2013-10-14: SLIK - Von der Biologenparty zur Forensik

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Quelle: SLIK Magazin, Oktober 2013, Seiten 30 bis 33

Von der Biologenparty zur Forensik

Dr. Mark Benecke im Interview

[Mehr von MB] [Artikel über MB]

[Hier gibt's das Interview als PDF]

Interview: Maggie Gernatowski


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Hätten wir mehr Platz im Vorspann zur Verfügung, könnten wir Zeile um Zeile nur damit füllen, was der Kölner Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke alles macht. Aber vielleicht gibt euch ja unser Interview einen kleinen Einblick in seine skurrile Welt. Wir trafen den Herrn der Maden in seiner Wohnung in der Südstadt.


Wie bist du eigentlich zu deinem Beruf gekommen? Warst du als Kind schon gerne auf Spurensuche?
MB: Als Kind wollte ich Koch werden, aber Spurensuche... (überlegt)... ja, doch: Ich hab immer versucht, Schneeflocken mit Lack einzufangen. Fürs Mikroskop.


Wirklich?
MB: Ja, dauernd hab ich das gemacht. Und ich hab Staub auf Tesafilm geklebt und ihn untersucht. Daher kann man sagen, dass ich mich schon immer für spurenkundliche Dinge interessiert habe. In der Schule fand ich auch Chemie immer gut. Und dann hab ich Bio studiert, weil ich Bio gut fand, hab während des Studiums ein Praktikum in der Rechtsmedizin gemacht und so kam das dann.


Ich hab mal gelesen, dass du Bio studiert hast, weil die Biologen am lustigsten waren...
MB: Ja, das stimmt. Ich war für Germanistik, Theater- und Filmwissenschaften, Psychologie und Biologie eingeschrieben. Und dann war's bei den anderen aber langweilig und ich bin bei den Biologen gelandet, weil die vor Semesterbeginn eine Biologenparty in der nicht mehr benutzten Hutablage (ein Raum zum Hüte ablegen) gefeiert haben.


Was muss denn jemand, der Forensiker werden möchte, mit sich bringen?
MB: Man muss Naturwissenschaften gut finden und Spaß am Sortieren und Ordnen haben. Wenn es dir also egal ist, wie deine Blu-rays sortiert sind, dann ist die Forensik auch nichts für dich, weil man superordentlich sein und alles schön auseinanderpuzzeln muss. Und man muss Sachen wichtiger finden als Gefühle..


Du hast ja Hitlers Schädeldecke bzw. mutmaßliche Schädeldecke (und das dazugehörige Gebiss) untersucht. Würdest du sagen, dass das dein Highlight in deiner bisherigen Laufbahn war oder gibt es einen anderen Fall, der für dich persönlich am spannendsten war?
MB: Der aktuelle Fall ist immer der spannendste. Den Hitler-Fall sehen vielleicht Ausenstehende als besonders spannend an, aber für mich war das ganz normale Arbeit.


Wie gehst du denn bei deiner normalen Arbeit vor, bei der du kriminalistische Rätsel lösen musst? Und was magst du besonders daran?
MB: Häufig ist es so, dass zum Beispiel bei Mordfällen die Aussage bzw. Rechtfertigung des Täters eine Schwachstelle hat. Sowas erkennt man mit der Zeit schnell. So hatte ich neulich einen Fall, bei dem eine ganze Familie von ihrem Nachbarn umgebracht wurde, da sie angeblich zu viel Lärm gemacht hat. Am Fundort machten wir dann direkt einen Lautstärkentest in der Wohnung eines anderen Nachbarn und es stellte sich heraus, dass man nebenan nichts hörte. Wenn man aber nichts hört, warum dreht dann der Nachbar wegen Lärmbelästigung durch? Es gibt also meist zu Beginn einen Bruch, den wir aber nur am Fundort erkennen. Doch da hängt dann oft eine Kette aus vielen Dingen dran, die einer langwierigeren Klärung bedürfen. Es ist also eine Mischung aus schnellem Feststellen einer objektiv messbaren Bruchstelle und dem langsamen Aufdecken der Details – und beides macht mir Spaß.


