2020 Botschafter des Unvollkommenen

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Quelle: ThĂŒringer Allgemeine, 29. November 2019, https://www.thueringer-allgemeine.de/leben/vermischtes/ta-podcast-hollitzer-trifft-mit-kriminalbiologen-benecke-dna-test-ist-super-weihnachtsgeschenk-id227776533.html

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Botschafter des Unvollkommenen

In seinem Podcast „Hollitzer trifft“ spricht TA-Chefredakteur Jan Hollitzer diesmal mit Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen Mark Benecke: “DNA-Test ist ein super Weihnachts-Geschenk"

[Weitere Veröffentlichungen & BeitrĂ€ge von MB] [Artikel & Interviews mit und ĂŒber MB]


Episode 12: „So lange wird es Menschen nicht mehr geben.“

‹Vorspann

Hollitzer podcast.jpg

Hollitzer: Hallo bei „Hollitzer trifft“. Ich treffe heute Madendoktor Mark Benecke im Peckhams, einem kleinen CafĂ© in der NĂ€he des Domplatzes in Erfurt. Der wird eine Rolle spielen, genauso wie der Weihnachtsmarkt, denn Mark Benecke hat sich den Kult-Weihnachtsmarktbaum Rupfi auf sein Bein tĂ€towieren lassen. Was es damit noch auf sich hat, werdet ihr erfahren und ich werde mit ihm ĂŒber seine Sicht auf die Welt sprechen, denn die ist voller SpurentrĂ€ger, will heißen, ĂŒberall befinden sich — aus seiner Sicht – DNA-Partikel, Keime und andere Hinweise auf Dinge, große Dinge, die er in ZusammenhĂ€nge setzt und natĂŒrlich auch oft als Forensiker damit FĂ€lle entschlĂŒsselt. Und er wird mir etwas darĂŒber verraten, warum er Priester des Dudeism ist und natĂŒrlich seinen Lieblingskeim, ĂŒber den werden wir natĂŒrlich auch sprechen.

Im Café

Hollitzer (rÀuspert sich): Ich bin ein bisschen erkÀltet.

MB: Das sind viele zur Zeit.

H: Hast du irgendeine Geheimwaffe, gibt es irgendwelche besonderen Fliegen, die einsetzen kann? Du warst doch auf einem Fliegengipfel in Namibia?

MB: Ja, das stimmt. Aus Fliegen ist bisher nichts gewonnen worden. Meine Frau legt sich einfach ins Bett. Das schlÀgst du vor als optimales -? Ja, einfach ins Bett legen.

H: Ausruhen.

MB: Ausruhen. Tipp meiner Frau. Die ist aus dem Eichsfeld, hinter den sieben Bergen, da muss sie es ja wissen. Die kennen da noch so Geheimtechniken.

H: Ja, ich komme aus dem Unstrut-Hainich-Kreis, das ist direkt daneben. Aus MĂŒlhausen.

MB: Dann bist du nicht so verstossen wie das Eichsfeld? Das Eichsfeld ist ja so ganz verstossen.

H: Das ist genau die Grenze. Die MĂŒlhĂ€user und die Eichsfelder —

MB: Sind beide ausgegrenzt.

H: Ja, guter Konkurrenzkampf. Wo kommst du her aus‘m Eichsfeld?

Ines: Aus Langefelde.

H: Das ist ja gleich hinter‘m Buckel. Da gibt es so eine Wetterscheide.

MB: Und eine kulturelle Scheide offenbar auch.

H: Warum bist du denn in Erfurt?

MB: Ich bin immer gerne in Erfurt, weil es hier so super ist und deswegen poste ich ja auch die ganze Zeit Erfurt-Content. Aber heute eröffne ich mit dem OberbĂŒrgermeister den Weihnachtsmarkt und bringe Rupfi zurĂŒck. Rupfi kehrt zurĂŒck nach einem Jahr und es gibt noch zusĂ€tzlich eine schöne Überraschung.

H: Sieht ja wirklich gerade so aus als ob du Erfurter Marken-Botschafter bist.

MB: So komme ich mir auch so langsam vor und bin ich auch sehr gerne. Mein genetischer Vater ist in Erfurt geboren, meine Frau Ines kommt ja auch aus‘m Eichsfeld, aber das ist ja auch ThĂŒringen, auch wenn viele das abstreiten. Wir sind super gerne hier. Ich bin gerne Botschafter. Ich habe eine Puffbohne auftĂ€towiert, ich habe Rupfi auftĂ€towiert, also mehr geht schon fast nicht mehr.

H: Wo hast du denn Rupfi auftÀtowiert?

MB: Rupfi ist am Bein auftÀtowiert. Haben wir auch direkt gemacht.

H: Vielen Dank – ich habe gerade Milchkaffee bekommen. FĂŒr die Hörer da draußen.

MB: Der ist am Bein auftĂ€towiert, das haben wir direkt gemacht, nachdem Rupfi umgelegt wurde. Da gibt es ja auch ein schönes Video davon wie ich gerade im selben Moment ankomme und Rupfi ganz langsam zu Boden gleitet an seinem letzten Tag und danach ist noch viel passiert. Kaum hatte ich das Tattoo, kam natĂŒrlich der Holzmichel, der Rupfi ĂŒbernommen hat. Dann habe ich gehört, dass das Gartenbauamt in Erfurt aus den Zapfen von Rupfi kleine Mini-Rupfis hat erblĂŒhen lassen.

H: Ich glaube tausend StĂŒck.

MB: Davon möchte ich natĂŒrlich auch einen haben. Wenn es eine Stadt gibt, deren Marken-Botschafter ich sein möchte, dann Erfurt.

‹H: Wie hast du das denn damals ĂŒberhaupt mitbekommen mit dem Weihnachtsbaum, dass es den gibt?‹‹

MB: Ich war im Hotel und da lag eine Zeitung. Meine Frau lacht mich immer aus, ich bin alt und ich lese noch Zeitungen, also auf Papier. Und dann stand das da: “Rupfi wird umgelegt". Da hab' ich gesagt „Wenn du jetzt sofort alles stehen und liegen lassen, in dieser Sekunde, dann schaffen wir das“ und dann sind wir da hin und dann hab ich schon die Kamera laufen lassen als wir aus der Bahn ausgestiegen sind und just ist dieses absolut sekundengenaue Video entstanden. Das war reiner Zufall, aber natĂŒrlich war schon meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, weil ich es natĂŒrlich die beste Story ever finde.

Ich weiß gar nicht, ob euch das hier in der Region so bewusst ist: Die Leute schĂ€tzen ja das Unperfekte, ja eigentlich immer, aber wenn man das auch noch sympathisch rĂŒberbringen kann, dann natĂŒrlich auch da. Und dann gab es die eine Fraktion, die sich den satten, perfekten Weihnachtsbaum wĂŒnscht und dann aber auch eine sehr große Mengen von Menschen, die das unperfekte, schrĂ€ge, nicht ganz vollkommene lieben und dazu gehöre ich natĂŒrlich auch.

Deswegen war meine Aufmerksamkeit sowieso schon darauf gerichtet. Und dadurch, dass ich die Puffbohne auftĂ€towiert habe, werde ich sowieso immer auf Sachen aus Erfurt angesprochen, kommt natĂŒrlich auch dazu. Also immer, wenn was passiert, dann sagen die Leute —

H: Naja, die satten und perfekten WeihnachtsbĂ€ume aus ThĂŒringen, die schmĂŒcken dann eher Berlin immer.

MB: Das ist richtig.

H: Einer aus ThĂŒringen, der sich gerade wieder aufgemacht hat zum Brandenburger Tor.

MB: Genau. Und Rupfi 2, Martin heißt der ja jetzt -

H: Wollte ich gerade fragen, du bist schon wieder gut informiert.

MB: Ja, ich war gestern Abend schon bei der Generalprobe – der hat ja sogar den Weg durch Hessen angetreten. Es ist nicht nur ein Botschafter, der die Teile ThĂŒringens zusammenbringt, sondern sogar auch noch ein westliches Bundesland, das ist ja auch schön.

H: Meinst du, es steht ihm genau so eine Karriere bevor wie Rupfi? Ich habe ihn ehrlich gesagt noch gar nicht gesehen.

MB: Der Martin ist so eine Geschichte fĂŒr sich. Ich war zufĂ€llig hier als gerade aufgestellt wurde. Da stand ein Fahrradfahrer mit Fahrradhelm daneben und hat super laut geflucht und dann bin ich zu dem hingegangen und hab gesagt „Ich mache immer so kleine Mini-Videos, willste mal erzĂ€hlen, was dich gerade so aufregt?“ Da hat er mich mit nem Todesblick angeguckt – ich möchte jetzt nicht zitieren, was er gesagt hat – und hat gesagt, er ist schon wieder so zerrupft. Also er hat einen Stich ins Herz bekommen. Den mĂŒssen wir noch erreichen, dass eben auch das Unvollkommene viel Schönes in sich bergen kann.

Hollitzer benecke.jpg

H: Botschafter des Unvollkommenen.

MB: Stimmt, unvollkommenen, aber wĂŒrdigen schön und liebevoll.

H: Gibt es denn einen veganen Stand auf dem Domplatz?

