2005-04 Tätowier Magazin: Der Herr der Fliegen

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Quelle: Tätowiermagazin 04/2005

Der Herr der Fliegen

Oder: Die Suche nach der Wahrheit

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VON DIRK-BORIS RÖDEL
(Der folgende Text ist die Rohfassung des später gedruckten und dabei etwas etwas veränderten Textes)


Ein Akademiker, ein forensischer Biologe und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Gerichtsbiologie, mit ausgedehnter Tattoo-Sammlung? Da steckt eine ungewöhnliche Geschichte dahinter, dachten wir uns, als wir Dr. Mark Benecke in seiner Wohnung in Köln besuchten - und sollten recht behalten...

Dipl.-Biol. Dr. rer. medic. Mark Benecke, das ist sein kompletter Titel. Die Berufsangabe auf seiner Visitenkarte lautet: Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung und Auswertung biologischer Spuren. Certified Forensic Biologist. Das hört sich verdammt wissenschaftlich an, und wer soviel Zeugs auf seiner Karte stehen hat, muss wohl mindestens 70 Jahre alt sein, lichtes Haupthaar und schlohweißen Bart haben. Irrtum; Dr. Mark Benecke ist gerade mal 34 Jahre alt, mit seinem jugendlichen Alter bereits einer der weltweit angesehensten Kriminalbiologen und tätowiert - und zwar nicht zu knapp. Aber was genau macht eigentlich ein Kriminalbiologe?


Als ich zum ersten Mal von Marks Arbeit hörte, hatte ich Bilder im Kopf von Gerichtsmediziner Quincy, dieser TV-Serie aus den 80ern, von Ulrich Tukur in "Der letzte Zeuge" aus dem ZDF oder auch von Professor Börne, der im "Tatort" aus Münster von Jan Josef Liefers gespielt wird. Männer, die im weißen oder grünen Kittel in der Pathologie an Edelstahltischen stehen und an blassen Leichen von Mordopfern Untersuchungen vornehmen. Ganz falsch. "Damit haben wir gar nichts zu tun" erklärt Mark; das "wir", das ist er zusammen mit Assistentin Saskia, 23 Jahre, Biologie-Studentin und ebenfalls Tattoo-Fan.


"Wir arbeiten nicht im gekachelten Sezierraum", führt er weiter aus, "wir wühlen im Dreck." Das hört sich krass an. Um mir einen Eindruck von seiner Arbeit zu geben, erläutert mir Mark anhand von Bildern einige seiner letzten Fälle. Jetzt verstehe ich ziemlich genau, was er meint. Einige der Bilder verschlagen mir die Sprache, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Natürlich hat man im Fernsehen schon Bilder von Toten gesehen, auch vielleicht von in Verwesung übergegangenen Leichen. Aber die menschlichen Überreste, die Mark mir teilweise zeigt, sind kaum noch als Körper zu identifizieren.


Verwesung, Blut und Maden: Marks Job ist nichts für zart Besaitete

Selbst in Horror-Filmen habe ich sowas noch nicht gesehen. Ich werde die Bilder nicht näher beschreiben, vielleicht nur so viel: Ich hätte Mühe gehabt zu erkennen, wo genau die Leiche aufhört... "Das ist auch das Problem, die Sachen auseinanderzuhalten." führt Mark aus, "Schau mal diese schwarzen Pünktchen," (mit dem Laser-Pointer deutet er auf ein vergrößertes Bild einer Nahaufnahme der Leiche, die er an die Wand projiziert) "das sind Puppen, ein Zwischenstadium zwischen der Larve und dem Insekt, das später daraus schlüpft. Die meisten halten das für Schmutz, für Erdkrümelchen, spülen das vielleicht sogar weg."


Dabei sind genau diese biologischen Spuren von großer Wichtigkeit, um beispielsweise fest zu stellen, seit wann ein Toter an einem bestimmten Platz liegt, ob er zuvor in einer anderen Umgebung gelegen hat und so weiter. "Und wir müssen das im Zusammenhang untersuchen, wir müssen sehen, wo hat das Opfer gelegen, in der Sonne, im Schatten, in einer Wohnung mit geöffneten oder geschlossenen Fenstern - in der Rechtsmedizin kann man das nicht mehr erkennen." Dass das, worauf sich Puppen und Insektenlarven befinden, mal ein Mensch war, scheint Mark nicht im mindesten zu berühren. Auch Assistentin Saskia macht der Umgang mit Toten, die sich oft schon im stark verwesten Zustand befinden, nichts auszumachen.


