1999 01 Die Zeit: Manche Tote leben laenger

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Quelle: Die Zeit (darin: "Wissen"), Ausgabe 05/1999 vom 28. Januar 1999, Seite 29

Lenins Leiche

Dies ist die Rohfassung des anschließend veröffentlichten Artikels "Manche Tote leben länger"

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Daten zum Buch:
England: Lenin's Embalmers.
Frankreich (Originalversion): Á l´ombre du mausolée.
Deutsche Ausgabe: Mein Leben im Schatten des Mausoleums.

VON MARK BENECKE

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Lenins Leiche erzählt die Geschichte russischer Präparierkunst. Von ihr profitieren heute übel zugerichtete Mafiosi


Der Mann im verwurschtelten Hemd, der mit leerem Blick und schlaff zwischen den Beinen gefalteten Händen im August 1923 in einem kargen Zimmer in Gorky hockte, wirkte unendlich traurig. Obwohl Genosse Ulyanov voller Tatendrang war, hinderte ihn eine rechtsseitige Körperlähmung mit praktisch komplettem Gedächtnisverlust und Sprachunfähigkeit daran, seinen letzten Wunsch durchzusetzen: Josef Stalin, als gewalttätig, stur und ungerecht bekannt, sollte schnellstmöglich als Generalsekretär der Kommunistischen Partei abgelöst werden. Seinen fünf Ärzten, darunter Prof. Förster, dem Leibarzt der Familie Krupp, schleuderte der schwerkranke Ulyanov derweil wahlweise die Faust oder wildes Gelächter entgegen.


Als die Arbeitslosenzahl in der Sowjetunion bis Oktober 1923 über eine Million stieg und die Inflation zu galoppieren begann, reiste der Frühvergreiste mit größter Willenskraft und zum letzten Mal in sein Büro im Kreml; die Kutsche hatte sandgefüllten Reifen, um Erschütterungen abzupuffern. An seinem Moskauer Schreibtisch ereilte ihn jedoch der letzte Schicksalsschlag: Alle Schubladen waren durchwühlt und die Papiere, die Stalins Macht hätten zerstören können, daraus verschwunden. Zehn Wochen später, am 20. Januar 1924, war Ulyanov tot. Der Obduktionsbericht spricht von einem Herzkreislaufstillstand nach artiosklerotisch bedingter Gehirnblutung, die Behandlung des Patienten mit Quecksilber, Arsen und Wismut läßt aber bis heute einen Syphilistod im Raum stehen.


In Anbetracht der sichtbar ruinierten Gesundheit seines Parteigenossen hatte Stalin - vermeintlich "auf Wunsch der Arbeiter in der Provinz" - schon Ende Oktober 1924 und gegen den ausdrücklichen Willen der übrigen Politbüromitglieder einen in der Moderne nie dagewesenen politischen Schachzug eingefädelt: die nach dessen Tod dauerhafte Konservierung Ulyanovs, der Welt bekannt unter seinem selbstgewähltem Namen Vladimir Ilitsch Lenin. Die fortgesetzte Präsenz des Gründers der Sowjetunion sollte erreichen, was in den folgenden Jahren immer schwieriger wurde - die Union zusammenzuhalten.


Obwohl Lenins Gattin Nadezha Krupskaya unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes in der Prawda die Notbremse zu ziehen versuchte, als sie betonte, daß "nicht Monumente, sondern neue Krankenhäuser und Kindergärten" dem Andenken ihres Mannes angemessen wären, verkündete der Chef der Geheimpolizei OGPU, Felix Dzerzhinski: "Könige werden einbalsamiert, weil sie Könige sind. Die Frage ist also nicht, ob Vladimir Ilitschs Körper konserviert werden soll, sondern wie." Und dieses "wie" sollte sich zu einem der spannendsten wissenschaftlichen Nebenereignisse der Weltgeschichte entwickeln.


