2012 08: Cologne Forensic Summer Training

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Cologne Forensic Summer Training

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Text: Victoria Schneider


Der Gestank scheint niemanden zu stören. Der Dunst von Verwesung, der das Zimmer befallen hat, sobald Mark Benecke die Kiste mit den toten Schweinen hereinbrachte. Keiner der zehn Studenten zuckt zusammen. Sie scharen sich um die Labortische in der Mitte des Raumes und begutachten die fünf toten Ferkel, die darin liegen. Dicke Fliegen summen über die bräunlich-rote Pfütze, an den Kistenwänden und -ecken kleben weiße Maden. Es sieht genau so aus, wie es riecht.

Mark Benecke ist hervorragender Laune. Jedes Jahr, wenn der Kriminalbiologe den Kurs „Forensic Training“ hält, simuliert er einen Fall. In diesem Jahr: Der Säuglingsmord. Per Beamer hat er in die forensische Entomologie eingeführt, Bilder einer Leiche aus den USA an die Wand gestrahlt und erklärt, wo und wie sie über die Tage hinweg von Insekten befallen wurde. Hat dargelegt, dass die milchigen Flecken auf der Wange des Toten Eiernester von Schmeißfliegen sein könnten, und dass die dunklen Sprenkel, die nach einiger Zeit auf dem Gesicht zu sehen waren, wahrscheinlich Fliegenkot oder Fliegenerbrochenes seien. Indizien, die für ihn als Kriminalbiologen bedeutend sind, um die Leichenliegezeit zu bestimmen, oder im besten Fall sogar den Tathergang zu rekonstruieren. „Wir müssen so viele Augen wie möglich öffnen“, sagt er, ganz in schwarz gekleidet, schwarze Lederhose, schwarzes Hemd, Rammsteinschriftzug auf der Brust, schwarze Hosenträger. Der Kopf, sagt er, müsse frei sein von allen Vorurteilen, Interpretationen, Vermutungen. „Wir müssen mit den Augen eines Dreijährigen da ran gehen.“

Die Studenten staunen ihn wortlos an. Sie sind die zehn, die es in den Lehrgang des Vorbilds geschafft haben, denen Mark Benecke ansatzweise zeigt was er macht. Die freiwillig das machen, wovor sich die meisten Menschen ekeln. Der 42-Jährige ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Sicherung, Untersuchung und Auswertung von biologischen Spuren. Einer von sehr, sehr wenigen auf der Welt. Benecke hat die Gebeine der Heiligen drei Könige untersucht, er hat den Schädel Adolf Hitlers unter die Lupe genommen. “Wahrheit“ steht in Versalien über seiner Tür. Gerechtigkeit, das sagt er immer wieder, existiert für ihn nicht. Mark Benecke interpretiert nicht, er vermutet nicht, behauptet nicht. Er sucht die Wahrheit.

Bitte recht freundlich - Gruppenfoto mit selbstgetropftem Blutbild in der Stube.

Sein Wissen gibt der Biologe, Zoologe und Tätowierkünstler seit mehr als zehn Jahren an Nachwuchsforensiker weiter, denen er in seiner Wohnung in der Kölner Südstadt eine Woche lang Verwesung, Botanik und Blut erklärt. Zusammen mit seiner Kollegin Kristina Baumjohann reist er den Rest des Jahres durch die Welt – forscht, hält Vorträge, deckt auf.

„Ihr nehmt euch jetzt die Schweine, schaut sie euch gut an, dreht sie, guckt, was wo ist – und notiert das.“ Er nimmt den Deckel der Box ab. „Ein Geruchserlebnis“, murmelt einer. „Und passt auf, dass die Flüssigkeit nicht auf den Teppichboden kommt“ – Die Flüssigkeit hinterlässt hartnäckige Spuren – „Echt, ich sag’s euch, ihr macht das eigenhändig wieder weg.“ Er lacht. Benecke ist entspannt. Er überträgt das auf die anfangs verschüchterten Studenten, hat zu allererst das Kölsche Grundgesetz an die Wand gehängt, das müsse man kennen. Das Labor, in dem das Seminar stattfindet ist ein umfunktioniertes Zimmer seiner Wohnung. Er macht Musik an, Offspring, „Pretty fly“, wirft die Faust in die Luft, wippt den Kopf zur Musik.

Die Studenten haben ihre Arbeitsflächen präpariert, mit Frischhaltefolie und dickem Papier. Latexhandschuhe schützen ihre Hände. Sie sollen ermitteln: Wie lange lagen die Leichen, wo könnten sie gelegen haben, welches Schweinchen starb zuerst. „Er ist schon ein großes Vorbild“, sagt Martin Schebeck, ein Student aus Wien. Forensische Entomologie bei Mark Benecke – für die Studenten, die aus allen Teilen Deutschlands und dem Ausland kommen, erfüllt sich gerade ein Traum. Zu erlernen, was Art, Größe, Zahl der Maden und Insekten auf einem Toten über die Leichenliegezeit verraten, oder gar über Todesursache und Tathergang. Schebeck ist mit 27 der Älteste in dem Kurs. Ein bisschen fällt er aus der Reihe Er hat kein Piercing, kein Tattoo, keine langen oder gefärbten Haare. Viele der Kursteilnehmer sind in der Szene aktiv. Manche wie Kathrin Stahmeyer haben bereits Erfahrung mit dem Tod und ein Praktikum in der Leichenhalle gemacht. Schebeck noch nicht, er hängte an sein erstes Studium der Forstwirtschaft einen Master in Wildtierökologie. Jetzt studiert er noch einmal, Biologie. Die Forensik fasziniert ihn, deswegen ist er hier. „Es darf einen halt nur nicht grauseln“, sagt er. „Und bestialischer Gestank ist relativ.“

Ab in die Sommerfrische! Mit den TeilnehmerInnen des Trainings auf zur Exkursion durch Köln.