Gibt es auch manchmal unlösbare Fälle? Wenn ja, welche Umstände machen sie unlösbar?
MB: Ob es unlösbare Fälle gibt, wissen wir nicht, denn die Besonderheit in meinem Job ist: Etwas, das ich nicht rauskriege, erfahre ich auch nicht. Ich kann nur beschreiben, was da ist oder was offensichtlich weggenommen wurde. Wenn zum Beispiel ein Täter in einer staubigen Wohnung noch die Geldbörse des Opfers klaut, dann erkennt man anhand der Stelle, wo kein Staub ist, dass dort etwas weggenommen wurde. Aber es kann auch etwas weggenommen werden und nichts weist darauf hin, dass es mal da war. Was wir also nicht sehen, das sind Spuren, von denen man gar nicht weiß, ob sie jemals da waren.


Nach so vielen Jahren Berufserfahrung wiederholen sich die Fälle bestimmt irgendwann. Gibt es Muster, nach denen du vorgehen kannst? Oder ist jeder Fall einzigartig?
MB: Es gibt eine alte Sherlock-Holmes-Regel: Never assume. So sehe ich das auch: Ich mache keine Annahmen. Ich gehe davon aus, dass sich nichts wiederholt. Jeder Fall ist neu und absolut einzigartig. Mich interessieren nur die Spuren, und die sind immer einmalig. Natürlich gibt es auch Fälle, die ich archiviere und später nochmal durchsehe, ich sehe mir also schon die Ähnlichkeiten zwischen den Fällen an. Aber die Interpretation dieser Ähnlichkeit interessiert mich nicht, denn die könnte falsch sein. Auch der kulturelle oder politische Hintergrund interessiert mich nicht, weil er heute oder morgen nicht mehr gilt. Trotzdem habe ich alle mir zugänglichen kriminalistischen Fachzeitschriften seit 1885 bei mir stehen und lese sie immer wieder durch. Ich betrachte dabei aber nur, welche messbaren Spuren ähnlich sind.


Fällt es dir leicht, Abstand zu den Fällen zu halten bzw. musstest du das erst lernen? Ich könnte mir vorstellen, dass man Bilder von madenzerfressenen Körperteilen nicht einfach so aus dem Kopf kriegt.
MB: Das muss man von vornherein können. Wenn man mit Leichen, Fäulnis, Erwürgen, Erdrosseln, Erfrieren usw. nichts zu tun haben will, ist man in dem Beruf falsch. Ich sehe das manchmal bei den MedizinstudentInnen, die sich nicht trauen, die Leichen anzufassen. Die merken in dem Moment, dass sie auf keinen Fall Fachärzte für Rechtsmedizin werden. Bei mir war das umgekehrt, mir war sowas von Anfang an egal, weil ich mir die Spuren angeguckt hab und fertig. Natürlich erwischt es einen trotzdem irgendwann. Jeder kriegt mal einen Fall, bei dem es einen doch erwischt, aber das kann man nicht vorhersehen.


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Also eine Macke muss man schon haben?

MB: Ja natürlich. Dass du Emotionen ausblendest, das ist ja die Macke. Nur in dem Fall ist sie eben nützlich, weil du sonst die Fälle nicht bearbeiten kannst. Ich raffe auch, dass das nicht normal ist. Das ist wie bei X-Men: Du hast eine Superschwäche, aber aus der entsteht eine Superstärke.