Der Wettlauf gegen die Zersetzung von Lenins Leiche begann, als Soldaten am 27. Februar über eine bei minus 30°C in den Boden des Roten Platzes gesprengte, drei Meter tiefe Grabkammer ein provisorisches Mausoleum zimmerten. Der bis dahin in der Handelskammer regulär aufgebahrte Körper war von nun an in seinem offenen Sarg im Grab zu besichtigen. Bis Juli 1924 wurde dann das erste dauerhafte Mausoleum errichtet, immer noch aus Holz, das erst 1930 durch die endgültige Granitstruktur ersetzt wurde. Da die architektonische Balance des Roten Platzes durch das neue Gebäude kippte, wurde als Ausgleich ironischerweise das Denkmal eines Arbeiters, Symbol für die Oktoberrevolution, entfernt.


Zum Glück für alle Beteiligten vertrocknete die Leiche in der Zwichenzeit nur sehr langsam, und wegen der Eiseskälte verzögerten sich auch die Selbstauflösung durch körpereigenene Enzyme und die bakterienbedingte Fäulnis. Ein Auschuß des Politbüros entschied daher, daß die Tiefkühllagerung Lenins die geeignete Konservierungsmaßnahme sei.


Ganz anders sah das der ukrainische Anatomieprofessor und begeisterte Präparator Vorobiov. "Unglaublich, daß irgendjemand derartigen Schwachsinn erzählt", schimpfte er, als er die betreffende Zeitungsmeldung las. Denn tiefe Temperaturen zerstören erstens durch Eiskristallbildung die Zellen, so daß die Leiche beim Auftauen zu einer breiigen Masse zusammenfällt. Zweitens kann Kälte weder Fäulnis noch Selbstzersetzungsvorgänge dauerhaft verhindern, weil Bakterien und Enzyme dadurch nur langsamer arbeiten, aber keineswegs zerstört werden - aus demselben Grund wird Milch auch im Kühlschrank sauer, nur dauert es länger als bei Raumtemperatur.


Professor Vorobiovs böse Bemerkungen kamen dem Biochemiker Boris Zbarsky zu Ohren. Er träumte vom sozialem Aufstieg und packte die wenngleich riskante Gelegenheit beim Schopf. Über kurze Dienstwege und mithilfe der unfreiwilligen Hinzuziehung Professor Schorrs aus Leningrad, der kommentarlos am Abendbrottisch festgenommen und nach Moskau gebracht wurde, gelang es Zbarsky, das Kreml-Komitee zur Unsterblichmachung des Andenkens Lenins davon zu überzeugen, daß nur eine sofortige chemisch-morphologische Präparation den Körper retten konnte. Bis dahin verging wertvolle Zeit. "Als die Präparatoren zwei Monate nach Lenins Tod endlich mit der Arbeit beginnen konnte, wußten sie, daß der kleinste Fehler sie das Leben kosten würde", erinnert sich Ilya Zbarsky, der später selber zum Mausoleumsteam gehörte, in seinem Buch Á l´ombre du mausolée. Und in der Tat: die Leiche war mittlerweile weiter vertrocknet, ein Ohr war völlig verschrumpelt, die Lippen öffneten sich um einige Millimeter, und an einigen Stellen begann schon die bakterielle Fäulnis und Hautverfärbung. In der Hoffnung, ihren Kopf noch aus der Schlinge ziehen zu können, ließen die Forscher den Zustand Lenins von einem Künstler in Wasserfarben festhalten - doch es gab kein Zurück mehr. "Das war es dann wohl für uns", seufzte Vorobiov, der sich neben Leichen besonders für Wein und Frauen interessierte.