"Es würde mich mehr mitnehmen, wenn ich Rettungssanitäter wäre, schnell Entscheidungen treffen müsste, die über ein Menschenleben entscheiden" erklärt sie. Aber verspürt man da nicht automatisch Ekel und Widerwillen? Mark erklärt mir seine Einstellung dazu anhand eines praktischen Beispiels: "Wenn ich beim Schlachter für Experimente mit Blutspritzern ein paar Liter Blut haben will, sagt der mir auch, das sei ja eklig - da denke ich mir "Hallo!? Sie stehen hier zwischen Bergen von Tierleichenteilen, und erklären mir, dass Experimente mit Blutspritzern eklig sind?"


Schön und gut - aber der Geruch, der ja, wie Mark mir selbst versichert, gerade bei Leichenfunden in verschlossenen Räumen sehr stark ist? "Alles eine Frage der Wahrnehmung," erwidert der Wissenschaftler, "ich konzentriere mich auf Spuren, die ich auswerten muss, auf Details. Den Geruch nehme ich wahr, und er ist nicht angenehm, aber er steht nur im Hintergrund." Und der Tod an sich? "Tod ist ein Programm, um der nachkommenden Generation Platz zu machen, die sich in möglichst vielen Variationen immer neu an die Umwelt anpassen kann. Der einzelne Mensch, das Individuum, ist scheißegal. Also für die Natur jedenfalls, unserer persönlichen Auffassung nach ist das Individuum unheimlich wichtig, aber für die Natur ist der Einzelne ziemlich Wurst." Und nach dem Tod, was kommt da? "Nichts. Da kommt nichts." erklärt mir Mark, der die Leichen scheinbar völlig aus seiner Wahrnehmung ausblendet: "Ich arbeite ja auch so gesehen gar nicht mit toten Menschen. Ich arbeite mit dem, was darauf lebt. Der Kreislauf des Lebens ist das, was mich interessiert, wie aus dem Tod wieder etwas entsteht."


Aber warum ekeln sich manche Menschen vor zerfallenden Leichen, andere nicht? Was ist das Abstoßende an Tod und Verwesung? - ein Thema, das natürlich im Gespräch mit Mark einen großen Raum einnimmt. Ist es das Auslöschen der Identität und Individualität, was uns so schockiert? "Solange wir leben, möchten wir Individuen sein, uns unterscheiden. Wenn man stirbt, werden die individuellen Merkmale ausradiert. Und vielleicht ekelt man sich weniger vor dem, der da liegt, als vor dem Wissen und der Erkenntnis, dass einem das auch bevorsteht." Klingt logisch, denn das, was uns hauptsächlich ausmacht, unsere Gesichtszüge, Augen, Mund, Nase, das wird als erstes von Insekten "aufgelöst", unkenntlich gemacht, sozusagen biologisch "verpixelt": schon nach kurzer Zeit sind keine individuellen Gesichtszüge mehr erkennbar.


Ein Akademiker mit Faible für Tattoos ungewöhnlich oder "völlig normal"?

Marks Einstellung zu seiner Arbeit ist extrem wissenschaftlich, technisch, sachlich, emotionslos. Trotzdem ist er alles andere als ein verknöcherter, dröger Akademiker, ganz im Gegenteil. Sich mit Mark zu unterhalten, ist extrem kurzweilig. Eine Frage drängt sich natürlich auf: Sind denn für den Wissenschaftler, der Mordopfer kaum als Individuen, sondern mehr als Nährboden für Insekten sieht, nicht die eigenen Tattoos doch ein Mittel, um sich selbst individueller zu gestalten? "Nö. Individualisierung ist für mich nicht das Thema. Die Sachen haben für mich einfach eine Bedeutung, und ich will sie bei mir haben, nicht als Bild an der Wand sondern als Tätowierung. Ich zeig die auch niemandem - also dir natürlich schon, du bist ja schließlich vom TätowierMagazin, aber ich würde nie auf die Idee kommen, mich extra so anzuziehen, dass man meine Tattoos sieht, das ist mir total egal, ob das jemand mitkriegt oder nicht."


