2000 12 SZ: I am not dead yet

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Quelle: Süddeutsche Zeitung (darin: Wissenschaft), Nr. 297 vom 27. Dezember 2000, Seite V2/11

I am not dead yet

Ein Gen namens indy

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VON MARK BENECKE

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Die dritte Erbanlage für das Altern ist entdeckt: Anlass, den wissenschaftlichen Kampf ums Ewige Leben neu zu betrachten.


Riesen-Aufregung herrscht in der Fantasy-Gemeinde: Bald wird es einen neuen Tolkien-Film geben. Längst vergessene Tolkien-Gesellschaften gründen sich wieder und erinnern sich daran, wie John Tolkien kurz vor seinem Tod den Sinn seines Stückes „Der Herr der Ringe“ erklärte: „Wir müssen alle sterben“, sagte der kauzige Autor, „aber für jeden von uns ist der Tod eine durch nichts zu rechtfertigende Verletzung der Spielregeln – auch wenn wir wissen, dass sie einen Sinn hat.“


Der Tod inspiriert auch andere: Im Film Der Sechste Tag toben zum Ärger des Protagonisten Arnold Schwarzenegger fiese Killer über die Leinwand, die mal eben neu geklont werden, wenn einer sie abknallt – allerdings für 1,2 Millionen Dollar pro Erneuerungs-OP, wie der Chef der Bösen bitter beklagt.


Weihnachts-Spektakel auch in der Forschung: Das dritte Alterungs-Gen wurde soeben entdeckt – mit dem feinsinnigen Namen indy für „I’m not dead yet“ (Science, Bd. 290, S. 2137, 2000; SZ, 15.12.2000). Zehn Jahre alte Boulevard-Schlagzeilen werden ausgekramt: Leben wir bald 150 Jahre? „Gut möglich“, kommentiert der Mitentdecker eines anderen Alterungs-Gens, der Biologe Seymour Benzer. „Es könnte jetzt gelingen, die Lebensdauer über das von der Evolution vorgegebene Maß hinaus zu verlängern.“


Doch arbeiten Benzer & Co. wirklich an den Dingen, die mit Tolkien und Schwarzenegger großen Teilen der Erdbürgerschaft missfallen? Können sie dem Tod ein Schnippchen schlagen? Zeit, sich zurückzulehnen und den wissenschaftlichen Kampf ums Ewige Leben einmal in Ruhe und ganz von vorne zu betrachten.


Die Strafe des Nicht-Sterbens

„Was ist das jetzt für ein Schlaf, der dich gepackt?“, wunderten sich die Gestalten aus der Gilgamesch-Sage, die schon vor mehreren tausend Jahren in Steintafeln geritzt wurde. Sie verstanden nicht, was Sterben bedeutet: dass Herz und Hirn nicht mehr arbeiten und dass damit auch alles verschwindet, was eine geliebte Person ausgemacht hat. Sagenheld Gilgamesch scheut auf seiner Suche nach einer Lösung für des Todes Rätsel keine Gefahr. Doch auch ein toter Kumpan, den er anruft, kann ihm nichts über den Tod sagen: „Wenn ich dir die Satzungen der Unterwelt verraten wollte, müsstest du dich den ganzen Tag hinsetzen und weinen. Meinen Leib, den frisst das Gewürm wie ein altes Kleid.“


Ruhelos wie Gilgamesch sind alle, die dem Tod zu nahe kommen, sogar wenn sie ihn erfolgreich herausgefordert haben. So geistert Dracula nur widerwillig durch die Nächte, das ewige Nichtsterben ist für ihn eine Strafe. Auch Frankensteins Monster fällt nichts Besseres ein, als zuerst seinen Erschaffer zu töten und sich dann selbst zu verbrennen. „Mein Geist wird in Frieden schlafen“, frohlockt das sterbende Ungeheuer seit 1817.


Viktor Frankenstein, Erbauer des Geschöpfes, wurde von Mary Shelley bewusst als moderner Wissenschaftler angelegt. Auf der Suche nach dem Lebenselixier verlacht er die alten heilkundlichen Texte und benutzt stattdessen die aufkeimenden Naturwissenschaften, um seinen Traum zu verwirklichen. Diesen Charakterzug teilte auch Goethes Arzt Christoph Hufeland, ein Zeitgenosse von Shelley, der der alten Medizin eine herbe Abfuhr erteilte. Auch sonst hätte Hufeland als Vorlage für Frankenstein getaugt: Er veröffentlichte 1797 die Makrobiotik – die Kunst, sein Leben zu verlängern. Das Buch rät allerdings nur, dass man erstens alles Schädliche meiden und sich zweitens in allen Dingen mäßigen solle. Noch war die Intonation der Lebens-Verlängerer also bescheiden. Doch das änderte sich bald.


