2013 12 Jungsheft: Sex and Crime

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Quelle: Jungsheft, Dezember 2013, Seiten 36 bis 39

Menschen sind für mich total rätselhaft

Dr. Mark Benecke im Interview

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VON NINA WINDISCH

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Er ist nicht der nette Junge von nebenan und genau deshalb unser „Cooler Typ“: Mark Benecke sagt von sich selbst er habe einen weichen Bauch und sei ein bisschen mehr emotionsvermindert als andere. Er hasst Gewalt, verschenkt Pornos im Wahlkampf und seine Oma findet, er isst zu wenig. Wir könnten seiner selbstbewussten Stimme und seinen interessanten Geschichten stunden- lang lauschen und ihm dabei in seine dunkelbraunen Teddy-Augen sehen.


Uns ist zu Ohren gekommen, dass Du gut findest, was wir hier machen. Wie kommen wir zu dieser Ehre? Wie bist Du auf die Hefte aufmerksam geworden?

MB: Meine PARTEI-Freundin (ich bin Landesvater NRW) Vivien hat mich darauf bei einer Limonade am Rande des bundesPARTEItages aufmerksam gemacht. Wir haben über den Trend zu guten, soften Pornos gesprochen. Ich hab ihr von WOW PORN erzählt und sie mir von euch.


Würdest Du Dich für das Jungsheft ausziehen?

MB: Warum nicht... wenn ihr auf weiche Bäuche, weggelaserte Haare, Kurzsichtigkeit und einen maximal untrainierten Körper auf einem Feldbett (ich habe kein echtes Bett) steht - hey...


Was bedeutet für Dich Sexualität, wie wurdest Du aufgeklärt?

MB: Bei uns war das ganz normal schon früh in der Schule Thema und auch zuhause sozusagen aufm Lehrplan, ziemlich entspannt und unaufgeregt.


Guckst Du Pornos? Wenn ja, was für welche?

MB: Ich hatte früher vor allem freakige Sachen, die wir auch als Kursmaterial (= internationaler Forensikkurs mit den Studierenden: „Was für Spuren gibt es, egal wie unwahrscheinlich sie sind?“) angeguckt haben. Meine Mitarbeiterinnen meinten aber irgendwann, dass man denken könnte, ich stehe inhaltlich darauf, und dass das sogar von Sexpartnerinnen als Wink mit den Zaunpfahl aufgefasst werden könnte (es waren vor allem spurenreiche Sachen, also Kotze, Kot, die früher üblichen Fake-Sperma-Ergüsse usw.). Da habe ich es gelassen und alle DVDs im Wahlkampf (kein Scherz) verschenkt. Ich hatte die Titel alle jahrelang in den Reste-Ecken in Kölner, Amsterdamer und Hamburger Shops mühsam zusammengekauft... well...

Ich hatte auch ganz alte Super-8-Sachen (auf echtem Super-8), weil die natürlich noch richtig liebevoll und non-gonzo-mässig gemacht waren.

Viel gelacht habe ich vor ein paar Jahren über die angeblichen „Casting“-Videos, in denen tatsächliche aber nicht unschuldige First timer auftreten, sondern teils recht bekannte Stars der Szene. Ich fand es saulustig, dass sie teils absolut wie das Mädchen vom Lande wirkten und ohne Wimpernzucken logen, dass sich der Chip in der Kamera bog (z. b. bei Bangbrothers). Derzeit finde ich die ganz neuen Sachen spannend: HD und supersoft und kuschelig. Ist das so ein Trend wie die mormonischen Vampire in TWILIGHT, die erst nach der Eheschliessung Sex haben? Oder watt? Einer der allerteuersten Online-Porno-Anbieter hat ja NUR echte Paare im Angebot, das scheint also derzeit der ultimative Kick zu sein: echte Menschen, die sich echt lieben. Was sagt das über uns und die Welt? Dass es das nicht mehr gibt und daher so exklusiv ist? Huch?

Ich mag lustig-bizarren Shit immer noch - wenn die DarstellerInnen beispielsweise irgendeine Sprache sprechen, die ich nicht kenne oder Hochglanzzeugs wie PIRATES und THIS IS NOT..., was total unbeholfen, aber eben doch auch schweinegeil ist. Ich erwähne hier nur die grosse, coole Sasha Grey! Und die Schlumpf-Farben in THIS IS NOT AVATATAR, die an den Genitalien aber leider fehlen... harrharr!

