Seminararbeit Raab 2011

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Name: Jennifer Raab
Privates neuhof-Gymnasium München
Seminararbeit aus dem Fach Biologie
Oberstufenjahrgang 2010/2012


Wasserleichen - eine Herausforderung für die forensischen Wissenschaften

[Weitere Facharbeiten über Insekten] [Weitere Facharbeiten über DNA] [Mehr zu Crime & Co.] [Über MB]


1. Einleitung

Die Kriminalbiologie „[vereint] kriminalistisch-polizeiliches, naturwissen-schaftliches und rechtsmedizinisches Denken [..]“ Die forensische Arbeit ist facettenreich und stark mit anderen Forschungsgebieten verflochten. Zu nennen sind, neben der Rechtsmedizin, die Genetik, die Insektenkunde (Entomologie), die Botanik ebenso wie die Chemie (speziell die Toxikologie) und die Physik.

Noch vor fünfzehn Jahren war das Interesse an der Kriminalbiologie in Deutschland sehr gering. Das Fach wurde an keiner hiesigen Universität oder Polizeischule mehr gelehrt. Inzwischen haben sich kriminalbiologische Techniken wie die Untersuchung von Blutspuren, die Untersuchung von Leicheninsekten, die Analyse genetischer Fingerabdrücke (DNA-Typisierung) ebenso zu kriminalistischen Standardtechniken entwickelt, wie es z.B. die Fingerabdruckkunde (Daktyloskopie) seit langer Zeit ist.

„True-Crime”-Serien wie Autopsie, ebenso wie (fiktive) Forensikstaffeln à la CSI sorgen bei den Privaten für hohe Einschaltquoten und für eine immer weitere „Diversifizierung“ dieser Sendeformate.

Der Siegeszug der Kriminalbiologie als naturwissenschaftliche Kriminalistik schlägt sich auch im Lehrplan der gymnasialen Oberstufe in Bayern nieder.

Eine vertiefte Darstellung des vielschichtigen Themas Wasserleichen – eine Herausforderung, nicht nur für die forensischen Wissenschaften kann in dieser Seminararbeit leider nur ansatzweise erfolgen. Es wird dabei aber stets der Versuch unternommen, zum einen der Interdisziplinarität, zum anderen dem Praxisbezug der Kriminalbiologie gerecht zu werden.


2. Hauptteil

I. L´Inconnue de la Seine - Die Unbekannte aus der Seine

Um 1900 wurde in Paris eine weibliche Leiche aus der Seine geborgen. Bei der Unbekannten (frz. l'Inconnue), deren Alter auf etwa 20 Jahre geschätzt wurde, handelte es sich vermutlich um eine Selbstmörderin. Aufgrund ihrer Frisur ging man davon aus, dass sie dem Arbeiterstand entstammte, ggf. auch ländlicher Herkunft war.

Ein Mitarbeiter der Leichenschauhalle war von ihrer Schönheit so angetan, dass er einen Gipsabdruck ihres Gesichts nahm. Er ließ eine Totenmaske fertigen, von der in den folgenden Jahren zahlreiche Kopien gemacht wurden. Diese kamen in der Pariser Bohème als morbides Einrichtungsaccessoire in Mode, galten als „chic“.

Die Unbekannte inspirierte zahlreiche literarische Werke. So sinniert etwa der Protagonist von Rainer Maria Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ (1910): „Der Mouleur [Modellierer, Bossierer, d. Verf.], an dem ich jeden Tag vorüberkomme, hat zwei Masken neben seiner Tür ausgehängt. Das Gesicht der jungen Ertränkten, das man in der Morgue [bis 1907 Leichenschauhaus hinter Notre Dame, d. Verf.] abnahm, weil es schön war, weil es lächelte, weil es so täuschend lächelte, als ob es wüsste.“

Ähnlich wie das Lächeln der Mona Lisa im Pariser Louvre war der rätselhaft friedvolle Gesichtsausdruck der Toten Anlass für zahlreiche Spekulationen über ihr Leben, ihre Todesumstände und ihre Befindlichkeit im Jenseits. Das Wasser schien den letzten Gesichtsausdruck ihres Lebens wie ein Foto gebannt zu haben.

