2012 Rechtsmedizin: IV. Curso Taller Internacional y II. Simposio Latinoamericano Entomología Forense

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Quelle: Zs ReMed, Ausgabe & Datum folgen

IV. Curso Taller Internacional y II. Simposio Latinoamericano Entomología Forense

Universidad de la Amazonia, 02.11 - 06.11.2011

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Text: Mark Benecke


Der seit 1999 regelmäßig stattfindende (allerdings gemäß lateinamerikanischer Gewohnheiten nicht regelmäßig gezählte) Kurs in Kolumbien zur forensischen Entomologie und Zersetzungs-Zeichen an Leichen fand diesmal weder wie sonst in den kühleren Höhenlagen der Hauptstadt Bogotás noch in Medellín, der Stadt des angeblich ewigen Frühlings statt, sondern im tropischen Dschungel nahe Florencia.

Da die Planung bis zur letzten Sekunde alles offen ließ, musste sich der Berichterstatter noch am Tag vor der Abreise zahlreichen Impfungen unterziehen sowie Anopheles-feste Kleidung erwerben. Erst nach einem Umweg über New York nebst Zwangs-Einreise in die USA ging es Richtung Südamerika. Wegen des Gerüchtes, dass hinten sitzende Fluggäste einen Absturz häufiger überleben, wurden die ausländischen Gäste folgerichtig innerhalb Kolumbiens stets höflich auf die hinteren Sitze bugsiert.

Der Flughafen in Florencia -- bestehend aus einer Hütte neben einer zu kurzen Start- und Landebahn -- wird von der staatlichen Airline wegen der Gefahr von Unfällen nicht angeflogen, so dass für die letzte Strecke die Propellermaschine einer mutigeren Flugfirma zum Einsatz kam.

Die biologische Fakultät der Universität der amazonischen Region (Universidad de la Amazonia) befindet sich nicht auf dem Campus, sondern in einem verlassenen Getreide-Silo. Dessen Erdgeschoss ist leicht erhöht, damit vor den üblichen Überflutungen geschützt und somit als Vortrags-Raum sehr beliebt. Bis spät abends finden hier biologische und öfters auch juristische Vorlesungen statt. Nebenan liegt das Gebäude der Staatsanwaltschaft (Fiscalía), was uns teils sehr kurze Wege ermöglichte, als es beispielsweise um die Beibringung einer Statistik zur Zahl von Fällen von Kindesmissbrauch ging.

Zum gut besuchten Training geladen waren wie immer neben Biologen auch JuristInnen und PolizistInnen; letztere trugen trotz brüllender Hitze tapfer und stolz zunächst ihre alten und letzten Kurstag dank einer Spende der Regierung zum Jubiläum der Polizei auch ihre neuen Uniformen und wurden so ein beliebtes Foto-Objekt.

Unter anderem, weil im Jahr 2009 der örtliche Gouverneur von den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia nach einer Entführung in Florencia durch Halsschnitt getötet wurde, war die Sicherheitslage angespannt. Alle größeren Straßenausgänge waren von Soldaten hinter Sandsäcken gesichert, und ein großes Poster am Orts-Eingang erinnerte anhand darauf abgebildeter, sehr entschlossen blickender Uniformierter in Vollschutz mit Gewehr im Anschlag eindrücklich daran, was bei weiteren Entführungen zu erwarten sei. Selbst zu einer Veranstaltung auf dem Marktplatz Florencias, bei dem Kinder evangelikale Lieder sangen, wurden wir nur ausnahmsweise in Begleitung vierer Aufpasser für wenige Minuten vorgelassen. Nächrboden für die allgegenwärtige Gewalt ist natürlich auch die nicht nachlassende Nachfrage nach kolumbianischem Kokain, das im Dschungel auf Mini-Plantagen angebaut, dort bereits mit Schutzgeldern belegt und danach von der Mafia möglichst geräuschlos weiter geschmugelt wird. Die einzige Möglichkeit, diesen Kreislauf jemals zu durchbrechen, ist das Beenden der Nachfrage, ganz sicher aber nicht der lukrativen und simplen Produktion der Droge.

Im Kurs selbst hatten die Studierenden diesmal wenig Gelegenheit zu eigenen Vorträgen, sondern wurden in erster Linie auf den internationalen Stand der Dinge gebracht und fuhren dann zu ausführlichen Untersuchungen der im Wald ausgelegten Schweine.

Das Programm und die Bestimmungs-Übungen bestritten dabei neben Marta Wolff, einer der profiliertesten Vertreterinnen des Faches in Südamerika sowie den Universitäts-Vertretern der Disziplin das Ehepaar José Roberto und Cris Pujol aus Brasilien, die auf portugiesisch referierten.

