ich auch mal selber an, bei Fingerabdrücken auch. Mageninhalt hängt davon ab, ob ich die Teile erkenne: Wenn es nur darum geht, ob jemand Bohnen gegessen hat oder nicht und ich sehr ganz klar die Bohnen, dann mache ich es selbst. Ziemlich gut kenne ich mich auch mit Blutspuren-Verteilungen aus, und das macht mir auch viel Spaß.


9. Machen Sie auch eigene Experimente um einen Tatvorhergang nach zu stellen und ihn sich besser erklären zu können?
MB: So oft es geht -- das finde ich sehr wichtig. Erst dann kriegt man ein Gespür für die Abläufe: Kann man sich wirklich hinter dieser Tür verstecken, ohne gesehen zu werden? Was ganz genau sieht man, wenn man hinter diesem Stapel Kartons liegt und passt das zu dem, was das Opfer sagt und was die Blutspuren sozusagen erzählen?


10. Untersuchen Sie nur Morde oder auch andere Verbrechen?
MB: Ich untersuche meist Todesfälle, von denen irgendwer glaubt, dass es ein Mord war. Das können auch Angehörige oder Journalisten sein; die Trefferquote ist recht hoch  ;)Das mit dem Mord muss aber natürlich nicht immer stimmen, kann ja auch ein Unfall oder ein Suizid gewesen sein. Ich arbeite auch für Gefängnisinsassen, die sicher sind, die Tat NICHT begangen zu haben -- dann schauen wir halt, was die Spuren hergeben. Öfters lügen die Gefängnisinsassen, manchmal aber auch nicht. Es bleibt also immer spannend (Mehr dazu: HIER).


11. Was machen Sie zuerst an einem Tatort?
MB: Bloß nichts anfassen! Zuerst muss man alles fotografieren, registrieren, notieren, beschriften. Das Zweitwichtigste ist, dass sich die Spezialisten vor Ort absprechen. Sonst verändert der Mensch mit dem Klebeband, der Faserspuren sammelt, vielleicht die Anordnung von Insektenspuren. Oder die DNA-Spezialisten bewegen die Leiche, wenn sie Körpersekrete suchen, und verbringen Fliegenmaden an eine andere Körperstelle. Manchmal wird eine Leiche so schnell wie möglich weggebracht, damit die rechtsmedizinische Untersuchung schnell stattfinden kann. Aber gerade der eilige Abtransport kann ein Problem sein. Besonders schlimm ist das Leichenwaschen in der Rechtsmedizin, weil dadurch Fliegenmaden weggespült werden. Manchmal werden auch aus Angst vor dem sagenumwobenen Leichengift die Kleider und Gegenstände aller Toten schnell in eine große Biohazard-Tonne geworfen. Das ist immer schlecht, weil sich dann Spuren vermischen.

Am besten ist es, wenn alle Fachleute untereinander verstehen, was der andere will, und offen und ehrlich miteinander reden.


12. Wenn Sie alle Indizien auf dem Tatort gesammelt haben, wie sieht Ihre anschließende Arbeit im Labor aus?
MB: Um die Art der Larven und Fliegen im Labor zu bestimmen, muss ich entweder die arttypischen Mundwerkzeuge präparieren oder die Maden großziehen. Nach der Verwandlung zur erwachsenen Schmeiß-, Fleisch- oder Goldfliege ist es am einfachsten, die genaue Art der Fliegen festzustellen (Mehr dazu: HIER).


13. Mit welcher Methode ermitteln Sie sonst noch, abgesehen von der forensischen Entomologie?
MB: Mit dem „ genetischen Fingerabdruck“. Da untersucht man in Körperzellen wie Haaren, Haut, Speichel oder Blut die DNA, also die Erbsubstanz. Der „Fingerabdruck“ der DNA ist für jeden Menschen einzigartig. Die Methode nützt besonders bei der Identifizierung des Täters, wenn man Vergleichsproben von Verdächtigen hat. Man kann sogar aus blutsaugenden Stechmücken am Tatort die DNA eines Täters ermitteln. Richtig durchgeführt, ist der „ genetische Fingerabdruck“ die sicherste Methode überhaupt (Mehr dazu: HIER).


14. Welches sind die "Werkzeuge" und Geräte die Sie am häufigsten für Ihre Arbeit gebrauchen?
MB: Lupe, Taschenlampe, Tatort-Aufkleber, Packpapier, Pinzette, Rechner, iPhone, Kamera, Ladekabel, Laserpointer


15. Nehmen Sie an Autopsien Teil, oder spielt die Leiche an sich keine Rolle für Ihre Ermittlungen?
MB: Ich ergründe nicht die Todesursache, also ob ein Opfer erdrosselt oder vergiftet worden ist – das ist Aufgabe der RechtsmedizinerInnen. Ich analysiere Spuren, die auf den Zeitpunkt der Tat und den Hergang hindeuten können, also zum Beispiel: Wie haben sich Blutspuren am Tatort verteilt? Was verraten Faser- oder Hautreste?

Ich untersuche auch Insekten, ihre Eier, Larven und Puppen auf einem Leichenfund, um die Tatzeit bestimmen zu können – das kann unter Umständen einen Mörder überführen.


16. Ist es schwer immer objektiv zu bleiben beziehungsweise Abstand zu den Fällen zu halten?
MB: Das muss man von vornherein können. Wenn man mit Leichen, Fäulnis, Erwürgen, Erdrosseln, Erfrieren usw. nichts zu tun haben will, ist man in dem Beruf falsch. Natürlich erwischt es einen trotzdem irgendwann. Jeder kriegt mal einen Fall, bei dem es einen doch erwischt. Das kann man nicht vorhersehen. Meist passiert es, wenn man sich an irgendetwas erinnert fühlt. Bei mir war's eine sehr nette polnische Prostituierte, die totgeprügelt worden war. Ich habe schon früher fast nie Fleisch gegessen, danach war's komplett vorbei.


17. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit den polizeilichen Ermittlern aus?
MB: Ich bin oft an Polizeischulen auf aller Welt. Wer mit mir arbeiten will, dem höre ich gerne zu. Früher war das alles noch familiärer, man hat einfach miteinander geredet. Heute haben viele Beamte Schiss, dass sie nicht befördert werden könnten und verhalten sich manchmal ein wenig überangepasst und meiden daher offene Gespräche. Macht aber nix, wir haben mehr als genug zu tun.


18. Welchen Teil mögen Sie am liebsten bei Ihrer Arbeit?
MB: Dass man nie weiß, was in den nächsten fünf Minuten passiert.


19. Welches ist für Sie der unangenehmste Teil Ihrer Arbeit?
MB: Dass wir kein Geld haben. Niemand will mit Leichen zu tun haben. Ein Europa-Manager von Apple wollte uns mal einen Rechner spenden, dann haben sie aber intern besprochen, dass das nicht so cool ist wegen den Leichen. Auch die großen, konservativen Verbände sind etwas behäbig und helfen uns nie. Das macht uns aber nix, weil wir dadurch in sehr kleinen Teams sehr wendig sind und die ganz, ganz verrückten Sachen bearbeiten können. Ehrlich gesagt ist es mir so am liebsten.


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Mark Benecke, Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 -- anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. Dies ist eine Notfall-SMS-Nummer (für aktuelle kriminalistische Notfälle). Nur SMS; bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · Facebook Fan Site · Neue Benecke-Squarespace-Seite