2014 08 Qvest In manchen Morden steckt der Wurm

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Quelle: Qvest-Magazin, Ausgabe 08/2014, Seiten 54 bis 59

In manchen Morden steckt der Wurm

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[Hier gibt's das Interview als PDF]


EIN ENTOMOLOGE ERFORSCHT INSEKTEN. WENN ES KRABBELT UND KRIECHT, FLIEGT UND SICH IN MASSEN VERMEHRT, IST ER IN SEINEM ELEMENT. SEIT DEN 70ER JAHREN WERDEN DIE ERKENNTNISSE DIESER WISSENSCHAFT AUCH FÜR DIE AUFKLÄRUNG VON GEWALTVERBRECHEN UND TÖTUNGSDELIKTEN GENUTZT. WAS LARVEN, MADEN ODER KÄFER IHM ERZÄHLEN, HAT SCHON SO MANCHEN TÄTER HINTER GITTER GEBRACHT. DER DEUTSCHE FORENSIKER MARK BENECKE, 33, IST WELTWEIT FÜHREND AUF DIESEM GEBIET.


In der Nacht des 7. August 1982 erwachte ein Detective des Such- und Rettungstrupps von Ventura County in Kalifornien vor Schmerzen. Er entdeckte zahlreiche, etwa drei Millimeter große, rote Stichwunden an seinem Körper. Die Milbenstiche des Detectives lösten einen Mordfall, der sich kilometerweit entfernt an einem Steilhang zwischen Eukalyptusbäumen und wildem Hafer zugetragen hatte. Dort hatte der Polizist zwei Tage zuvor die Leiche einer jungen Frau gefunden; ein Sexualvergehen schien möglich. Als die Ermittler einen Tatverdächtigen verhafteten, hatte dieser dieselben Stiche an denselben Körperteilen wie die gesamte Tatortmannschaft.


Ein Entomologenteam bewies, dass es sich um eine spezielle Milbenart handelte, deren Bisse sich in einmaliger und dadurch besonders verräterischer Weise verhalten. Unendlich wertvolle Erkenntnisse über den Verlauf der Verwesung eines menschlichen Körpers kommen aus Knoxville/Tennessee. Auf dem Gelände der Universität befindet sich das Mekka aller an Verwesung und Fäulnis „Interessierten“: die so genannte Body Farm, die der Anthropologe William Bass 1980 gründete.


Dort hat man auf einem Hektar Land mehr als dreißig Leichen in unterschiedlichen Zersetzungsstadien zu ihrer vorletzten Ruhe gebettet. Sie stecken in Säcken oder hängen an Gerüsten, sie sind nackt oder bekleidet, enthauptet oder verwundet, liegen im Wasser oder im Schlamm, in Särgen, unter Plastikfolien oder in der prallen Sonne.


Das Ziel dieser Versuche ist immer das Gleiche: Wie klärt man möglichst erfolgreich einen schier unlösbaren Fall auf? Es ist eine morbide Mischung aus beschaulicher Waldidylle und der Szenerie eines Gewaltverbrechens, auf der nahezu das gesamte Wissen der forensischen Entomologie basiert. Wer hierher kommt, interessiert sich für eine makabere Wissenschaft von unschätzbarem Wert. Sie beobachtet menschliches Fleisch dabei, wie es verrottet. Und das geht so: Schmeißfliegen sind praktisch sofort „vor Ort“, denn ein Körper verströmt schon wenige Minuten nach dem Tod einen für sie unwiderstehlichen Duft. Sie kommen und legen ihre Eier in Wunden oder Körperöffnungen. Wenn die Maden schlüpfen, ernähren sie sich von dem Gewebe, in das sie hinein geboren wurden, und durchlaufen dann alle Stadien der Entwicklung. Diese Stadien werden von den Entomologen dokumentiert. Je nachdem, in welchem Stadium die Tiere auf der Leiche festgestellt werden, lässt sich das Alter bestimmen und damit die Leichenliegezeit ermitteln.


Hinzu kommt, dass verschiedene Insektenarten unterschiedliche Zersetzungsstadien der Leiche bevorzugen. Auch das hilft der Ermittlung des Todeszeitpunktes. Und der ist – da kann man jeden Ermittler fragen – entscheidend, um einen Mörder zu überführen. So gelang es in einem spektakulären Fall dem Kölner Entomologen und Forensiker Dr. Mark Benecke [siehe unten stehendes Interview] im Jahre 1997, einen Pastor als Mörder zu überführen. Anhand von drei Schmeißfliegenmaden und einer Ameise bewies Benecke, dass Pastor Klaus Geyer seine eigene Frau umgebracht hatte. Dieser Fall machte Benecke berühmt; mittlerweile ist er weltweit einer der wenigen von Gerichten bestellten und vereidigten Gutachter für biologische Forensik.


