2012 Leipzig Exclusiv: Der Tod ist garantiert nicht das Ende

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Quelle: Leipzig Exclusiv, 2012, Seiten 28 bis 32

Der Tod ist garantiert nicht das Ende

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TEXT: LINDA NIEKE | FOTOS: www.benecke.com (2), BERK DUGUYN, VOLKMAR HEINZ, GUIDO KREBS


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Die Arbeit von Dr. Mark Benecke ist nichts für schwache Nerven, denn der Tod ist sein Metier. Vor allem Insekten geben Deutschlands wohl bekanntestem Kriminalbiologen die Antworten, die er sucht. In Leipzig macht der Herr der Maden häufig Station mit seinen Infotainment-Abenden, beim Wave-Gotik-Treffen ist der 42-Jährige seit Jahren Stammgast. In Leipzig Exklusiv spricht der Kölner über Sherlock Holmes, den perfekten Mord und Leichen im Keller.


War Kriminalbiologe schon immer Ihr berufliches Ziel?

Das hat sich durch Zufall ergeben. Als ich klein war, wollte ich Koch werden. Nach der Schule habe ich mich an der Uni einfach in alle Fächer eingeschrieben, die ich lustig fand. Die Biologen waren dann die Nettesten und haben als erstes eine Party geschmissen. Darum bin ich geblieben. Ein Schlüsselerlebnis war der Film „Blade Runner“: Darin kommen Nexus-6-Androiden aus menschlichem Gewebe vor, die von Menschen nicht zu unterscheiden sind. Dann wurde der genetische Fingerabdruck entwickelt, und „Blade Runner“ war überholt. Mit 22 wusste ich, dass ich mehr über diese Technik lernen will. Das konnte ich nur in der Rechtsmedizin, und so kam eins zum anderen.


Sie besitzen eine Sherlock-Holmes-Pfeife. Ist er Ihr Vorbild?

Wie Sherlock Holmes tüftle ich gern und suche nach Lösungen. Nachdem ich mich durch sämtliche Holmes-Romane gearbeitet habe, musste ich feststellen, dass Holmes haargenau dieselben kriminalistischen Prinzipien anwendet wie ich und viele meiner Kollegen heute. Mein Beruf wurde also von Autoren wie Arthur Conan Doyle erfunden. Befremdlich!


Wie gehen Sie an einem Tatort vor?

Zuerst muss alles fotografiert werden, also ja nichts anfassen. Außerdem müssen sich die Spezialisten vor Ort absprechen. Sonst wischen vielleicht die DNA-Spezialisten andere Spuren ab, wenn sie Körpersekrete einsammeln. Besonders schlimm ist das Leichenwaschen in der Rechtsmedizin, weil dadurch Fliegenmaden weggespült werden. Am besten ist es, wenn alle Fachleute untereinander verstehen, was der andere will, und offen und ehrlich miteinander reden.


Glaubt man bei Ihrer Arbeit noch an das Gute im Menschen, oder fällt das bisweilen schwer?

Mich interessiert das Gute nicht. Mir ist egal, wem meine Arbeit nützt. Ich arbeite nicht für den Richter und nicht für den Staatsanwalt, auch nicht für die Gerechtigkeit, die gibt es eh nicht, sondern einzig für die Wahrheit. Es interessiert mich nur, wann, wie und wo jemand gestorben ist, aber nicht, was für eine Vorgeschichte der Tote hatte, ob er ein sympathischer oder unsympathischer Mensch, ob alt oder jung, alleinstehend oder Familienvater war.


Haken Sie manchmal nach, ob und wie ein Fall gelöst wurde?

Als Sachverständiger interessiere ich mich nicht für die sozialen Umstände. Ich mache mein Gutachten und damit basta. Je mehr man von einem Fall weiß, desto eher lässt man sich beeinflussen. Meine wichtigste Regel lautet: keine Annahmen machen. Und niemandem glauben, vor allem nicht sich selbst. Ich darf mich nicht durch voreilige Schlüsse in die Irre führen lassen. Etwas, das wie eine Schusswunde aussieht, kann zum Beispiel durch Käferfraß verursacht worden sein. Ich muss Abstand wahren und darf das Geschehen nicht an mich heranlassen, wenn ich eine gründliche, wissenschaftliche Antwort finden will.


