Neue Züricher Zeitung Benecke Der perfekte Mord ist ungeplant

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Quelle: Neue Züricher Zeitung am Sonntag, Wissen, 30. Mai 2010, Seite 54

Der perfekte Mord ist ungeplant

Fingerabdrücke und andere Spuren: Wer sie fälscht, verrät sich immer, sagt der prominente Kriminalbiologe Mark Benecke. Je raffinierter ein Täter sein will, destomehr Fehler begeht er

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VON ANDREA SIX


NZZ am Sonntag: Sie waren kürzlich im Tessin für einen Fall. Worum ging es?

Mark Benecke: Der Verstorbene im Tessin sollte angeblich einen steilen Abhang bei einem Parkplatz heruntergestürzt sein. Seine Eltern vermuteten aber ein Verbrechen und beauftragten mich, den Tatort zu besichtigen. Wir stellten den Tathergang nach. Dabei wurde mir klar, dass es sich um ein Tötungsdelikt gehandelt hat. Beispielsweise war der Mann ohne Schuhe, Schlüssel oder Telefon gefunden worden.


Was machen Sie zuerst an einem Tatort?

Bloss nichts anfassen! Zuerst muss man alles fotografieren. Das Zweitwichtigste ist, dass sich die Spezialisten vor Ort absprechen. Sonst verändert der Mensch mit dem Klebeband, der Faserspuren sammelt, vielleicht die Anordnung von Spuren. Oder die DNA-Spezialisten bewegen die Leiche, wenn sie Körpersekrete suchen, und verbringen Fliegenmaden an eine andere Körperstelle. Manchmal wird eine Leiche so schnell wie möglich weggebracht, damit die Presse keine Hinweise erhält und der Täter gewarnt wird. Aber gerade der eilige Abtransport kann ein Problem sein. Manchmal werden auch aus Angst vor dem sagenumwobenen Leichengift die Kleider und Gegenstände aller Toten schnell in eine grosse Biohazard-Tonne geworfen. Da können dann schon mal die Mordwaffe oder wichtige Beweismittel verloren gehen oder verwechselt werden.


Werden Spuren unabsichtlich leicht zerstört?

Ja, das passiert unweigerlich, denn anders kann man einen Tatort nicht abarbeiten. Die naturwissenschaftliche Kriminalistik ist eine analytische Technik. Da zergliedern wir und zerstören. Darum muss man sich zuerst entscheiden, wonach gesucht wird. Eine heikle Entscheidung. Solange sich die Experten gegenseitig respektieren, geht es. Aber die Ermittler müssen natürlich wissen, welchen Sachverständigen sie brauchen. Nicht alle wissen aber, wann es einen Geologen oder einen Psychologen am Tatort braucht.


Gibt es da eine feste Reihenfolge für die Spezialisten am Tatort?

Im Normalfall kommen zuerst die Leute, die Fingerabdrücke suchen. Danach die DNA-Spuren-Sicherer. Manchmal finden die Fingerabdruck-Spezialisten aber bereits einen blutigen Abdruck, dann melden die sich schnell bei den DNA-Leuten. Das ist natürlich sehr sexy für einen Ermittler: ein Fingerabdruck vom Täter mit Blut vom Opfer. Der kann jedenfalls nicht behaupten, zur Tatzeit nicht da gewesen zu sein. Ein Fingerabdruck allein kann ja auch zu einer anderen Zeit entstanden sein.


Was ist der grösste Fehler, der am Tatort passieren kann?

Man darf nie Annahmen machen, sonst verstellt man sich den Blick auf die Lösung. Wenn man beispielsweise denkt: «Ah, da ist Sperma in der Vagina der weiblichen Leiche, dann handelt es sich also um ein Sexualdelikt» – das muss nicht stimmen. Das kann auch noch vom Vortag sein oder in kalt gewaschener Bettwäsche zurückgeblieben sein. Oder man sucht nur nach Spuren am Boden, dabei ist es ein Blutspritzer an der Zimmerdecke, der zeigt, in welchem Winkel ein Messer aus der Person gezogen wurde. Es gab sogar schon kriminelle Analytiker wie Fred Zain in den USA, der Methoden aus Unfähigkeit nicht korrekt durchführte und die Ergebnisse passend zu den jeweiligen Verdächtigen ablieferte.


Können Kriminelle nicht selber Spuren legen, um die Polizei zu täuschen?

Abdrücke oder Fliegenmaden auf Leichen zu placieren, falsche Spuren zu legen, die vom Täter ablenken oder Ort und Todeszeit verschleiern: Das versuchen viele. Das geht aber wohl meist schief. Wir waren mal an einem Tatort, wo eine helle Stelle am Boden auffiel. Danach gefragt, erzählte die Frau in der Wohnung, das sei von der Tiefkühltruhe, die vorher dort gestanden hätte. Da werden wir dann hellhörig. Und tatsächlich: Die Frau hatte in der Truhe eine Leiche eingefroren, um die Tatzeit zu fälschen. Aber dann verquatscht man sich eben.


