2014 03 28: Sueddeutsche Zeitung: Wer arm ist wird schneller verurteilt

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Quelle: Süddeutsche Zeitung, 28. März 2014, Seite 26

Wer arm ist, wird schneller verurteilt

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[Mehr zu Hitlers Schädel] ENGLISH TEXT


Reiche kommen bei der Strafverfolgung besser davon, erlebt Mark Benecke, der als Kriminalbiologe Spuren am Tatort untersucht. Er erzählt, wie mehr Morde aufzuklären wären und wie es ist, Hitlers Schädel zu untersuchen.


Interview: Malte Conradi, Alexander Hagelüken


Man kennt es aus dem Fernsehen: Die Spezialisten ermitteln die Richtung, aus der die Blutspritzer kamen. In Wahrheit ist die Arbeit etwa von Kriminalbiologen wie Mark Benecke anders. Nach 850 Fällen glaubt der 43-Jährige, dass Täter mit dickem Geldbeutel besser davonkommen. Seine eigene Arbeit ist schlechtbezahlt. Deshalb hält er Vorträge vor zahlendem Publikum wie den an diesem Abend. Wenig Zeit für das Interview? Kein Problem: Der Mann redet in Kölner Singsang doppelt so schnell wie Normalsterbliche.


Mark Benecke, reden wir über Geld. Was kostet es, offIziell eine Leiche untersuchen zu lassen?
MB: Keine Ahnung. Ich schaue mir die Leichen oder die Spuren oft umsonst an.


Sie kriegen kein Geld?
MB: Selten. Wenn der Staatsanwaltmich mich beauftragt, dann vielleicht 200 Euro.


Davon können Sie nicht leben.
MB: Kann ich schon. Aber dafür muss ich im Labor wohnen, Vorträge halten und Bücher schreiben.


Wie einfach ist es, mit einem Mord davonzukommen?
MB: Das hängt ganz davon ab, aus welchem Milieu einer kommt. Am meisten schützen Macht, Einfluss und Geld. Wer die hat, kommt mit viel weg.


Das hört sich abenteuerlich an.
MB: Finden Sie? Es ist doch so, dass man sich mit Geld gute Anwälte leisten kann. Das ist schon mal extrem hilfreich. Und mancher war dann noch mit dem Staatsanwalt auf dem Internat oder hat sonst gute Beziehungen zur Justiz. Das passiert dauernd.


Und wer nicht reich ist?
MB: Der hat Pech und kommt in den Bau. Wer arm ist, wird schneller verurteilt. Umgekehrt ist es genauso: Wird ein Mensch ermordet, der für die Gesellschaft nicht interessant ist, hat die Staatsanwaltschaft kein so großes Interesse an der Aufklärung. Das habe ich schon oft erlebt.


Was soll das heißen, für die Gesellschaft nicht interessant?
MB: Der Staatsanwalt hat eben nur eine bestimmte Summe für Ermittlungen zur Verfügung, oder er muss eine Ermittlung zumindest begründen. Und dann untersucht er eben eher den Mord an einem respektierten Bürger als den an einem Alki, der tot im Park liegt. Und die meisten Leichen sind nun einmal die von Armen, Alkoholikern, Schizophrenen oder Drogenabhängigen.


Klingt ungerecht.
MB: Ein Beispiel: Eine Leiche mit Perücke auf dem Kopf, die Schuhe fein säuberlich parallel daneben. Merkwürdig, oder? Aus den Hosentaschen ziehen mein Team und ich Wasserschnecken. Da ist aber weit und breit kein Wasser! Erst von einem Jäger aus der Gegend erfahren wir, dass der Fundort einmal im Jahr überschwemmt wird. Also kannten wir schon mal den Tatzeitpunkt. War den Strafverfolgern aber alles egal. Die wussten, dass dort in der Gegend Junkies ihr Heroin verstecken. Und damit war klar: Der Tote ist uninteressant, die Sache wird nicht weiter verfolgt. Warum der Typ eine Perücke trug? Die Polizisten sagten, das weise auf Prostitution hin oder auf Karneval (lacht). Kein Witz!


Das mit den Schnecken ist ja wie im Fernsehen bei CSI.
MB: Ach, diese CSI-Typen können ja alles: Spuren sichern, Hubschrauber fliegen, schießen, ermItteln. Und dann sind sie auch noch cool und tragen vernünftige Klamotten. Und Ich? Mir wird im Hubschrauber übel, und ich trage abwaschbare Kleidung und Polyesterunterhosen. Damit der Geruch sich nicht so festsetzt. Ihr Kaschmir-Pullöverchen könnten Sie nach einer Leichen-Besichtigung wegschmeißen.