MB: NĂŒsschen gibt es eigentlich immer.

H: Ich habe nur gelesen, ihr musstet gestern unterwegs nochmal irgendwo anhalten, weil das einzige vegane Restaurant in Erfurt leider geschlossen hatte.

MB: Ja, aber da haben wir auch gute Nachrichten. Wir sind jetzt heute ganz viel rumgelaufen und haben gesehen, es gibt z.B. hier jetzt auch – wir sitzen hier auch auf einer schönen Couch mitten in Erfurt in einem kleinen CafĂ© – gibt es eigentlich immer ein veganes Gericht. Das ist nur in unserer App [fĂŒr Veganer*innen], der „Happy Cow“, die ich immer bediene, da ist das noch nicht so durchgeschlagen, aber ich habe schon ganz viele Sachen eingespeist und ab in ca. ein, zwei Wochen werden auch die amerikanischen GĂ€ste wissen, dass es zwar nicht rein vegane, aber zumindest leicht veganisierte CafĂ©s und Restaurants gibt.

H: Bist du schon immer Veganer?

MB: Schon sehr lange, ja. Vegetarier bin ich „schon immer“. Als ich kleiner war, wusste ich nicht, dass es vegan gibt.

H: Das hat nichts damit zu tun, dass du mal ein SchlĂŒsselerlebnis hattest mit deiner jetzigen Berufung als Forensiker.

MB: Doch. Ne, mit meinem Beruf hat es nichts zu tun. Ich habe frĂŒher im Nebenfach Psychologie studiert und mit Tintenfischen gearbeitet. Das geht ja jedem Menschen so: Wenn du merkst, das sind freundliche Lebewesen, dann willst du sie nicht mehr essen. Die meisten Leute haben frĂŒher HĂ€schen gehabt und eines Tages lagen sie dann zum Essen auf dem Tisch. Das ist der Klassiker von einer Generation vor mir. Und bei meiner Generation sind es meistens KĂŒhe oder Rehe und die Kids heute wissen das ja eh heute. SchlĂŒsselerlebnis wĂŒrde ich das nicht nennen, aber es war schon eine Grundeinstellung.

Mit meinen Eltern im Auto habe ich immer diese Viehtransporte auf der Autobahn gesehen. Das fand ich auch immer blöd. Nur den Schritt zu machen, zu sagen, ich möchte das auch nicht mehr verzehren, das dauert bei den meisten Leuten, bei mir natĂŒrlich auch, recht lange.

H: Bei Tintenfischen denke ich jetzt an diesen Schlangen-Seestern oder wie das Ding heißt —

MB: Ah, der Schlangenstern.

H: Der nach dir benannt ist.

MB: Genau, das ist kein Tintenfisch. Schlangensterne isst keiner, da ist zu wenig dran. Stimmt, der ist nach mir benannt. In derselben Veröffentlichung haben sie auch noch einen weiteren, den finsteren Stern, eine zweite Art, die auch neu entdeckt ist, nach Rammstein benannt, weil die wissen, dass ich großer Rammstein-Fan bin. Der eine ist Astrophiura markbeneckii und der andere ist Astrosomba rammsteinienses. Auch ein schöne Moment, fast so schön wie die Eröffnung des Weihnachtsmarktes in Erfurt.

H: Wenn du Rammstein-Fan bist, hier in der Kunsthalle in Erfurt sind gerade ein paar Kunstwerke von Till Lindemann ausgestellt, direkt am Fischmarkt.

MB: Oh, dann sollten wir da noch schnell hingehen.

H: Ist ein wenig gewöhnungsbedĂŒrftig, aber gut naja -

MB: Och naja was heißt gewöhnungsbedĂŒrftig. Ich bin ja schon dran gewöhnt. Das ist kein Problem.

H: Kennst du Kunstwerke von ihm schon?‹‹

MB: Ich besitze welche von ihm.

H: Was hast du denn von ihm?

MB: Er hat mir mal was geschenkt, möchte ich keine Details dazu nennen.

H: Okay, vielleicht kann ich es mir ein bisschen vorstellen, weil ich auch schon in der Kunsthalle war.

MB: Es ist ein eingelegtes Tier.

H: Ein eingelegtes Tier, okay. Er hat dort auch sehr viel mit Genitalien und sowas -

MB: Ja, Genitalien, gut.

H: Oder ein schwarzes Bild mit einem toten Vogel drauf und es heißt dann „Spatz“.

MB: Ich weiß, was er macht. Ja klar, ich finde das super. Danke fĂŒr den Hinweis, da werden wir noch vorbeigeistern.

H: Warum du so oft in ThĂŒringen bist, habe ich mich oft gefragt. Du hast ja auch an der Jenaer ErklĂ€rung mitgemacht. Das Eichsfeld ist vielleicht so ein Magnet.

MB: Nein, ĂŒberhaupt nicht. Das Eichsfeld ist gar kein Magnet. Das liegt tatsĂ€chlich daran, dass Jena hat eine sehr gutes Institut fĂŒr Zoologie und Ernst HĂ€ckel hat ja da gelebt. Da war auch eine Ausstellung ĂŒber Ernst HĂ€ckel. Ich bin einer der wenigen, die noch die „Kunstformen der Natur“ sehr gut kennen, ich habe noch ein Original davon. Ich bin auch schon ganz ganz lange, bestimmt 15 oder 20 Jahre Mitglied beim Ernst-HĂ€ckel-Haus, das ist ein Verein, der die Villa Medusa usw. fördert, und Medusen finde ich natĂŒrlich auch total geil und die ganze kĂŒnstlerische Darstellung oder populĂ€rwissenschaftlich sollte ich besser sagen, finde ich auch sehr, sehr gut.

Ich fand das ohne Quatsch oder Augenzwinkern super eindrucksvoll, dass Ernst HĂ€ckel damals im Volkshaus diese populĂ€ren Veröffentlichungen oder VortrĂ€ge gehalten hat und ich durfte dann – das ist schon ganz lange her, bestimmt 10 Jahre – durfte ich auch mal im Volkshaus sprechen, da hatte ich echt GĂ€nsehaut. Da zu stehen wo Ernst HĂ€ckel stand.

Im Ausland ist der nicht so bekannt und dann hat er ja auch komische Äußerungen gemacht, die man heute nicht machen wĂŒrde und nicht mehr gut findet, also z.B. das ganze Rassekonzept ist ja heute widerlegt. Wir wissen ja heute, dass es keine Menschenrassen gibt, aber das dachte man ja damals noch, aber gleichzeitig hat er so eine krass geile Popularisierung gemacht durch – heute wĂ€ren das soziale Medien – er hat es damals durch diese sehr schönen kĂŒnstlerischen Darstellungen gemacht und hat die auch in einzelnen BĂ€nden ausgeliefert ĂŒber eine lange Zeit. Ihr wĂŒrde bei der Zeitung vielleicht sagen „eine Story“ oder die Boulevard-Zeitung wĂŒrde sagen „eine Kampagne“, der hat das ĂŒber eine ganz lange Zeit gemacht und das war total gut einfach. Er hat dann sehr gute und richtige Inhalte sachlich korrekt rĂŒbergebracht. Bei den Zeichnungen hat er das ein bisschen hingedreht, die Symmetrie usw., das wissen wir heute. Das wĂŒrde ich z.B. nicht machen in der PopulĂ€rwissenschaft, Sachen hindrehen, damit sie schöner oder besser aussehen, aber gut —

H: Du machst ja auch in dem Sinne keine Auftragsarbeiten in dem Sinne so richtig, oder?

MB: Doch.

H: Dieses bezahlte. Oft wird ja die Wissenschaft dafĂŒr kritisiert, dass sie dahingehend forscht, wer auch der Auftraggeber ist.

MB: Ach so, aus der Nummer bin ich raus. Er hat es hingedreht, weila es schöner aussah, damit es symmetrischer wird auf den Bildern. Inhaltlich stimmte das schon, nur die Zeichnungen waren zu symmetrisch, das war das Problem oder er hat Zwischenglieder, also Zwischenstadien einfach ausgefĂŒllt, es war trotzdem korrekt, aber er hat es halt so nicht gesehen.

Bei mir ist das Problem nicht gegeben, weil ich objektiv arbeiten muss. Ein Auftraggeber oder eine Auftraggeberin, die zu uns kommen, mĂŒssen in einem AufklĂ€rungsgesprĂ€ch aufgeklĂ€rt werden, dass ich, um es mal flappsig zu sagen, fĂŒr die Gegenseite gratis mitarbeite. Wer mir den Auftrag gibt, muss mir zwingend den Auftrag erteilen, sonst nehme ich den nicht an, dass ich die Wahrheit objektiv vollstĂ€ndig darstelle und auch nichts im Bereich der Standardabweichung ein bisschen hin- und herschiebe. Das ist eine Besonderheit an meiner Arbeit.

H: Ist das fĂŒr jemanden schon mal richtig nach hinten losgegangen?