Die Tatsache, dass du Vegetarier bist – hängt die denn mit deinem Beruf zusammen?
MB: Ich denke mal, das hat dieselbe Wurzel: die Gewalt, die ich nicht mag. Ich hab noch nie viel Fleisch gegessen und Würstchen sogar noch nie angerührt. Und dann hatte ich einen Fall, da wurde eine ganz nette, liebevolle Prostituierte regelrecht abgeschlachtet. Das war das Schlüsselerlebnis, da hatte ich dann keinen Bock mehr. Das war der Fall, bei dem es mich erwischt hat. Wenn ein Mensch zerhackt wird, dann sieht es aus und riecht wie in einer Metzgerei. Das hab ich dann mit der Gewalt gegen Tiere verbunden. Sehr schlimm fand ich aber auch einen Film über Hühnchenfabriken. Darin wurde gezeigt, auf welche sterile und anonyme Art die Tiere getötet, ausgeweidet und verpackt werden. Diese anonymisierte, industrialisierte und eiskalte Gewaltanwendung geht mir persönlich massiv an die Nieren.


Gibt es denn dann auch Momente während deiner Arbeit, bei denen du würgen musst? Zum Beispiel, wenn du alte Mageninhalte untersuchen musst?
MB: Nein, ich finde das superspannend. In meinem Gefrierfach ist zum Beispiel noch ein etwa ein Jahr alter Mageninhalt. Es kann nämlich sein, dass die Staatsanwaltschaft den nochmal braucht und noch nachuntersuchen lassen möchte, falls es noch zu einem Verfahren kommt.


Na lecker. Aber mal ehrlich: Findest du wirklich nichts eklig?
MB: Nein, eklig finde ich eigentlich nichts. Eher eindrucksvoll. Wenn man zum Beispiel in eine Wohnung kommt, in der alles voller Spinnennetze ist, die aussehen wie Vorhänge, so als hätte jemand Seidentücher unter die Decke gehangen und zwar in der gesamten Bude – das find ich interessant, aber nicht eklig.


Apropos eklig – Politik machst du ja auch noch. Was waren bisher deine besten Momente als NRW-Vorstandsvorsitzender der Partei "Die PARTEI"?
MB: Das war auf jeden Fall zum Beispiel diesen Sommer die Veranstaltung an der Uni Köln im Rahmen des Wahlforums zur Bundestagswahl. Dort haben wir von ca. 700 Anwesenden 450 Unterstützerunterschriften bekommen. Das war natürlich ein Traum. Außerdem waren mehr Leute da als bei Volker Beck, Sigmar Gabriel und allen anderen insgesamt. Schön war auch, dass die Leute die Vorträge von Martin Sonneborn und mir zutiefst gerafft haben. Ein wirklich lustiger, cooler und entspannter Abend, an dessen Ende wir auch noch Ehrendoktoren der Tuntenuniversität wurden – wohlgemerkt alles im größten Hörsaal der konservativen Universität zu Köln...


Dann bist du ja auch noch unter anderem Mitglied des Spaß-Nobelpreis-Kommitees, Mitglied des Wissenschaftsrates der »Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung von Parawissenschaften« (GWUP), Donaldist und Vampirismus-Experte. Was versteht man denn unter Vampirismus? Was macht ihr da?
MB: Wir gucken uns verschiedene Facetten an. Zum Beispiel haben wir diesen Sommer einen Kongress in Berlin veranstaltet für Neugierige, die sich für den Lebensstil von Real-Life-Vampiren interessieren, von Menschen also, die denken, sie seien möglicherweise echte Vampire. Danach haben wir noch eine interne Sitzung auf einem Schlösschen gehabt, bei der Leute zugegen waren, die bereits für sich erkannt haben, dass sie echte Vampire sind. Wir diskutieren dann darüber, wie es passieren kann, dass man das denkt. Wie es sich erklären lässt, ob es genetisch, psychologisch oder sonstwie bedingt ist. Wir befassen uns auch mit der wissenschaftlichen Seite, zum Beispiel der historischen, und reden über Vampirfälle, Bram Stoker, Enterdigungen und so weiter.