Wie die Realität fern jeder literarischen und künstlerischen Idealisierung und Euphemismen aussieht, wird im Zuge der weiteren Ausführungen deutlich werden. Denn: „[..] ohne Verwesung, Fäulnis und Madenfraß [würde] der Kreislauf des Lebens stehenbleiben […].“


II. Der Tod im Wasser

Grundsätzliche Überlegungen

Eingangs erscheinen mir einige grundsätzliche Überlegungen und Erläuterungen angezeigt: Der Tod ist das irreversible, d.h. das unumkehrbare, Ende des Lebens von Individuen. Das Sterbegeschehen verläuft in mehreren, extrem variablen Phasen ab. Diese sind jeweils durch den Ausfall bestimmter Körperfunktionen gekennzeichnet. Der zeitliche Ablauf des Sterbegeschehens wird durch den jeweiligen Sauerstoffbedarf der einzelnen Organe und des Körpergewebes bestimmt.

Die Möglichkeiten, im bzw. durch Wasser zu Tode zu kommen, sind vielfältig, wobei „die meisten Todesfälle im Wasser [..] unfallbedingt [sind].“

Ein Fall mit großer Publizität war der Tod des Sohnes von Entertainer Joachim „Blacky“ Fuchsberger: Der 53 Jahre alte, schwer an Diabetes erkrankte, Thomas Fuchsberger ertrank im Oktober 2010 im Kulmbacher Mühlbach.

Ein großer Prozentsatz, aber bei weitem nicht jede der tot aus dem Wasser geborgenen Personen ist ertrunken. Als weitere Todesursachen neben dem Unfall und dem Tod durch natürliche, innere Ursachen (sog. Badetod, vgl. 2.3.) sind zu nennen: der Suizid und das Tötungsdelikt (im bzw. durch Wasser), daneben die Tötung auf andere Weise und Versuch des Vortäuschens eines Unfall oder Suizides; weiterhin die Leichenbeseitigung und - der seltene Fall - eines natürlichen Todes mit anschließendem Hineingeraten des Leichnams in das Wasser.

Der Begriff „Ertrinken“ ist irreführend. Er geht auf Galen zurück, der annahm, dass der Ertrinkende so viel Wasser schlucke, bis durch eine Überfüllung des Magen-Darm-Traktes der Tod eintrete.


Typisches Ertrinken

Tatsächlich handelt es sich beim Ertrinkungstod um einen Erstickungsvorgang, bei dem Flüssigkeit jeglicher Art das Luftholen verhindert. Dieser Erstickungsvorgang, der als typisches Ertrinken bzw. dessen landläufige Form bezeichnet wird, verläuft in sechs Phasen:

1. Phase: Beim Untertauchen im Wasser wird tief Luft geholt und der Atem angehalten, um das Eindringen von Wasser zu verhindern. Dauer, je nach Trainingszustand, 30 Sekunden bis zu einigen Minuten.

2. Phase: Infolge Anreicherung des Blutes mit Kohlendioxid (CO2) wird das Atemzentrum gereizt, die Atmung setzt zwanghaft wieder ein.

3. Phase: Wasser dringt in den Kehlkopf ein, verursacht Hustenreiz und führt zusammen mit weiterer Aspiration von Wasser zu starker Atemnot.
4. Phase: Das Gehirn wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt, Bewusstlosigkeit setzt ein, das Wasser dringt weiter vor. Es bewirkt die Absonderung von reichlich Bronchialschleim, der sich mit der verbleibenden Luft und dem eindringenden Wasser in den Atemwegen zu Schaum vermengt.

5. Phase: Es treten Erstickungskrämpfe auf, verbunden mit einigen Atembewegungen.

6. Phase: Einer kurzen Atempause schließt sich eine Schnappatmung an. Es folgt der endgültige Atemstillstand.

Der (typische) Ertrinkungsvorgang, ein Überlebenskampf gegen das Untersinken, läuft innerhalb drei bis fünf Minuten ab, kann aber verlängert sein, je nachdem, wie oft der Ertrinkende beim wiederholten Auftauchen die Möglichkeit hat, Luft einzuatmen.

Typische Erstickungszeichen wie Blaufärbung und Aufdunsung des Gesichtes sowie Stauungsblutungen sind im Allgemeinen nicht ausgebildet. Die Leiche des Ertrunkenen weist meist eine blasse Haut auf. Als äußerlich sichtbares, jedoch nicht immer vorhandenes Hinweiszeichen für das typische Ertrinken entsteht bei angelandeten Leichen kurz zuvor Ertrunkener ein Schaumpilz vor Mund und Nase.

