2011 WGT

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Zwanzig (20) Jahre WGT: Festspiel der Geister / 20 Years Wave Gotik Treffen: Festival of Spirits and Spectres

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[Benecke liest "Festspiel der Geister" (Video, WGT 2010)] [Interview zum Pfingsttreffen 2012]



Deutsche Version: Festspiel der Geister


Festspiel der Geister (als Video vom WGT 2010 hier])

Der Text ist in einem schönen Buch auch hier erschienen: Black Celebration. 20 Jahre / years Wave-Gotik-Treffen, Plöttner Verlag, Leipzig, Juni 2011
Von Mark Benecke

Als ich zum ersten Mal auf den nassen, grottengrau zerfurchten und rostigen Vorhof der Agra trat, fühlte ich mich zum ersten Mal im Leben zu Hause. So wie andere Menschen in einen Alptraum hinein erwachen, wenn sie fieberkrank die Augen öffnen und nichts mehr wissen, so erwachte ich ins Paradies. Alles war schwarz, alles war laut, alle waren völlig gestört und das Chaos war unübersehbar. Wie wunderschön.

Der große Unterschied des WGTs zu Parties, auf denen die Garderobe mit vierhundert schwarzen Mänteln bestückt ist (schon erlebt, auch cool) oder Festivals, die unter der tausendfach verfluchten Sonne auf Riesenflächen stattfinden, ist eben der: dass in Leipzig jeder vier Tage lang macht, was ErSieEs will. Das gilt sowohl für die Künstlerinnen als auch die Veranstalter, die sich so dermaßen nicht reinreden lassen, dass ihre Standfestigkeit schon fast gruselig ist. Doch davon erfährt keiner was. Bis vor Kurzem gab es noch nicht einmal einen englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zum Wave-Gotik-Treffen. Ich habe überlegt und es dann gelassen. Wer außer den TeilnehmerInnen soll schon verstehen, was dort seit zwanzig Jahren passiert?

Dass sich Menschen wirklich in fast mittelalterlichen Seifen-Zubern säubern, um sogleich wieder in den Schlamm zu steigen, dass Vampyre nachts auf weichem Rasen lagern, dass sich knallrosa Polyester-Locken aus Cyberköpfen winden oder blasse Gothic-Lolitas ihre sexuell verirrten FreundInnen an die Kette legen, während Oldschool-EBMler mit Zahnrad-Shirt die Fassung zu wahren versuchen, während um sie herum die vierte und fünfte Generation mal wieder nichts als Quatsch macht und auf dem Zeltplatz zu viel säuft, anstatt den alten Göttern auf der Bühne zu huldigen: Das begreift keiner, der nicht tief eintaucht.

Apropos Bühnen. Dass die so weit auseinander liegen, bürdet den ZuschauerInnen nervtötende Reisen auf, vor allem, wenn sie kein Geld für ein Taxi oder wahlweise viel Zeit oder reiche Gönner haben. Daher lassen viele WGT-Gänger das Hin- und Herreisen einfach bleiben und schnallen sich auf einem der zahlreichen Gelände fest. Oder sie kleiden sich tagelang in den Agra-Shops ein, kaufen Bücher oder lassen sich Aufsteckzähne oder Halsbänder anpassen. Oder sie quatschen nur Nacht um Nacht mit ihren Buddies. Sinn ergibt das nicht, denn eigentlich ist das WGT ja das schwärzeste Musik-Festival der Erde. Macht aber nix. WGTler ziehen eben hin und ziehen her, doch irgendwann zieht niemand mehr. Dieser Moment der Ruhe und Einsicht ist schon fast religiös: Es ist der völlige Einklang mit den vielen schwarzen Subkulturen nebst der Einsicht, wie stark sie schillern — ohne dass irgendwer da draußen das wahrnimmt.

