2014-01-05 Maerkischer Sonntag: Mark mag Maden

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Quelle: Märkischer Sonntag, Frankfurt(Oder), Land & Leute, 5. Januar 2014, Seite 3

Mark mag Maden

Sonntagsfrühstück mit Dr. Mark Benecke, Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen

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Von Andreas Kampa

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Berlin. Da kann das in die Fleischwurst gepresste Gesicht noch so lustig dreinschauen, auf dem Sonntagsfrühstückstisch von Mark Benecke wird man es vergeblich suchen. Genauso wie Leber-, blut- und jede andere Wurst. „Das sind alles Tierleichenteile, und die finde ich echt eklig“, sagt der weltweit gefragte und anerkannte Kriminalbiologe. Gut möglich, dass der Beruf Mark Benecke zum Vegetarier gemacht hat, denn als Spezialist für Forensische Entomologie hat er viel mit Fliegen und Maden zu tun. Und zwar mit jenen, die aus, auf und in Leichen krabbeln. Die Insekten verraten ihm, wie lange die Leiche schon Leiche ist, und manchmal sagen sie ihm auch gleich noch etwas über die Ursache und die Umstände des Todes. Das macht ihn glücklich, und die ermittelnden Kriminalbeamten und Untersuchungsrichter erst recht.

Also keine Wurst zum Frühstück und natürlich auch kein Fleisch am Rest des Tages. Was dann? „Was sonst so da ist“, grinst Mark Benecke, „aber das ist meist nicht viel, ich bin ja ständig unterwegs.“ Das kann man so sage. Im gerade zu Ende gegangenen Jahr war der Kriminalbiologe wider einmal mehr unterwegs als zu Hause. In der ganzen Welt auf Achse - hier ein Vortrag über Maden, da ein Kurs zur Kriminalbiologie und zwischendurch noch eine Veranstaltung oder Buchlesung. Seine Auftritte sind unterhaltsam, oft auch spektakulär, seine Meinung ist überall gefragt. Vor allem natürlich bei der Kriminalpolizei. Als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger wird er immer wieder herangezogen, um bei vermuteten Gewaltverbrechen mit Todesfolge die biologischen Spuren auszuwerten. So wie 1997. Da hat er mit Hilfe von Maden die Leichenliegezeit der getöteten Ehefrau des bekannten Pastors Klaus Geyer feststellen können. Der hatte für den ermittelten Todeszeitpunkt kein Alibi und wurde verurteilt. Der Prozess ging durch die Medien und mit ihm auch Mark Benecke und seine Maden, die hierzulande erstmals gezeigt habe, welche wichtige Rolle die Naturwissenschaften in der Kriminalistik spielen können.

„auch, aber in der Regel werden die ganz normal im Angelladen gekauft“, antwortet er auf die Frage, ob er denn seine Maden selber züchte. „Es geht uns im Labor um die Wachstumsgeschwindigkeit bei unterschiedlichen äußeren Bedingungen, vor allem natürlich bei verschiedenen Temperaturen.“ Die Ergebnisse sind wichtig und nützlich für den Vergleich mit den Spuren am Fundort. Eine Lieblingsmade hat Mark Benecke übrigens auch, es ist die Käsefliegenmade. „Die krümmt sich wie ein Croissant zusammen und springt dann“, geht Mark Benecke mit sichtlichem Vergnügen ins Detail, „da ist das Geschreie noch größer, wenn die Maden aus dem Bergesack nicht kriechen, sondern springen“. Und weil - wie Freunde und Kollegen gern bestätigen - der Mark die Maden tatsächlich mag, lässt er sich nach getaner Arbeit auch wieder frei. Genau genommen mag der Kriminalbiologe alle Tiere. In der Tierrechtsorganisation PETA engagiert er sich vor allem für den Schutz von wirbellosen Meerestieren und gegen die Haltung von Zirkustieren.

Dass er mal das machen wird, was er heute macht, war irgendwie absehbar. „Ich habe mich schon in der Schulzeit lieber mit dem Chemiebaukasten beschäftigt als Fußball gespielt“, erzählt er, „und dann war der Film ‚Blade Runner‘ so ein Schlüsselerlebnis.“ Der kam 1982 in die deutschen Kinos. Der damals 12-jährige Mark war fasziniert von den Bio-Robotern, den Androiden, die so schwer von den realen Menschen zu unterscheiden waren. Es folgten das Biologiestudium in Köln und seine Promotion über genetische Fingerabdrücke. Unmittelbar nach der Doktorverleihung flog er in die USA. Beim Institut für Rechtsmedizin in Manhattan suchte man dringend Leute wie ihn. „Ich habe meine eigene Doktorfeier verpasst“, lacht Mark Benecke, „und ich war kein bisschen traurig darüber.“