Die psychologischen Beweggründe der Täter sind für Sie uninteressant. Warum?

Ach, es ist immer dasselbe: Die krassen Täter hatten immer eine vermurkste Kindheit mit zu wenig Liebe, zu wenig Herzenswärme, zu wenig Milde, zu wenig Aufmerksamkeit oder sonstigen Traumata. Das haben aber viele andere Menschen auch. Wenn ich dieses fragile Fass in meiner Arbeit auch noch aufmachen würde, fielen die objektiven Spuren und meinetwegen auch die Opfer vom Tisch. Außerdem rede ich mit den Tätern lieber als Tatort-Experten, denn sie wissen am besten, was warum wo wann wie ablief. Den Rest können die psychologischen und psychiatrischen Kollegen hundertmal besser bearbeiten als ich. Ich habe sehr großen Respekt vor der coolen Arbeit guter forensischer Seelenkundler.


Sie sind eine Art Popstar auf ihrem wissenschaftlichen Gebiet. Woher kommt das große Interesse der breiten Masse an populärwissenschaftlich aufbereiteter Forensik?

Wahrscheinlich, weil die meisten Menschen gerne Rätsel lösen. Die Menschen wollen wissen, was am Rande der Gesellschaft los ist. Und über die modernen Methoden kann man einen Draht zu den ansonsten verpönten Naturwissenschaften finden. Es ist zwar cool, in der Schule Mathe, Bio und Chemie bescheuert zu finden. Aber neuerdings ist die Forensik eine Möglichkeit, sich den Naturwissenschaften wieder zu nähern, von denen eigentlich sowieso jeder weiß, dass sie unser postmodernes Leben erst ermöglichen. Außerdem denke ich, dass die Leute bei meinen Vorträgen gar nicht immer so sehr an der Kriminaltechnik interessiert sind. Manchmal geht es vielleicht auch um die Frage, wie es wäre, wenn sie selbst jemanden umbringen würden. Sie versetzen sich dann nicht nur in das Opfer hinein, sondern für ein paar Stunden auch in den Täter.


Es scheint, als haben Sie schon alles gesehen. Was war bislang Ihr spannendster Fall?

Um Gottes Willen, hoffentlich kommt noch einiges Spannendes! Als ich den Schädel Hitlers in Moskau untersucht habe, wurde das von den Medien als sehr speziell dargestellt. Das finde ich aber nicht, es war ein Fall wie jeder andere. Oder der Fall des kolumbianischen Serienmörders Garavito, der über 300 Jungen totgefoltert hat. Daran arbeiten wir bis heute, und es ergeben sich immer neue Wendungen, die weit über das offensichtliche Grauen hinausgehen. Am spannendsten sind aber ganz oft die auf den ersten Blick simplen Fälle, beispielsweise Blutspurenfälle. Wenn wir zwar nicht wissen, wer der Täter ist, aber ungefähr, was passiert ist. Anhand der Blutspuren kann der komplette Tathergang manchmal verblüffend genau dargestellt werden. Das macht echt Spaß, egal wie scheinbar langweilig oder aufregend der Fall von außen wirkt.


Sind Sie schon mal bei einer Ihrer Untersuchungen gescheitert oder haben die falschen Schlüsse gezogen?

Da ich nix erwarte und mir selbst nicht traue, hoffe ich, dass mir keine elementaren Fehler passieren. Ich lasse auch Kollegen gerne alles nachprüfen und freue mich auf gute, kritische Fragen vor Gericht. Leider gibt es aber viel zu wenige freie, also öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige in meinem Fach, so dass ich oft und gerne auch mit Studierenden tüftle, die ohnehin sehr respektlos und unvoreingenommen an die Sache rangehen.