Doch noch einmal hatte das Präparatorenteam Glück. Wie sich zeigte, hatte der erste Obduzent zwar Lenins Gehirn für die damals üblichen Vergleiche zwischen der Gehirnstruktur und dem Charakter berühmter Personen entnommen, im übrigen hatte er aber aber das scharfe Konservierungsmittel Formalin, gemischt mit Alkohol, einem Chlorsalz und Glyzerin in die Adern der Leiche gefüllt. Diese desinfizerende und denaturierende Frostschutzmischung erwies sich im Zusammenspiel mit den niedrigen Temperaturen als ausgezeichnete Erste Konservierungshilfe. Vorobiov, Zbarsky und drei Assistenten konnten nun auf einem Marmortisch im Mausoleumskeller die Organe aus der Leiche entfernen und den anschließend ausgestopften und vernähten Körper in ein Bad aus Glyzerin, Kaliumazetat, Alkohol und Chlorid tauchen. Die nach einigen Wochen wiedergewonnene Körperfeuchte wurde (und wird bis heute) durch Gummibinden, die unter dem Anzug des toten Staatsführers herlaufen, im Körper gehalten; neben mehreren "Balsamierungen" pro Woche findet alle 18 Monate eine zusätzliche Runduminspektion statt. Der Körper ist zudem vollbeweglich, eine Leistung, die erst in jüngster Zeit durch das revolutionär neue Präparationsverfahrens des Heidelberger Institutes für Plastination wieder erreicht wurde.


Im Gegensatz zur klassisch-ägyptischen Mumifizierung, das heißt der völligen Austrocknung, die die Leiche praktisch unkenntlich macht, sieht Lenins Körper der lebenden Person so ähnlich, daß Vater und Sohn Zbarsky nun nicht nur hohe Auszeichnungen erhielten, sondern auch Chaos, Terror und politischen Wahnsinn der folgenden Jahrzehnte überlebten. Nur die persönliche Aktennotiz Stalins "darf nicht ohne vorherigen Ersatz angetastet werden" bewirkte, daß Zbarsky senior nach zwei Jahren Haft dem sicheren Todesurteil in der politischen Gefangenschaft der frühen 50er Jahre entging. Besonders vorteilhaft für Zbarskys Reputation hatte sich dabei die Auslagerung Lenins Körpers während des zweiten Weltkrieges ins westsibirische Tiumen ausgewirkt. In dieser Mußezeit - Forschung war in Tiumen nicht möglich - konnte das Team der Leiche erstmals die heutige, gesunde Hautfarbe wiedergeben und zahlreiche kleine Schäden endgültig ausbessern.


Zurück in Moskau führten die Mausoleumsforscher nach dem Krieg neben Studien zur Konservierung von Leichen auch mit in Berlin erbeuteten Laborgeräten zytologische Forschungen durch, die unter anderem halfen, die Rolle des Zellkerns als Träger der chemisch noch unbekannten Erbinformation zu verstehen. Einen von vielen Rückschlägen ereilte das Labor jedoch unter dem katastrophalen Einfluß des Möchtegernforschers Trofim Denisowitsch Lysenko, der das ungebildete und ignorante Zentralkomitee dazu brachte, trotz Gegenbeweisen bizarre Theorien wie die der Vererbbarkeit aller aus der Umwelt erworbener Eigenschaften zu dogmatisieren. Viele Wissenschaftler, die andere Versuchsergebnisse erzielten oder auch nur diskutierten, wurden in den vierziger und fünfziger Jahren verhaftet, unabhängig von ihrer bisherigen Laufbahn und Position. Gleichzeitig schottete sich die UDSSR aggressiv von der internationalen Forschergemeinschaft ab. Erst als in den USA der genetische Code entschlüsselt wurde und Präsident Kennedy sich offiziell zum Rückstand der russischen Biologie äußerte, reanimierte Cruschtschov die Molekularbiologie und machte Präparator und Biochemiker Zbarsky jun. zum Mitglied des Koordinationsauschusses.