Formelle und verordnete Feiern sind bis heute nicht sein Ding, Tattoos dagegen schon. Auch das unterschiedet den unkonventionellen Mark Benecke von den meisten anderen Promovierten dieser Welt. Wie viele Bildchen und Schriftzüge mittlerweile auf seinem Körper eingebrannt sind, kann er nicht sagen, aber so viel Platz ist nicht mehr. „Ich bin wohl der einzige Mensch, der ein Autogramm von Gunther von Hagens auf dem Unterarm tätowiert hat“, sagt Mark Benecke und erzählt von seiner Zeit bei dem Erfinder der Plastination. „Ich habe um die Jahrtausendwende bei ‚Körperwelten‘ in Köln gearbeitet. Damals begann gerade der Medienhype um die Ausstellung.“ Mark Benecke kümmerte sich gleichermaßen um Objekte und Warteschlangen, bei ‚Körperwelten‘ war irgendwie jeder für alles verantwortlich. Wohlgemerkt, Mark Benecke hatte da bereits seinen Doktortitel und eine Ausbildung beim FBI hinter sich! Einen gut dotierten Job hatte er deshalb noch lange nicht. „Nach der Rückkehr aus den USA habe ich erst mal in der Zoologie gearbeitet“, erzählt er, „mit Zeitverträgen für 250 DM.“ Zu dieser Zeit wurde er auch zum gefragten Referenten auf Kongressen und Symposien. Sein Name war damals in Deutschland also schon bekannt, sein Gesicht offenbar noch nicht. Als er 1999 bei einem Kongress über Alterungsmedizin seinen Rechner aufbaute, fragte der Organisator, wann denn Dr. Benecke kommen würde. Man hielt ihn für den Techniker, es blieb die einzige Verwechslung dieser Art. „ES gibt nicht so viele Wissenschaftler auf unserem Gebiet, wir kennen uns alle jetzt schon lange. Meine Tattoos spielen da absolut keine Rolle“, sagt Mark Benecke. Was sicher auch und gerade mit seiner absoluten fachlichen Kompetenz zusammenhängt. Mark Benecke hat seine Fähigkeiten oftmals unter Beweis stellen können. Er hat Hitlers Schädeldecke und Gebiss untersucht, er konnte als Einziger seines Fachs mit einem kolumbianischen Serientäter und Vergewaltiger sprechen, der über 300 Kinder totgefoltert hat und er half, das Geheimnis der weltbekannten Mumien von Palermo zu lüften. Weit über 800 Fälle haben er und seine Mitarbeiter mittlerweile bearbeitet, dazu kommen noch Hunderte Anfragen aus aller Welt, die meist schnell und auf kurzem Wege beantwortet werden können.

„Ich finde alle Fälle super,“ wehrt Mark Benecke die gern gestellte Journalistenfrage nach seinem Lieblingsfall ab, „für mich ist wichtig, immer bei null anzufangen. ich glaube keiner Quelle und Akte, ich glaube nur das, was ich sehe!“ Er guckt meist nicht nur genauer, sondern vor allem anders hin. Nichts ist wie es scheint. So wie bei dem Fall einerFrau, die ihre Mutter getötet haben soll und deshalb seit knapp 13 Jahren im Gefängnis sitzt. Mark Benecke hat den Fall neu untersucht und ist fest davon überzeugt, dass die Tochter unschuldig ist. „Die Polizeibeamten haben richtig und gut ermittelt, aber sie sind von einer falschen Annahme ausgegangen - in einem abgeschlossenen Raum waren zwei Menschen, einer davon ist tot. Wer ist da der Täter?“ Für den Kriminalbiologen ist es eben nicht der überlegende Mensch in diesem Raum. Unter anderem, weil der Raum nur auf den ersten Blick ein abgeschlossener war, nahezu jeder im Ort wusste nämlich wo der Zweitschlüssel lag.

Eigentlich ein klarer Fall für eine Wiederaufnahme des Verfahrens, aber so etwas sei in Deutschland schwierig und mit vielen Kosten verbunden, sagt Benecke. An die Gerechtigkeit mag er nach solchen Fällen nicht mehr glauben, nur an die Wahrheit. Deshalb auch seine pragmatische Empfehlung: „Wenn Sie morgens neben einer Leiche aufwachen und nicht der Täter sind, dann verlassen Sie am besten sofort das Land!“ Für solche Analyse lieben ihn seine zahlreichen Fans, unter andern auch die Hörer von Radio Eins, wo er seit 1999 ebenso unterhaltsam wie fundiert zu aktuellen wissenschaftlichen Themen spricht.

Mark Benecke hat Dutzende Bücher geschrieben, die 1. Auflage seiner kürzlich erschienenen Biographie über den Rechtsmediziner Otto Prokop war nach wenigen Tagen vergriffen. Er macht Musik und hatte zweitweise sogar eine eigene Band, er spielt Theater, er ist Vorsitzender der Tanssylvanischen Dracula-Gesellschaft und Mitglied des Komitees des IG-Nobelpreises für kuriose wissenschaftliche Forschungen. Und in der Partei „Die Partei“ ist er als Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen auch noch aktiv. Er hat kein Auto, nicht mal einen Führerschein, dafür eine umfangreiche Comic-Sammlung. Die steht in seinem Wohn-, Schlaf- und Lebenszimmer, das er sich in seinem Kölner Labor eingerichtet hat. Mit einem Terrarium voller Fauchschaben und einer Matratze auf dem Boden. Angeber- und Neureichensprüche wie „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht!“ wären für Dr. Mark Benecke also überhaupt kein Problem, er könnte jederzeit locker kontern und seine Trümpfe ausspielen: „Meine Matratze, meine Tattoos, meine Fauchschaben!“ Und das klingt bedeutend spannender, eben nicht artig, sondern tatsächlich einzigartig.


Mit herzlichem Dank an die Redaktion des Märkischen Sonntags für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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