Benecke Interview Vertical Icke

From Mark Benecke Forensic Wiki
Jump to: navigation, search
Vertical Logo.jpg

Quelle: Vertical, Nr. 31, November 2008, Seiten 12 - 15


Icke

Mark Benecke

VON Agnes Absalon

[Weitere Interviews und Berichte] [Infos für die Presse]

Mord ist in Mode. Zumindest wenn man einen Blick auf die aktuellen Bestsellerlisten und Kinocharts wirft. Auch auf den Primetime-Plätzen der Privatsender tummeln sich dreimal die Woche fleißige CSI-Ermittler und finden auf eine durchaus spannende, aber unrealistische Weise immer den Täter. Wir haben jemanden getroffen, dessen Berufsalltag Leichen jeglicher Couleur sind: Dipl. BioI. Dr. rer. medic. Mark Benecke ist sein Name inklusive aller Titel. Der Kriminalbiologe ist weltweit renommiert, in den Medien durchaus präsent und Spezialist für forensische Entomologie, die Insektenkunde im Dienste der Rechtsmedizin. Und in überaus sympathischer, offener und unterhaltsamer Zeitgenosse.

Du bist heute in der Kufa - zum ersten Mal. Was erwartet das Publikum bei deinem Infotainment-Abend?

Mark Benecke: Ich bin gar nicht zum ersten Mal in der Kufa. Ich war schon öfter hier - als Gast, z.B. beim legendären "Welle-Erdball"-Konzert, als die Band versucht hat, eine Animation von hinter der Bühne auf ein Betttuch zu projizieren. Hat aber zuerst nicht so gut geklappt. Was die Leute heute erwartet, kann ich noch nicht sagen. Die können sich das bei mir immer aussuchen und über das Thema abstimmen.

In den Medien hast du immer etwas gruselige Titel. Du bist der Herr der Maden, Herr der Fliegen, der Madendoktor ... Welchen Titel würdest du dir selber geben?

Mark Benecke: Icke (lacht. Anmerkung d. Redaktion: "icke" = berlinerisch für "ich").

Welche Eigenschaften muss Jemand mitbringen, der Kriminalbiologe werden möchte?

Mark Benecke: Man muss Details mögen. Also eine große Vorliebe für das Spezielle haben als für das Allgemeine. Aber mögen reicht da nicht, man muss auch ein Auge dafür haben.

Kann man das lernen?

Mark Benecke: Ich glaube nicht! So wie ich das bisher beobachtet habe - bei Kollegen, Studenten und bei mir - ist das eher so: Entweder man kann das von vornherein oder eben nicht. Entweder findet man Details langweilig oder interessant, dazwischen gibt es nix. Das ist so wie bei einer Schwangerschaft. Ein bisschen schwanger geht nicht...

Wie sieht denn dein Traumstudent aus?

Mark Benecke: Die sind alle traumhaft. Also die, die jetzt zum echten Training kommen, sind eigentlich alle cool, auch in den anderen Ländern. Hauptsache, sie wissen, was sie wollen - das reicht eigentlich. Ich kann ja schließlich eh nichts an deren Einstellung tun. Ich bin ja nur wie Professor Xavier (Anmerkund d. Redaktion: aus den X-Men-Comics), der die ganzen Mutanten um sich sammelt. Und was sie dann den ganzen Tag lang machen, kann ich auch nicht steuern. Ich kann halt nur ab und zu mal auf sie einwirken mit meiner großen Gedankenmaschine da oben. Aber ich kann mich nicht die ganze Zeit um sie kümmern.

Du bist ein weit gereister Mann, hast quasi die ganze Welt gesehen...

Mark Benecke: ...nen, Krefeld habe ich nur zwischen Bahnhof und Kufa gesehen. Das wird heute auch wieder so sein, weil ich nach meinem Auftritt schnell zurück laufen muss, um den letzten Zug um 23:35 Uhr zu kriegen. Danach fährt nämlich nichts mehr. Meine einzige Alternative wäre, mit der Straßenbahn nach Düsseldorf zu fahren. Und da will ich auf keinen Fall hin (lacht).

Um zur Frage zurück zu kommen. Was ist denn für dich der schönstes Ort auf der Welt?

Mark Benecke: (überlegt) Meine Küche. Ist immer schön da, kannst immer lecker frühstücken. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so selten da bin. Für mich ist meine Küche wie ein Phantasieland wo ich immer hin will. Die Einrichtung ist richtig alt, von der Oma einer Ex, und die Kacheln sind auch aus den 50er Jahren. Das versprüht so einen urigen Charme. Ich muss zwar zwischendurch immer die Fugen auskratzen, weil sonst alles vergammelt, aber das geht jetzt wahrscheinlich doch etwas zu sehr ins Detail, oder (lacht)?