Zwar beschlossen auch die Boulevard-Medien ab 2009, dass Gruftis die FreundInnen Leipzigs seien, weil sie so eine prima Pensions- und Hotel-Auslastung besorgten sowie am Bahnhof durch unerwartete Höflichkeit auffielen. Dennoch gelangte bisher kaum Inhaltliches vom WGT nach außen. Auch wenn es abgedroschener nicht sein kann — ich sehe wirklich die tausenden Schuppen der schwarzen Schmetterlingsflügel, wenn ich durch die WGT-Menge treibe. Doch im Dunkeln ist die Sicht halt schlecht, wenn man es nicht gewohnt ist.

So kommt es, dass der Rest der Welt sich eben nicht für schwarze Subkulturen interessiert. Letztlich ist das WGT auch das Festival der Traumatisierten, der Ausgestoßenen, der Kinder, die früher zu mild oder zu strange oder zu zurückgezogen waren, als dass sie Fußball hätten lernen oder Tiere als Eigentum betrachten können. Gruftis grübeln und zweifeln halt lieber, anstatt sich an die brachialen oder — Gott bewahre — bunten Fronten zu begeben. Manche wachsen heraus, andere nicht. Oh, sagte ich Gott? Entschuldigung.

Dazu passte einer der für mich bewegendsten Vorträge, bei dem meine Ex-Frau Lydia und ich als Redner über Serienmord hinterher durch viele Anfragen feststellten, dass nicht nur viele Opfer von Missbrauch, sondern auch eine Anzahl von möglichen Tätern im WGT-Publikum saß. Dass ich trotz dieser ansonsten luftabschneidenden Gedanken AGONOIZE krachen lassen und ausnahmsweise sogar EMILIANA TORRINI auf der Leinwand durch den Dschungel toben lassen wollte, durfte und konnte, zeugt von der sprichwörtlichen Toleranz und, auch wenn der Begriff eigentlich nicht so richtig passt — extremen Coolness der Szene.

Natürlich bitchen auch Elektroheads über Guitarrenmusique, EBMler über blutende Engel mit samtenen Tränen und überhaupt alle über alle, ganz wie in jedem anderen Kleingartenverein. Doch auch dabei herrscht wieder ein großer Unterschied zum Rest der Welt: Die harten Kämpfe bleiben in den schwarzen Szenen aus und die Bitterkeit im eigenen Herz. Manchmal heilt sie, wie gesagt. Manchmal aber auch nicht. Das WGT ist daher für mich ein großes Treffen von Phantomen, Geistern, Elfen, Monstern und Gespenstern, die miteinander wispern und flüstern, anstatt zu brüllen und zu kloppen.

Dass dabei regelmäßig meine Kofferrollen von den schrottigen Granitplatten der Leipziger Bürgersteige zerschunden werden, dass die Bändchenausgabe mal klappt und mal nicht, dass der schwarze Nagellack zumindest in der Agra zu teuer verkauft wird und dass die Toilettenräume von sehr eigentümlichen Wesen, oft genug undefinierbaren Geschlechts, bevölkert werden — all das ist Teil der Tatsache, dass beim WGT etwas ganz Besonders vonstatten geht — nämlich das Outing von Menschen, die andernfalls so unauffällig sind, dass man sie niemals gefunden hätte, wenn, ja wenn, es das WGT nicht schon seit zwanzig Jahren gäbe. Danke schön.


English Text Version: Festival of Spirits and Spectres

Festival of Spirits and Spectres

When I walked through the wet, grey and rusty forecourt of Agra for the first time, I felt at home for the first time in my life. Unlike other people who, from being sick of fever; awake into a nightmare when they open their eyes and know nothing more, I woke up in paradise. Everything was black, everything was loud, everyone was completely deranged and the chaos was obvious. How beautiful.