Auch in einem anderen, traurigen Fall lieferte er den entscheidenden Beweis: Im Juli 2000 wurde die Leiche eines zwei Jahre alten Jungen in einer Wohnung gefunden. Neben der Mutter, einer 20-jährigen, drogenabhängigen Prostituierten, stand auch das Sozialamt als Mitschuldiger im Visier der Ermittler. Benecke fand bei seinen Untersuchungen heraus, dass das Kind nicht – wie behauptet – innerhalb weniger Stunden gestorben war, sondern erst nach 7 bis 14 Tagen. Der Beweis: Der Windelbereich des Kindes war stark besiedelt von Tieren, die sich nicht von Leichengewebe ernähren. Zudem waren sie deutlich älter als jene Tiere, die später bei der Kindesleiche im Gesichtsbereich gefunden wurden. Aus der Dauer der unterschiedlichen Besiedlungen ließ sich errechnen, wie lange das Kind lebend und allein in der Wohnung gewesen war, und dass es noch lange hätte gerettet werden können. Die Beamten trugen also eine klare Mitschuld. Dies war der erste Fall, in dem anhand von Insekten der Straftatbestand der „Vernachlässigung vor dem Tod“ nachgewiesen werden konnte.


Als Kriminologe, Biologe und weltweit gefragter Fachmann für Forensik beschäftigen Sie sich mit dem „Lebensraum“ Leiche. Was genau tun Sie?
Ich untersuche die Insekten – Maden, Käfer, Fliegen – die sich auf einer Leiche angesiedelt haben. Aus der Größe und dem Entwicklungsstadium der Tiere kann ich darauf schließen, wie lange sie schon auf der Leiche gelebt haben. Das gibt mir einen Hinweis auf den Todeszeitpunkt. Ich kann die Jahreszeit bestimmen oder im günstigsten Fall den Todeszeitpunkt bis auf die Stunde genau eingrenzen.


Fängt ein Mensch nach dem Tod sofort an zu verwesen?
Nennen wir es etwas neuraler: sich zu zersetzen. Ja klar, das beginnt wirklich sofort ein. Das Erste, was passiert, ist, dass das ATP, wel- ches die Muskeln weich macht, nicht mehr transportiert wird. In dem Moment setzt die Leichenstarre ein. Aber sie werden wieder weich und dann fangen sie an sich zu zersetzen – wie ein altes Kotelett, das wird auch irgendwann weich. Zusatzfaktoren spielen bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle über den Verlauf: Wie viele Bakterien breiten sich aus? Gibt es Tierfraß, zum Beispiel durch Füchse? Wie stark ist der Zugriff durch Insekten? Ob und wenn ja wie tief liegt der Körper im Wasser? Ein Opfer etwa, das ganz tief im Wasser liegt, löst sich komplett auf und wird nicht durch Gasbildung an die Oberfläche getrieben. Darum hat man bei der Titanic auch keine Leichen mehr gefunden – die hatten sich aufgelöst.


Die Kriminaltechnik ist heute auf einem extrem hohen Standard: Digitalkameras, die Unsichtbares sichtbar machen, Computersysteme, die Millionen von Waffenspuren in Sekunden vergleichen, Blutspurenanalysen, psychologische Phantombilder, der genetische Fingerabdruck – über 95% aller Tötungsdelikte werden aufgeklärt. Kann man heute überhaupt noch den perfekten Mord begehen?
Heute wie damals. Man muss es halt möglichst so machen, dass es total schnell und unerwartet und mit möglichst wenig Planung einhergeht. Je weniger Planung, desto weniger Spuren. Es gibt viele perfekte Morde.


Wie würden Sie den perfekten Mord begehen?
Einen Killer beauftragen und dann kaltblütig genug sein, um keine dummen Fehler zu begehen. Ihm ein Hotelzimmer zu buchen wäre zum Beispiel so eine Dummheit.


Sie zählen zu den berühmtesten Kriminalbiologen der Welt und werden bei den kompliziertesten Fällen zu Rate gezogen. Wie gehen Sie mit Irrtum um?
Irrtum kann man so weit es geht ausschließen, indem man seine Grenzen kennt. Man darf keine Annahmen machen. Wenn ich mich also in einem Fall zu weit mit meinen Annahmen aus dem Fenster lehne und mich irre, hafte ich persönlich dafür, denn ich bin in Deutschland der Einzige, der öffentlich bestellt und vereidigt ist für biologische Spuren.


Das klingt, als wenn Sie sich nie richtig sicher sein könnten.
Natürlich nicht. Ich arbeite da draußen mit Leichen – und das sind nicht Zahnräder, wo ich genau den Abstand bemessen könnte. Ich muss immer alle Möglichkeiten mit einbeziehen: Schien die Sonne oder schien sie nicht oder nur teilweise? Für jeden dieser Fälle erstelle ich einen Ablauf und da ist es nicht immer möglich, hoch präzise Aussagen zu machen. Ungenauigkeit ist also Teil meiner Arbeit – auch wenn die Irrtumswahrscheinlichkeit für einen gerichtserprobten Sachverständigen gering ist.


