2012-02-02 Hamburger Abendblatt: Die Welt ist kein Glücksbärchenparadies

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Quelle: Hamburger Abendblatt, 2. Febr. 2012

Die Welt ist kein Glücksbärchenparadies

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von Nadine Lischick


STADE. Mark Benecke ist der wohl berühmteste Kriminalbiologe der Welt. Durch seine Analyse von Leichen, Fliegen und Maden wurden nicht nur etliche Verbrechen aufgeklärt. Der 41 Jahre alte Kölner ist längst auch für seine zahlreichen Bücher und seine unterhaltsamen Vorträge bekannt. Bevor er am 4. Februar im Stadeum auftritt, verrät er im Abendblatt-Interview, warum Mord spannend und Wurst so eklig ist.

Hamburger Abendblatt: Herr Benecke, was macht Ihnen mehr Spaß: Selbst an Leichen herumzuforschen oder darüber zu sprechen?

Mark Benecke: Das eine geht ohne das andere in meinem Fall nicht. Das ist wie Forschung und Lehre. Natürlich könnte ich beides auch allein. Aber es macht mehr Spaß, wenn man beides macht.

Wann haben Sie gemerkt, dass man die Menschen mit Leichen und Maden gut unterhalten kann?

Gar nicht. Die Leute denken, sie werden gut unterhalten, aber in Wirklichkeit reibe ich ihnen lauter kriminalistische Prinzipien unter die Nase, die zeigen, wie man Dinge prüft. Das ist mein eigentliches Anliegen. Wie prüfe ich, was wirklich passiert ist, ohne zu denken, ohne Annahmen zu machen, ohne an Gut und Böse oder an Gerechtigkeit zu glauben. Eine Blutspur kann man objektiv nachweisen, ob es Gott gibt, nicht. Das hat mich schon als Kind geärgert, dass immer keiner wusste, was die reine Wahrheit ist und was nur eine Meinung oder eine soziale Stimmung. Wenn ich die Leute damit unterhalte, dann freut mich das, aber in Wirklichkeit geht es gar nicht um Leichen.

Also geht es auch nicht darum, dass sich irgendjemand vor irgendetwas ekelt?

Nein, in vielen meiner Vorträge gibt es gar nichts zum Ekeln. Manchmal sieht man nicht mal eine Leiche.

Was erwartet die Besucher Ihres Vortrags in Stade dann?

Keine Ahnung, denn das Thema können die Besucher sich aussuchen. Ich stelle ihnen zu Beginn verschiedene Vorträge zur Auswahl, und dann wird per Hand abgestimmt. Dadurch ist jeder Abend anders. Sonst wäre es ja auch langweilig.

Warum hören die Menschen sich Ihre Mord-Geschichte so gern an?

Es gibt verschiedene Gründe. Einer ist, dass wir Menschen einfach gern Rätsel lösen. Ob nun Sudokus oder kriminalistische Rätsel. Außerdem mögen viele den naturwissenschaftlichen Aspekt. Diese Sherlock-Holmes-artige Anwendung von Naturwissenschaft ist einfach sexy. Und dann ist es wohl auch ganz angenehm, zu wissen, dass da draußen jemand ist, der sich darum kümmert, die Verbrechen aufzuklären. Davon abgesehen betreten die Leute dadurch eine ganz andere Welt, das ist wie ein Science-Fiction-Film oder eine Reise in ein fremdes Land.

Wenn man sich so wie Sie jeden Tag mit Verbrechen und Mord beschäftigt, verliert man dann nicht irgendwann den Glauben an die Menschheit?

Bei mir war es eher umgekehrt. Mir wird immer klarer, warum Menschen andere umbringen, warum Leute zu Tätern werden. Die Welt ist kein Glücksbärchenparadies, das ist halt einfach so. Aber was mich sehr verblüfft hat, ist, wie stark viele meiner Klienten sind. Ich habe Klienten gehabt, die gegen ein übermächtiges System, das ihnen keine Silbe geglaubt hat, jahrelang dafür gekämpft haben, dass ein Fall weiter aufrechterhalten wird. Die haben darüber alles verloren, ihr Geld, ihre Zeit, alles. Aber sie haben nicht aufgegeben, bis die Sache geklärt war. Dadurch habe ich gelernt, wie stark Menschen sein können.

Sie selbst haben zwar keine Scheu vor Leichen und Maden, aber Sie haben angeblich Angst vor Spinnen und ekeln sich vor Wurst. Stimmt das?