Für Mark haben Tattoos auch absolut nichts damit zu tun "anders" zu sein - ganz im Gegenteil: "Ich finde tätowiert sein normaler als nicht tätowiert zu sein. Ihr zeigt das ja auch im TM immer, dass das bei vielen Kulturen völlig selbstverständlich ist: Sobald man erwachsen ist, lässt man sich tätowieren oder lässt sich Narbenmuster schneiden - also wenn auch hier jeder Erwachsene tätowiert wäre, fände ich das völlig normal, als Zeichen des Erwachsenseins. Das Tätowieren an und für sich ist für mich also gar nicht das Thema, die Frage ist eher: Welches Motiv?, und da ist es eben naheliegend, Motive zu wählen, die einem etwas bedeuten. Aber dass Erwachsene an sich selbst Körperveränderungen vornehmen, ist doch völlig logisch, oder?"


Mark definiert Tattoos als Zeichen dafür, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen, das eigene Leben mit Sinn zu füllen. "Damit mein ich nicht irgendeinen gesellschaftlich anerkannten Sinn, den man eben übernimmt - es kann einer nach Irland gehen und sich in einer einsamen Hütte einschließen - wenn er das gut findet ist das doch OK. Und wenn einer heiratet und die Kehrwoche macht, weil er das toll findet und ihn das ausfüllt ist das auch in Ordnung. Nur wenn einer heiratet und die Treppe putzt, nur weil er nichts anderes mit seinem Leben anzufangen weiß und es den anderen eben nachmacht, weil alle das machen, dann ist es sinnlos."


Insofern bewundert Mark auch Tom Leopard, den schottischen Freak, der sich am ganzen Körper mit einem Leoparden-Muster tätowieren ließ. "Wenn ich für den die Grabrede halten müßte, würde ich sagen: Wenigstens hat er die Eier gehabt, zu machen, was er wollte, ohne das groß zu begründen. Ob ich das scheiße finde oder nicht ist eine ganz andere Frage, aber er hat es durchgezogen."


Eine ganz persönliche Sammlung und die Suche nach der letzten Wahrheit

Mark ist ganz offensichtlich ein Sammler - ein durchgehender Stil ist bei seinen Tattoos nicht auszumachen. Einige der Bilder haben Sinn und tiefergehende Bedeutungen, andere entstanden eher aus der Situation heraus, wie zum Beispiel die etwas grottige Fledermaus am unteren Rücken. "Ich hatte nach einem Seminar noch etwas Zeit, und in der Nähe des Bahnhofs war ein Tattoo-Studio" erklärt Mark, "Wir hatten uns lediglich auf eine Fledermaus als Motiv geeinigt. Als ich es mir nachher im Spiegel angeschaut habe, konnte ich erst gar nicht erkennen, was das sein soll." Besonders schön finde ich persönlich die Nebelschwaden, die hinter (!) dem Mond verschwinden - ein echter Klassiker! Dass er damit keine Preise abräumen wird, stört Mark nicht im Geringsten - es ist halt Teil seiner Sammlung.


Ansonsten legt er aber schon Wert auf Qualität, die meisten seiner Hautbilder stammen von der Belegschaft von "Elektrische Tätowierungen". Von Studio-Betreiber Dieter stammen zum Beispiel der Erzengel Michael auf der Brust (nach einem Stich von Dürer) und der abstrahierte Frosch am linken Bizeps ("Ich hab ja doch Muskeln!" erkennt Mark verwundert, als er während der Foto-Session für ein paar Minuten ein schweres Buch hält...). Der Frosch ist eigentlich erst in zweiter Linie ein Frosch, eigentlich ist das nämlich ganz einfach ein Relief, dass die Gulli-Deckel der Stadt Bogota in Kolumbien schmückt (wo Mark neulich zu Vorträgen und Seminaren eingeladen war - fürs TM schrieb er einen Artikel über die Tattoo-Szene in Medellin (siehe TM 2/2005). "Der Gullideckel passt gut zu unserer Arbeit," meint Mark, "wir müssen ja auch in unteren Ebenen forschen und im Dreck wühlen."


