2012 08: Universum Film - Interview: Das echte CSI

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Quelle: Universum Film, 08/2012
Dieser Text wurde von zahlreichen Redaktionen (Gamesunit, Nextgamers, Lausitzer Rundschau, Gothic Forum usw.) nachgedruckt.
Hier ist das Original, das über Universum Film verteilt wurde.

Interview: Das echte CSI?

Ein Gespräch mit Kriminalbiologe Mark Benecke

[Weitere Artikel von MB] [Artikel über MB] [Sammelseite Wie realistisch ist CSI?]


CSI: DEN TÄTERN AUF DER SPUR: Mit diesem Titel begann 2000 der Siegeszug der forensischen Krimiserien, der nach wie vor kein Ende findet: Insgesamt 24 Komplettstaffeln der Originalserie und der Spinoff-Serien CSI: MIAMI und CSI: NEW YORK kann der deutsche CSI-Fan inzwischen in den Mediaregalen finden. CSI hat sich in den letzten 12 Jahren zu einem weltweit populären Phänomen entwickelt und das Gebiet „Forensik“ bei den meisten Menschen überhaupt erst bekannt gemacht. Doch wie arbeitet die moderne Forensik eigentlich wirklich?

Wer könnte darauf besser Antwort geben als Mark Benecke? Der Forensiker aus Köln ist den meisten aus Radio und TV unter Namen wie „Der Herr der Maden“ oder „Doktor Schmeißfliege“ bekannt. Auch einige sehr erfolgreiche Bücher hat er bereits in den Handel gebracht, die neueste Taschenbuchausgabe mit dem Titel „Aus der Dunkelkammer des Bösen“ erschien gerade dieses Jahr. Der überzeugte Vegetarier, Vorsitzender der deutschen Abteilung der Transylvanian Society of Dracula und Mitglied des Spaß-Nobelpreis-Komitees hat in gewohnt unverblümter Manier einige Fragen zu seiner außergewöhnlichen Tätigkeit beantwortet.


„Dipl.-Biol. Dr. rer. medic., Certified Forensic Biologist & Sworn In Expert for Biological Stains, International Forensic Research & Consulting“ kann man als Beruf auf deiner Homepage lesen, ein echter Zungenbrecher übrigens. Aber du wirst gern auch mal als „Madendoktor“ bezeichnet, oder offizieller als „Forensiker“. Wie würdest du kurz und knapp deinen Beruf bezeichnen?
MB: Öh, am einfachsten: Kriminalbiologe. Ich liebe Biologie und Spuren und Biologiespurenrätsel (Lacht).


Was macht so ein Forensiker denn genau, wie ist dein Arbeitsalltag?
MB: Ich mache zwei Sachen. Entweder ich bin als Spurenkundler tätig und gucke nur die Insekten an. Dann kann ich manchmal beispielsweise sagen, dass ein Insekt fünf Tage auf der Leiche gelebt hat, oder dass eine Leiche mit Sicherheit längere Zeit in einem Haus gelegen hat und nicht an der Stelle, wo sie gefunden wurde. Der Rest des Falles ist mir dabei vollkommen egal. Wenn es aber um Tatortrekonstruktionen geht, hole ich mir alle möglichen Infos heran und rede mit jedem, der irgendetwas wissen könnte.


Und wie gehst du da genau vor?
MB: Erst einmal registriere ich alles, schreibe auf, fotografiere, notiere, beschrifte, katalogisiere, kartiere. Und wenn es dann um die Einordnung geht, was das alles für den Fall bedeutet, lautet die Regel: Ich glaube erst einmal gar nichts. Ich glaube auch nicht mir selbst. Schlechte Sachverständige denken, dass es eine Person auf der Welt gibt, auf die sie sich verlassen können: sie selbst. Aber das stimmt nicht. Erfahrungsgemäß macht man viele Denkfehler und steht sich selbst im Weg.


Wie kamst du denn überhaupt auf die Idee, so einen speziellen Beruf zu ergreifen?
MB: Angefangen hat alles mit einem Praktikum in der Rechtsmedizin. Weiter ging es dann während meines Bio-Studiums, wo ich entdeckt habe, wie großartig wirbellose Tiere wie Tintenfische und Insekten sind, und dass sie an viel mehr Lebensräume angepasst sind als Wirbeltiere. Käfer, Würmer, Ameisen, Krebse, Schnecken... eben die ganzen Wirbellosen sind viel wichtiger als der ganze Rest.