Sie sind 300 Tage im Jahr unterwegs, arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag. Verlassen einen da nicht irgendwann die Kräfte?

Ich mache das, weil ich Bock dazu habe, und wusste vorher genau, dass es hart sein wird. Hat aber auch seine guten Seiten: Es ist für mich richtig meditativ, mal in aller Ruhe im Labor den Mageninhalt einer Leiche anzusehen und auseinanderzubauen oder einen Artikel über Spurenverteilung durch Fliegen aus jahrelanger Arbeit mit den Studierenden zusammenzustellen.


Gibt es den perfekten Mord?

Jeder Mord, der nicht entdeckt wird, ist perfekt. Aber Spuren zu fälschen, ist beinahe unmöglich. Tötungsdelikte hinterlassen immer Spuren. Ob man sie sucht und ob man sie findet, ist eine andere Frage.


Welche Mordart hinterlässt die wenigsten Spuren? Erwürgen, Erstechen, Erschießen ...?

Mord in Gedanken. Außer, dass diese Spur zeigt, dass man mit seinem Leben sehr im Unreinen ist.


Sie gehören quasi zum Inventar des Wave-Gotik-Treffens, zu Hause steht bei Ihnen ein Totenschädel im Regal, und Sie sind als Vorsitzender der Transylvanian Society of Dracula ein echter Experte für Vampire. Ein Spiel mit Klischees oder echtes Faible für das Morbide?

Ich mag’s am Rand vom Rand. Da findet man die spannendsten Geschichten, Fälle und Herausforderungen. Andernfalls wird mir langweilig. Das Beste daran ist, dass man beispielsweise an den Vampir-Untersuchungen in Wissensgebiete schauen muss, in die man sonst nie bewusst Einblicke erhalten hätte, etwa Numismatik, Architektur, Musik, Literatur oder Neuromedizin.


Welches ist für Sie der beste und welches der unrealistischste Mordfall, der je auf einer Leinwand verübt wurde?

Am schockierendsten fand ich natürlich den brutalen Mord an Robin, den Bauchtreffer bei Barabra Gordon und den absolut bekloppten Suizid des Jokers, allerdings alles auf Papier, nicht auf Leinwand. Eher unrealistisch, aber trotzdem äußerst hässlich war der Tod von Superman im Jahr 1992, auch auf Papier. Spannende echte Delikte, an die man sich noch erinnert, sind beispielsweise der Tod von Uwe Barschel und Marilyn Monroe. Es gibt aber auch Heerscharen spannender, echter Fälle, für die sich eben kein Mensch interessiert, wo die Spuren aber vorne und hinten nicht zusammenpassen und es allerhand zu tüfteln gäbe.


Wovor haben Sie Angst?

Ein bisschen vor Spinnen, ist aber schon besser geworden. Außerdem esse ich kein Fleisch mehr, seit ich vor Jahren Blutspuren neben einer Toten untersuchen musste, die wie ein Tier zerlegt war, so dass es wie beim Metzger roch. Keine Leberwurst, keine Bratwurst, kein Gulasch und auch keine Fleischwurst mit lustigem Gesicht.


Haben Sie Leichen im Keller?

Früher immer einige tiefgefrorene Schweine für den Kurs. Die kriegen wir nach ihrem Herzinfarkt tot von der Schweinefarm. Heute, glaube ich, ist da noch ein skelettierter Schädel eines vor vielen Jahrzehnten Erschlagenen, den mir mal Präparatoren zum Abschied feierlich überreicht haben. Finde ich aber etwas gruselig, kann gut sein, dass er mittlerweile schon woanders rumgeistert.


Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Der Tod ist garantiert nicht das Ende: Erst kommen die Maden, dann die Polizei, dann der Kriminalbiologe … oder andersrum. Abgesehen davon finde ich den Tod langweilig ...


Mit herzlichem Dank an Linda Nieke für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.


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