‹‹MB: Das ist eigentlich nicht so. Wenn das, sagen wir mal, um grĂ¶ĂŸere Sachen geht, die aus dem Bereich Organisierte KriminalitĂ€t, wo dann ein schnieker Anwalt kommt und so ganz freundlich und ernst sich auch gerne am Flughafen trifft oder sowas, sind die ganz höflich und sagen — ich kann dir das gar nicht vormachen — ich ĂŒbersetze mal „Okay, haben wir verstanden, schönen Tag noch, schönes Leben noch, auf Wiedersehen.“

Das wird dann ganz höflich abgelehnt, weil die natĂŒrlich jemanden brauchen, der ein parteiisches Gutachten macht und das mache ich aber nicht und bei der Polizei oder so ist das so, da spricht man vorher darĂŒber, was ganz klar Phase ist, die sind ja nicht blöd, die sind ja selber Spurenkundler und Spurenkundlerin, die haben sowieso Zusatzinformationen, die ich nicht habe.

Das heißt, wenn ich beauftragt werde, hat es auch einen Sinn fĂŒr alle Beteiligten. Da geht es eher darum, das Geld nicht zu verschwenden. Da geht es nicht darum, ob man fĂŒr eine zu arbeitet oder nicht, sondern man will einfach keine unsinnigen Gutachten haben. Deswegen bin ich da fein raus. Ein einziges Mal in meinem gesamten Leben, ich mache das seit 27 Jahren, hat mal jemand versucht mich zu bestechen. Den hab ich einfach rausgeschmissen und dann war gut. Seitdem hat das nie wieder jemand versucht.

H: Was wollte der denn?

MB: Das war ein Hundebiss und wir können ja ĂŒber DNA-Spuren zeigen, ob der Speichel ĂŒbertragen wird von einem Tier, einer Ratte, einem Hasen, einem Hund, von egal was und dann haste Speichel von einem Tier, wo z.B. der Tierhalter sagt „Nein, das kann gar nicht sein, das ist ein ganzer lieber Hund, der beißt nicht.“ Und dann sagt man „Aber der Speichel ist da in der Wunde, ich weiß nicht, was wir da jetzt lange diskutieren mĂŒssen, a. Die Wunde, b. der Speichel“. Und die wollten, dass ich aussage, dass der Speichel in der offensichtlichen Wunde nicht da ist.

H: Und wieviel haben sie dir geboten?

MB: 500 Mark oder Euro, ich weiß nicht.

H: Ist schon etwas her.

MB: Ja, ist schon etwas her.

H: Wie teuer ist so ein DNA-Test?

MB: Die Chemikalien kosten vielleicht 50 Dollar oder so pro Test. Dann brauchste aber natĂŒrlich eine Positiv-Kontrolle, eine Blind-Kontrolle, die eigentlichen Kontrolle, dann nimmste das auch an mehreren Stellen, dann machste noch ein Gutachten, das kostet halt Zeit. Dann wird es halt teurer.

H: Mh.

MB: Der DNA-Test ist heutzutage kein Problem mehr. Du kannst heute preiswert – du kannst z.B. heute deinen ethnischen Hintergrund, alle Menschen sind ja Migranten und Migrantinnen, es gibt ja keinen nicht-migrierten Menschen auf der Erde, kannste dir ĂŒber die letzten 5000 bis 10000 Jahre fĂŒr 60 Dollar machen lassen. Haben wir im Labor alle gemacht, habe ich letztes Jahr allen zu Weihnachten geschenkt, fanden alle super. Auch die Eltern von meiner Mitarbeiterin, das kostet nichts mehr.

H: Und das kann man einfach irgendwo beauftragen?

MB: Ja, du nimmst einfach einen Watte-Tupfer, der ist DNAfrei, dann legst du das selber in eine Art Papp-TrĂ€ger, damit das nicht verschmutzt. Dann machste die Papp-Schachtel zu, dann trocknet das in der Schachtel und dann kannste das schon in die Post schmeißen. Dann wird das in der DNA-Fabrik anonym gemacht und du anonymisierst das mit einem Code und -

H: Wo schickt man das hin?

MB: Eine Firma heißt z.B. MyHeritage und es gibt auch noch zwei, drei andere, die das machen.

H: Also wer noch kein Weihnachtsgeschenk hat, aber vielleicht wirds auch etwas eng jetzt.

MB: Das Kit kriegt man noch. Die Bestellung fĂŒr diese Schachtel, das passt schon und das Einsenden der Proben macht man dann nach Weihnachten.

H: Aber echt gut, ich brauche noch ein paar.

‹MB: Das ist wirklich ein Supergeschenk, du kannst gleichzeitig deinen Stammbaum einpflegen und da das schon Millionen von Menschen gemacht haben, hast du natĂŒrlich ein riesiges Netz an StammbĂ€umen. Die haben alle StammbĂ€ume gekauft aus den skandinavischen LĂ€ndern, aus KirchenbĂŒchern, von den Mormonen, die haben Abermillionen von StammbĂ€umen, die jetzt ĂŒber die DNA-Daten verknĂŒpft werden und das ist in der westlichen Welt umspannend.

NatĂŒrlich nicht Indien oder die afrikanischen LĂ€nder, da interessiert das momentan keinen und da haben die kein Geld fĂŒr, die haben andere Probleme. Das ist schon richtig cool. Da kannste richtig rauskriegen mit wem du vor endloser Zeit verwandt warst oder aus welcher Linie du stammst, falls du dich fĂŒr ein Königskind hĂ€ltst.

H: Da muss man sich ja nochmal ganz neu kennenlernen, wenn man das dann liest. Oder es erklĂ€ren sich einige AttitĂŒden, die man hat.

MB: Und es erklÀren sich auch mögliche Soldatenkindergeschichten. Wenn die Ur-Oma mal erzÀhlt hat, dass die Mama möglicherweise noch mit jemand anderem Geschlechtsverkehr hatte und in der Familie noch ein Kind gezeugt hat, was nicht genetisch vollstÀndig verwandt ist aus der Linie. Das ist auch ganz lustig. Damit kannst du im Grunde auch Vaterschaften testen.

H: Ganz lustig ist das sicher nicht.

MB: Kommt drauf an, manchmal ist es nicht so schlimm. FrĂŒher war das sehr schambehaftet, aber heutzutage denke ich mal, kann man es auch als GesprĂ€chsgrundlage nehmen und sagen „Das ist jetzt nicht der Weltuntergang, aber ich können wir da nicht mal einfach drĂŒber reden?“ Es kommt drauf an, wo du lebst, aber in einer vernĂŒnftigen Familie sollte man im Jahr 2019 offen darĂŒber reden können. Das finde ich jetzt nicht so schlimm.

H: Ich habe mal irgendwo gelesen, als es darum ging, sorgfĂ€ltig zu arbeiten, dass in deiner Zeit in Amerika, sind sie ganz anders vorgegangen bei DNA-Tests. War das ein Fingernagel oder so, der in ganz viele Teile aufgespaltet wurde, weil ĂŒberall was drauf sein konnte?

MB: Ja genau, das macht man in Deutschland manchmal auch und das kostet aber alles Geld und es ist ja Steuergeld, wenn es das Landes- oder Bundeskriminalamt macht. Wie jeder weiß, möchten die Menschen nicht mehr Steuern zahlen, sondern weniger und das fĂŒhrt natĂŒrlich dazu, dass du da nicht so viel Geld ausgeben kannst. Und als ich in den USA noch gearbeitet habe, in der Rechtsmedizin als Biologe in den 90ern, da war das mit der DNA noch sehr faszinierend und du wolltest auf der technischen Seite noch das letzte rauskitzeln. Heute kannst du das hauptsĂ€chlich im Labor, weil du eh allerkleinste Mengen nachweisen kannst.

Aber frĂŒher musstest du das vorbereiten, damit du die kleinsten Mengen ĂŒberhaupt findest, indem du die Spur zerspalten hast. Z.b. jemand wurde an einem Kragen am T-Shirt angefasst bei einem Raub. Dann hĂ€ttest du den Kragen in 50 Teile zerspalten und 50 verschiedene Tests gemacht, um die Erbsubstanz vom TĂ€ter, die nur an einer einzigen Ecke dran ist und an 49 Ecken vielleicht nicht, rauszukriegen, weil sonst vervielfĂ€ltigst du nur die Erbsubstanz von dem, der das Hemd an hatte.

Und solche Sachen haben sehr viel Spaß gemacht, da haste dann auch rumgefrickelt. FrĂŒher gab es z.B. bei den Uhren diese Kronen mit den Zacken als man die noch aufgezogen hat, die gibt es heute manchmal noch —

H: Ich hab noch so eine aber ich habe heute die andere an. Die hab ich von meinem Vater geerbt.

MB: Da bleibt natĂŒrlich auch Erbsubstanz drin. Du lernst eine ganz andere Welt kennen. Überall, wo eine Ritze oder Spalte ist, wo ein Haar, eine Hautschuppe, mit Schweiß, ĂŒber die Schleimhautzellen, die im Speichel oder im Schweiß herumschwimmen, verteilte DNA, allein beim Sprechen, das ist total super.

H: Wenn ich eine feuchte Aussprache hĂ€tte, wĂŒrde das schon reichen?