Du hast viele Tattoos. Welches war dein erstes?

Mark Benecke: Mit 18 Jahren eine Echse auf dem Rücken.

Sind Tätowierungen für dich nur Körperschmuck oder haben sie eine tiefe Bedeutung?

Mark Benecke: Och, Schmuck würde ich nicht sagen. Ich finde Tattoos normal. Ich kann nicht vorstehen, wie man sich nicht tätowieren lassen kann.

Aber die Menschen machen sich doch Gedanken, bevor sie ins Tattoo-Studio gehen: Welches Motiv soll ich wählen? Will ich das wirklich? Schließlich muss ich doch damit mein ganzes Leben lang rumlaufen...

Mark Benecke: Sobald du dich fragst, was du dir tätowieren lassen sollst, willst du das eigentlich gar nicht. Viele Tätowierer sagen, dass sie nur das sichtbar machen, was sowieso schon an dieser Stelle, beziehungsweise in der Person drin ist. Das klingt jetzt ein bisschen nach Schamanenblabla, aber da ist wirklich etwas dran. Wenn mich jemand fragt: "Was denkst du, welches Motiv oder Piercing passt zu mir?", dann beantworte ich das grundsätzlich nicht. Schließlich muss das jeder für sich entscheiden, das ist und gar eine individuelle Frage. Meine Tätowierungen sind aus ganz unterschiedlichen Gegenden. Oft bekommen sie auch erst hinterher eine Bedeutung. Ich entscheide mich immer spontan für ein Tattoo.

Was hast du dir zuletzt stechen lassen?

Mark Benecke: Hier am Handgelenk, das ist noch ganz frisch, deswegen ist da noch der Verband drauf. Was da steht, ist finnisch. Eine Freundin hat mir das mal aufgeschrieben. Es ist ein Schimpfwort, das ihr jemand in einem Blog an den Kopf geworfen hat: Pinkimeikipillu. Das fand ich so totenlustig. Erstens, wie es sich anhört und dann auch, dass das so ein klasse Schimpfwort ist.

Was bedeutet es?

Mark Benecke: Rosa Kosmetik-Fotze. Meine Freundin hat dazu nur gesagt: "Pöh, davon lasse ich mich nichtl beleidigen. Rosa finde ich geil, ich bin Kosmetikerin und eine rosa Pussy habe ich auch. Ja also, da gibt es keine Beleidigung." Ich finde so eine Einstellung super, so cool muss man erst einmal sein.

Du stehst ja eher auf "dunkle" Musik, Dark Wave und EBM...

Mark Benecke: ...meine Schwester übrigens auch. Das muss irgendwie genetisch sein, denn wir haben uns bestimmt schon zehn Jahre lang nicht gesehen. Und dann hab ich sie gefragt: "Na, was legst du denn so für Sachen auf?" Und wir hatten einen identischen Musikgeschmack. Aber jetzt habe ich dich unterbrochen. Entschuldige...

Macht gar nichts. Worauf ich hinauswollte: Die Leute denken bei deinem Beruf: Den kann garantiert nichts schocken, der sieht nur Leichen, Maden, Dinge, die für die meisten ekelhaft und abstoßend sind... Hast du vor irgendwas Angst, vilelleicht sogar eine Phobie?

Mark Benecke: Also erstmal, das Problem sind eigentlich nicht die Leichen, meiner Meinung nach. Jetzt vor kurzem wurde ja auch Bonn eine zerstückelte Leiche gefunden. Da kamen Studenten auf mich zu und sagten: "Bäh, voll ekelig." Was ist denn an verwesenden Leichen, zum Beispiel an verwesenden Schweinen, mit denen wir oft experimentieren, ekelig? Das kann ich nicht nachvollziehen.

Aber verwesende Schweine oder Menschen sind doch kein schöner Anblick...

Mark Benecke: Hm. Ich glaube, wenn du das ekelhaft findest, dann denkst du immer noch zu sehr an den Menschen, der dahinter steckt. Das ist ein Berufsfehler. Wenn ich solche Gedanken hätte, könnte ich nicht arbeiten. Du darfst einfach nicht darüber nachdenken. was mit dem Menschen passiert ist. Es ist auch kein Unterschied, ob nur der Arm abgehackt oder die gesamte Leiche in 20 Zentimeter dicke Stücke zerlegt ist. Das ist voIlkommen schnuppe.

Hattest du diese Gelassenheit von Anfang an oder hast du sie dir antrainiert?