Der Oktopus auf dem linken Oberarm und der Totenkopf auf der Brust stammen von Cappucchino & Tattoo "... oder so ähnlich, ein Laden in Manhattan, East Village - ich hab da mal um die Ecke gewohnt." Der Totenkopf, Marks Logo, steht ebenfalls in Bezug zu seiner Arbeit. "Der Schädel schaut nicht nur nach vorn, auf das Offensichtliche, sondern auch in alle anderen Richtungen." Auch in Marks Arbeit ist es von allergrößter Wichtigkeit, kein Detail zu übersehen - kleinste Hinweise können in einem Kriminalfall bereits ein völlig neues Bild ergeben. Die Dotwork-Fliegen am Unterarm sind geklaut, wie er unumwunden eingesteht. "Ich wollte von diesem Tätowierer in Medellin ein Tattoo, aber hatte überhaupt keine Vorlage - da haben wir auf ein Bild aus dem TätowierMagazin zurückgegriffen, das ein Tattoo des britischen Hand-Tätowierers Pier Makanda zeigt." Immerhin eine schöne Kopie.


Die Makrelenhaut am rechten Oberarm ist sicher Marks ungewöhnlichstes Motiv. "Jeder kennt Makrelen in der Dose, aber über das Tier an sich ist praktisch nichts bekannt!" begeistert sich der Biologe. Als Vorlage diente Tom von "Elektrische Tätowierungen" eine echte Makrelenhaut. Tom hat auch das Seemanns-Traditional auf Marks Rücken gestochen, das vielleicht bedeutungsschwangerste Teil der Sammlung. "Sailing for Truth", also "Segeln nach der Wahrheit" ist im Spruchband zu lesen ("...und nicht etwa Sailing for T. Ruth, wie meine Gattin zunächst eifersüchtig zu lesen glaubte", fügt Mark grinsend hinzu).


Das ist eigentlich das Wichtigste an der Arbeit von Mark und Saskia: Die Wahrheit herauszufinden, nackte Tatsachen erheben, beschränkt auf ihren Arbeitsbereich, ohne jegliche emotionale Beteiligung oder Wertung der Befunde. Wie nüchtern und sachlich er dabei vorgeht - oder besser: vorgehen muss - erklärt Mark an einem Beispiel: "Es kommt auch vor, dass ein Verbrecher aufgrund unserer Arbeit vielleicht wieder aus der Haft entlassen wird, der vielleicht alles mögliche angestellt hat, aber eben nicht das, was ihm in dem Fall vorgeworfen wird. Finde ich das gut? Nein, aber geht es mich was an? Nein. Ich befasse mich nur mit der Wahrheit, nicht damit, welche Folgen sie hat." Dass Wahrheit auch nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat, erläutert Mark an einem anderen Fall.


"Was hier gerecht ist, ist noch lange nicht in Puerto Rico gerecht oder in Russland. Ich hab mal auf den Philippinen bei einem Vaterschaftsstreit die Vaterschaft eines Mannes mit einer DNA-Untersuchung belegt. Der Richter befand aber, dass er nicht der Vater sei. Als ich nachfragte hieß es: "Der Beklagte ist älter als Sie. Deshalb hat er Recht." Wir empfinden das natürlich als ungerecht, aber nach philippinischem Recht geht das völlig in Ordnung. Recht ist überall auf der Welt etwas anderes, aber Wahrheit ist immer und überall wahr." Aber welchen Wert hat dann Wahrheit, wenn sie zu völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ergebnissen führen kann?


"Die Wahrheit ist einfach nur da. Und für mich bleibt das einfach so stehen. Wahrheit hat keinen Sinn, keine Bedeutung. Sie ist einfach da und ich finde sie schön. Ich als Naturwissenschaftler darf das: ich darf sagen "es interessiert mich nicht, was die Wahrheit gesellschaftlich bedeutet, was sie für Folgen hat". Ich erhebe einfach die reine, kristalline Wahrheit - wenn die vor einem ungerechten Richter, in einem totalitären Staat oder einfach nur bei Leuten, die sie nicht verstehen, jeweils zu anderen Ergebnissen führt, da kann ich dann auch nichts dran machen."