Der feinblasige, weißliche, mitunter blutig eingefärbte, Schaum quillt aus den Luftwegen nach außen.


Atypisches Ertrinken

Komplementär zum typischen Ertrinken ist ein atypischer Ertrinkungsvorgang zu nennen, bei dem es nach dem Untersinken sofort zu einer kontinuierlichen Wassereinatmung - bei schnell eintretender Bewusstlosigkeit - kommt. D.h., trotz Todeskampfes ist ein krampfartiges Luftholen nicht möglich.

Die Abgrenzung zum sog. Badetod ist daher schwierig. Dieser Begriff wird verwendet, wenn im Wasser ein plötzlicher Tod aus natürlicher, innerer Ursache (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Embolie) oder auch durch die Einwirkung des Wassers auf den Körper ausgelöst wird. Hier ist der sog. Immersionsschock zu nennen, ein Reflexmechanismus des Körpers bei plötzlichem starkem Temperaturgefälle im Zusammenspiel mit körperlicher Disposition (Fitnesszustand, alkoholische Beeinflussung, prall gefüllter Magen). Beim Sprung des erhitzten Körpers kommt es zu einem extremen Blutdruckanstieg, zu unkontrollierten, krampfartigen Einatembewegungen und gravierenden Herzrhythmusstörungen.

Diskutiert wird weiterhin ein Kehlkopfkrampf (Laryngospasmus) infolge des Eindringens von Wasser, so dass ein Luftholen nicht möglich ist. Das atypische Ertrinken kann auch Folge einer Bewusstlosigkeit im Wasser sein, die durch äußere Gewalteinwirkung (Bootsunfall, Kopfsprung in flaches Wasser) oder dadurch bedingt ist, dass ein zwischenzeitliches Auftauchen verhindert wird (Schiffsuntergang, Sturz mit Kfz in Gewässer, Selbstfesselung in suizidaler Absicht, Unterwasserdrücken durch fremde Hand). Hier können Ertrinkungsbefunde fehlen oder nur geringgradig sein, besonders in Fällen, in denen der Tod schnell eingetreten ist und dementsprechend wenig Wasser eingeatmet wurde.


III. Leichenveränderungen

Frühe Leichenveränderungen

Die wichtigsten frühen Leichenveränderungen sind

• Erkalten (Algor mortis)

• Vertrocknungen (u.a. der Augen und der Lippen)

• Totenflecke (Livores)

• Totenstarre (Rigor mortis)

Grundsätzlich kommt es an Leichen im Wasser zu den gleichen Veränderungen wie sie auch an Land ablaufen, wobei das Erkalten in der Regel schneller erfolgt und die Totenflecke aufgrund des Wasserdruckes schwächer ausgeprägt sind. Maßgeblich sind bei Wasserleichen die sog. „späten Leichenveränderungen“ (vgl. 3.3.).


Autolyse

Die Autolyse geht den späten Leichenveränderungen voran. Es handelt sich um eine Selbstverdauung der Körpergewebe, die durch Zellenzyme bewirkt wird unter Luftabschluss bei keimfreien Bedingungen abläuft. Diese Zersetzung durch körpereigene Enzyme vollzieht sich v.a. an den inneren Organen in Gestalt der Erweichung des Nebennierenmarkes, der Magenwand und der Bauchspeicheldrüse.


Späte Leichenveränderungen

Fäulnis, Verwesung und Skelettierung

Die Zersetzung des Körpers ist ein komplizierter Vorgang. Für jedes Zersetzungsstadium gibt es speziell angepasste Organismen, neben Einzellern und mehrzelligen Pilzen sind dies auch hochentwickelte Insekten. Der Ablauf dieses Vorganges kann von Leiche zu Leiche wie auch an ein und demselben Leichnam außerordentlich verschieden sein, d.h. es sind auch verschiedene der nachfolgend beschriebenen Leichenveränderungen in unterschiedlichen Stadien nebeneinander zu beobachten (vgl. 4.).

Hauptsächliche Ursache der Fäulnis sind Bakterien unterschiedlicher Herkunft. Zum einen handelt es sich um körpereigene Keime, die normalerweise die Haut, die Mundhöhle, den Nasen-Rachen-Raum, den Darm und die Scheide besiedeln, zum anderen um Fremdkeime aus dem umgebenden Milieu , z. B. Wasser.