Mark Benecke: Nein, das kannst du nicht. Das ist wie mit den Details: Entweder du magst sie oder eben nicht. Es ist doch ganz normal, Menschen gehen ihren Neigungen nach. Leute, die sich für Emotionen interessieren, werden Priester, Sozialarbeiter, Psychologen oder weiß der Henker was. Die landen nicht in meinem Job.

Und was ist mit der Phobie?

Mark Benecke: Ich hatte eigentlich immer vor Spinnen Angst, aber das hat sich in letzter Zeit irgendwie gelegt. Komisch. Gestern Abend haben meine Mitarbeitern Saskia und ich eine große Kreuzspinne angepustet, die ist dann auch runtergefallen und wir sind zwar noch einen Meter zurückgewichen, aber nicht mehr SO wie früher (Anmerkung d. Redaktion: Mark kreischt zur anschaulichen Beschreibung).

Tötest du Spinnen?

Mark Benecke: Nee. nee. Umbringen würde ich die nicht. Um Gottes Willen. Ich töte keine Lebewesen. Wozu? Die dürfen ruhig da sein, ich wilI nur nichts mit denen zu tun haben.

Würdest du auch keine Mücke umbringen? So eine, die dich nachts wach hält, weil sie ständig an dir vorbeifliegt?

Mark Benecke: Nein, auf keinen Fall. In solchen Situationen lege ich mir ein Kissen auf den Kopf. Ich lege mich seitlich hin - dann geht das eine Ohr in Richtung Kissen und das andere Richtung Matratze. Und Stiche stören mich nicht. Aber eigentlich habe ich auch immer verschiedene Sorten Öhrstöpsel dabei-speziell angepasste. Welche, wenn es zu laut ist. Zum Beispiel auf Konzerten - passiert aber nur ganz. ganz, ganz selten, höchstens einmal im Jahr. Da sind Lautstärkefilter drin. Und welche mit Totaldämmung. Im Zug sind sie super, weil die Leute da oft schnarchen.

Du hast keinen Fernseher und kein Radio... Seit wann?

Mark Benecke: Noch nie gehabt. Obwohl doch, als Kind. Klar! Mein Vater, so voll aus den Siebzigern, Koteletten und dicke Stereoanlage, natürlich. "Fasst meine Platten nicht an, Leute!" Klar hatten meine Eltern einen Fernseher.

Und das war also ein Trauma und du hast dich dagegen entschieden...

Mark Benecke: Nee, nee, nee. Musik finde ich super. Aber Fernsehgucken und Radiohören - das ist doch anachronistisch. Da wird dir etwas vorserviert. Was soll die Scheiße?

Guckst du keine Nachrichten?

Mark Benecke: Ach was! Die sind doch total beliebig und wahllos. Wie soll eine Sendung das ermitteln, was für die Menschen im Durchschnitt in Deutschland interessant ist? Das ist per se ein total hirnverbranntes Konzept. Auf der Welt passieren pro Millisekunde hunderttausend Ereignisse. Und eine Redaktion soll entscheiden, was für mich interessant ist? Beknackt.

Bist du politisch interessiert?

Mark Benecke: Nö.

Gehst du wählen?

Mark Benecke: Ja, aus Prinzip. Da schimpfe ich auch meine Studenten, weil die ja nicht mehr wählen gehen. Ich halte dann immer einen großen Vortrag, dann schnarchen alle. Aber ich sage: Nee, Leute, nee! Das raffen dich nicht! Und ich krieg dann immer zu hören: "Ach, komm hau ab, alter Mann!" (lacht).

Man muss schon wählen gehen. Wenn du dein Wahlrecht nicht in Anspruch nimmst, dann hast du hinterher auch Rechtfertigungsprobleme. Außerdem kannst du von Grundrechten wie dem Wahlrecht meiner Meinung nach nicht zurücktreten: Du kannst zum Beispiel auch nicht unterschreiben, dass du menschenunwürdig behandelt werden sollst. Das kannst du nur privat machen bei irgendeiner SM-Session oder so. Aber du kannst hinterher nicht vor Gericht sagen: "Ja, ja, das war ein Vertrag." Solche Fälle haben wir. Aber die Verträge sind nicht wirksam.

Und wie war das beim Kannibalen von Rothenburg?