Cris Pujol stellte noch vor wissenschaftlicher Veröffentlichung eine umfangreiche Studie ihres Teams von der Universidade Católica de Brasília vor, in der sie Wachstums-Veränderungen forensisch bedeutsamer Larven zeigte, die unter Einwirkung von Bupropion (Amfebutamon), Bromazepam und einem Carbamat, das in Brasilien nach wie vor bei Suiziden gefunden wird, aufwuchsen. Roberto Pujol berichtete von Experimenten und Fällen, in denen neben Insekten auch größere Tiere die menschlichen Leichen verändert oder zumindest aufgesucht hatten, nämlich die auf Nachtsichtkameras erkennbaren Ozelote (Leopardus pardalis), Weißohr-Opossums (Didelphis albiventris), Schopfkarakaras (Caracara plancus), Truthahngeier (Cathartes aura) sowie unerwartet schöne Königs- und Rabengeier (Sarcoramphus papa, Coragyps atratus).

Der Berichterstatter, der bisher nur mit Ratten, Katzen und Hunden und deren Spuren an Leichen konfrontiert war, konnte sich vor Ort davon überzeugen, dass die Zersetzung im Urwald zumindest in der Tiefebene durch die Einwirkung von Wirbeltieren, die sogar problemlos unsere stabilen Käfige auf- bzw. durchbrachen, deutlich beschleunigt vonstatten geht. Dies macht sich leider auch die örtliche organisierte Kriminalität zunutze, indem sie beispielsweise Gegener tötet, zerhackt und den Geiern der Rest überlässt. Eine dies überdeutlich illustrierende, sehr eindrückliche Foto-Sequenz auf dem Chip einer sichergestellten Digital-Kamera zeigt diese gruselige und erfolgreiche Strategie der Leichenbeseitigung.

Verblüffende Anpassungen führte auch eine Gruppe örtlicher Scarabaeoider durch, die sehr fleißig und untropisch fix zahlreiche Brutkammern nahe der Leichen anlegten, bis diese fast aussah, als sei sie auf Sägespänen gebettet.

JustistInnen hielten sich anders als die übereifrigen BiologInnen bei der Sammlung der Fliegen, Käfer, Bienen (!) und Wespen, die im Dschungel tatsächlich allesamt an Leichen anzutreffen sind, zurück, da jene den Verwesungs-Geruch für schwer erträglich hielten. Weit über einen Meter messende, prall gefüllte und dicht liegematten-artig gewebte Spinnennetze zwischen den Bäumen schreckten hingegen niemanden.

Ergänzt wurden die praktischen Teile durch Vorträge zu paraphilen Tätern am Beispiel des in Kolumbien noch einsitzenden Täters Luis Alfredo Garavito Cubillos, der dort mehrere hundert Kinder getötet hatte. Dies wurde nicht nur vom Berichterstatter kriminalistisch, sondern [...] landesweit erstmals auch psychologisch dargestellt. Anders als noch vor wenigen Jahren haben allerdings mittlerweile erste Aufklärungsprogramme zu sexuellem Missbrauch in abgelegenere kolumbianische Schulen Einzug gehalten und sollen laut Fiscalia auch Wirkung zeigen; zumindest die in Florencia angezeigten Fälle sollen seither zurück gegangen sein. Problematisch bleibt allerdings die Tatsache, dass Geschlechtsverkehr ab einem Alter von 14 Jahren in Kolumbien grundsätzlich nicht strafbar ist und daher auch nicht getrennt erfasst wird. [...]

Die Arbeit in den Tropen, besonders in den wie in Florencia noch nicht stark entwickelten Regionen, ist eine anstrengede Herausforderung. Die KollegInnen dort versuchen, alles zunächst einmal durch Freundlichkeit zu lösen, doch nicht jedes Problem eignet sich dazu. Es wäre daher wünschenswert, dass viel mehr ForscherInnen aus den reichen Ländern zumindest einmal im Leben ihre Zeit und Energie in Regionen wie das ländliche Kolumbien einbrächten, die zwar vieles wollen, aber mangels Struktur und Interesse von außen deutlich weniger können, als ihnen mit ein wenig wissenschaftlicher Unterstützung möglich wäre. Belohnt wird dies nicht nur mit spannenden Perspektiven auf die Fall-Arbeit, sondern, wie in Florencia, manchmal auch mit der Gelegenheit, seltsame Frucht-Arten wie Lulo oder Mora zu verkosten, von denen hierzulande noch kaum jemand gehört hat.



Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🗺 Dr. Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Text SMS in criminalistic emergencies (never call me): +49.171.177.1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). · Rufen Sie niemals an. · If it is not an actual emergency, send an e-mail. · If it is an actual emergency, send a text message (SMS) · Never call. · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Instagram Fan Page · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page · Kein Kontakt über soziale Netzwerke. · Never contact me via social networks since I never read messages & comments there.