Chemisch stellt die Fäulnis einen reduktiven Abbau der Körperbestandteile dar. Der Eiweißabbau vollzieht sich über einige Zwischenstufen zunächst bis zu den Aminosäuren. Daraus entstehen durch Abspaltung von Kohlendioxid sog. Ptomaine (z.B. Kadaverin, Putreszin, Tyramin). Bei deren weiterem Abbau bilden sich schließlich Gase wie Ammoniak, Kohlendioxid, Methan und Schwefelwasserstoff.

Zusammen mit Ammoniak ergibt das Tyramin den charakteristischen Fäulnisgeruch. Wie die Eiweiße werden auch die Kohlenhydrate und Fette über verschiedene Zwischenstufen abgebaut.

Neben Bakterien sind Wärme und Feuchtigkeit wesentliche Faktoren des Fäulnisprozesses: „Die Verwesung der Leiche erfolgt am schnellsten an der Luft, bedeutend langsamer im Wasser; am längsten dauert sie in der Erde.“ Kühlt eine Leiche nur langsam ab (z.B. hohe Umgebungstemperatur, fettleibige Person), setzt die Fäulnis rasch ein und verläuft schnell.

Äußerlich werden die frühesten Fäulnisveränderungen in der rechten Unterbauchregion sichtbar. Der Dickdarm liegt an dieser Stelle der Bauchwand dicht an, so dass die Darmbakterien sich rasch ausbreiten können. Die dabei aufscheinende grüne Verfärbung entspricht einem Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffes, das sog. Sulfhämoglobin, das durch die Einwirkung von Schwefelwasserstoff entsteht.

Mit dem Fortschreiten der Fäulnis breite sich die Grünfärbung nach und nach über den Bauch auf die gesamte Körperoberfläche aus. Die in den Blutgefäßen ablaufenden Zersetzungsprozesse führen dazu, dass die oberflächlich liegenden Blutadern zuerst als rot-violette und später als grünlich schwarze Verästelungen sichtbar werden. Man spricht vom Durchschlagen des Venennetzes.

Es kommt zur weiteren Auftreibung des Rumpfes. Aus Mund und Nase tritt rötlich-braune Fäulnisflüssigkeit aus.

Die Oberhaut wird leicht verschieblich und löst sich schon bei leichten Berührungen ab. In der Haut bilden sich flüssigkeitsgefüllte Fäulnisblasen, die zu ausgedehnten Hautsäcken zusammenfließen können, schließlich einreißen und zusammensinken.

Die Oberhaut hängt in Fetzen am Körper. Freiliegende Partien der Unterhaut vertrocknen zu einer bräunlichen, harten Schwarte. Die Grünverfärbung der Haut geht in eine tiefgrün-schwarze Farbe über. Eine Durchsetzung der Weichteile mit Fäulnisgasen führt nicht selten zu monströsen Auftreibungen verschiedener Körperteile, so dass eine Fettleibigkeit oder ein gedrungener Körperbau vorgetäuscht wird. Das Gesicht ist bis zur Unkenntlichkeit entstellt, auch die Augenfarbe verändert sich.

Schließlich lassen sich die Kopfhaare leicht ausreißen und Finger- und Zehennägel mit der Oberhaut handschuh- bzw. sockenartig abziehen.

Auch Eintrocknung und Mumifikation können den Endzustand prägen, zum anderen ist, meist infolge Fliegenmadenbefalls, eine Skelettierung möglich.

Im Körperinneren verlaufen die Fäulnisveränderungen meist langsamer als außen. Der Magen-Darm-Kanal wird durch die Fäulnisgase stark aufgebläht. In der Leber führen die Gase zu Hohlraumbildungen. Die Milz nimmt eine grau-schwarze Farbe an und ist zerfließlich. Das Gehirn verfärbt sich zunächst rötlich, später wird es grau-grün und verflüssigt sich breiig. An Blutgefäßen und Herz zeigt die Innenhaut eine rot-violette Verfärbung infolge Durchtränkung mit Fäulnisflüssigkeit. In den Lungen sowie in der Brust- und Bauchhöhle sammeln sich reichlich Fäulnisgase und Fäulnisflüssigkeit an. Verflüssigtes Körperfett bildet im Bauchraum Fettseen. Aus den Organüberzügen und auf den Auskleidungen der Körperhöhlen können Kristallbildungen aus organischen und anorganischen Fäulnisprodukten entstehen. Die Nieren, die Gebärmutter und die Prostata widerstehen der Fäulnis länger als die anderen inneren Organe.