Mark Benecke: Da hatte der Richter echte Problem mit. Armin Meiwes, der Kannibale, wurde ja auch erst in der zweiten Instanz wegen Mordes eingebuchtet. Die Begründung des ersten Richters war: "Täter und Opfer hatten zwar beide dasselbe Ziel, aber unabhängig voneinander: Der Meiwes hat's nicht gemacht, um dem Brandes einen Gefallen zu tun. Das war keine Tötung auf Verlangen". Deswegen urteilte der erste Richter auf Totschlag, weil Meiwes ein Eigeninteresse hatte, das unabhängig von Brandes' Wunsch war.

Welches Verhältnis hast du zum Tod?

Mark Benecke: Gar keins. Tot ist tot. Bin ich Christ oder was?

Bist du?

Mark Benecke: Nein. ich stehe nicht auf doppelte Buchführung. Entweder du führst dein Leben oder du machst das wie mein protestantischer Vater: "Naja, könnt ja sein, dass da doch was ist. Glaube ich zwar nicht, aber man muss auf Nummer sicher gehen." Das kannst du naürlich machen, aber ich kann das nicht. Wann du jetzt einen anderen kulturellen Background hast, speziell wie ich ursprünglich einen katholischen, dann ist das irgendwie was anderes, Protestanten fragen sich eher: Warum soll ich auf Gott verzichten, wenn es was nützt? Das ist eher eine Nutzenüberlegung. Der Katholik hat Angst, dass er für seine Sünden bestraft wird. Das hat eine ganz andere Schwere. Ist mit aber egal, weil es sich um eine Märchenwelt handelt.

Präzisieren

Mark Benecke: Die Protestanten haben zwar auch Angst, klar. Aber anders. Das siehst du zum Beispiel auch an den Vampirleichen. Nicht verwesende Leichen wie Johannes XXIII. gibt es nur bei Katholiken. In den protestantischen Gegenden gibt es keine unzersetzten heiligen Leichen. Die toten Meschen waren dort gotteslästerlich - der fliegende Holländer zum Beispiel, der sagte: "Ich segle, wie ich will, Gott! Ist mir egal, was du denkst..." Die orthodoxe Variante ist, dass die Vampirleichen auf der Erde noch etwas zu erledigen haben. Das sind dann eher Geister. Die haben noch etwas offen, meistens in der Liebe. Wir in Deutschland denken hier, dass Geister dann noch eine Rechnung mit dem Mörder offen haben. Aber im christlich-orthodoxen Raum können die Toten nicht loslassen, weil sie ihre Familie zu sehr lieben. Dann können sie nicht verwesen. Und müssen dann auch manchmal die Familie ins Grab nachziehen.

Gibt es das wirklich?

Mark Benecke: Ja, in kleinen Gebieten im heutigen Rumänien, da gibt es die so genannten Strigoi. Eigentlich sind das Hexer. Die können manchmal als Untote die Familie nachziehen. Ja ja...

Das klingt alles ziemlich gruselig. Glaubst du daran: an Geister, Untote, Vampire?

Mark Benecke: Eigentlich nicht. Natürlich ist alles möglich. Klar kann es Aliens geben, das kannst du nicht widerlegen, unmöglich. Das ist wie bei den Primzahlen. Ein Mathematiker würde nie behaupten, dass es unendlich viele gibt. Du kannst es nicht beweisen.

Ich sehe solche Vorkommnisse aber als Einzelfall. Als Kriminalist machst du kein naturwissenschaftliches Statement, sondern eine kritische Einzelfallbetrachtung. Ob eine katholische Reliquie oder ein BH von Madonna, den du auf Ebay ersteigerst - du kannst ein Zertifikat haben, die Echtheit mit allen möglichen Mitteln prüfen, aber du kommst irgendwann an einen Punkt, da sagst du: Ich glaub' das jetzt. Bei Religion geht es um Glauben, nicht um Wissen. Das sehen auch die Zeugen Jehovas so. Wenn du wirklich mal mit ihnen zu Ende diskutierst und sagst: "Ihr könnt mich nicht überzeugen", dann sagen sie: "Wir wollen Sie ja auch gar nicht überzeugen, wir wollen Sie überreden" (lacht).

Ergänze bitte: Lieber tot, als...

Mark Benecke: ... untot.

Noch ein kleiner Tipp an unsere Leser: Du als Experte, wie würdest du einen Mord begehen?

Mark Benecke: Gar nicht. Aber es gibt den perfekten Mord: Auftragskiller anheuern, Profi. Nicht unbedingt das günstigste Angebot wählen - wie beim Klempner. Und es dann am helllichten Tage über die Bühne bringen lassen...



Mark Benecke, Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 -- anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. Dies ist eine Notfall-SMS-Nummer (für aktuelle kriminalistische Notfälle). Nur SMS; bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · Facebook Fan Site · Neue Benecke-Squarespace-Seite