MB: Auf jeden Fall. Du kannst auch noch ganz andere Sachen machen. Ich habe fĂŒr die Zeitschrift Kriminalistik, die von den Landeskriminalamtsdirektoren und -direktorinnen herausgegeben wird, die mögen gerne so Sachen, die auf Kongressen vorgestellt werden und dann stelle ich sowas vor, wenn mir sowas ĂŒber die FĂŒĂŸe lĂ€uft. Und da haben wir letztes Jahr auf einem Kongress gehört, dass wir darĂŒber, dass man so viel wischt auf den modernen Handys, da hinterlĂ€sst du die Abbauprodukte aus den Medikamenten, die du genommen hast. Das heißt, wenn du ein Handy sicherstellst, kannst du rauskriegen, welche Medikamente derjenige genommen hat. Das ist natĂŒrlich total interessant.

H: VerrĂŒckt.

MB: Ja, super verrĂŒckt. Aber du musst halt daran denken: In dem Moment, wo du daran tatscht, es falsch anfasst oder falsch lagerst, verschmierst das natĂŒrlich, wird abgerieben oder ĂŒberlagert. Aber wenn du das schön in einen TrĂ€ger reinlegst, das gibt es auch fĂŒr Messer oder diese WattestĂ€bchen, gibt es so Papp-TrĂ€ger und dann kannste echt alles machen, das macht echt richtig Spaß.

H: Ein bisschen beÀngstigend. Ich habe nur mal gehört, dass die total keimverseucht sind.

MB: Da kannste aber einfach — ich hab immer Isopropylalkohol dabei, das kann man jetzt nicht sehen, hier ist ein weißes FlĂ€schchen, da steht EtOH drauf, da ist aber Isopropylalkohol drin. DAs benutze ich etwa zwanzig mal am Tag und sprĂŒhe alles mögliche ab. Da kommt man auch ohne Grippe durch den Winter, wenn man GlĂŒck hat.

H: Da bist du ein bisschen vorsichtig, weil du weißt, was uns alles so umgibt?

MB: Ja, nee, es ist eher so, wir arbeiten 365 Tage durch, meine Frau und ich, das ist immer blöd, wenn man flach liegt und ne Grippe hast. So ist das ja nicht schlimm solange du ein gesundes Immunsystem hast, bist du ja gegen Keime recht unempfindlich. Halbwegs.

‹H: Hast du einen Lieblingskeim?

‹‹MB: Serratia marcescens ist sehr schön. Das ist das Blutströpfchen-Bakterium. Der erzeugt einen roten Tropfen, der ist schön blutrot, hellblutrot, nicht wie Raucherblut oder altes Blut, sondern schönes frisches Blut. Der hat auch frĂŒher zu christlichen Wundern gefĂŒhrt. Das ist dann auf heiligem Brot, wenn das irgendwo gelagert wurde und der Priester hat dann eine Formel gesagt, katholische Priester können das ja umwandeln in den Leib Jesus Christus, da gibt es natĂŒrlich immer Leute, die das nicht glauben und dann sind natĂŒrlich die GlĂ€ubigen traurig und dann ist dann das Bakterium natĂŒrlich durch Zufall da drauf gekommen und wenn das lĂ€nger gelagert wurde, hattest du da Blutstropfen drauf. Dann können natĂŒrlich die GlĂ€ubigen sagen „Siehste, es ist doch das Blut von Jesus Christi“. Und es sieht einfach schön aus. Es kann auch die ganze Leiche knallrot fĂ€rben. Das sieht ganz faszinierend aus.

H: Ich finde faszinierend wie leidenschaftlich du von Keimen redest. Aber das ist wohl auch der Grund dafĂŒr, warum du ganze Hallen voll machst und sich Menschen auf einmal fĂŒr Tod, Leichen, Verwesung und allem möglichen Kram interessieren.

MB: ich glaube nicht, dass es reicht, dass du selbst von etwas begeistert bist. Es muss schon etwas in Schwingung bringen, sozusagen die musikalischen Saiten mĂŒssen bei den anderen Leuten auch da sein, die man –

H: Und da sich jeder mit dem Tod beschĂ€ftigt, ist es –

MB: Genau. Und viele Leute haben auch schon was erlebt. Das darf man wirklich nicht vergessen. Es gibt eine sehr, sehr hohe Anzahl von Leuten, die sexuellen Missbrauch oder hĂ€uslichen Missbrauch, also Gewalt erlebt haben oder seelischen oder sonstigen Missbrauch. Dann gibt es viele Leute, bei denen relativ unerwartet jemand gestorben ist in der Familie, das kann auch die Oma gewesen sein. Die kann ja auch fĂŒr ein Kind total unerwartet sterben, AutounfĂ€lle, Traumata jeder Art und dann werden die Leute sehr oft, sagen wir mal, da wird ein Schleier weggezogen, der GĂ€nseblĂŒmchen- und GlĂŒcks-Pony-Schleier, der wird dann sehr rapide weggezogen.

Oder eine Scheidung reicht auch schon, wenn du noch ganz klein bist. Das sind Menschen, die dann auch manchmal etwas nachdenklicher werden und dann gerade in den finsteren Regionen mal etwas nÀher nachgucken wollen, weil die zu recht vermuten, dass da noch etwas ist. Da ist ja auch einiges, aber da guckst du normalerweise nicht hin.

H: Hilfst du manchen Menschen damit auch indem du so viel erklÀrst oder versachlichst?

MB: Beides, genau.

H: Und ziehst so ein bisschen Emotionen raus.

MB: Genau, perfekt, alles drei, so ist es. Das Versachlichen beruht darauf, dass du die Emotionen, es ist klar, dass die GefĂŒhle haben, das ist normal, das hat jeder Mensch, darĂŒber wollen wir aber jetzt nicht reden, weil die nicht das Fundament darstellen. Das Fundament sind die Spuren, Sperma, Haare, Urin, Insekten, Speichel, irgendsowas. Das ist da, Holz, Stein, das können wir messen. Ihre GefĂŒhle oder was das sozial, kulturell oder politisch bedeutet, das können andere Leute bewerten, die haben davon Ahnung, z.B. Journalisten und Journalistinnen, von mir auch aus Priester oder Politiker und Politikerinnen, die sind fĂŒr die Auslegung zustĂ€ndig, aber davon habe ich keine Ahnung.

Ich kann dir aber beim Messen helfen, ist das Blut oder kein Blut, ist das Blut oder rostiges Wasser, ist das Blut oder Blutströpfchenbakterium, lohnt sich das, eine DNA-Analyse zu machen, lohnt sich die Form anzugucken. Ich glaube, dieses Konzentrieren, das ist vielleicht noch das Vierte, dass du dich mal auf eine Sache konzentrierst ist auch gut, weil dann sind die anderen Dinge, die dich sonst so beschÀftigen, mal ausgeblendet. Also vier Dinge sind es vielleicht, die hilfreich und interessant sind.

H: Du hast ja fast eine Bewegung damit geschaffen, oder? Ihr markiert ja die Menschen zu.

MB: Die Markierten. Die Ines –

H: Wenn ich jetzt sagen wĂŒrde, ich will auch ein Markierter sein, dann zĂŒckst du dein GerĂ€t und legst los?

Ines: Dann sagst du mir, was du möchtest, dann zeichnet er das auf und dann tÀtowiere ich das.

MB: Also wenn wir das okay finden. Wir machen natĂŒrlich nichts, was wir nicht in Ordnung finden.

H: Schon auch prominent lassen sich die Leute markieren, auch auf dem Finger –

MB: Die Leute, die sich die HĂ€nde tĂ€towieren, die haben sich das ĂŒberlegt. Wir machen das ja nicht auf Parties.

H: Ich meinte das so: Die sind dann auch bekennend.

MB: Total bekennend, teilweise auch an Stellen, die ich sehr interessant finde. Z.B. vorne oben am SchlĂŒsselbein, wo das hĂ€ufig gesehen wird. Im Sommer sehen es viele Leute oder auch dein Partner oder deine Partnerin wirds die ganze Zeit sehen.

Ines: Ganz viel auch am Handgelenk.

MB: Am Handgelenk haben es sehr viele Leute. Dazu muss man auch sagen, mit dem Handgelenk und dem Unterarm, das fĂ€llt mir auch auf, da sind viele Leute, die sich da auch die Schnitte zugefĂŒgt haben. Und dann –

H: Die sich geritzt haben?

MB: Geritzt oder auch richtig geschnitten. Nicht nur das normale Ritzen, sondern schon mehr

H: Das habe ich gesehen. Eine Unterschrift war auch direkt auf so einer Narbe.

MB: Haben wir öfter. Und ich finde das super, weil a. sie zeigen sie dann, viele Leute schĂ€men sich ja normalerweise dafĂŒr und zweitens ist das ein Schritt, ich will das nicht Heilung nennen, aber ein Akzeptieren und Integrieren in den Alltag und gleichzeitig etwas positives rĂŒberlegen. Kein Pflaster, sondern etwas, das da bleibt und die tauschen sich mit anderen aus. Auf einmal werden Dinge normal, ĂŒber die man reden kann. Wie wir vorhin ĂŒber die Vaterschaften geredet haben.