Vieles mainstreamige an Porno kannte ich gar nicht - ich habe beispielsweise für die SÜDDEUTSCHE ein grösseres Porträt über Micheala Schaffrath gemacht, da hatte ich nie einen ihrer Filme gesehen. Ich mag sie als Privatmensch (sehr), nicht als ehemalige Pornodarstellerin.


Was ist an Vampiren sexy?

MB: Sie tun das, was viele andere sich nicht trauen, aber oft wünschen: sehr tiefe Verbindungen eingehen, seelische Grenzen im Guten überschreiten, alles einen Schritt weiter treiben.


Was fasziniert Dich an Tattoos?

MB: Ich find sie weniger „faszinierend“ als einfach die TrägerInnen interessant, lebendig, mutig, cool... So die Richtung. ich hab deswegen im TÄTOWIERMAGAZIN auch die Kolumne von Herbert Hoffmann übernommen, als er gestorben ist, wo ich jeden Monat eine Freundschaft durch Tattoos vorstelle.


Genießst Du das „Finsternis-Image“, das Dir anhängt?

MB: Hängt mir nicht an.

Oma findet, ich esse zu wenig, mein Vater trinkt gerne Süsswein aus Samos mit mir, mein Neffe bearbeitet auf meinem Handy Quatschfotos, meine bunten FreundInnen zeigen mir ihr buntes Zeugs - Ich glaube nicht, dass mich irgendwer als düster wahrnimmt. Zumindest hats noch nie wer zu mir gesagt.


Den Orgasmus als „Der kleine Tod“ zu bezeichnen, macht das Sinn?

MB: Wenn der Tod entspannend und verbindend ist, warum nicht?


Riechen alle Leichen gleich?

MB: Um jottes willen, nein - das hängt total von den Lagerungsbedingungen ab. Je feuchter, desto nastier, je trockener, desto muffiger.


Nekrophilie, wie häufig kommt das eigentlich vor in Deutschland?

MB: Ist eher selten, siehe ausführlich dazu DUNKELKAMMER DES BÖSEN (Buch).


Ist Dein Berufszweig nicht prädestiniert dafür?

MB: Also, ich arbeite mit verfaulten Leichen und winzigen Spuren. Beides nicht so gut geeignet für sexuelle Konotationen ;) Ich kenne keine nekrophilen KollegInnen, obwohl viele sehr offen mit mir sprechen. Alle anderen sexuellen Besonderheiten sind in meinem Feld (= Forensik in allen Facetten) soweit ich es sehen kann, ungefähr so verteilt wie in der Normalbevölkerung. Ich sehe wenn überhaupt ein bisschen mehr emotionsverminderte Menschen, aber das ist ja klar, sonst könnte man den Job nicht machen; das gilt auch für mich. Ich bin abgesehen davon vor allem Biologe und mag daher beim Sex LEBEN: lebende Haut, Lachen, Liebe, Vertrauen, Zuversicht, Händchen halten, Reden über und Ausleben von Kinks und Vorlieben usw. - Das geht mit Leichen irgendwie schlecht ...Gegenfrage: Stehst du sexuell auf Computertastaturen, nur weil du jeden Tag acht Stunden vor einer sitzt?


Spürst Du in Deinem Job noch Ekel?

MB: Nein, habe ich noch nie. Wer das tut, kann den Job nicht machen. Das kann Mensch auch nicht lernen oder sich „abhärten“- und warum sollte Mensch es auch? Es gibt ja genügend coole andere Jobs.


Ist Sexsucht nicht einfach Wollust?

MB: Yes, Sir. Wie bei allem ist das aber ein Spektrum, wie eine Lautstärke-Skala. Man kann ganz wenig, ganz viel und alles dazwischen haben. Und man kann gut damit klarkommen (Polyamourie, Lifestyle, Beruf...) oder schlecht oder alles dazwischen. Sex-Sucht kann auch die Ausprägung einer psychischen Krankheit sein, also nur ein Symptom von was anderem. Muss man im Einzelfall immer janz jenau angucken...


Wo hört S/M auf und fängt Folter an? Liegt das immer im Ermessen der Beteiligten?

MB: Ja, liegt im Ermessen der offen und ehrlich miteinander - am besten auch noch mit FreundInnen - darüber sprechenden Beteiligten. Ich beispielsweise kriege schon Gänsehaut, wenn jemand einem anderen einen Gefallen tun will und sich auf was sexuelles einlässt, was ihm/ihr sonst gar nicht gefällt, also aus reinem Bindungsmissbrauchswillen. I do n o t like!


Bei wie vielen Serienmördern in Europa gehen Sexualdelikte voraus?