Ja. Was Fleisch betrifft, ist es vor allem die Gewalteinwirkung, die mich abstößt. Ich rede jetzt nicht von Biobauern oder einer Familie, die sich zwei Hühner zu Hause hält, sondern von Massentierhaltung. Das ist wie Krieg gegen Tiere. Jeder Mensch, der einen Funken Seele in sich hat, muss doch kotzen, wenn er so etwas sieht. Und ich bin tatsächlich ein ziemlich zart besaiteter Mensch.

Aufgrund Ihres Berufes würden die meisten Menschen das von Ihnen sicher nicht denken, oder?

Wer bei dieser Arbeit versucht, den harten Kerl zu mimen, der würde irgendwann seelische Probleme bekommen. Jeder Mensch hat ja Stärken und Schwächen. Ich zum Beispiel kann soziale Zusammenhänge nicht gut verstehen. Wenn ich mir einen Film wie "Sex And The City" angucke, raffe ich spätestens nach einer Viertelstunde gar nichts mehr. Dafür finden andere Menschen Blut, Sperma, Kot, Haare und Urin nicht so toll. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass jeder, der "Sex And The City" guckt, besonders soft und jeder, der sich biologische Spuren anguckt, besonders hart ist. Und es ist ja nicht der Tod, der mich so interessiert, sondern die biologischen Spuren.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Durch Gewalt oder irgendwelche ekligen Krankheiten möchte ich ehrlich gesagt nicht sterben. Aber der Tod ist in uns Lebewesen ja aus einem guten Grund biologisch einprogrammiert. Sonst wären wir ein unsterbliches Wesen wie zum Beispiel eine Bakterie, wo es keine Leiche gibt, sondern die Mutter sich in zwei Töchter teilt. Aber dann hat man keine Individualität so wie wir Menschen. Dafür, dass man ein individuelles Leben hat, muss es auch irgendwann aufhören. Ich finde, das ist ein fairer Preis.

Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie das erste Mal den Wunsch hatten, Kriminalbiologe zu werden?

Nie wollte ich das werden, ich bin da reingerutscht.

Wie rutscht man denn da rein?

Das kam, weil ich in der Rechtsmedizin genetische Fingerabdrücke gelernt habe. Ich hatte vorher schon mit Tintenfischen gearbeitet. Und die einzigen wirbellosen Tiere in der Rechtsmedizin waren halt Insekten. So hat sich das durch Zufall ergeben. Ich könnte jetzt auch Fledermausforscher in Puerto Rico sein.

Hat Ihre Arbeit als Kriminalbiologe eigentlich irgendetwas mit dem zu tun, was wir im Fernsehen in Krimis sehen?

Ich habe keinen Fernseher, deswegen kann ich das nicht wirklich beantworten. Aber durch die Fragen meines Publikums weiß ich, dass die Rechtsmediziner im Fernsehen viele Figuren zusammen spielen. Da ist der Rechtsmediziner auch Biologe, Ermittler, Spurensucher und vielleicht noch Hubschrauberpilot. In Wirklichkeit bin ich der kauzige Karohemdträger mit den Wollsocken und der dicken Brille, der gerne über dem Mikroskop sitzt.

Sie haben mal gesagt, dass Kriminalbiologen immer als Nerds und Freaks gelten.

Klar, aber ich finde das gut. Ich mag kauzige Sachen. Ich schreibe oft Nerd-Artikel für große Zeitungen, zum Beispiel über das Schöne an Strommasten, ich bin im Komitee der "Spaß-Nobel-Preise", in der Sherlock-Holmes-Gesellschaft. Je kauziger das Thema, desto mehr gibt es zu lernen.

Waren Sie als Kind schon anders?

Ja, ich war der Einzige im Jahrgang, der Chemie immer super fand. Und ich war Schülersprecher.

Haben Sie damals gerne Gruselfilme geguckt?

Nein, überhaupt nicht, davor habe ich immer Angst gehabt. Ich habe mir einmal Geisterbücher in der Bibliothek ausgeliehen, aber die habe ich ungelesen wieder zurückgebracht, weil sie mir zu gruselig waren.

Und heute?

Heute geht das. Aber es darf nicht so gewalttätig sein. Filme wie "Matrix", wo die ganze Zeit mit dem Maschinengewehr geballert wird, sind mir zu viel Gewalt.

Trotzdem, wie würde der perfekte Mord aussehen?

Jede Tat, bei der man die Spuren nicht versteht. Je blöder die Tat, desto schwerer ist es meistens zu verstehen, was passiert ist. Aber generell würde ich sagen, man sollte einfach niemanden umbringen.

Aber dann wären Sie arbeitslos!

Das würde ich in Kauf nehmen. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der, dass die Leute endlich mal aufhören, einander umzubringen. Dann würde ich einfach Pizza backen und wäre ein glücklicher Pizzabäcker.



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