Ich finde das persönlich ĂŒberhaupt nicht schlimm, also wenn meine Mutter oder meine Oma zu mir kommen wĂŒrde und sagen wĂŒrde, weißte, da war halt Krieg, alles war im Chaos und ich wusste nicht, was los war und die Entscheidung habe ich halt getroffen, dann wĂŒrde ich eher sagen, voll gut, dass du es ansprichst. Was geht mich das an, was fĂŒr Entscheidungen getroffen wurden vor dreißig Jahren und so ist es hier auch. Dieses den nĂ€chsten Schritt machen, weitergehen, dem Ganzen eine positive Bedeutung geben, das finde ich super. Aber Bewegung wĂŒrde ich es nicht nennen. Es ist eher eine sehr soziale freundliche Gruppe.

H: Du hast dich auch anderen Bewegungen angeschlossen, habe ich gelesen, fĂŒr die ich auch ziemliche Sympathien hege, Dudeism.

MB: Dudeism, das ist eine echte Bewegung.

‹H: Mein Lieblingsfilm ist „The Big Lebowski“.

MB: Sweeet. Aber bist du schon so alt? Du siehst nicht so alt aus.

H: Ich bin 80er Jahrgang.

MB: Ach so, da biste noch in der Lebowski-Gruppe, cool. Finde ich gut.

H: Was bist du fĂŒr ein Jahrgang?

MB: 1970.

H: Du siehst aber auch nicht so aus.

‹MB: Liebe Hörerinnen und Hörer, wir haben uns beide gut gehalten.

H: Wir haben uns super gehalten.

MB: Bitte per Chiffre Briefe an die Redaktion.

H: Es war totaler Zufall als ich damals den Film gesehen habe. Das war zu einer Zeit, da war ich ganz oft im Kino und ich hatte im Prinzip schon jeden Film gesehen, der lief und das war der letzte, der ĂŒbrig blieb. Und wir hatten aber total Bock ins Kino zu gehen. Und dann waren wir im Kinosessel von vorne bis hinten total geflasht.

MB: Der lief im normalen Programm damals?‹‹

H: Das war total skurril, die Musik war super –

MB: In welcher Stadt?

H: Hier in Erfurt.

MB: Geil.

H: Und das hat sich bis heute gehalten.

MB: Hast du eine Lieblingsfigur?

H: Der ist unerreichbar. Mitleid mit Walter hat jeder, so traurig, aber klar, der Dude.

MB: Der Dude, stimmt. Sehr schön gezeichnete Figur.

H: Obwohl ja viele auch sagen, er ist ein richtiger Buddhist, das kommt auch im Dudeism auch ein bisschen durch.

MB: Der Journalist, der dazu schon mehrere BĂŒcher gemacht hat und der diese, ich bin ja dudeistischer Priester, der auch diese Priesterkarten herausgibt usw. –

H: Musstest du dazu irgendetwas belegen, dass du Priester wirst?

MB: Nö, eigentlich nicht. Das ist ja eigentlich der ganze Gag, entweder du bist es oder du bist es nicht und dann kriegst du halt den Ausweis und den Aufkleber. Musst du halt bezahlen, aber kostet nicht viel.

H: Glaubst du daran oder ist das eine fixe Sache?‹‹MB: Ich finde das ist eine super Lebenseinstellung. Wie du schon sagst, Bewegung wĂ€re eigentlich ein ganz guter Begriff, auch nicht in dem Sinne wie wir das in Deutschland begreifen, aber ich meine, wenn die –

H: Es gibt ja 160 000 Priester.

MB: Wenn die das Dude-Fest machen, da ist schon was los. Es ist eher an den Buddhismus als ein Taoismus angelehnt und es bleibt ja immer mit Augenzwinkern. Wenn du die BĂŒcher von dem Journalisten durchliest, es ist immer genĂŒgend Augenzwinkern dazwischen als dass es so ernst werden kann, dass auf einmal kleingĂ€rtnerische Kriege entstehen ĂŒber die wahre Auslegung, aber du kannst dich daran komplett orientieren. Damit sind wir auch wieder bei den Markierten, du darfst halt manche Dinge nicht ernst nehmen.

Wenn du manche Dinge ernst nimmst, die dich seelisch zersetzen, dann hast du verloren. Du musst in der Lage sein, Dinge gehen zu lassen und zu sagen Fuck it. Das ist jetzt halt so. In der Psychologie oder Psychiatrie oder Sozialarbeit wĂŒrde man sagen, es ist radikale Akzeptanz. Du sagst einfach „Ett is wie et iss“. Das kannst du jetzt nicht Ă€ndern, aber ich muss mich nicht mein ganzes restliches Leben von dem Ereignis zerfressen lassen, dass es schief gegangen ist. Auch ohne mein Einwirken oder mit ungewolltem Einwirken. Deswegen finde ich das eine ganz gute Idee.

H: Ich ĂŒberlege gerade, woher das kommt. Das ist ja ein bisschen paradox bei dir. Einerseits bist du ja komplett an den Fakten orientiert, total akribisch in der Wissenschaft , das heißt in der Naturwissenschaft. Geisteswissenschaftler hĂ€tten vielleicht nicht das Problem, sich noch irgendwas zu suchen. Und ist das da dein Ausgleich dich fĂŒr sowas dann zu begeistern oder begeistern zu lassen?

MB: Dadurch, dass da nichts ausgelegt wird, im Dudeismus z.B. oder auch im Donaldismus, du legst ja die Dinge nicht aus, du leitest daraus –

H: Was fĂŒr einen -ismus noch?

MB: Donaldismus, das gibt es auch noch, dass du an den Werken des Zeichners Carl Barks und der Übersetzerin Dr. Erika Fuchs, wird konstruiert, das sind Überlieferungen aus Entenhausen und die sind wörtlich zu nehmen. Daraus kannst du das komplette Universum, also das Klima, den Strom usw. ableiten.

Und in beiden FĂ€llen – das ist interessant, das hat auch noch nie jemand gefragt – das fĂ€llt mir gerade ein, es sind keine auslegenden Forschungen. Also Dudeismus ist eine innere Haltung, es gibt weder eine echte Vorschrift noch eine Auslegung wie die Welt ist und das ist im Donaldismus genauso. Du erforscht den Donaldismus und Ende. Du leitest daraus auch nichts ab. Außer, dass man halt sich besser freundlich und sozial verhĂ€lt als unfreundlich und unsozial, aber gut, das ist ja eine PlatitĂŒde. Es sind beides nicht-auslegende Sachen.

WĂ€hrend, wenn das etwas wĂ€re, was im strengen religiösen Sinne Vorschriften z.B. ĂŒber dein Sozialverhalten, sexuelle IdentitĂ€t, Essensgewohnheiten, Lebensrhythmus, das wĂŒrde ich ablehnen, da hast du recht. Das wĂŒrde diese Grenze durchbrechen. Weil das faktisch natĂŒrlich nonsens ist. WĂ€hrend das andere eher freundliche, sympathische Meinungen sind. Sagt der Dude ĂŒbrigens auch „It‘s just your opinion, man“. Es ist nur deine Meinung. Meinungen sind Meinungen, kannste gerne haben, aber die ist keine Tatsache.

H: Wann hat eigentlich dein Leben nach dem Tod begonnen?

MB: Das hat mit dem neuen Buch begonnen, das so heißt.

H: Aber der Titel muss ja einen tieferen Sinn haben.

MB: Das kam so. Es sollte eigentlich heißen „Ein Freak unter Normalos“. Dann habe ich gesagt, okay, wenn das vorne drauf steht, bin ich raus. Das finde ich total behĂ€mmert. Ich finde weder, dass ich ein Freak bin, noch weiß ich was Normalos sein sollen. Ab wann ist irgendjemand ein Normalo, was soll das bedeuten, das verstehe ich nicht. Menschen sind halt verrĂŒckt und bunt und traurig und von mir aus auch mal normal, aber dafĂŒr gibt ja keine Maßstab. Dann haben sie lange hin und her ĂŒberlegt und dann kamen sie auf „Mein Leben nach dem Tod“ und angefangen hat es, dass ich mich mit dem Thema beschĂ€ftige im Biologie-Studium.
Da habe ich ein Buch geschrieben, das gibt es auch noch, das heißt „Der Traum vom ewigen Leben“, heute heißt es „Memento mori“ und da geht darum, warum ist das Sterben ĂŒberhaupt erfunden worden? Lebewesen mĂŒssen nicht sterben, das ist nicht nötig. Bakterien können sich teilen, dann hast du keine Leiche und hast zwei neue Bakterien. Und das ist weit verbreitet. Sterben ist extra eingefĂŒhrt worden fĂŒr sexuelle Vermehrung, damit du möglichst verschiedenartige Erbsubstanz-Mischungen auf dem Markt hast, weil natĂŒrlich keiner vorhersagen kann wie sich die Zukunft klimatisch und wirtschaftlich und sonstwie entwickelt und dann brauchst du alle möglichen Varianten: große, kleine, dicke, dĂŒnne, alte, junge. Deswegen muss man die haben. Es ist Unsinn zu denken, zu gĂ€be bessere oder schlechtere Möglichkeiten, das stimmt halt nicht.

H: EingefĂŒhrt worden klingt so institutionell. Von der Evolution?‹‹

MB: Die Evolution, wer auch immer es war (lacht).