Bei der Verwesung als einer weiteren der sog. späteren Leichenveränderungen handelt es sich um oxidative Prozesse, die meist einem trocknen, zundrigen Verfall der Organe einhergehen, oft begleitet von Schimmelpilzbefall.


Fettwachsbildung (Adipocire)

Unter Fettwachsbildung (lat. Adipocire, adeps = fett, cera/cire = Wachs) versteht man die Umwandlung der Weichteile, beginnend mit dem Körperfett, in eine grau-weiße, körnige, zuerst feucht-pastenartige, später trocken-gipsähnliche Masse mit ranzig-erdigem Geruch.

Das Fettwachs entsteht durch hydrolytische Spaltung des Körperfettes in Glycerol und Fettsäuren. Die gebräuchlichen Bezeichnungen Fettwachs bzw. Adipocire sind daher unter chemischen Gesichtspunkten unzutreffend. Das Umwandlungsprodukt enthält kaum Fett und kein Wachs, sondern besteht überwiegend aus gesättigten Fettsäuren, vor allem Palmitin- und Stearinsäure. Zutreffender wäre daher „Leichenlipid“.

Notwendige Bedingungen für die Fettwachsbildung sind feuchtes Milieu, Luftabschluss und die Mitwirkung bestimmter Bakterien. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses variiert stark in Abhängigkeit von der Umgebung.

Bei Wasserleichen kann sich Fettwachs bereits nach einigen Wochen, im Erdgrab erst im Verlauf vieler Monate, bilden. Fettwachsbildung ist insbesondere bei Wasserleichen festzustellen, die in tiefem, stehendem Wasser ohne Sauerstoffzutritt gelegen sind.

Fettwachsbildung (Adipocire) ist eine konservierende Leichenveränderung.

1919 wurde die Mitbegründerin der KPD, die damals 47-jährige Rosa Luxemburg (Abb. 5), durch Freikorpskämpfer brutal ermordet, ihre Leiche in den Berliner Landwehrkanal geworfen. Bis heute pilgern Deutschlands Linke alljährlich am 15. Januar zum Grab der Revolutionärin auf dem Friedhof Friedrichsfelde.

In den Asservaten des Institutes für Rechtsmedizin der Berliner Charité befindet sich seit Jahrzehnten der Torso einer weiblichen Fettwachsleiche. Der Leiter des Institutes, Prof. Dr. Michael Tsokos, geht davon aus, dass es sich um die sterblichen Überreste der Luxemburg handelt.

Obwohl alle Möglichkeiten der Rechtsmedizin ausgeschöpft wurden, fanden sich bis heute keine Ausschlussbeweise für diese 2009 erstmals der Öffentlichkeit vorgetragene Theorie.


Wasserleichen spezifische Veränderungen

Bedingt durch den Aufenthalt im Wasser, treten Leichenveränderungen auf, für deren Fortschreiten die Wassertemperatur entscheidend ist.

Darüber hinaus haben Verunreinigungen, insbesondere der Bakteriengehalt (vgl. 3.3.2., S. 8), und die Wasserbewegung ebenfalls einen Einfluss. Aus diesen Leichenveränderungen lassen sich gewisse Rückschlüsse auf die Liegezeit im Wasser ableiten.

Der zeitliche Ablauf und Ausprägungsgrad der Leichenveränderungen unterliegt starken Schwankungen.

An sog. frischen Wasserleichen können auffällige Veränderungen vorliegen, die durch Kälte verursacht werden, so z.B. die Blässe der Leiche, Gänsehaut, Aufrichtung der Brustwarzen und bei Mann Schrumpfung von Penis und Hodensack.

Bereits nach kurzer Zeit – jedoch stark Temperatur abhängig - bildet sich die sog. Waschhaut (Abb. 9 a/b) mit Quellung und Runzelung der Oberhaut heraus. Die Veränderungen beginnen nach drei Stunden an den Fingerkuppen und an den Zehenspitzen und erfassen nach sechs Stunden die Hohlhand und die Handinnenfläche (Hohlhand) und die Fußsohle. Zur Identifizierung von Wasserleichen können Fingerabdrücke auch an Waschhaut veränderten Fingern abgenommen werden.