Die Wende zum 20. Jahrhundert gab dem Traum vom Ewigen Leben so richtig Zunder: Man entdeckte, dass sich menschliche Körperzellen in Labor-Kultur in einer Lösung mit zehn Prozent Blutserum am Leben halten ließen. Dem späteren US-amerikanischen Nobelpreisträger Alexis Carrel gelang es, Bindegewebszellen aus einem Hühnerherzen in körperwarmer Nährlösung so lange am Leben zu erhalten, dass er die Schalen mit der noch lebenden Zellkultur erst 34 Jahre später fortwarf.


Doch Carrel wollte mehr: Unermüdlich versuchte er, ein Experiment des Yale-Forschers Ross Harrison zu übertrumpfen. Dieser hatte 1907 Nervenstückchen von Fröschen in einer Nährlösung zur Weiterentwicklung gebracht. Schließlich übertraf Carrel ihn, worüber ab 1915 weltweit alle großen Zeitungen begeistert berichteten. Doch meist übertrieben sie die Versuche gehörig: Aus stecknadelkopfgroßen Gewebsstücken wurden lebende Arme und Beine, die in Kulturen schwammen. Begeistert rief 1927 Antonij Nemilov, Professor in Leningrad, aus: „Die Aufziehung einzelner Teile des Körpers außerhalb des Organismus bedeutet eigentlich schon einen Sieg über den Tod. Sie beweist klar, dass die Wissenschaft stärker ist als der Tod.“


Zwischen 1940 und 1960 wurde die Gewebekultur von der Spielerei Einzelner zum Tummelplatz Vieler. Es war klar geworden, dass kleinste Vorgänge in den Zellen den Schlüssel zum Leben und Sterben darstellten. Diese Stoffwechselabläufe wollte man nun enträtseln. Dabei machte Leonard Hayflick Anfang der 60er-Jahre eine wichtige Entdeckung: Er beobachtete, dass sich Bindegewebszellen in Schalen höchstens 60-mal teilen. Und bevor sie sterben, teilen sie sich immer langsamer – sie altern also.


Weil Hayflick seine Zelllinien vorsichtshalber immer wieder einfror, fiel ihm noch etwas auf: Trotz ihres Eisschlafes konnten sich die „WI-38“ getauften Zellen merken, wie viele Teilungen sie vor dem Einfrieren durchgemacht hatten. Der Beweis: Taute man die Zellen auf, so teilten sie sich nur noch exakt so viele Male, wie ihnen ohne den erzwungenen Schlaf geblieben wären – ein zellulärer Zählmechanismus war entdeckt. „Wir haben in den letzten 28 Jahren aus 130 Gefäßen wieder Zellen aufgetaut“, erzählte Hayflick zuletzt 1990. „Ihr Gedächtnis ist noch genauso gut wie 1962.“


Doch man wusste mittlerweile auch von Zellen, deren Uhr offenbar nicht richtig tickt: Als Zählidioten sind Krebszellen der Unsterblichkeit bereits sehr nahe. So stammt die berühmteste noch heute verwendete Zellkultur, HeLa, aus dem Gebärmutterhalskrebs der Patientin Henrietta Lacks, die 1952 operiert wurde. „Unsterbliche Zellen“, prophezeite Hayflick in den 60er-Jahren, „haben eine oder mehrere anomale Eigenschaften.“ Diese Eigenschaften, das wurde bald klar, mussten in der Erbsubstanz zu finden sein.


Hinweise dazu kamen aus der Untersuchung frühvergreisender Kinder: Progerie-Patienten sehen mit neun Jahren aus wie 70-Jährige, bei Kindern mit Werner-Syndrom setzt der Verfall einschließlich Arterienverkalkung und brüchigen Knochen etwas später ein. Der US-Biologe Samuel Goldstein testete bei ihren Zellen die Alterungsuhr. Er fand heraus, dass sich Werner-Zellen höchstens 18- statt 60-mal teilen. Auch das dafür zuständige Gen wurde inzwischen gefunden, allerdings nicht seine Aufgabe im Stoffwechsel, sodass dieser Gen-Fund bislang keine Fragen beantwortet.