H: Oder wer es eingefĂŒhrt hat.

MB: Ich tippe auf die Evolution. Andere tippen auf andere. Das hat bis heute recht erfolgreich, weil es durch eine Anpassung an neu entstehende LebensrĂ€ume nach VulkanausbrĂŒchen, nach Klimakatastrophen, nach MeteoriteneinschlĂ€gen oder auch nur nach langen Wintern, extremen DĂŒrreperioden erlaubt, aber es hat auch Nachteile. Du brauchst immer sexuelle Vermehrung dadurch. Und die sexuelle Vermehrung erzeugt auch wieder hohe Kosten. Biologische Kosten. So gesehen weiß man nicht, wie es mittelfristig ausgeht. Es wĂ€re auch vorstellbar, dass auf der Erde alles wieder zurĂŒckfĂ€llt auf weniger sexuelle bis gar keine sexuelle Fortpflanzung. Wir werden es nicht mehr erleben.

H: Aber wir habe der Evolution ja eh schon lÀngst einen Schnitt durch die Rechnung gemacht mit der medizinischen Weiterentwicklung, oder?

MB: Ja gut, aber so lange wird es Menschen nicht mehr geben. Wir haben jetzt bald 10 Milliarden und dann sind auch viele Ressourcen verbraucht, vor allem die LandflĂ€che und Wasser, das ist schon langsam sehr begrenzt. Menschen wird es noch eine Zeitlang geben, es gab ja auch mal eine Zeit die menschliche Population war ja schon mal sehr ausgedĂŒnnt, ungefĂ€hr 10.000 Menschen gab es ja zwischendurch nur noch. Es geht schon noch auf und ab, aber in den MaßstĂ€ben der Erdgeschichte sind wir Menschen nur, freundlich gesagt, eine kleine BlĂŒte, die dann bald wieder verwelkt.

H: Wir tun ja auch viel dafĂŒr, dass es uns nicht mehr so lange gibt.

MB: WĂŒrde aber wahrscheinlich auch so passieren. Es gibt ja auch wirklich die außerirdischen Faktoren, SonnenstĂŒrme, Astroiden oder auch alles innerirdische, Vulkane. Als damals der Vulkan ausgebrochen ist, der das Jahr ohne Sommer bewirkt hat, wo die ganzen Gruselgeschichten herkommen, Frankenstein, Dracula usw. wenn das heute passieren wĂŒrde, in dem Umfang, dann wĂŒrden richtig viele Leute sterben. Das darf man auch nicht vergessen. Es bleibt spannend. Da hat mein Leben nach dem Tod jedenfalls angefangen als ich aufgeschrieben habe, wie das mit der sexuellen Fortpflanzung ist.

H: Und eine große Tour hast du gerade noch am Laufen.

MB: Das ist die ewige Tour. Ich bin ja immer am rumreisen.

H: Und wer das verfolgen will, dem kann ich nur empfehlen, schaut mal auf Facebook bei Dr. Mark Benecke vorbei.

MB: Und auf Insta gibt es auch immer noch lustige SchnappschĂŒsse.

H: Ein stÀndiges Reisetagebuch.

MB: Genau. ‹

H: Okay, aber sonst biste auch ein ernsthafter Mensch oder kannst auch kannst du ein ernsthafter Mensch sein? Obwohl es da auch einen kleinen Widerspruch gibt zwischen, sage ich jetzt mal ganz ketzerisch, der PARTEI und der Kandidatur fĂŒr das OberbĂŒrgermeisteramt ist das BĂŒrgermeisteramt in WĂŒrzburg?

MB: OberbĂŒrgermeister, auch in Köln war es OberbĂŒrgermeister.

H: Das heißt, du probierst es jetzt ĂŒberall.

MB: Nein, nur wo die Menschen das wollen. Unser Motto ist ja „Wir wollen, was du willst oder wir wollen, was ihr wollt“. Wenn das keiner will, mache ich das auch nicht. In WĂŒrzburg sind die zu mir gekommen, in Köln auch. In Köln hĂ€tte es ja beinahe geklappt, da bin ich Dritter geworden.

H: 7%?

MB: Mehr sogar. 7, irgendwas. Aber in manchen Stadtteilen auch noch viel mehr, gerade,wo viele Migrantinnen und Migranten, da hatten wir rocket high, also viel viel mehr.

H: Was wĂŒrdest du denn machen, wenn klappt?

MB: Ich wĂŒrde das so machen wie der Österreichische Kanzler, der macht ja eigentlich auch nichts. Der hat seinen Fachberaterstab und hat selber – ich weiß nicht, ob er Ahnung hat oder nicht -

H: Könnte das jetzt einige WÀhler verschrecken, wenn sie das hören?

MB: Nö, das dĂŒrfen sie ruhig hören. Ich wĂŒrde das dann so machen, die Leute, die sich mit dem Jeweiligen auskennen, z.B. mit Gartenbau am GrĂŒngĂŒrtel in Köln oder in WĂŒrzburg mit dem Boxbeutel, die bleiben eh lĂ€nger da als der OberbĂŒrgermeister, die gesamte Verwaltung ist eh lebenslang da.

H: Also ein paar Spezialisten-Berater.

MB: Dann verlĂ€sst man sich auf die Spezialisten und fertig und ich kann dann BlumenstrĂ€uße an alte Damen ĂŒberreichen und sowas und meine Forderungen durchsetzen. Sehr wichtig in allen StĂ€dten interessanterweise - kommt in allen StĂ€dten in Deutschland sehr gut an, stilettofreundliches Pflaster in der Altstadt. Das kommt in jeder deutschen Innenstadt an.

H: Was denkst du, was hier in Erfurt los war, in der Gasse hier und eins weiter, wo die Engelsburg ist, da haben die das mittelalterliche Pflaster rausgenommen. Da sind die Leute hier fast auf die Barrikaden gegangen.

MB: Und dann?

H: Haben sie es trotzdem rausgemacht. Das war unter Denkmalschutz, du kannst ja alle verstehen, die da drĂŒber mit Gehstock mĂŒssen oder Rollstuhl oder Kinderwagen – Katastrophe. Und andere sagen dann wieder „Ihr zerstört unsere mittelalterlich anmutende Altstadt“.

MB: In Köln hat man das so gelöst, da gibt es eine alte römische Straße, die römischen Straßen sind ja noch katastrophaler als die aus dem Mittelalter, das sind ja nur Gesteinsbrocken, die krumm und schief liegen und da ist es einfach an so einer Straße, die nicht genutzt wird und die endet in einer Treppe. Da kommt also auch gar keiner mit Kinderwagen, Fahrrad oder Rollstuhl drauf, dort langzugehen und dann kann man sich das angucken, wenn man möchte, mit den Kindern auf den Steinen spielen und dann kann man wieder die glattasphaltierte Straße daneben benutzen und dann ist alles wieder gut.

Ihr braucht hier mehr kölsche Lösungen in Erfurt.

H: Aber kein Kölsch.

MB: Ja, das mit dem Kölsch ist in der Tat, ich verstehe das als jemand, der viel in der Welt unterwegs ist, dass das Kölsch vielen Menschen fremd bleibt. Das kann ich nachvollziehen.

H: Hast du wirklich ernsthafte politische Interessen oder ist das Protest?‹‹MB: Das ist kein Protest. Martin, unser charismatischer Leiter -

H: Martin Sonneborn.

MB: Martin Sonneborn, ist im Europaparlament und Nico Semsrott ja auch und die sind extrem ernst. Wirklich zitierbar, ich meine jetzt auch in einer Print-Veröffentlichung zitierbar. Der Martin ist der ernsteste Mensch auf der Erde, den ich kenne. Ich kenne niemanden, der ernster ist als er. Es gibt ja – ich weiß nicht, von wem das ist, Tolstoi oder so, der sagt „Satiriker sind enttĂ€uschte Idealisten“ - mĂŒsste man mal googeln, aber es kann sein, dass es von Tolstoi ist oder Karl Kraus.

H: Spricht ja dann doch etwas fĂŒr Protest. Dass er sich dagegen wehrt.

MB: Sagen wir so, es ist so, dass man vielleicht angezwickt oder angestochen ist, aber ich wĂŒrde es nicht Protest nennen, sondern eher ein etwas ruppiges Geradeziehen in die Richtung, die eigentlich auch jeder erkennt. Ein typisches Beispiel ist, jedem ist klar, dass ein Kapitalismus, der die ganze Umwelt ausbeutet dazu fĂŒhrt, dass es dann keine Menschen und damit auch keinen Kapitalismus mehr gibt. Also eine sinnlose kreisförmige Bewegung.

WĂ€hrend man ja auch einen sozialen marktwirtschaftlichen Kapitalismus in gewissen Grenzen durchfĂŒhren könnte und das einfach mal GeradezurĂŒcken und den Leuten ins Gesicht zu sagen in einer durchaus satirischen Weise wie der Martin das macht, wĂŒrde ich nicht als Protest ansehen, sondern jeder weiß ja, dass es stimmt. Sie möchten es nur nicht laut sagen deswegen sind die auch immer so, dass sie sich eher auf die Lippe beißen oder sonstwas machen anstatt einfach mal böse zu werden. Die stehen dann jedesmal wie angewurzelt da die Leute oder grinsen so verlegen, aber bei echtem Protest – Protest erzeugt ja Gegenprotest und so schaukelt sich das hoch.

