Galileo: Puppenhaeuser des Todes

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Galileo: Puppenhäuser des Todes

Galileo, Wunderwelt Wissen, Nr. 4 (April) 2018, Seiten 58 bis 65

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VON THOMAS WEISS


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Die Miniaturmodelle der Frances Glessner Lee sind mehr als ein Mordsspaß: Mit ihrer Hilfe werden bereits seit Jahrzehnten US-Forensiker geschult.

Das Grauen erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick. Zunächst bewundert man die hübschen Details: die winzige Haarbürste, das süße Spitzenkleidchen, hier eine rosa Tapete, dort ein Schminktischchen. Aber dann stolpert der Blick. Irgendwas stimmt nicht:der umgestürzte Stuhl, die Pistole auf dem Boden, ein von Blutspritzern verunziertes Kinderbett. Und dann die Puppen! Keine hübschen Gesichter zieren sie, sondern Fratzen des Todes. Aufgedunsen, unnatürlich rot, weil die Puppe am Strick von der Scheunendecke baumelt. Blass die andere, weil sie erstochen oder erschossen am Boden liegt ...

An den Puppenhäusern, von denen hier die Rede ist, hätten Barbie und Ken garantiert keine Freude. Sie stehen nämlich in der Gerichtsmedizin in Baltimore, Maryland. Hier ist kein Platz für Kinderkram. Hier geht es um blutige Realität. Die Modelle wurden in den 1940er-Jahren von der Amerikanerin Frances Glessner Lee in mühseliger Kleinstarbeit gebaut. Sie zeigen Szenerien, in denen so oder zumindest so ähnlich echte Morde passiert sind. Und die Miniaturtatorte sind so original- und detailgetreu, dass sie sogar noch heute zu Schulungszwecken eingesetzt werden.

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WUNDERWELT WISSEN zeigt auf diesen und den folgenden Seiten vier dieser Fälle. Wir haben zwei Experten auf sie angesetzt (siehe rechts). Denn wer die Täter sind, wie genau der Mord erfolgte, ist noch immer unklar. Ermitteln Sie doch einfach mit!

SEMINAR DES TODES

Ein Seminar im Gebäude der Gerichtsmedizin von Baltimore im US-Bundesstaat Maryland. Die besten Mordermittler des Landes treffen sich hier. Auf dem Lehrplan: Vorträge von Forensikern zu Themen wie „Tod durch Drogen“, „Schnitt- und Stichwunden“ und „Autopsie“.

Nach den Kursen über dreidimensionale Blutspritzeranalyse, DNS-Tests und eine Software, die Unfälle digital rekonstruiert, kommt der spannende Teil. Die Detektive werden in Zweiergruppen aufgeteilt und in den Nebenraum geführt, wo die Puppenhäuser stehen. Nur 90 Minuten bleiben den Cops, um den Geheimnissen der 19 Konstrukte auf den Grund zu gehen – und die haben bereits den besten Kriminalisten Kopfzerbrechen bereitet.

Die Geschichte hinter den Puppenhäusern des Todes ist ebenso skurril und spannend wie die Fälle, die sie darstellen: Frances Glessner Lee, Jahrgang 1878, wuchs als Spross eines millionenschweren Unternehmers auf. Ihr Vater war mit der Produktion von Erntemaschinen reich geworden. Statt die Tochter auf eine öffentliche Schule zu schicken, wurde sie von Privatlehrern erzogen. Eine Universität durfte sie nie besuchen, mit 20 Jahren wurde sie einfach mit einem Anwalt verheiratet. Ihr vorbestimmtes eben: Kinder kriegen, den Haushalt organisieren und repräsentieren.

MORD IST IHR HOBBY

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Alles änderte sich, als Frances’ Bruder einen Studienkollegen aus Harvard mit nach Hause brachte: George Burgess Magrath hatte sich auf Gerichtsmedizin spezialisiert, Jahre später sollte er der Chefpathologe von Suffolk County bei Boston werden. Frances Lee war sofort begeistert von dem Fach. 1931, sie war inzwischen geschieden, finanzierte sie den Aufbau des Gerichtsmedizinischen Instituts an der Universität Harvard, damals das einzige derartige Programm in den USA. Lees Erbe war schließlich groß genug. 1936 spendete sie noch einmal 250.000 Dollar, was heute umgerechnet drei Millionen Dollar wären.

Dann kam Lee die entscheidende Idee: ihre Leidenschaft für Puppenhäuser mit ihrer Faszination für die Gerichtsmedizin zu verbinden. Sie nutzte Zahnarztutensilien, strickte Minipullis, baute funktionierende Türen ein, fertigte winzige Ausgaben von Zeitschriften an, Einkaufszettel, Zigaretten und Wandkalender. Für die Blutspritzer nutzte sie Nagellack. Bevor sie mit der Arbeit begann, begleitete sie Detektive zu Tatorten, sprach mit Zeugen und Richtern. Aus den Fällen wählte sie diejenigen aus, bei denen ihrer Meinung nach eine genaue Spurenermittlung entscheidend war. Etwa drei Monate brauchte Lee für ein Puppenhaus, die Herstellung kostete so viel wie der Bau eines echten Hauses. 20 Tatorte baute sie nach, 19 von ihnen sind heute noch erhalten und ausgestellt.

Lee wurde die erste Hauptkommissarin der USA und nutzte die Nachbildungen für ihr Lieblingsprojekt: ein seit 1945 zweimal jährlich stattfindendes Seminar, zu dem sie 40 bis 50 der besten Mordermittler des Landes einlud. Das Seminar war begehrt, denn einen Erfahrungsaustausch zwischen Ermittlern gab es damals so gut wie gar nicht. Beweisaufnahmen wurden gerade erst eingeführt, Leichen ohne Untersuchung abtransportiert. So entkamen viele Mörder ungestraft.

Heute gibt es täglich bis zu 20 Autopsien in der Gerichtsmedzin von Maryland, der Einfluss der modernen Forensik auf die ist massiv. Das ist auch Lee zu verdanken, der „Patin der Spurensicherung“.



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