Was vom Führer übrig blieb: Hitler-Reste in der Plastik-Box

Leichenteile der besonderen Art sollte Dr. Mark Benecke vor einiger Zeit in Moskau untersuchen: In den Archiven des Geheimdienstes war eine eher unscheinbare Disketten-Box aufgetaucht, darin: Teile eines menschlichen Gebisses (mit massiven Zahnschäden) und ein Schädel-Fragment mit Austrittsöffnung eines Schusses sowie ein Zettel, auf dem der Name des angeblichen ehemaligen Besitzers dieser Knochenfragmente vermerkt war: Adolf Hitler. Auf bislang nicht eindeutig geklärten Kanälen hatten die Fragmente nach dem Krieg ihren Weg in die Lager des ehemaligen KGB gefunden, der seinerzeit verbreitet hatte, Hitler habe sich feige vergiftet, anstatt den "mannhaften Offizierstod" durch Erschießen zu wählen. Dass zumindest das äußerst schadhafte Gebiss tatsächlich einst des Führers Physiognomie verunzierte, ist anhand alter Röntgenbilder und zahnärztlicher Aufzeichnungen schnell geklärt. Auch durch Filmdokumente, in denen Hitler bei Reden mit hassverzerrtem Gesicht sein lädiertes Gebiss in die Kamera reckt, lässt sich belegen, dass er das Konzept von "Reinheit", das er so gern auf die Rassenideologie anwandte, für seine Zahnhygiene offenbar weitestgehend ausgeklammert hatte.


Ob die Schädeldecke dagegen wirklich vom Diktator stammt, konnte Mark auch in Zusammenarbeit namhafter Kollegen nicht eindeutig klären. Als eine Ironie der Geschichte könnte man ansehen, dass Hitler (oder zumindest Teile von ihm) posthum selbst zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchungen wurde; unter seinem Regime wurden Untersuchungen wie Schädel- und Gesichtsvermessungen durchgeführt, mithilfe derer anhand biologischer und genetischer Merkmale die angebliche Minderwertigkeit so genannter nicht-arischer Völker "bewiesen" werden sollte. "Die Wissenschaftler zu der Zeit wussten alle - und das weiss man aus ihren eigenen Berichten - dass es eben nicht stimmt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen genetisch minderwertig sind, das wussten die ganz genau - im Gegensatz zu Hitler, der das ja wirklich geglaubt hatte. Und trotzdem haben die sich dieser bekloppten Rassenlehre angeschlossen." kommentiert Mark die pseudo-wissenschaftliche Arbeit seiner damaligen "Kollegen".


Die Mumie des Hausmeisters - Liebe zum Arbeitsplatz über den Tod hinaus

Ist es eine Moorleiche? Eine Mumie aus irgendeiner Kirchen-Gruft? "Ach, Du meinst den Hausmeister!" meint Mark. Ich schaue verständnislos. "Das ist der Hausmeister von der Rechtsmedizin in Bukarest. Dem gefiel es im rechtsmedizinischen Institut so gut - also das ist wirklich ein schönes Institut, muss man dazu sagen - dass er in seinem Testament verfügt hat, dass er auch nach seinem Tod da bleiben will und dass man ihn mumifizieren soll. Naja, dann haben die das eben gemacht, seitdem steht er da im Museum des Instituts. Die haben auch ein sehr gutes und lockeres Verhältnis zu ihrem ehemaligen Hausmeister, und wenn man die freundlich fragt, ob man ihn mal rausnehmen darf, klar, gar kein Problem. So was kann man sich hierzulande halt schlecht vorstellen." Womit Mark sicher Recht hat.


Vampire und Wiedergänger - ist mit dem Tod doch nicht alles vorbei?

Ungefähr vor einem Jahr erreichte Mark aus Rumänien, wo der Glaube an Vampire und "Wiedergänger" besonders im ländlichen Raum noch sehr verbreitet ist, eine gruselige Meldung: Ein Verstorbener, den man für einen Untoten gehalten hatte, war von seinen Verwandten exhumiert worden, sein Herz wurde auf einer Wegkreuzung verbrannt, die Überreste wurden von den Angehörigen in Wein aufgelöst getrunken. Dass diese grausige Zeremonie tatsächlich stattgefunden hat, belegt eine Videoaufzeichnung.