MB: Kurz gesagt: immer. Ich wüsste auf die Schnelle keinen Serienmörder, der nicht „sexuelle“ Fantasien ausgelebt hat.


Werden auf verschiedenen Kontinenten verschiedene Sexualdelikte begannen? Was ist zum Beispiel typisch amerikanisch oder typisch asiatisch?

MB: Nein, meiner Erfahrung nach nicht. Jede Kultur hat aber ihre eigenen Lösungen für sexuelle Befriedigung allgemein: die einen erlauben Mätressen, die Anderen reden offen miteinander, die Dritten gehen auf Geschäftsreisen in den Puff, die Nächsten sind sich einfach auch mit Kopfschmerzen gegenseitig zu Willen, weil das gesellschaftlich so erwartet wird - da kann also viel Triebabfuhr erfolgen.

Viele „Sexualdelikte“ sind nur teils sexuell, es steckt oft eher Hass, Enttäuschung, eine total kaputte Kindheit oder eine noch kaputtere Birne dahinter. Auch hier muss man den Einzelfall angucken. Ich verweise nochmal auf die DUNKELKAMMER DES BÖSEN.


Hat sich der Härtegrad der Delikte im Laufe der Jahrhunderte verändert?

MB: Ganz sicher nicht. Eher im Gegenteil. Die alten Berichte, beispielsweise massenhaft vom Kirchschlager Verlag zusammengetragen, ziehen einem heute noch die Socken aus. Es war ja teils, wie bei den Pappenheimern, auch den gerechten Folterern erlaubt, ganz legal Brüste abzukneifen usw.

Ein Texter von Udo Jürgens - der echt fantastische Michael Kunze - hat dazu ein sehr, sehr, sehr gutes Buch geschrieben, dass die komplizierte Melange aus Vorurteilen, Politik und Unkenntnis sehr gut beschreibt, die sich mit dem scheinbar sexuellen mischen kann: „Straße ins Feuer. Vom Leben und Sterben in der Zeit des Hexenwahns.“


Kannst Du etwas über Fälle sagen, bei denen Frauen über Jahre hinweg eingesperrt werden?

MB: Klar: Menschen, die keine Ahnung haben, was und wie eine gesunde Beziehung sein soll, und die auch nie gelernt und erlebt haben, wie sowas funktioniert, sperren andere ein und glauben, das wäre eine Beziehung. Passiert immer wieder. Nicht nur in Kellern, sondern auch seelisch durch krankhafte Eifersucht, Kontrollwahn und dergleichen. Das machen auch Frauen mit Männern.


Hilft Dir Dein Studium der Psychologie, Fälle mit Sexualdelikten objektiv zu bearbeiten?

MB: Nein, bei schlimmen Delikten hilft mir eher, dass ich nur wenige Emotionen habe. Das schlimmste Training war allerdings tatsächlich das auf der Columbia University in New York, wo wir gelernt haben, mit soeben eingelieferten Opfern von Sexualdelikten zu sprechen, denen man trotz absolut notwendiger Spurensicherung - die ja vor allem im Interesse des Opfers erfolgt - trotzdem nicht einfach das eigentlich Korrekte sagen kann: „Wir machen jetzt mal einen Anal-, Oral- und Vaginalabstrich, und übrigens, wo genau hat der Typ sie noch mit den Lippen berührt?“

Mir war bis dahin zum Beispiel überhaupt nicht klar, dass es besser ist, eine Person in den Raum zu schicken, die nicht das Geschlecht des Täters/der Täterin hat. So einfache Dinge kann ich mir nicht denken, sondern muss sie lernen.

Andererseits ist es nicht die Aufgabe und Kompetenz des Spurenkundlers, seelische Unterstützung zu leisten. Das habe ich alles erst in über zwanzig Jahren im Job mit hochgekrempelten Ärmeln und viel Neugier und Respekt und Offenheit gelernt, und ich lerne immer noch. Menschen sind für mich total rätselhaft.


Hattest Du schon mal einen Fall, bei dem der Straftäter eine Frau war?

MB: Ja, öfter. Am nervtötendsten sind dabei Frauen, die ihren neuen Freund anstiften, es dem Ex heimzuzahlen. Von so einem Fall stammt auch eins meiner Lieblingszitate, das im Spuren-Labor hängt. Die Richter konnten sich nicht vorstellen, dass eine Frau so abgebrüht ist. Tja, falsch gedacht.


Mit herzlichem Dank an Nina Windisch und die Jungsheft/Giddyheft-Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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