Wie viele Fälle untersuchen Sie?
MB: Ich bin jetzt ungefähr bei Nummer 850. Es gab Zelten, da hatten wir jeden Tag einen Fall auf dem TIsch. Aber seit ein paar Jahren dürfen Polizei und Staatsanwaltschaft aus Kostengründen fast gar keine externen Sachverständigen für Spuren mehr dazurufen. Natürlich haben die trotzdem nicht mehr Mitarbeiter. Daher gibt es einen ewigen Bearbeitungsstau.


Wie kommen Sie dann an Ihre Fälle?
MB: Mich beauftragen Menschen, die nicht glauben, dass Ihr Kumpel zu Recht im Knast sitzt. Wenn Sie beim Campen morgens neben einer Leiche aufwachen und es nicht waren, können Sie mich anrufen.


Wie oft haben Ihre Auftraggeber recht?
MB: Schon ab und zu. Vor ein paar Jahren marschierten zwei Kriminelle schwer bewaffnet in ein Bordell in der Nähe von Holland. Die wollten den Zuhälter kaltmachen, der aber erschoss stattdessen beide. 'Die Justiz kannte den Zuhälter, der hatte viel Dreck am Stecken. Jetzt sahen sie die Chance, ihn dauerhaft von der Straße zu holen.


Wie macht man das?
MB: Zeit lassen mit dem Notruf, sodass der Angeschossene stirbt. Und es dannso darstellen, als sei der tödliche Schuss in den Rücken des Opfers gegangen. Damit es nicht Notwehr war, sondern heimtückischer Mord. Dafür geht man lange in den Bau.


Aber es war kein Mord?
MB: Nee. Da bin ich mir hundertprozentig sicher: Der erste Schuss ging in den Bauch. Also war es Notwehr.


Wie ging's weiter?
MB: Der Täter blieb trotzdem im Bau, bis heute. Obwohl der Prozess wieder aufgenommen wurde, was selten ist. Aber die Sache kam vor denselben Richter. Und der wollte nichts ändern. Dass ich eine Sache beweisen kann, heißt 'noch nicht, dass sie vor Gericht anerkannt wird.


Wie viel haben Sie an der Sache verdient?
MB: Ach, Kleckerbeträge. Solche Leute haben ja kein gut gedecktes Konto, von dem sie mir größere Summen überweisen könnten.


Naja, als Bordellbesitzer ...
MB: ... klar hat der Geld, aber nur Schwarzgeld, und das nehme ich nicht. Ich lasse mir doch nicht die Bargeld-Packen rüberschieben. Ungeklärte Morde passieren ja eher nicht in der guten Gesellschaft. Einmal sagte ich zu verzweifelten Eltern, deren 15-jähriger Sohn ertrunken war: Schauen Sie doch mal, was Sie haben. Zum nächsten Termin brachten die einen zerknüllten Fünf-Mark-Schein mit. Ernsthaft.


Was war mit dem Sohn passiert?
MB: Der wurde tot in einem Teich gefunden. Für die Polizei war die Sache schnell klar: beim Pinkeln ausgerutscht, ertrunken, Fall abgeschlossen.


Das glauben Sie offenbar nicht.
MB: Da gab es so viele Ungereimtheiten. Zum Beispiel, dass der Junge mit Drogen handelte und kurz vor seinem Tod mit einer Gang am Bahnhof gefilmt wurde. Bald fanden wir seine Jacke an einer ganz anderen Stelle in dem Teich. Die Polizisten hatten immer neue Erklärungen, aber die passten alle nicht zu den Spuren, die wir fanden. Ich konnte den Eltern trotzdem nicht helfen: Die Justiz hat den Fall nicht neu aufgerollt.


All die Arbeit machen Sie aus Interesse an der Gerechtigkeit?
MB: Nö. Es gibt keine Gerechtigkeit.


Wie meinen Sie das?
MB: Ich glaube nicht, dass es so was wie Gerechtigkeit gibt. Was wir darunter verstehen, ist doch nichts anderes als ein juristisches oder kulturelles Konstrukt. Früher verstand man was ganz anderes darunter, und morgen kann's schon wieder anders aussehen. Die meisten Menschen, die in einen Mordfall verwickelt werden, machen denselben Fehler: Sie glauben, dass die Gerechtigkeit am Ende siegt. Tut sie aber nicht.


Müssten in Deutschland mehr Leichen untersucht werden?
MB: Ja, denn das passiert immer seltener. Jeder Politiker, der ein rechtsmedizinisches Institut schließt, kann tolle Zahlen präsentieren: Werden weniger Delikte erkannt, gibt es scheinbar weniger Verbrechen.