Derweil geschah Dramatisches: Ende 1993 entdeckte Cynthia Kenyon in San Francisco das Fadenwurm-Gen daf-2. Eine Veränderung darin verlängerte das Leben des zugehörigen Wurms um gut das Doppelte. Seltsamerweise kurbelte das kaputte Wurmgen aber den Stoffwechsel an, wodurch die Tiere eigentlich schneller altern müssten. Denn man glaubte stets an eine biologische Lebenskerze, die mit steigender Lebens-Action schneller abbrennt. Staunen und Kopfkratzen setzten ein.


Genau fünf Jahre später überraschte ein weiteres Gen. Kalifornische Forscher meldeten den Fund von methuselah (Methusalem). Künstlich gestresste und im methuselah-Gen mutierte Tau-Fliegen schafften immerhin eine um ein Fünftel verlängerte Lebenszeit. Weil es gerade passte, entstand eine geistige Gleichschaltung, die vom Direktor der medizinischen Abteilung der University of California, Gregory Stock, bis zum früheren Ufologen Johannes von Buttlar („Die Methusalem-Formel“) reichte. Stock: „Wir werden die menschliche Lebenserwartung innerhalb von 50 Jahren verdoppeln. Und das wird nur der kleinere Fortschritt sein.“ Große Töne von kleinen Menschen.


Der Witz des Daseins

Und nun, im Advent 2000, platzt die dritte Bombe: Das Gen indy hat seinen Auftritt. Ist es fünffach mutiert, so verlängert es ein Taufliegen-Dasein um das Doppelte, ohne Stoffwechsel oder Aktivität der Versuchstiere sichtbar zu verändern. Es gibt auch bereits Hinweise darauf, wo das Gegenstück von indy im menschlichen Erbgut zu finden ist. Schon sind die Hoffnungen neu erblüht, das Sterben für immer auszuhebeln. Und damit sind wir wieder beim Herrn der Ringe und bei Schwarzenegger, die den Tod so sehr lieben wie fürchten.


Wir alle wissen: Alle Menschen müssen sterben. Dass wir dagegen kämpfen, ist rührend. Dass daraus Romane und Filme entstehen, unterhaltsam. Die Spielregel, die Tolkien und Gilgamesch ärgert, bleibt aber ewig gültig: Eltern-Generationen müssen sterben, um Platz für ihre genetisch neu zusammengestellten Nachkommen zu schaffen. Denn nur diese garantieren die Anpassung an Umwelt-Änderungen. Das ist die einzige biologische Chance, um eine Art wie den Menschen eine Weile am Leben zu erhalten.


Darum hat die Evolution den Tod zusammen mit der geschlechtlichen Fortpflanzung in alle Wesen einprogrammiert. Ein Trost: Nur neue Generationen können auch so manches überdenken und vielleicht anders machen. Ihre Gehirne sind dazu noch geschmeidig genug. Deswegen ist nichts unsinniger, als das Leben einzelner Menschen verlängern zu wollen. Es läuft nicht nur der Grund-Idee des Lebens, sondern auch der Lebens-Freude und damit dem Witz des gesamten Daseins pfeilgrad zuwider.


Der Autor ist Molekular- und Kriminalbiologe und hat ein Buch über das Altern verfasst.


Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.


Lesetipps


Dr. rer. medic. Mark Benecke · Diplombiologe (verliehen in Deutschland) · Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung u. Auswertung von biologischen Spuren (IHK Köln) · Landsberg-Str. 16, 50678 Köln, Deutschland, E-Mail: forensic@benecke.com · www.benecke.com · Umsatzsteueridentifikationsnummer: ID: DE212749258 · Aufsichtsbehörde: Industrie- und Handelskammer zu Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, Deutschland · Fallbearbeitung und Termine nur auf echtem Papier. Absprachen per E-mail sind nur vorläufige Gedanken und nicht bindend. 🗺 Dr. Mark Benecke, M. Sc., Ph.D. · Certified & Sworn In Forensic Biologist · International Forensic Research & Consulting · Postfach 250411 · 50520 Cologne · Germany · Text SMS in criminalistic emergencies (never call me): +49.171.177.1273 · Anonymous calls & suppressed numbers will never be answered. · Dies ist eine Notfall-Nummer für SMS in aktuellen, kriminalistischen Notfällen). · Rufen Sie niemals an. · If it is not an actual emergency, send an e-mail. · If it is an actual emergency, send a text message (SMS) · Never call. · Facebook Fan Site · Benecke Homepage · Instagram Fan Page · Datenschutz-Erklärung · Impressum · Archive Page · Kein Kontakt über soziale Netzwerke. · Never contact me via social networks since I never read messages & comments there.