Benecke stellt sich neben ihn, richtet den Strahl der Halogen-Taschenlampe auf Martins Ferkel, „ist das 'ne Fliege? Süß!“ Das Ohr ist abgeknabbert, Maden kriechen aus Mund, Nase, Ohren. Über dem hinteren Oberschenkel klebt eine tote Fliege. „Dokumentiert das unbedingt!“

Wenig später sollen die Studenten erklären, was sie gesehen haben. „Unser Schwein hat Maden in Mund und Augen und eine Diskoloration am Kopf“, sagt Martin Schebeck, als er an der Reihe ist. Er begutachtet das tote Tier noch einmal, drückt vorsichtig auf den Bauch. Benecke ist zufrieden, erklärt den nächsten Teil des Programms: Maden messen. Art Benennen, Alter herausfinden. Die Schweine werden die Studenten drei Tage lang beschäftigen, solange, bis die Untersuchungsobjekte sich in braunen Saft aufgelöst haben. Die Pause ist wohlverdient.

Die Studenten erkunden die Wohnung, gucken durch Beneckes Bücherregale. Dort reihen Titel wie Vampire – Subkultur, Blut-Lexikon, Dracula, Murder is my business, Jack the Ripper, Josef Fritzel. In einer Ecke steht ein Terrarium mit Beneckes Haustieren: Madagaskar-Fauchschaben, er hat sein eigenes mobiles Tätowierstudio, am vorletzten Tag des Seminars tätowiert er den Teilnehmer eine selber kreierte Made.

Am letzten Tag geht es um Blut. wieder startet Benecke den Beamer. Ein Bild, eine Wand, Blutflecken. Wer ist zuerst gestorben?, ist die Frage. Wenn Benecke an den Tatort kommt, misst er Winkel und Größe der Blutflecken, um herauszufinden, wo der Mörder stand, oder das Opfer, oder Dritte. Er zeigt die Bilder, die er vor Gericht benutzt hat, wie der Mörder gestanden haben könnte.

Dann, wie er fotografiert hat, mit großen und kleinen Blutspuren. Bilder der Kacheln in der Küche. Zehn Jahre habe er daran gearbeitet, wie die Anzahl der Ausbuchtungen eines Blutflecks abhängt von der Höhe. „Ganz und gar nicht linear“, sagt er. Das dachten sie zunächst. Heikel. Denn: „If you fuck up a case like this you“re fucked.“ Auf Deutsch: “Wenn ihr etwas falsch macht, wird man wegen Eures Gutachtens Leute ins Gefängnis schicken, die es nicht so gemacht haben, wie ihr euch das denkt.“ Stille. In wenigen Augenblicken werden sie selbst testen, wie sich Blut verhält, wenn es spritzt, sie werden mit Pipetten Experimente durchführen, wie sich Winkel und Höhe auf das Aussehen der Blutspritzer auswirkt. Mit dem Wissen, das Benecke ihnen mitgibt. Das Wissen, dass sie nichts wissen.

„Auch wenn ihr euch ganz sicher seid, das Blut zu interpretieren und ihr habt ganz sichere und gute Erklärungen. Das heißt nicht, dass es die Wahrheit ist. Es kann etwas komplett anderes sein.“ Fliegen, Husten, Niesen, etwas ganz anderes.

„Es könnte etwas irgendwo heruntergefallen sein. Denkt an so etwas. Wenn ihr nur den Einfallswinkel nehmt oder andere Dinge – dann seid ihr dran. Denn der Richter wird euch fragen: Macht das Sinn? Macht es Sinn, dass der Kopf gegen die Wand schlug und das Blut von dem Aufprall kommt? Und dann könnt ihr sagen: Ich kann es nicht ausschließen.“ Dann könnte der Richter schreiben: Der Experte hat gesagt, das Blut kommt vom Aufprall. Obwohl man das so ja nicht gesagt hat.

„Ihr seht, warum keiner diesen Job machen will“, sagt Mark Benecke. Nicht nur ekeln sich die meisten. Es ist auch knifflig. „Klammert euch nicht an eine einzige Technik. Öffnet euer Bewusstsein. Fragt andere Menschen nach ihren Meinungen, sonst habt ihr am Schluss einen Krieg, der angeblich wegen Eurer Spurenauswertung beginnt, oder Menschen, die in die Todeszelle gehen.“ Es gebe in der Forensik keine Gewinner, sagt er. Nur Wahrheit.


(Fettes Dankeschön an Victoria Schneider für die Druckerlaubnis!)



Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🌏 Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page