2001 11 FAZ: Geheimnisvolles Leben im Rechner

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (darin: Wissenschaft), Nr. 47 vom 25. November 2001, Seite 66

Geheimnisvolles Leben im Rechner / Bakterien und Pilze im Computer

Auch Computer sind Lebensräume: Skizze eines unbekannten Zweiges der Bioinformatik.

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VON MARK BENECKE

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"Zahnspangen und Mäuse" fallen Harald Müller sofort auf die Frage ein, was er bislang Schönes beim Gehäusezerlegen vorgefunden hat. Der Computermann lebt jeden Tag ab vierzehn Uhr in einem staubigen Souterrain-Shop und löst darin jedes harte und weiche Rechner-Problem der Nachbarschaft. "Na gut, keine Zahnspangen", korrigiert er sich auf besorgtes Nachfragen, "das ist nur eine Computerladenbesitzerlegende. Aber Mäuse tauchen manchmal wirklich auf. Sie schmiegen sich gerne an Netzteile, weil die nach einiger Betriebszeit warm werden."


Früher gelangten die Nagetiere durch den Aufnahmeschlitz für Tastaturen ins warme Innere der Maschinen. Heutige Rechnergehäuse sperren die Kuschler aber durch Gitter und allgemein superschmales Ritzendesign aus. Zuflucht finden die Tiere daher nur noch in den Arbeitsräumen von Computerfreaks. Denn für Sie lohnt es sich nicht, die PCs zu verschließen: Bis zum Ein- und Ausbau neuer Teile vergehen ohnehin nur wenige Stunden. Aber vielleicht lebt ja sonst noch jemand im Rechner? Das herauszufinden, dazu sollten doch die Untersuchungsmethoden der Forschung nützlich sein.


Bewaffnet mit steriler Kochsalzlösung, Wattetupfern an Stielen, Einweghandschuhen sowie Schnappdeckelgläschen, beginnen wir mit der Suche nach dem, was den Computer jenseits von Software lebendig erscheinen lassen könnte. An zwei Orten werden Proben genommen: in Harald Müllers bis zur Decke vollgestapeltem Laden und im Arbeitszimmer des Autors. Und wirklich, als der Tag sich zu Ende neigt, sind Staubbällchen, Schmutzschichten und unerklärliche Krümel aus alten Towern und Desktops sowie Gefussel von einer USB-Verteilstelle des Verfassers auf dem Weg in die biologischen Zuchtkammern.


Milben stellen unser erstes Untersuchungsziel dar.

Sie sind dermaßen verbreitet, daß Max Goldt seine Federbett-Kissen als Milbenkotbeutel bezeichnet. Wie ungerecht! Denn einige Milben haben noch nicht einmal einen After. Daher können sie weder Kot noch die darin enthaltenen, Allergien erzeugenden Bestandteile abgeben. Statt dessen scheiden sie für den Menschen harmlose Flüssigkeitströpfchen aus einer Uropore aus.


Zwar tragen einige der Ungeheuer auch After, was Übles schwanen läßt. Trotzig ruft aber der Verband der deutschen Daunen- und Federindustrie aus: ,,Milben scheitern an Daunendecken! In Zudecken mit Federfüllung sind praktisch keine Hausstaubmilben zu finden. Denn: Nicht die Federn ernähren die Milben, sondern der Mensch selbst." Es sind also nicht die Daunen, sondern die menschlichen Hautschuppen rings um die Daunen, die den kleinen Biestern lecker erscheinen. Diese ausgesucht schöne Begründung der Industrie versieht den Forscher schon mal mit einer überprüfbaren Annahme und macht ihm Mut, die nahrhaften Hautschüppchen auch noch aus weiteren Computeröffnungen herauszusammeln.


Nichts liegt näher als die ganztägig benutzte Tastatur eines Laptops.

Der Autor weiß nämlich, daß zumindest sein Modell eine besonders gute Schüppchenlagerschicht birgt: Die Herstellerfirma hat unter die Computertasten eine poröse Keramik eingebaut, die Milchkaffee (Winter 1998) und geeistem Kirschsaft (Sommer 2001) Einhalt gebietet, bevor die verklebenden Flüssigkeiten auf die unterhalb gelegene CPU tropfen können. In den Keramik-Löchelchen bleiben gewiß auch mit Haaren und Hautleisten versehene Achtbeiner hängen: Skizze eines Forschungsprogramms.


Mittlerweile hat mein Kollege Jörg-Thomas Franz von der Universität Paderborn - Insidern ist er als Hüter der Domain milbenforschung.de bekannt - einen Staubsaugeraufsatz besorgt, in dem sich Milben auf einem für sie undurchdringlichen Filter fangen. Nur meine Gattin wundert sich über das verformte Haushaltsgerät, das kurz darauf zischend die Tastatur durchpflügt. Damit sind endlich genügend Gegenden beprobt - abgenudelte Rechnerhöhlen ebenso wie edle Laptopgestelle.


Fehlen noch Vergleichsproben, um herauszufinden, ob sich der erwartete Organismen-Reigen im Computer von der Lebenswelt unterscheidet, die sich sonst so im Staubigen tummelt. Zum Zwecke der methodischen Absicherung unserer Studie werden daher ein Blumentopf sowie eine selten gereinigte Stelle unter dem Badezimmerschrank sachgerecht abgetupft.