Ist der perfekte Mord also eine Illusion, eine Erfindung der Kriminalliteratur?

Spuren zu fälschen, ist beinahe unmöglich. Tötungsdelikte hinterlassen immer Spuren. Und wenn man eigene legen will, dann hat einen unverhofft doch jemand beobachtet, etwa wie man Fliegenmaden am Waldrand sammelt oder einem Auftragskiller ein Hotelzimmer reserviert. Selbst ich könnte keine Insektenspur so legen, dass man den Betrug nicht aufdecken würde. Was auch falsch eingeschätzt wird: Mit dem körpereigenen Hormon Insulin zu morden, sei nicht nachweisbar. Die Rechtsmediziner und Giftspezialisten können das aber ganz hervorragend. Die kann man nicht täuschen. Manchmal sehen wir eine beinahe perfekte Tat. Und dann wird klar: Je dümmer die Vorgehensweise, je näher ans Ziel gelangte der Täter. Das kommt dann höchstens durch Zufall raus, einen dummen Zufall.


TV-Krimis suggerieren, heute lasse sich alles technisch aufklären. Stimmt das?

Man macht sich kaum einen Begriff, welche Fortschritte derzeit in den Naturwissenschaften und der Medizin ablaufen. Ebenso sind Psychologie und Soziologie in der Kriminologie explodiert. Das kann man, angelehnt an die TV-Serien, als CSI-Effekt bezeichnen. Die Rätsel, die heute bei Verbrechen bleiben, haben kaum mehr mit technischen Hürden zu tun, sondern mit menschlichem Verhalten. Es gibt beispielsweise leicht Missverständnisse bei der Beschreibung einer Tat. «In der Wohnung herrschte grauenvolles Chaos», sagt vielleicht ein Polizist und zieht daraus seine Schlüsse. Der Student aber findet, seine Wohnung sei noch nie so sauber gewesen. Schubladendenken ist immer gefährlich, dann übersieht man die einfachsten Lösungen.


Sie haben den Begriff des umgekehrten CSI-Effekts geprägt. Was ist das?

Im Gegensatz zu der Technisierung bei Ermittlungen stelle ich fest, dass viele forensische Methoden in den Hintergrund gedrängt werden. Die DNA-Spuren sind heute derart in Mode, dass Techniken, mit denen Zähne, Fasern oder Insektenspuren untersucht werden, unterschätzt und verdrängt werden. Der Grund ist, dass diese Techniken seltener den entscheidenden Hinweis auf den Täter liefern. Dennoch entgehen einem so möglicherweise wertvolle Spuren.


Inwieweit lässt sich mit DNA-Spuren ein Bild vom Täter zeichnen?

Der genetische Fingerabdruck hat in den letzten 20 Jahren einen steilen Aufschwung in die Aufklärungsrate gebracht. Er nützt besonders bei der Täteridentifizierung, wenn man Vergleichsproben von Verdächtigen hat. Aber aus einer Spur ein Täterbild zu zeichnen, gelingt momentan noch nicht. Lediglich das Geschlecht und bestimmte Erbkrankheiten kann man sehen. Aussagen über Augen- und Haarfarbe aus einem Blutstropfen oder Speichelrest zu machen, ist technisch noch nicht gut möglich. Man kann nur ausschliessen, dass ein Täter rote Haare hat.


Wie könnte das genetische Phantombild künftig aussehen?

Viele sichtbare Merkmale werden künftig in DNA-Spuren theoretisch lesbar sein. Das Lebensalter lässt sich jetzt schon anhand der DNA manchmal abschätzen. In den Niederlanden, wo man pragmatischer mit Gen-Informationen umgeht, ist das erlaubt. Ich habe mit Kollegen eine Methode entwickelt, eineiige Zwillinge mit identischem Erbgut zu unterscheiden. In deren Immunsystem findet man nämlich Spuren durchgemachter Krankheiten. Aber noch sind diese Tests nicht in die Anwendung durchgesickert. Ein derartiges genetisches Phantombild ist ethisch zu heikel.


Aber mit DNA-Spuren allein lässt sich noch kein Verbrecher verurteilen?

Richtig durchgeführt ist der genetische Fingerabdruck wie das Flugzeug bei den Verkehrsmitteln: die sicherste Methode überhaupt. Aber Vorsicht: Die Rechtsprechung sagt, man darf nicht allein aufgrund einer DNA-Probe verurteilt werden. Um einer Person eine Tat zuzuordnen, muss es ein Motiv geben, einen möglichen zeitlichen und räumlichen Ablauf und jemanden, der davon profitiert.


Mit herzlichem Dank an Andrea Six und die Redaktion für die Erlaubnis zur Verwendung.


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Mark Benecke, Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 -- anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. Dies ist eine Notfall-SMS-Nummer (für aktuelle kriminalistische Notfälle). Nur SMS; bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · Facebook Fan Site · Neue Benecke-Squarespace-Seite