Insgesamt wirkt die Haut wirkt ausgelaugt und blass. Schließlich löst sich am ganzen Körper die Oberhaut in Fetzen von der darunter liegenden Lederhaut ab. Nach drei bis sechs Wochen kann an Händen und Füßen die Haut mit Nägeln handschuh- bzw. sockenartig abgezogen werden.

Die Kopfhaare lassen sich sehr leicht ausreißen. Der zeitliche Ablauf und Ausprägungsgrad der Leichenveränderungen unterliegt starken Schwankungen. Neben den späteren Leichenveränderungen beginnt beim Aufenthalt im Wasser nach einigen Tagen ein Algenbewuchs, der sog. Algenrasen.

Normalerweise geht eine Leiche im Wasser unter und sinkt bis auf den Grund. Nur ganz selten kommt es vor, dass der Körper gleich nach dem Tod auf dem Wasser treibt, bedingt durch große Luftblasen in der Bekleidung.

Das Auftauchen der Leiche bewirken Fäulnisgase. Der Auftrieb kann so stark sein, dass sogar eine mit größeren Gewichten beschwerter Körper an die Oberfläche gelangt. In flachen Gewässern tauchen Leichen während der Sommermonate infolge der raschen Fäulnisgasbildung schon nach wenigen Tagen auf.

Dagegen entstehen in tiefen Gewässern mit niedriger Temperatur die Fäulnisgase nur langsam oder kaum, so dass der Auftrieb nicht ausreicht und die Leiche in der Tiefe liegenbleiben kann.

So konnte erst vor wenigen Tagen, am 6. Oktober 2011, ein seit zehn Jahren vermisster Mann aus rund 48 Metern Tiefe im Ammersee, westlich von München, geborgen werden. Im Juli 2001 war der 49-Jährige als Teilnehmer einer Segelregatta bei einem schweren Sturm gekentert und seinerzeit trotz einer groß angelegten Suchaktion nicht gefunden worden.

Die Fäulnis schreitet nach der Bergung einer Leiche aus dem Wasser rasch, bis zur Unkenntlichkeit, voran. Schon nach wenigen Stunden kann ein zunächst noch gut erhaltener Leichnam hochgradige Fäulniserscheinungen mit monströser Auftreibung des Körpers, insbesondere der Kopf-Hals-Region, zeigen.

An Wasserleichen entstehen mitunter postmortale Verletzungen verschiedener Art. Eine Leiche liegt oder treibt im Wasser meist in der Bauchlage, wobei Kopf und Gliedmaßen herabhängen.

Die Wasserbewegungen führen durch Abschleifen zu Verletzungen an Kopf, Handrücken, Knien und Fußspitzen. Gelegentlich kommt es vor, dass der Schädel weitgehend abgeschliffen und das Gehirn herausgespült wird. Durch längeres Treiben in einem reißenden Gewässer kann die Bekleidung zerrissen werden oder vollständig verlorengehen. Seltener zu beobachten sind - z.T. sehr massive -Verletzungsbilder durch Schiffsschrauben.

Die durch Fäulnis, etwaige postmortale Verletzungen und Tierfraß (vgl. 5) hervorgerufenen Leichenveränderungen erfordern eine spezielle Vorgehensweise und Ausrüstung der zur Bergung eingesetzten Kräfte: „Schwimmende Wasserleichen können in der Regel an der vorhandenen Kleidung festgehalten oder mit Leinen gesichert an Land gebracht werden. Besteht auf Grund eines längeren Wasseraufenthaltes die Gefahr, dass sich Körperteile lösen, ist die Leiche mit [..] Leichensack oder Netz zu transportieren.“


IV. Entomologische Methoden zur Feststellung der Verdriftung und des Todeszeitpunktes einer Wasserleiche

Für entomologische Forensiker sind die sog. Leicheninsekten von besonderem Interesse: Sie suchen in faulem Gewebe neben Nahrung Brutstellen für ihre Nachkommen. Schon der schwedische Biologe Carl von Linné schrieb 1767 sinngemäß, dass drei Fliegen einen Pferdekadaver ebenso schnell zerstören können wie ein Löwe.

„Manche Leicheninsekten können […] als `postmortale Totenuhren` die Leichenliegezeit anzeigen“ und zur Klärung von Vermisstenfällen beitragen, wie das folgende Fallbeispiel zeigt. Aus der Ostsee wurde im Juni 1966 eine Wasserleiche, die eine Schwimmweste trug, geborgen. Gesicht und Brustraum bereits teilskelettiert, übrige Weichteile in Adipocire (vgl. 3.3.2.) Im Brustraum Fliegenlarven der Seetangfliege Coelopa frigida, die üblicherweise in Strandhabitaten lebt. Larven oder Puppen von Schmeißfliegen (Calliphoriden) waren nicht feststellbar.