Doch leider, leider: Fehlanzeige, wohin das Rasterelektronen-Mikroskop auch schaut. "Kein einziges Individuum", teilt Franz, der Milbenfreund, mit. "Das ist auch kein Wunder, denn im Computer ist es immer trocken, und Milben mögen es eher feucht": Eine Erkenntnis, die bei der Formulierung unserer Annahme unberücksichtigt geblieben war. Was uns Wissenschaftler enttäuscht, freut vielleicht die Sekretärinnen und auch die Sekretäre der Welt: Die Klasse der Achtbeinigen ist aus dem Rennen. Nicht einmal ein Beet aus abgetragener Haut konnte sie in den Computer locken.


Auch Tiere mit nur drei Beinpaaren scheuen die Welt aus Plastik und Silizium. Sogar das edelste Vergrößerungsgerät des Autors konnte außer einem Fliegenschenkel nichts Insektenweltliches finden. Immerhin wußte die Gattin, woher das Kerbtier-Bein stammte: Aus einer Zucht von Angelmaden, die im letzten Herbst entfleucht waren. Die Tiere hatten sich den Winter über in warmen Wohnungsecken verpuppt und zeitweise für eine arge Fliegendichte gesorgt. Das Beinchen im Laptop war der letzte Zeuge dieser unschönen Zeit. Weitere Kandidaten für sechsbeinige Besucher in Computern wären die neuerdings auch in Städten häufiger anzutreffenden, wärmeliebenden Pharao-Ameisen, lateinisch Monomorium pharaonis. Zwar fanden wir keine Exemplare, aber die Leser der Sonntagszeitung sind aufgefordert, sich in den kommenden Jahren in ihren Büros nach den etwa zwei Millimeter großen Plagegeistern umzusehen und gegebenenfalls ein Update an die Redaktion zu senden.


Jede ins Hoffnungslose driftende Untersuchung wird von erfahrenen Biologen ins Reich der Nichtbeiner verlegt, und so verfuhren wir auch hier. Besonders Bakterien überleben in Ruhekapseln auch Austrocknungswellen und werden durch die Luft überall hin verbreitet. Sogar ein Hörsaal gleicht deshalb im mikrobiologischen Befund insoweit einem terroristisch bestäubten Raum. Weil die einzelligen Lebewesen normalerweise aber nur in winzigen Zahlen vorhanden sind und außerdem meist keine vermehrungsfördernden Winkel finden, sind sie de facto harmlos.


Ein eigens beauftragtes Hygiene-Institut hatte die Aufgabe, diese Annahme anhand unserer Proben kritisch zu prüfen.

Die in Gläschen versiegelten Tropfen wurden dort auf Gelee-Platten mit Zusatz von Blut oder dem Reagens DG-18 aufgespatelt. Zwei Brutschränke stellten die Bedingungen in einem Computer-Zimmer (zweiundzwanzig Grad) und einem Menschen (siebenunddreißig Grad) nach. Und nun endlich, beim Blick ins Kleinste, fand sich Nennenswertes.


Das Gitter vor einem schwer verstaubten Strom-Transformator machte anfangs das bakteriologische Rennen: Mehr als zweitausend koloniebildende Einheiten lebten dort, vor allem die häufigen Hautbewohner Bacillus subtilis sowie der auch vom Namen her einleuchtende Staphylococcus epidermis. Platz Zwei indes ging an den Blumentopf. Im Gegensatz zum Gehäuse-Gitterchen beherbergte er nicht nur große Mengen der genannten Bakterien, sondern auch die rotgelbe Hefe Rlhodutorula. Obwohl sie nur in den Tropen auf der menschlichen Haut lebt, schleicht sie auch hierzulande im Staub und in Badewannenfugen herum, wo sie aber nirgends Grund zur Sorge bietet.


Am meisten freute und überraschte uns freilich der USB-Hub, dessen vier grüne Leuchtdioden im Büro des Autors schon lange hinter einem alten Vorhang geheimnisvoll funkeln. Bereits ein zehntel Milliliter des in Kochsalzlösung verrührten USB-Staubes enthielt sechsundvierzig Penicillium-Keimlinge - das war die Sensation!


Obwohl es gute und schlechte Penicilii gibt, zählen sie immerhin zum Sympathischsten, was die Schimmelpilze uns Menschen zu bieten haben. Die leckeren Käsekulturen auf Roquefort sind beispielsweise lebende Penicillium roquefortti-Rasen, und Weißschimmel auf Camembert ist ein Pelzchen aus P. camemberti. Auch im Joghurt ist eine Penicillium-Art dieser Gattung am Werk.


Vor allem ist die Gattung aber für ihre Hemmstoffe bekannt, die anderen Keimen gewaltig zusetzen. Der vom Schimmelpilz abgegebene Stoff arbeitet nach dem Prinzip des Trojanischen Pferdes. Erst bindet sich das keimhemmende Penicillin an ein Enzym der Nachbarorganismen, dann legt es sie lahm. Denn wenig später können die trojanisierten Bazillen keine Zellhüllen mehr bauen und platzen deswegen. Der Schimmel Penicillium hat dann einen Freßfeind weniger, und - unbedeutende Nebenwirkung - das USB-Kästchen des Autors bleibt clean.


Nun ja, und dann die Probe unter dem Badezimmerschrank. Bitte fragen Sie nicht weiter. Vielleicht sollte ich den bakterientötenden USB-Hub einige Zeit dort anbringen. Recht besehen, ist das sogar eine besonders gute Idee. Denn dann fänden sich vielleicht nach einigen Tagen auch erstmals Milben in einem Computerteil. Und für eine schöne biologische Spur ist die Forschung ja immer zu haben.


Der Autor ist Experte für biologische Tatortspuren.


Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.


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Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🌏 Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page