The big difference between the WGT and parties where the cloak-room is filled with four hundred black coats (already experienced, also cool) or festivals which take place at an open air venue under the thousand times cursed sun, is namely that in Leipzig everyone does what he/she/it wants for four days. This is true for the artists as well as the organisers, who couldn't care less about others' opinions, so much so that their steadfastness is almost scary. Although nobody realises this. Until a short time ago, there wasn't even a single English language Wikipedia entry about Wave-Gotik-Treffen. I thought about it and then did nothing. Who other than the participants could understand what has been taking place there over the last twenty years?

That people scrub themselves clean in practically medieval wooden bathing tubs, just to step directly back into the mud, that vampyres spend the evenings hanging about on soft lawns, that bright pink polyester curls creep out of cyber-heads or pale gothic lolitas lead about their sexually confused boy/gir/friends on leashes, while old school EBM fans with cogwheel-shirts try to keep their balance, as all around them the fourth and fifth generations just fool around and drink too much at the camp ground rather than worship the old gods on the stage: anyone not deeply immersed could not comprehend this.

Speaking of stages. Since they are so far apart from one another, the concert goers are forced into nerve wracking journeys, especially if they have neither money for a taxi nor enough time nor wealthy patrons. Therefore many WGT-attendees refuse the travelling to and fro and just stay put at one of the numerous venues. Or they dress themselves all day at the Agra-shops, buy books or get fitted for removable fangs or collars. Or they stay up night after night just chatting with their buddies. This is somewhat senseless considering that the WGT is the darkest music festival in the world. But it doesn't matter. WGT'ers move about here and there, but at some point none of them moves anywhere. This moment of tranquility and insight is almost religious: It is the cornplete harmony between the many dark subcultures combined with the insight of how much they sparkle - without anyone from the outside taking notice.

However, the tabloids decided from 2009 on that Goths are friends of the city of Leipzig, because they are known for thoroughly booking the pensions and hotels to juli occupancy and for their unexpected courtesy at the train station. Yet even so the inner lift of the WGT is still not visible from the outside. Although it could not be anymore trite - I really do see the thousands of scales of the black butterfly's wings when I drive by the masses of WGT. But in the dark, the view is just obscured if one is not accustomed to it.

So it happens that the rest of the world is just not interested in dark subcultures. Ultimately, the WGT is also the festival of the traumatised, the outcasts, the children who used to be too mild or too strange or withdrawn when they were scheduled to learn how to play football or to regard animals as property. Goths prefer to brood and doubt rather than defecting to the brachial or - God forbid - colourful front. Some grow out of it, others do not. Oh, did I say God? Sorry.

For me this goes along with one of the most moving lectures when my former wife and I, speaking about serial murder, found after many inquiries that not only many victims of abuse, but also a number of possible suspects sat in the WGT audience. That despite this otherwise breath taking realisation, I wanted to, ought to, and could rock with AGONOIZE and in exceptional cases even rave with EMILIANA TORRINI on the screen through the jungle, begets the proverbial tolerance and, even if the term really does not fit right - the extreme coolness of the scene.

Naturally electroheads bitch about guitar music, EBM fans about bleeding angels with velvet teardrops and in general everyone bitches about everyone else, just the same as in any gardening club. But here there is a big difference compared to the rest of the world: hard fighting fails to appear in the dark scene and the bitterness remains inside one's heart. Sometimes it heals, as I said. But sometimes not. The WGT is therefore for me a big gathering of phantoms, spectres, elves, monsters and ghosts, whispering and murmuring to each other, rather than yelling and striking out.

That my suitcase will be regularly abused and battered by the granite plates of the Leipzig sidewalks, that the issuing of wristbands will sometimes function and sometimes not, that the black nail polish, at least in the Agra, will be too expensive and that the toilets will be populated by creatures of a very peculiar nature and often enough of indefinable gender - all of this is apart of the fact that the WGT is about something special - namely tke coming out of people who are otherwise so inconspicuous that they would have never been found, if, yes if, the WGT hadn't already existed for twenty years. Thank you.


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Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🌏 Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page