Haben Sie sich schon mal richtig geirrt, so dass sie später dachten: Der Fall hätte schneller aufgeklärt werden können?
Nein, zum Glück nicht. Weil ich sehr vorsichtig bin. Als Biologe sage ich halt immer: Es könnte ja auch anders sein. Aber diesen klassischen Irrtum gibt es bei meiner Arbeit ja sowieso nicht, sondern es geht vielmehr darum, etwas zu übersehen. Und wenn ich etwas übersehen haben sollte, dann weiß ich es ja nicht. Und wenn alle anderen es auch übersehen, kommt es nicht zum Tragen.


Verspüren Sie nicht manchmal einen starken Drang, Dinge zur Aufklärung zu bringen? Sind Sie dadurch schon mal vom Jäger zum Gejagten Ihres Aufklärungswillens geworden?
Auf keinen Fall. An dem Tag, an dem mir das passieren würde, würde ich den Job sofort niederlegen. Das sage ich zu allen Assistenten und Studenten: Wer anfängt, getrieben zu sein oder das Privatleben einsickern zu lassen, der muss sofort aufhören. Allein schon, weil man es psychisch nicht verkraftet, ganz abgesehen davon, dass der Prozess der Wahrheitsfindung dadurch eingeschränkt werden kann. Man darf auf keinen Fall die Arbeit an sich herankommen lassen.


Fragen Sie sich nicht manchmal, welches persönliche Schicksal hinter einer Leiche steckt? Interessiert Sie nicht der Mensch?
Nein, niemals. Und wer das macht, der fliegt auch direkt raus. Ein Beispiel: Eine Studentin hat sich bei einer harmlosen Wohnungsleiche, die alleine und einsam gestorben ist zwischen Bergen von Pizzakartons und Kippen, vorgestellt, dass diese Frau ihre Mutter ist und hat einen Zusammenbruch erlebt. Die hat natürlich nie wieder mit Leichen gearbeitet.


Dann interessiert es Sie auch nicht, wie „Ihre“ Fälle ausgehen?
Nein, das erfahre ich oft gar nicht. Ich weiß meist nicht, wie sie vor Gericht verhandelt werden. Also, es ist so: Ich interessiere mich natürlich für Kriminalfälle, aber eben nie für jene, an denen ich arbeite. Da muss man wirklich ganz scharf trennen.


Sie haben viele wenig nette Spitznamen wie „Maden-Mark“ oder „Kommissar Schmeißfliege“. Macht Ihnen das nichts aus?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich hab schon einen in jedem Land. Und hier an der Uni sagen die Rechtsexperten Wurmi zu mir. Da hab’ ich aber kein Problem mit. Sie finden das, was ich mache, ekelig, und kompensieren diese Empfindung über Spitznamen. Das finde ich okay. Ich gebe denen außerdem auch Spitznamen. Das ist in unserem Bereich irgendwie wie ein Ventil dafür, dass man an wirklich grauenhaften Sachen arbeitet. Wir sind eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, wo jeder vor jedem Respekt hat – also mir machen diese Namen nichts.


Gibt es überhaupt etwas, wovor Sie sich ekeln?
Ja, ich ekele mich vor Spinnen und Leberwurst.


Gehen sie abends nie ohne Krimi ins Bett?
Ich lese absolut keine Romane. Meinen letzten habe ich, glaube ich, vor 15 Jahren gelesen.


Aber Millionen Menschen lesen mit Spannung die Bücher, die sich um Ihren Beruf drehen. Schmeichelt Ihnen das?
Mir ist das total egal. Falls das wirklich jemand bewundert – was ich in Frage stelle, weil ich es für Schaulust halte – dann bezieht sich das ja nicht auf mich selbst, sondern auf eine geschaffene Kunstfigur. Die interessieren sich ja dann nicht für mich. Und im Übrigen: Wer sich in unserem Gewerbe von so etwas geschmeichelt fühlt, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, der hat die Welt nicht verstanden.


Was halten Sie von deutschen Kriminologen?
Die sind sehr gut. Das deutsche Polizeisystem – und das sage ich auch immer bei Fortbildungen – ist wirklich ganz weit vorne. Die Deutschen denken ja gerne, dass die Amerikaner vorne wären, aber das stimmt nicht. Kanada und Deutschland sind Länder, von denen ich als Polizist echt viel lernen kann. Die Deutschen wegen ihrer grundsätzlichen Skepsis und Unzufriedenheit, die sind unheimlich gründlich. Das gilt vor allem für die Techniker des Erkennungsdienstes, also die Spurensicherung. Die lieben es, immer noch weiter herumzutüfteln: Was machen wir, wenn die Fingerabdrücke auf einer fettbeschmierten, glatten Oberfläche sind? Denen geht es genau wie mir darum, die Spur zu finden, darzustellen und zu verstehen.


Haben Sie Respekt vor intelligenten Tätern?
Absolut nicht. Es gibt nämlich diese hoch intelligenten Täter wie zum Beispiel Hannibal Lector gar nicht. Und wenn doch, dann sind sie psychisch so stark verändert, dass sie nicht mehr charmant sind. Das Einzige, wovor ich Respekt habe, ist die Wahrheit.


Mit herzlichem Dank an die Redaktion des Qvest-Magazins für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.



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