Die Larven waren bei der zur Fundzeit kühlen Witterung etwa zwei Wochen alt. So jung konnte die Leiche trotz des vergleichweise gut erhaltenen Körpers aber aufgrund der Adipocire keinesfalls sein. Zum Zeitpunkt der Eiablage, also Ende Mai, musste die Leiche an der Küste vorbeigetrieben sein, da Coelopa frigida nicht auf das offene Meer fliegen. Da keine Spuren von Schmeißfliegen zu finden waren, wurde der Todeszeitpunkt auf Winter 1965 oder das beginnende Frühjahr 1966 zurückberechnet, denn zu allen anderen Jahreszeiten hätten die Calliphoriden die Leiche zuerst angeflogen oder aber gegen C. frigida verteidigt.

Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass es sich um das Besatzungsmitglied eines im Januar 1966 gesunkenen Schiffes handelte.


V. VENUS – die Forensik beschreitet neue Wegen

Die Verursacher von Tierfraß an Wasserleichen sind hauptsächlich Schnecken, Blutegel, Ratten, Seevögel, Krabben, Krebse und Fische. Von daher verfolgt die kanadische Zoologin Gail Anderson, Mitarbeiterin des Unterwasserobservatoriums VENUS (Victoria Experimental Network Under the Sea) einen neuen Forschungsansatz zur Ermittlung der Leichenliegezeit und insbesondere der Todesursache und –umstände.

Vor der Küste von Vancouver Island wird anhand in 90 Metern Tiefe versenkten Schweinekadavern untersucht, welchen Einflüssen tote Körper unter Wasser ausgesetzt sind. Haut, Organe und Darmflora von Hausschweinen weisen bekanntlich große Übereinstimmungen zu der des Menschen auf. Es dauert etwa drei Wochen, bis vom Gewebe nichts mehr übrig ist. Schädel und Skelett - demineralisiert vom Salzwasser - lösen sie sich schließlich komplett auf.

Gail kann mittlerweile die Entstehung verschiedener Wundmuster beurteilen: Meerestiere beginnen stets am hinteren Körperende an zu fressen. Der Kopf bleibt bis zuletzt unversehrt.

Gegen den nächsten Schritt, nämlich Leichen zu Forschungszwecken auf den Meeresgrund zu befördern, bestehen – noch - ethische Bedenken: "So weit ist die Gesellschaft noch nicht, dass sie das verstünde.“


3. Schluss

Es sollte deutlich geworden sein, dass Wasserleichen eine besondere Herausforderung darstellen: An den obduzierenden Rechtsmediziner, an Polizeikräfte, Rettungs- und Hilfsdienste bis hin zum Bestatter.

Die Spuren, die Wasserleichen als „letzte Zeugen“ hinterlassen, richtig zu interpretieren, die zentrale Frage zu beantworten, ob es sich um einen Unfall handelte, es Suizid war oder man gar die sterblichen Überreste eines Gewaltverbrechens vor sich hat, kann nur im engen Zusammenwirken von interdisziplinär orientierter forensischer Medizin sowie den ermittelnden Beamten von Schutzpolizei und Kriminalpolizei gelöst werden.

Schlussendlich geht es neben einer etwaigen Strafverfolgung stets darum, ein Schicksal zu klären, d.h. dem „Toten aus dem Wasser“ den Namen und damit ein Stück seiner Würde zurückzugeben, die Angehörigen zu benachrichtigen und ihnen mit einem Grab einen Ort der Trauer und des Trostes zu geben.

In der Zusammenschau der im Rahmen dieser Seminararbeit in aller gebotenen Kürze zusammengeführten Daten und Fakten schließe ich mich den Worten von „Maden-Doktor“ Mark Benecke an, demzufolge „die Wirklichkeit [..] spannender [ist] als jede Romanphantasie.“

Zugleich ist die Realität auch und gerade mit Blick auf die hier vorgestellte Thematik zugleich schonungsloser als jede Fiktion.