Und so ist das hier bei uns nicht so. Bei uns ist eher so, dass die Leute sagen „Oh Fuck“. Da ist kurz mal der Sonnenstrahl durch die Gardine gekommen. Eine Protestbewegung wĂŒrde anders funktionieren. Wir machen auch zu viele Faxen.

H: Hast du das in Erfurt mitbekommen? Mit den abgehangenen Wahl-Plakaten, die dann wieder aufgehangen werden mussten?

MB: Nee. In Nordrhein-Westfalen haben wir das Problem auch gehabt.

H: Von der PARTEI, da stand drauf „Möhring will mit Höcke bumsen“.

MB: Wirklich? Das habe ich nicht mitbekommen.

H: Was natĂŒrlich rein inhaltlich gemeint war, dass die CDU mit einer Zusammenarbeit mit der AfD liebĂ€ugelt und die Stadtverwaltung hat die Plakate abhĂ€ngen lassen. Ohne, dass sich irgendjemand darĂŒber beschwert hĂ€tte von einer der beiden Parteien. Du musst natĂŒrlich irgendeine offizielle Beschwerde einreichen, dass deine Persönlichkeitsrechte verletzt oder sonst irgendwas -

MB: SachbeschÀdigung oder irgendwas.

H: Genau und da hat sich die PARTEI dagegen gewÀhrt und das war nicht rechtens.

‹MB: Aha.

H: Die totale Posse, auch ganz peinlich fĂŒr die Stadtverwaltung. Zumal man ja auch sagen muss, andere auch inhaltlich wirklich menschenverachtende Plakate bleiben dann einfach hĂ€ngen.

MB: Habe ich auch schon gesehen.

H: Das hat auf jeden Fall fĂŒr viel GelĂ€chter gesorgt.

MB: Lachen ist das beste in dem Fall. Wir haben in Nordrhein-Westfalen gerade dasselbe Problem. Da wurde das auch gemacht und da lĂ€uft jetzt auch die Beschwerde von den PARTEI-Leuten. Ich bin ja der Vorsitzende des grĂ¶ĂŸten PARTEI-Verbandes in Deutschland.

H: NRW?

MB: Nordrhein-Westfalen, ich mische mich da nicht ein in diese Details. Ich verwschenke lieber beim Landespartei-Tag T-Shirts -

H: Du hast deine Schergen dafĂŒr.

MB: Noch nicht mal. Ich mische mich einfach nicht ein. Wenn es keiner macht, macht es eben keiner. Ich hab da keine Schergen. Entweder es kĂŒmmert sich jemand oder es kĂŒmmert sich eben keiner. Und ich verteile lieber Glitzer-Weihnachtskarten, das macht mir viel mehr Spaß. Da konnte jeder Aufklapp-Weihnachtskarten mit Glitzer haben, dann bekommt jeder nur eine oder auch zwei. Dann stellen sich alle ganz brav an, alle total betrunken, aber da herrscht dann Ordnung, wenn es um Glitzer-Weihnachtskarten geht, dann sind die Menschen in ihrem Ich getroffen und möchten sich dann ordentlich benehmen. Sowas macht mir mehr Spaß. Oder wir haben mal in gestrickten Bikinis, also alle – MĂ€nner wie Frauen – haben wir vor dem Bundestag protestiert gegen irgendwas. Sowas gefĂ€llt mir besser.

H: Gibt es etwas, das dich momentan total begeistert in der Forschungswelt? Du sprichst ja bei Radio Eins ganz viel ĂŒber verrĂŒckte Forschungsergebnisse, was ist denn da so das Skurrilste, was momentan untersucht wird?

MB: Skurril ist schwierig. Wir sitzen ja gerade noch im November 2019, es ist der Philip K. Dick-Monat, also der Monat in dem Blade Runner spielt, von dem einzigen Science Fiction Autor, der wirklich zum Großteil die Sachen richtig vorhergesehen hat, personalisierte Werbung durch Augenerkennung usw. Das ist alles ernsthafte Kolonialisierung vom Planeten, was ja jetzt auch ernsthaft mal versucht wird. Oder fliegende Autos und lauter Sachen, die so absurd klangen als er das in den 60er Jahren geschrieben hat, dass man gedacht hat „Okay, der ist sĂŒĂŸ, aber er hat sie nicht mehr alle.“

Er hatte sie auch nicht mehr alle, das kommt noch dazu. Jetzt spielt der Film genau jetzt und da haben wir die ganze Zeit so Sachen rausgekramt, die dazu passen und es ist tatsĂ€chlich so, ich finds nicht skurril, aber es ist extrem crazy, weil das Gehirn der Leserinnen und Leser und Zuhörerinnen und Zuhörer im Radio total sprengt. Die erste kĂŒnstliche Intelligenz hat jetzt z.B. diesen Monat in einem Multiplayer-Spiel, wo du eine riesige Community von Spielern hast, dass man die runtergeregelt hat auf die LeistungsfĂ€higkeit von Menschen, die ist heruntergedreht worden auf die Verzögerungszeiten, die Menschen im Gehirn haben, ist sie trotzdem besser. Es gibt jetzt das erste GerĂ€t, die erste Maschine, die erste Software – es geht nicht um Schach oder Go, das ist schon lange vorbei, da sind die Maschinen und die Software eh schon besser -

H: League of Legends oder sowas.

MB: Ja, genau, das finde ich z.B. total abgefahren oder auch die Mini-Gehirne, die jetzt gebaut werden. Dass man aus echten Zellen Mini-Gehirne auf Chips baut, aber mit echten menschlichen Zellen oder MĂ€use oder Ratten. Das finde ich schon echt verrĂŒckt. Und die funktionieren auch, natĂŒrlich haben die noch keine hohe LeistungsfĂ€higkeit, aber sie leben, sie verarbeiten die Daten richtig, sie haben eine richtige Datenausgabe, sie erweitern sich so wie sie sich erweitern sollen. Ich finds nicht skurril, aber ich war sehr, sehr verblĂŒfft.

H: Die wĂŒrden dann noch auf deine Schaben passen, mh? Ihr habt doch so viele Schaben. So eine Schabe mit Gehirn.

MB: Genau. Das ist tatsĂ€chlich so. Das ist wahrer als du denkst, was du da gerade sagst. Die scheinbar sehr einfachen Gehirne, also z.B. bei Fauchschaben sind viel leistungsfĂ€higer als man meint. Wir sehen das ja, weil wir ja mit denen zusammenleben. Ich sehe die ja seit 20 Jahren schon immer und wir schleppen ja auch immer welche mit rum auf Tour und die haben ein viel krasseres Sozialverhalten und viel krassere LernfĂ€higkeiten als man denen zutraut. Die nehmen anderen Sinnesinput wahr, die nehmen Schwingungen wahr oder WĂ€rme, die können ja nicht auf Reden reagieren wie Hunde oder auf Mimik oder auf Gestik. Das hat bei mir bestimmt 10 oder 15 Jahre gedauert bis ich das ĂŒberhaupt gerafft habe.

Das heißt auch, unser Hauptproblem ist oft auch, dass wir nicht die LeistungsfĂ€higkeit von dem betreffenden Tier messen, sonst wĂŒrde auch kein Mensch mehr Tiere essen. Wenn du dir mal anguckst, selbst HĂŒhner, die wirklich nicht die Allerschlausten sind, selbst die können jede Menge. Man muss sie halt nur mal lassen. Oder KĂŒhe. Die meisten Menschen erleben das nicht, aber KĂŒhe können ein super Sozialverhalten zum Menschen haben oder Schweine, das wissen jetzt mehr Leute. Das heißt, man kann normal mit denen zusammenleben, weil die sich ja sowieso auf Menschen einstellen können, mĂŒssen sie nicht, aber wenn sie wollen. Und Menschen können auch lernen —

(Unterbrechung im Café)

Man könnte nicht nur auf der rein nervlichen Ebene und der Maschinen-Ebene und Leistungsebene, sondern auch auf der Freundlichkeits-Ebene könnten Menschen den Schritt machen und raffen, dass man sich sehr wohl mit Tieren freundlich umgeben kann. Das finde ich z.B. auch etwas sehr Modernes. Das war ja frĂŒher schwer möglich, da haben die Leute alle prekĂ€r gelebt oder Subsistenzwirtschaft betrieben, da hatten die wenige Möglichkeiten, sich um so etwas Gedanken zu machen.

H: Gibt es einen Prominenten oder historischen Fall, den du gerne untersuchen wĂŒrdest? Was ja immer wieder kommt ist was mit Hitler. Da sagste ja, der ist jetzt mit Sicherheit tot, sonst wĂŒrde er ohne Ober- und Unterkiefer rumlaufen. Lenin hast du, glaube ich, auch identifiziert.

