2016 03 Hanauer Anzeiger: Der Herr der Maden und Larven

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Quelle: Hanauer Anzeiger (darin: Rhein-Main / Hessen) vom 14. März 2016, Seite 26

Der Herr der Maden und Larven

Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke begeistert sein Publikum im Bildungs- und Kulturzentrum in Höchst

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VON ALEXANDRA HELLBRÜCK


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Zusammengerechnet dürfte es weit über eine Stunde gewesen sein, die Dr. Mark Benecke im Bildungs- und Kulturzentrum (Bikuz) in Höchst mit Autogrammeschreiben und Posen für Handy-Selfies verbracht hat. Vor seinem Vortrag, nach seinem Vortrag sowie in der 20-minütigen Pause dazwischen stand der „Madendoktor“, wie er von den Medien liebevoll genannt wird, unermüdlich vor einer langen Schlange im Bühnenbereich, in der seine Jünger auf einen kurzen Moment mit ihm warteten.


Im Hintergrund lief elektronische Musik, Gothic, Darkwave, laut. Dazu flimmerten Musikvideos über eine große Leinwand, auf eben der Benecke wenige Momente später Bilder stark verwester Leichen zeigen sollte, von Maden übersät, die toten Blicke starr ins Nichts gerichtet. Wer schaut sich so etwas an? Der Saal mit mehreren hundert Sitzplätzen war voll.


Die Leute, die Eintritt dafür bezahlen, um den Kriminalbiologen von seinen Fällen erzählen zu hören, sind größtenteils jung und sehr oft weiblich. Studenten, Mediziner, Polizisten und all diejenigen, die sich zu Hause „Bones“, „CSI“ oder „Body Farm“ anschauen. Benecke doziert nicht, er zieht die Veranstaltung wie eine Lehrstunde auf, stellt Fragen, interagiert mit seinem Publikum und präsentiert die – allesamt echten – Fälle wie ein Rätsel, sodass man schnell das Gefühl bekommt, entweder selbst mit am Tatort zu sein oder zumindest in einer richtigen Forensik-Vorlesung zu sitzen.


Kein Wunder, darin ist der 45-Jährige geübt, denn er gibt regelmäßig Kurse für Studenten und Polizisten. Der Diplombiologe und Doktor der theoretischen Medizin ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren und hat Zusatzausbildungen auf der ganzen Welt genossen, unter anderem beim FBI. Heute arbeitet der Kölner freiberuflich und zählt zu den renommiertesten Kriminalbiologen der Welt. Trotz allen Hightechs im Labor plädiert Benecke dafür, die alten Techniken im Studium weiterhin zu erlernen. Denn, wie er sagt, „die Verbrechen an sich haben sich nicht verändert (...) und die Spuren haben sich auch nicht geändert.“


Sein Fachgebiet ist die Entomologie, also die Insektenkunde. Der Kriminalbiologe ist Fachmann dafür, aus der Art des Insektenbefalls und dem Stadium der Larven Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt sowie auf die äußeren Umstände des Sterbefalls schließen zu können. Denn Larven und Maden erzählen viel über Verwesungsort und Leichenliegezeit. Nach dem Tode eines Lebewesens würden vor allem diejenigen Körperteile von Fliegen für ihre Eiablage ausgewählt, die feucht, warm und dunkel seien, erklärte Benecke.


Anhand mehrerer echter Fälle zeigte er auf, was die Fliegenart über den Aufenthaltsort einer Leiche aussagt und welche Kriterien das Schlüpfen und die Entwicklung der Maden beeinflussen könnten, wie zum Beispiel die Temperatur, die Umgebungsfeuchtigkeit, der Aufenthalt in der Wohnung oder im Freien. Auch wer sich zuvor nicht für solcherlei Aspekte des menschlichen Lebens interessiert hat, bekam dabei schnell Zugang zur Materie und konnte eine Menge über die Aussage von „Insektenbesiedlungsmustern“ lernen. Dass die dabei gezeigten Fotografien nicht allzu schockierend waren, lag ebenfalls an Beneckes Kunst des Referats.


Sicher, er ist witzig. Sicher, seine flapsige Art zu sprechen, gefällt. Doch ist er einmal richtig in seinem Element angekommen, wie vor allem im zweiten Teil des Abends, dann blitzt das durch, was er hinter der ganzen Popstar-Fassade eben vor allem ist:


Ein begeisterter Wissenschaftler, der für seinen Job brennt. „Ich glaube nicht an Gerechtigkeit“, sagte er, „und ich glaube nicht an das Gute.“ Am Ende gebe es nur die Wahrheit, und die will er herausfinden. Das Trennen von Emotionalität und dem eigentlichen Fall, den es zu lösen gilt, sei wichtig bei dieser Arbeit. Was Benecke dagegen gar nicht trennt, sind die Arbeit und sein Lifestyle. Auch am Freitag hatte er neben seinem Merchandise-Stand mit eigenen Buchtiteln – unter anderem für Kinder – einen Tisch für „Die Partei“ aufbauen lassen, bei der er Landesvorsitzender von Nordrhein-Westfalen ist. Außerdem ist er Mitglied des Spaß-Nobelpreis-Komitees der Harvard-Universität, trat unter anderem in der Fernsehserie „Medical Detectives“ auf, ist Gastherausgeber des Journals „Forensic Science International“ und Mitglied im Wissenschaftsrat der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“, in deren Zeitschrift er Beiträge zu Themen wie Spontane Selbstentzündung, Blutwunder, Vampire oder magnetische Berge verfasst hat.


Politische Statements sowie sein Bekennen zum Vegetarismus tauchten ebenfalls immer wieder in seiner Show-Vorlesung auf, und obwohl er mit seinen 45 Jahren eigentlich nicht zur Facebook-Generation gehört, nutzt er diese Medien wie einen verlängerten Arm. Kurz, Benecke ist ein Meister des Verquickens: Was für einen in der Öffentlichkeit stehenden Menschen noch vor nicht allzu langer Zeit das marketingtechnische Aus bedeutete hätte, ist heute salonfähig geworden. Die Leute lieben es, den Eindruck zu bekommen, nicht nur den brillanten Wissenschaftler vor sich haben, sondern auch den Privatmann. Dass all dies Teil einer Inszenierung ist, mag unbestritten sein. Dass diese Inszenierung klappt und so gut rüberkommt, ist aber doch der Präsentationskunst Beneckes sowie der Stimmigkeit seiner Themen zu verdanken. Schonungslos stellt er einfach alles nebeneinander, was ihn interessiert, sei es nun die Musik oder die Kleiderwelt des Gothics, seien es seine vielen Tätowierungen oder die Piercings – und man nimmt es ihm ab, weil es von der Logik her zusammenpasst.


Mit großem Dank an Alexandra Hellbrück und die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.


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