"Die Wiedergänger sind nach dem Aberglauben nicht wirklich böse; im Gegenteil lieben sie ihre Freunde und Verwandten so sehr, dass sie weiter mit ihnen zusammen sein wollen, deshalb machen sie diese krank, um sie zu sich in die Zwischenwelt von Leben und Tod zu holen. Deshalb muss man den Untoten dann eben das Herz, das Organ der Liebe, herausnehmen und zerstören." erklärt Mark das Verhalten der Dorfbevölkerung. Dafür, dass einige Tote allem Anschein nach wirklich ihr Grab wieder verlassen, sprechen verschiedene Hinweise: Einige Leichen scheinen, wenn man sie wieder ausgräbt, nicht verwest zu sein, sehen im Gegenteil sogar dicklich und wohlgenährt aus. Manchen läuft roter Saft aus den Mundwinkeln, ihre Zähne sind länger als zu Lebzeiten.


Die Arme, die bei der Beerdigung noch über der Brust verschränkt waren, liegen inzwischen in ganz anderer Haltung, sie haben oft auffallend lange Fingernägel. "Und das sind keine wilden Geschichten, das ist wirklich so!" verblüfft mich Mark, der das Phänomen untersuchen sollte, "schon aus preußischer Zeit gibt es solche Berichte, und die Preußen haben selbst nach unseren heutigen Standards sehr sauber gearbeitet. Nur die Erklärung stimmt halt nicht. Die Leichen sehen nicht so aus, weil sie nachts aus dem Grab aufsteigen, sich vom Blut der Lebenden ernähren und deshalb dick sind. Die innerlich verwesenden Körper sind einfach von Fäulnisgasen aufgetrieben, deshalb sind sie so dick. Die Gase drücken Körperflüssigkeit aus den Körperöffnungen, und durch den Auftrieb rutschen die Hände von der Brust zur Seite. Und Zähne und Fingernägel erscheinen einfach länger, weil Haut und Zahnfleisch mit dem Austrocknen des Körpers zurück weichen." Also gibt es eben doch keine Vampire. Irgendwie auch schade, wenn man alles wissenschaftlich erklären kann...


Die "Body Farm" - ein Park der ganz besonderen Art

Vor über dreißig Jahren entstand in Knoxville, Tenessee, eine "Farm" der ganz besonderen Art. Gegründet wurde die "Body Farm" von William Bass, einem forensischen Anthropologen, zum Zwecke den Zerfall menschlicher Leichen unter verschiedensten Bedingungen für kriminaltechnische Untersuchungen zu beobachten. In einem Waldstück mit der Fläche von ca. eineinhalb Fußballfeldern liegen ständig ungefähr 40 Leichen. Die Körper, welche von den Verstorbenen zu Lebzeiten der Wissenschaft vermacht worden waren, weisen unterschiedlichste Fäulnis- und Zersetzungsstadien auf. Einige liegen auf dem Waldboden, andere sind teilweise oder komplett vergraben. Manche sind in Plastik gehüllt, in Kofferräumen von Autos deponiert, unter Zweigen verborgen, liegen offen in der Sonne oder im Schatten - hier wird jedes nur denkbare Szenario eines Leichenfundes experimentell nachgestellt - in Deutschland völlig undenkbar.


Für Dr. Mark Benecke ein ideales Terrain, um zu untersuchen, welche Insekten eine Leiche in welchem Fäulnisstadium befallen - für jeden "normalen" Menschen dagegen einfach nur ein Alptraum auf 12.000 Quadratmetern. Alle paar Schritte stolpert man beinahe über eine verwesende oder schon halb skelettierte Leiche, das Szenario könnte aus einem Zombie-Horrorfilm stammen. Mark zeigt sich unbeeindruckt: "Wenn man sich vor so etwas ekelt, kann man den Job nicht machen, das kann man sich auch nicht abtrainieren oder so. Entweder man ekelt sich, dann bleibt das immer so, oder es macht einem eben nichts aus."