Die Zborkys beziehungsweise deren Mitarbeiter und Nachfolger präparierten neben dem Körper Stalins bis in die siebziger Jahre hinein auch die kommunistischen Staatsoberhäupter Dimitrov (Bulgarien), Gottwand (Tschechei), Ho Chi Minh (Vietnam) und Neto (Angola), als "Geschenke der SU an ihre Schwesterstaaten". In Vietnam und Angola standen die Präparatoren vor schweren kriegs- und hitzebdingten Problen, die sie erst durch wochenlage Experimente lösen konnten: Besonders feuchte Hitze beschleunigt die Zersetzung von Leichen enorm, und kommt auch noch Madenbefall hinzu, so kann ein Körper in weniger als zwei Wochen vollständig skelettieren. Der Lohn für den Einsatz des Moskauer Teams bestand in einem sich dauernd vergrößernden biochemischen Labor, in dem neben den weltweit einzigen Experten für perfekte Menschenleichenpräparation auch Forscher an lebenden Krebszellen arbeiteten. Auf diese Weise rettete sich das Institut mühelos bis in die Achtziger. Doch der nächste Abschwung ließ nicht auf sich warten.


Nachdem die neue Regierung dem Mausoleum 1992 den Geldhahn abdrehte, mußten die Forscher eine Firma gründen, den Ritual Service. Geld verdienen die unfreiwilligen Bestatter nun vor allem damit, russische nouvau riche - in aller Regel unter 40jährige Mafiosi - nach deren Ermordung wiederherzurichten. Da die Toten zum Abschied traditionsgemäß von den Mitgliedern aller lokalen Verbrecherfamilien auf die Stirn geküßt werden, muß die Leiche in Topzustand sein. Diese Aufgabe ist nicht nur dann schwierig, wenn fortgeschrittene Zersetzungsprozesse bis zur Geruchslosigkeit beseitigt werden müssen. Insbesondre multiple Kopfschüße mit schnellen Projektilen können nur mit unendlicher Mühe wegoperiert werden, und oft implantieren die Präparatoren dazu Haut- und Knochengewebe aus anderen Körperteilen, die sie festkleben, anfönen und einkaschieren. Kosten spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Um sich gegenseitig zu übertrumpfen, werfen Kleinstadtmafiosi wie die Yekaterinenburger unlimitierte Geldmengen zum Fenster hinaus, etwa für überlebensgroße, fotorealistische Grabsteine, auf denen der Verstorbene in Hawaiihemd und Adidasanzug samt lässig gehaltenen Mercedes-Autoschlüsseln abgebildet ist (Kosten alleine dafür: bis 65.000 Dollar). Im Schatten der scheinheiligen Schautafeln veranstalten die Familien zweimal jährlich Gedenkbankette für ihre Freunde - eins zum Geburtstag, eins zum Todestag.


Doch all das sind nur die Nachwehen eines ebenso skurrilen wie düsteren Kapitels des 20. Jahrhunderts. So wie die ägyptische und die weit bessere chinesische Präparationskunst nur eine zeitweise Blüte hatten, stirbt heute die Technik der Leichenpräparation mit Formalin und Lippenstift angesichts der insgesamt schwindenden Nachfrage langsam aus. Neue Methoden und Werkstoffe, die in den letzten Jahren in Heidelberg zur Anwendungsreife vervollkommnet wurden, ermöglichen derweil die Herstellung anatomische Lehrpräparate nie geahnter Güte und Schönheit.


Da der von Boris Jelzin 1997 angekündigte Beschluß zum weiteren Verbleib der Leiche Lenins ausbleibt, herrscht zur Zeit Ungewißheit über die Zukunft des Körpers. Die UNESCO hat das Mausoleum zum Weltkulturerbe erklärt, doch ob das auch den Toten selbst betrifft, ist fraglich. "Die Einbalsamierung", sagt Biochemiker Zbarsky heute, "war damals ein beachtlicher wissenschaftlicher Fortschritt, aber mittlerweile halte ich sie für einen barbarischen Anachronismus. Trotz meiner Vorteile durch das Mausoleum, dem Zugang zu wissenschaftlichen Geräten und Literatur, glaube ich als Bürger Rußlands, daß es nun endlich an der Zeit ist - Lenin zu beerdigen."


Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.


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