Würden mehr Leichen untersucht, würden mehr Morde entdeckt?
MB: Klar. Und es geht weiter: Mit mehr Untersuchungenwürde man mehr über den Tathergang verstehen. Dann könnte man Prävention betreiben und wirklich was tun gegen Gewalt und Kriminalität. Oder denken Sie an Vernachlässigung: Wie viele Fälle wir nachweisen könnten, indem wir zum Beispiel die Maden anschauen, die in den Windeln von alten Menschen oder Kindern wohnen. Dann könnten wir nachweisen, dass die nicht erst seit gestern dort sind, sondern seit Wochen.


Es ist also eine politische Entscheidung, lieber zu sparen, als genau hinzusehen?
MB: Ja natürlich. Wir machen es uns aber zu leicht, wenn wir den Politikern die Schuld geben. Wir interessieren uns doch alle nicht für Aufklärung. Weil wir faul und dumm sind. Die Wahrheit interessiert keine Sau. Was uns wirklich wichtig ist, ist unser Wohlstand. Und in der Kriminalistik kommen dann so doofe Vorschläge auf, wie der, auf Tätowierungen zu sehen.


Auf Tätowierungen?
MB: Es gibt sogar Enzyklopädien, die Tätowierungen übersetzen: Eine Rose bedeutet dies und das, ein Teller Knödel bedeutet, dass einer Kinderschänder ist. Wenn der sich dann verteidigt, wird ihm entgegengehalten: Ach ja, und wo kommen denn diese Knödel auf Ihrem Bauch her, wenn Sie's nicht waren? So ein Schwachsinn. Das ist der Stand von 1904.


Was müsste stattdessen geschehen?
MB: Wir könnten uns viel Gelaber sparen und ganz viele Fälle aufklären, wenn die Spuren häufiger angesehen und besser gesichert würden. Allein die Fotos vom Tatort! Früher gab es dafür professionelle Fotografen. Heute müssen's die Polizisten oft selbst machen. Die können's aber meistens nicht. Wie oft ich es schon erlebt habe, dass die Fotos vom Tatort verwackelt sind, total unbrauchbar. Wenn es ganz schlimm kommt, bleibt der Fall unaufgeklärt.


Wird in anderen Ländern mehr gemacht?
MB: In den USA zumindest reißen sich die Polizisten um die Kurse an der FBI-Academy. Eigentlich ist das Kinderkram: Wie sichere ich eine Bierdose, die ich am Tatort finde? Hoffentlich packe ich sie nicht einfach in eine Plastiktüte, denn dann läuft das restliche Bier aus und verwischt alle Spuren. Wie rede ich mit Opfern? Daran fehlt es in Deutschland. Ich will damit nicht sagen, dass hier alles am Boden liegt, so wie in Kolumbien, aber es könnte besser sein.


Was ist in Kolumbien los?
MB: Naja, das Land wurde von den Toten aus dem Drogenkrieg so überschwemmt, dass gar nichts mehr geht. Und die Gesellschaft will mit so schlimmen Gewalttaten wie denen von Luis Alfredo Garavito Cubillos nichts zu tun haben.


Wer ist das?
MB: Ein Mann, der mindestens 300 Kinder ermordete. Da gab es nur ein Verfahren ohne Zeugen und Öffentlichkeit. Ich habe ihn über Jahre immer wieder im Gefängnis besucht, weil ich verstehen wollte, warum jemand so was tut. Und es ist gar nicht so kompliziert: Armut, Missbrauch, schlimme Erfahrungen, dazu krankhafter Narzissmus, antisoziale Störung.


Gibt es Angebote vom Fernsehen an Sie?
MB: Ach, mit denen rede ich nicht gerne. Ich habe mich ein paar Mal mit Drehbuchautoren getroffen. Das Ergebnis war, dass sie mich und meine Geschichten in ihren Film schrieben und ich keinen Cent sah.


Stimmt es, dass Sie mal Hitlers Schädel untersuchten?
MB: Ich sollte zusammen mit dem russischen Geheimdienst feststellen, ob er echt ist.


Und?
MB: Ich bekam vom britischen Geheimdienst Röntgenbilder, die nach dem Attentat 1944 gemacht wurden. Die Metallzähne jedenfalls waren echt. Und er hatte fast nur Metallzähne.


Metallzähne?
MB: Ja, Hitler hatte ein Metallgebiss. Weil er so extreme Zahnfäule hatte. Muss fürchterlich gestunken haben. Ich kann also allen Verschwörungstheoretikern sagen: Wenn Hitler wirklich noch lebt, dann fehlen ihm zumindest Ober- und Unterkiefer. Aber klar, er könnte trotzdem im U-Boot nach Argentinien geflüchtet sein (lacht).


Mit herzlichem Dank an Malte Conradi, Alexander Hagelüken und die Redaktion der Süddeutschen Zeitung für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.



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