MB: Lenin habe ich angeguckt und die FĂ€lle kommen frĂŒher oder spĂ€ter manchmal zu einem, manchmal nicht. Diese Erfahrung haben auch andere Kollegen gemacht, z.B. Professor Prokop, der Chef der Ostberliner Rechtsmedizin. Den kannte ich noch, dessen Biografie habe ich geschrieben. Der war auch so einer, der gerne wie ich, rumgefummelt hat, rumgebastelt und rumexperimentiert hat. Dann legen dir manchmal Leute so Ă€ltere FĂ€lle vor.

Ich finde alle FĂ€lle gleich spannend. Nur weil ein Fall z.B. eine gute Geschichte liefert, die Menschen gerne weitererzĂ€hlen oder die man gut berichten kann oder sich in irgendeiner Crime-Zeitschrift gut anhört, sind die fĂŒr mich nicht spannender als andere FĂ€lle. Ohne Blabla, ich wĂŒsste keinen Fall, der auch nur AnsĂ€tze von Langeweile in sich geborgen hat. Die sind immer spannend, wenn du dir die Spuren anguckst. Die Spuren sind immer unerwartet. Ich weiß nicht, was fĂŒr Spuren hier auf der Vase sind, keine Ahnung. Könnte man einen Kurs draus machen. Das ist immer spannend.

H: Du lĂ€ufst ja dann durch die Welt und siehst nur Spuren – oder SpurentrĂ€ger.

MB: Viel, SpurentrĂ€ger hauptsĂ€chlich. Genau, da hast du recht. Spuren sieht man nicht immer sofort. Meine Frau leidet darunter, die muss halt alle zwanzig Schritte stehenbleiben und dann mache ich Fotos. Ich musste sehr lachen, wir haben das vorhin beim FrĂŒhstĂŒck gesehen. Da war tatsĂ€chlich ein kleines Kind mit der Mutter unterwegs und die sind an der Scheibe vor dem Laden vorbeigelaufen wo wir saßen und Kaffee getrunken haben, und da war das wirklich genauso. Und ich so „Oh man, ich bin ja genauso“. Und das Kind ist zwei Schritte gegangen und dann war da wieder eine OberflĂ€che, die hat es angetatscht, dann wieder zwei Schritte, irgendwo hinter geguckt, wieder zwei Schritte gegangen —

H: Aber man muss neugierig bleiben in deinem Job.

MB: Sein, man muss neugierig sein.

H: Sein und dann bleiben. Das kommt ja auch aus dem Buddhismus. Die Welt mit Kinderaugen zu sehen. Der AnfÀnger-Geist.

MB: Genau, richtig. AnfĂ€nger-Geist ist ein sehr guter Begriff in dem Sinn, dass du nie davon ausgehst, dass die Erfahrung, die du hast, aber jetzt was mit dem Fall zu tun hat. Ich kann immer sagen „Ich weiß alles ĂŒber Kaffee, ich weiß alles ĂŒber Blumen, ich weiß alles ĂŒber Zucker“ und die Wahrheit ist: Stimmt aber gar nicht. Egal wieviel du weißt, heißt ja nicht, dass jetzt diese Blume oder dieser Kaffee oder dieser Zucker in deine Erfahrungswelt fallen. Es sieht aber vielleicht so aus, aber dann hast du die falsche Grundannahme eingefĂŒhrt. Das stimmt. Man darf Erfahrung haben, man darf sie nur nicht anwenden ohne diesen unbekĂŒmmerten, grundannahmenfreien Blick.

H: Okay, ich bin kurz davor mich markieren zu lassen, aber –

MB: Kann ja noch werden. Das ist ein Prozess.

‹H: Das ist ein Prozess. Ich muss darĂŒber nachdenken, wo. Aber da du ja deine Maschine immer dabei hast, ist das ja kein Problem.

MB: Dann können wir das mal schnell machen.

H: Dann können wir das demnĂ€chst mal machen. Gibt es da eigentlich irgendwelche Auflagen fĂŒr mobiles TĂ€towieren?

MB: Meinst du auf unserer Seite?

H: Es muss ja alles steril sein.

MB: Ist es ja auch. Das ist kein Problem. Du hast ja eine winzige OberflÀche, du gehst nicht tief rein, das ist Kinderkram.

(Ines im Hintergrund ist nicht zu verstehen.)

‹H: Aber es gibt ja fĂŒr alles Auflagen.

MB: Sie ist in ThĂŒringen ausgebildete Kosmetikerin. Da gibt es wenig Auflagen, weil das ein so geringer Eingriff ist. Was jetzt kommt Ende des Jahres ist, Tattoo-Entfernungen dĂŒrfen nur noch FachĂ€rzte und FachĂ€rztinnen machen.

H: Da gibt es auch viel Schindluder, das da getrieben wird.

MB: Ja, aber wird jetzt schlimmer werden, weil die FachĂ€rzte und FachĂ€rztinnen können das nicht. Bei HautĂ€rzten brauchst du in Köln ein halbes Jahr, um einen Termin zu bekommen. Der wird bestimmt keine Tattoo-Entfernungen machen, der hat was anderes zu tun. Das wird jetzt absolut in den Untergrund gehen. Das ist die dĂŒmmste Regelung, von der ich in den letzten zehn Jahren gehört habe.

H: Bist du in irgendeinem TĂ€towierer-Verband?

MB: Ich bin bei ProTattoo und bei anderen auch noch. Beim Bundesverband der TÀtowierer, aber unabhÀngig davon, das ist kein Lobby-Statement, sondern das ist eher ein Statement aus der Erfahrung, wir wissen das von Drogen, wir wissen das von Kindern, die heimlich rauchen, wenn die Eltern das verbieten. Wir wissen das von allem: Wenn es verboten wird und die Leute es machen wollen, machen sie es heimlich. Fremdgehen ist auch nicht sympathisch, machen die Leute aber auch.
Das wird dann einfach in den Untergrund gedrĂ€ngt und das ist in dem Fall wirklich total behĂ€mmert. Und dann sollen nĂ€chstes Jahr evtl. bestimmte Farben verboten werden. Das betrifft aber nicht das Setting des TĂ€towierens an sich, das ist davon nicht betroffen. Da wissen sie, dass es dann endgĂŒltig im Hinterzimmer landet, wo es schon mal war und das wollen sie dann wirklich letztlich nicht. Aber wenn das so weitergeht, kann das auch wieder passieren. Dann haben wir halt 100 Jahre – das passiert ja manchmal. Dann drĂŒckt einer eine Taste und dann bist du wieder 100 oder 150 Jahre in der Vergangenheit. Das kann immer mal passieren.

H: Prohibition —

MB: Ja, genau.

H: - der TĂ€towierer.

MB: Exactly. Und den Rest der Geschichte kennen wir.

H: Vielen Dank, dass das heute geklappt hat und maximale Erfolge bei der Weihnachtsmarkteröffnung. Da dieser Podcast ja spĂ€ter ausgestrahlt wird, was kommt denn heute noch fĂŒr eine Überraschung?

MB: Erst kommen die ganzen Engel, das in dem Fall Schauspielerinnen, nicht irgendwie christliche Engel aus dem Dom, sondern das sind Schauspielerinnen von einem Jugend-Theater, das ist schonmal sehr lustig, mit so Wichteln, die machen also Faxen. Dann kommt der echte Rupfi zurĂŒck. Die haben die Spitze aufbewahrt.
H: In den MĂ€rchenwald soll der, oder? Das habe ich irgendwo gelesen.

MB: Der kommt in den MĂ€rchenwald.

H: Bei dir war das sogar, auf Facebook. Du hast gespoilert.

MB: Ich habe gespoilert, und dann kommt der Holzmichel, der hat aus dem Rest von Rupfi was gebastelt. Das ist dann auch nochmal eine Überraschung. Dann das, was du gesagt hast, mit den Markenbotschafter, das kommt drauf an, aber ich glaube, da könnte noch was kommen.

H: Ach so, (unvestÀndlich) Markenbotschafter?

MB: Irgendsowas, ich weiß aber nicht, ob das kommt. Das ist noch nicht sicher, das wollen sie mir nicht sagen.

H: Wir lassen uns ĂŒberraschen. Ich vermute, es gibt GlĂŒhwein.

MB: GlĂŒhwein gibt es sowieso. Von Streuobstwiesen, nicht alkoholischen GlĂŒhwein, sehr lecker. Streuobst-Birnen und Streuobst-Äpfel haben wir gestern schon genascht aus ThĂŒringen. ThĂŒringische Produkte.

H: Gut, dann vielen Dank und einen schönen ersten Advent schon.

MB: Sehr gerne, wĂŒnsche ich dir auch. ‹


Lesetipps



Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter SachverstĂ€ndiger fĂŒr kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorlĂ€ufige Gedanken und nicht bindend. đŸ—ș Dr. Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Text SMS in criminalistic emergencies (never call me): +49.171.177.1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer fĂŒr SMS in aktuellen, kriminalistischen NotfĂ€llen). · Rufen Sie niemals an. · If it is not an actual emergency, send an e-mail. · If it is an actual emergency, send a text message (SMS) · Never call. · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Instagram Fan Page · Datenschutz-ErklĂ€rung · Impressum · Archive Page · Kein Kontakt ĂŒber soziale Netzwerke. · Never contact me via social networks since I never read messages & comments there.