Aber Vampire gibt es doch gar nicht und du bist doch Naturwissenschaftler... wie passt das zusammen?
MB: Na ja, wie ich bereits sagte: Ich mach keine Annahmen. Ich nehme also auch nicht an, dass es Vampire nicht gibt. Wenn 45 Menschen aus verschiedenen Ländern unabhängig voneinander sagen, sie bräuchten Blut, weil sie sich sonst schwach fühlen, dann frage ich mich natürlich: Wie kann das sein? Denn sie haben nicht dasselbe Buch gelesen, sind nicht zur selben Zeit aufgewachsen, haben nicht dasselbe gegessen und nicht dieselben Fernsehsendungen oder Filme gesehen. Es kann also nicht sein, dass sie einfach etwas nachplappern, was sie irgendwo aufgeschnappt haben. Dann gucke ich, wie ich das vernünftig zusammenpuzzeln kann, genau wie am Tatort bei meiner Arbeit als Forensiker. Am Tatort ergibt ja auch nix Sinn. Anders als im Krimi, wo sich nach 90 Minuten alles auflöst. In der Realität ist es eben nicht so, am Tatort passt nichts zusammen. Was man hinterher in der Zeitung liest, ist nur die Essenz daraus, wie das alles angeblich zusammenfügbar ist. Aber so funktioniert die Welt, in der ich arbeite, nicht. Und beim Vampirismus ist es genauso: Man muss die Brücke zur Realität finden. Dazu arbeiten verschiedene Wissenschaftler zusammen: Soziologen, Historiker, Psychologen etc.


Also bist du da nicht wirklich forensisch tätig?
MB: Doch, ich wende eine forensische Methode an. Es ist ein Training dafür, dass man mit etwas zu tun hat, von dem man sagt: Das kann nicht sein. Warum ist das passiert? Welche Spuren gibt es? Im Fall der Vampire geht es dann eben um soziale, um lebensgeschichtliche Spuren. Das macht mir auch Spaß, das mal zusammenzutragen. Forensik bedeutet ja: Du nimmst einen einzelnen, realen Fall und versuchst das mit der Systematik aus den Naturwissenschaften zusammenzubringen, also über Laborversuche. Und dann gibt es eben noch die Zusatzwissenschaften wie Soziologie, Psychologie etc. und aus all dem kann man manchmal ein Gesamtbild gewinnen. Man darf nur nicht in klimatisierten Räumen ewig rumlabern, sondern muss die wirklich messbaren Spuren – auch soziale Spuren – vor Ort sichern.


Kommen wir noch zu einem harmlosen Thema: Köln. Du hast hier studiert und wohnst hier. Wenn du zurückblickst auf deine Studienzeit, wie war das damals?
MB: Das war sehr lustig, weil es noch viele Relikte aus der alten Zeit gab, zum Beispiel fand die Biologenparty wie gesagt in der Hutablage des großen Hörsaals der Botanik statt. Auch fachlich war alles etwas anders. Es gab beispielsweise noch das Fach "Experimentelle Morphologie". Und was super war: Es gab überhaupt keinen festen Ablaufplan, wie man zu studieren hatte. Ich bin nämlich jemand, der gerne räumlich an einer Stelle bleibt. Wenn ich also morgens zur Uni gefahren bin, dann bin ich da auch geblieben bis in die Puppen. Ich konnte ewig in der Bibliothek rumsitzen und mir irgendwelche Bücher angucken, zwischendurch zur Vorlesung, aber alles ganz im Flow und so, wie es mir gerade sinnvoll schien. Das hat mir Spaß gemacht. So wie ich das von meinen StudentInnen im forensischen Sommerkurs bei mir im Labor mitbekomme, hat man für sowas heute leider nicht mehr so viel Zeit.


Und zum Schluss: Deine letzten Worte an unsere Leser?
MB: Tut, was ihr wollt, aber tut es.


Mit herzlichem Dank an Maggie Gernatowski und die SLIK-Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.



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