Und jenseits vom Fachwissen: Was zeichnet einen Forensiker aus?
MB: Man muss Details mögen. Also eine große Vorliebe für das Spezielle haben als für das Allgemeine. Aber mögen reicht da nicht, man muss auch ein Auge dafür haben.


Hast du schon mal etwas Fallentscheidendes bei deiner Arbeit übersehen?
MB: Das erfahren wir erstens nicht, denn unser Team ist leider oft die letzte Instanz. Zweitens versuche ich Murx zu vermeiden, indem ich den anderen Teammitgliedern sehr offen zuhöre. Das verhindert hoffentlich Fehler, denn jeder sieht was anderes.


Du beschreibst in verschiedenen Interviews, dass man sich von den Toten als Menschen distanzieren muss. Wie genau funktioniert das? Lernt man das mit der Zeit bei der Arbeit?
MB: Du darfst einfach nicht darüber nachdenken, was mit dem Menschen passiert ist. Es ist auch kein Unterschied, ob nur der Arm abgehackt oder die gesamte Leiche in 20 Zentimeter dicke Stücke zerlegt ist. Das ist vollkommen schnuppe. Das kann man nicht lernen, das ist wie mit den Details: Entweder du magst sie oder eben nicht.


Wie steht es denn mit dem Respekt vor den Toten? Darf man in der Leichenhalle schon mal das Pausenbrot auspacken?
MB: Ich esse tagsüber nix. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich tagsüber oft bakterienreiche oder geruchsstarke Flüssigkeiten oder Teilchen an Händen, Haaren oder Klamotten habe... so gesehen kein Problem. Ich selbst habe auch noch nie jemanden am Tatort essen sehen, weil man dadurch ja erstens Spuren legen würde und sich zweitens auch auf die Arbeit konzentrieren soll. Ein Stahlkocher wird wohl auch nicht neben dem Hochofen sein Ei-Brötchen auspacken.


Was schätzt du, wie viele Leichen du insgesamt schon untersucht hast?
MB: Absolut nicht den Hauch eines Schimmers. Hunderte. Die spannendere Frage ist vielleicht eher, wie viele Spuren ich untersucht habe - zehntausende?


Du wirst ja auch sehr oft als Sachverständiger hinzugezogen. Dabei bist du mit berüchtigten Serienmördern wie Luis Alfredo Garavito zusammengetroffen. Wie ist das?
MB: Serientäter sind zutiefst langweilig. Das, was man an ihnen in Filmen so spannend findet, ist überhaupt nicht vorhanden. Ich habe Garavito in einem Gefängnis in Kolumbien getroffen. Der Mann hat über 300 Jungs totgefoltert. Und was macht der? Will mir erzählen, dass er jetzt ein besserer Mensch sei und solche Dinge nicht mehr tun würde. Ich sagte nur: „Das glaubt Ihnen doch kein Mensch.“ Er meinte: „Doch, das war ein Dämon, und der ist jetzt verschwunden.“ Garavito ist der Inbegriff eines paraphilen, antisozialen Täters: er hat keinerlei Emotionen gegenüber seinen Opfern und kann sich an jede einzelne Tat erinnern, ohne jemals eine Aufzeichnung gemacht zu haben. Er kennt das Alter der Kinder, weiß, wo sie begraben sind – alle Details. Im Grunde ist das eine stinknormale Serientäter-Geschichte: Der Vater war Säufer, schon als Kind hat Garavito sexuelle Übergriffe erlebt – das ganze Programm eben. Die genetischen Einflüsse kennen wir nicht. Er ist jedenfalls antisozial, was aber keiner gemerkt hatte. Weil das Land so groß ist und dort solch ein Chaos herrscht, kam es zu dieser hohen Opferzahl.


So langweilig klingt das jetzt gar nicht.
MB: Na ich weiß nicht: Ein Mensch, der in seinen Zwängen gefangen ist und aus ihnen nicht ausbrechen kann... aus der Sicht des Täters doch ein langweiliges Scheißleben, oder? Er würde vermutlich lieber auf seinem Balkon sitzen und in seelischer Ruhe ein Feierabendbierchen trinken und mit seinen Kids Quatsch machen oder Entscheidungen treffen, die nichts mit seinen "Dämonen" zu tun haben... nichts davon kann er aber wegen seiner Störungen.


Noch ein paar letzte Worte an die Leser?
MB: Heulen hilft nix.


Mit herzlichem Dank an Luise Bruche und Universum Film für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.



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