Leichen im Keller - der Tod verfolgt Mark bis nach Hause

Normalerweise ist es ja eher im übertragenen Sinne gemeint, wenn man von jemandem sagt, er habe "Leichen im Keller", also irgend etwas zu verbergen. Bei Dr. Mark Benecke dagegen darf man das ruhig wörtlich nehmen; wie es sich für die Unterkunft eines forensischen Gerichtsbiologen gehört, beherbergt das Haus, in dem Mark wohnt auch zwei Skelette. Um ganz präzise zu sein: Die gehören nicht wirklich Mark, geschweige denn, dass er in irgend einer Art für das Ableben der Beiden verantwortlich wäre. Und richtig im Keller liegen sie auch nicht, eher im Hof der Holzhandlung, die sich im Erdgeschoß befindet.


Denn dort stieß man bei Ausbauarbeiten auf Gräber aus der Römerzeit. Köln war ja um 38 v.Chr. als "Colonia Claudia Ara Agrippinensium" von den Römern gegründet worden und noch heute sind in der Domstadt viele Überbleibsel aus dieser Zeit zu finden - über- wie unterirdisch. Die beiden Römer, die in Marks Hinterhof entdeckt wurden, fanden ihre vermeintlich letzte Ruhestätte entlang der Nord-Süd Römerstraße Trier-Köln, bevor ihre Gebeine vor wenigen Jahren entdeckt wurden. Nach der wissenschaftlichen Untersuchung wurden die Skelette wieder an ihren ursprünglichen Ruheort zurückgelegt; allerdings nicht, wie zuvor, nebeneinander, denn da es sich um Männlein und Weiblein handelt, fand die Gattin des Holzhändlers es unschicklich, dass die beiden nebeneinander in einem Grab lägen.


Nun liegen sie im Hof der Holzhandlung (unter einer Plexiglas-Scheibe, für Interessierte jederzeit zu besichtigen) in zwei "Schubladen", übereinander angeordnet - ob das wohl weniger unschicklich ist? Wir wissen aber nicht, wer von den beiden oben liegen darf, oder ob ab und zu gewechselt wird...


Wie wird man überhaupt forensischer Biologe?

"Das war alles mehr ein Zufall" erzählt der junge Kölner, "ich wollte am Anfang nur genetische Fingerabdrücke machen. In den 80ern gab es den Film Blade Runner, wo nachgebaute Menschen auf die Erde gelangen, die sich äußerlich nicht von echten Menschen unterscheiden, und die Frage ist, wie kann man die auseinander halten? Mit genetischen Fingerabdrücken geht das, und das wollte ich machen. So kam ich während des Studiums in die Rechtsmedizin, und weil das Labor im Keller bei den Leichen war, kam ich überhaupt erst zu den Leichen.


Als Biologe interessierst du dich dann eben auch für die Tiere auf den Leichen, und Polizisten meinten dann, ihnen sei aufgefallen, dass da zu verschiedenen Zeiten verschiedene Insekten zu finden seien. "Klar", hab ich gesagt, "die sind ja auch auf unterschiedliche Fäulnisstadien spezialisiert." Dann hab ich angefangen, mich dafür zu interessieren, hab mir die gesamte Literatur zu dem Thema geholt, hab gesehen, dass diese Arbeit der Polizei nützt, für die die Kenntnis der Liegezeiten unheimlich wichtig ist, und so hat sich das entwickelt." Neben dem Rechtsmediziner, der sich lediglich dafür interessiert, welche Gewalt auf das Opfer eingewirkt hat und dem beispielsweise Insekten völlig egal sind, gibt es bei Kriminalfällen also auch für Wissenschaftler anderer Ausrichtungen ein reichliches Betätigungsfeld, beispielsweise auch für Physiker, die sich mit dem Verhalten von Tropfen auskennen - sehr wichtig beim Untersuchen von Blutspritzern, um Winkel oder Intensität von Schlägen oder Schüssen zu erkennen.


Lesetipps


Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🌏 Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Emergencies: Text / SMS / text messages only (never call me): +49 171 177 1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer nur für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). Bitte rufen Sie niemals an. · If it is not a real emergency, send an e-mail, pls. · If it is an emergency, send a text message (SMS) · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page