Literatur- und Quellenverzeichnis

Sekundärliteratur

Benecke, Mark: Kriminalbiologie, Bergisch-Gladbach, 2001

Benecke, Mark: Leichenbesiedlung durch Gliedertiere, in: Handbuch gerichtliche Medizin, Bd. 1, Bernd Brinkmann/Burkhard Madea (Hrsg.), Berlin u.a., 2004, S. 170 - 187

Benecke, Mark: Mordspuren: Mordspuren: Neue spektakuläre Kriminalfälle - erzählt vom bekanntesten Kriminalbiologen der Welt, Bergisch-Gladbach, 2007

Benecke, Mark: Dem Täter auf der Spur: so arbeitet die moderne Kriminalbiologie, Bergisch-Gladbach, 2010

Brinkmann, B[ernd]/Müller, P[eter]: Tod im Wasser, in: Handbuch gerichtliche Medizin, Bd. 1, Bernd Brinkmann/Burkhard Madea (Hrsg.), Berlin u.a., 2004, S. 797 - 825

Dorsch [o.V.]/Ester [o.V.]: Der Rote Faden – Richtlinien für den kriminalpolizeilichen Aufklärungsdienst, Ravensburg, 1959

Nivera, Wilhelm: Leitfaden für die Kriminalpraxis, Oberhausen u.a., 1949

Wirth, Ingo/Strauch, Hansjürg: Rechtsmedizin – Grundwissen für die Ermittlungspraxis, Heidelberg, 2006


Internet:

http://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.ammersee-nach-zehn-jahren:-polizei-zieht-leiche-aus-dem-see.74655f8d-88f7-431d-840b-c5ffd467197c.html [07.10.2011]

www.laerdal.com/no/docid/6681880/The-Girl-from-the-River-Seine?subnodeid=14373001 [07.10.2011]

http://www.rp-online.de/niederrhein-sued/krefeld/nachrichten/wasserleiche-identifiziert-34-jaehriger-mann-aus-city-1.692836 [17.10.2011]

http://www.sueddeutsche.de/bayern/kulmbach-tod-im-muehlbach-sohn-von-blacky-fuchsberger-ertrunken-1.1012264 [09.10.2011]

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Unbekannte_aus_der_Seine [07.10.2011]

http://de.wikipedia.org/wiki/Galenos [09.10.2011]

http://www.flensburg-online.de/blog/2009-06/wasserleiche-in-krefeld.html [16.10.2011]

Reichert, Cornelia: Die Stellvertreter, in: bild der wissenschaft, Ausgabe: 11/2008; S. 90; auf: www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/296477.html [28.10.2008]


Weitere Quellen:

Bartmann [o.V.]/Mayer [o.V.]: Lehrheft für Feuerwehr und Bergungstaucher, München, o.J., S. 178 [mit freundlicher Genehmigung der Berufsfeuerwehr München, Feuerwache 6, Hr. Reiser, vom 15.10.11]

Leichensache Luxemburg – Streit um eine Tote. Fernsehdokumentation. 3sat, Freitag, 04.03.2011, 20.15 Uhr

Raab, Kurt, Kriminalhauptkommissar a.D., vormals Tauberbischofsheim, jetzt Bonn, Telefoninterview vom 21.10.2011

Schubert, Gerhard, Kriminalhauptkommissar, Polizeiinspektion 21, München, Interview vom 01.11.2011; er bezieht sich dabei auf Unterlagen des Fortbildungsinstitutes der Bayerischen Polizei (BPFI) in Ainring, dieses nennt als Quelle: Penning, Randolph: Rechtsmedizin systematisch, Bremen, 2006


Abbildungsunterschriften

Abb. 1: L`Inconnue de la Seine

Abb. 2: Schaumpilz beim Ertrunkenen

Abb. 3a: Vermisste männliche Person

Abb. 3b: Nach Bergung; bea.: Durchschlagen des Venennetzes

Abb. 4: Leiche in Adipocire

Abb. 5: Rosa Luxemburg (1871 – 1919)

Abb. 6: Bergung einer Wasserleiche

Abb. 7: Erste Feststellungen am Fundort bzw. nach Anlandung

Abb. 8: Frische Wasserleiche

Abb. 9a/b: Waschhaut

Abb. 10: Lokalisation von Schleifspuren an Wasserleichen

Abb. 11: Tierfraß an Schweinekadaver


Um Urheberrechtsverletzungen auszuschließen, fehlen in der online-Version dieser Seminarbeit die Abbildungen



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